Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 18 August 1915, Dornach
Erste Stunde
Einige eurythmische Elemente, die Rudolf Steiner in der ersten Stunde einführte, wurden in der dritten Stunde vom 20. August 1915 wiederholt und erweitert; so äußerte er sich erst dort zum sogenannten «überpersönlichen Es». Aus Gründen des inhaltlich-thematischen Zusammenhangs wurden die diesbezüglichen Aufzeichnungen der dritten Stunde jedoch in die erste Stunde mit aufgenommen.
Sinnformen
Warme Gestalten: warm = Eigenschaftliches, Gestalten gegenständlich = zeitliche Verhältnisse
Hüben und drüben,
Schönes Entfalten,
Fröhliches Üben!
Lichte Gewänder
Glatt um die Hüften,
Farbige Bänder,
Flatternd in Düften!
Reizende Zeugen
Festlicher Tage,
Kummer und Klage
Wisst ihr zu beugen;
Denn für euch stimmen
Äther und Fluren,
Wallen und glimmen
Alle Naturen!
Jubel im Freien!
Freudigstes Wesen,
Schnellstes Genesen,
Hellstes Gedeihen!
Lust auf den Hügeln,
Mut auf den Flügeln [...]
Bis jetzt haben wir buchstabiert. Jetzt werden wir zu dem bereits Gelernten dasjenige hinzufügen, was die Sache verinnerlicht, wodurch die Abbildung des Wortes in die Abbildung des Sinnes übergeht. Bis jetzt war alles so behandelt, als ob es eigenschaftlich wäre, jetzt werden wir bestimmte Unterscheidungen machen.
Wir werden auseinanderhalten:
- Eigenschaftliches (Adjektive)
- Zeitwörter (Verben)
- Gegenständliches (Substantive)
- Empfindungsausbrüche (Interjektionen)
- Verhältnisse (Präpositionen)
- Verbindungen (Konjunktionen)
1. Eigenschaftliches (Adjektive)
Was durch Adjektiva (Eigenschaftswörter) ausgedrückt ist:
Alle Numeralien (Zahlwörter)
Adverben
Das Relativpronomen (relative und fragende Fürwörter und das Relativpronomen welcher)
Alle Artikel werden auch als Adjektiva betrachtet.
Für alles dieses Eigenschaftliche bleibt die Gebärde in der Ruhe des Stehens (es wird nur gemacht, was der Buchstabe als Gebärde fordert). Keine Form. Man bleibt auf seinem Platze stehen.
Das ganze Eigenschaftswort oder dessen zweiter Teil kann eventuell in die Form des diese Eigenschaft besitzenden Wortes mitgenommen werden.
2. Zeitwörter (Verben)
Hier haben wir neben der Gebärde die Bewegung. Drei Bewegungen haben wir dafür:
a. Für die passive Tätigkeit, z.B. die Sonne scheint, brennt - Vorgehen, Vorwärtsschreiten
b. Für aktive Tätigkeit, z.B. der Löwe beißt — Zurücktreten, Rückwärtsschreiten
c. Für dauernde Tätigkeit z.B. der Löwe brüllt; der Donner rollt — Vorbeiwandeln, Hin- und Herwandeln für Dauerbewegung.
Man muss es empfinden. Vorgehen, zurücktreten, vorbeiwandeln - drei Tätigkeiten.

Haben Sein // Dauerbewegung / aktiv passiv
Alle Verben werden durch Gebärde in der Bewegung ausgedrückt. Da entscheidet das Gefühl. In der Tätigkeit kann man unterscheiden etwas Leidendes, gewissermaßen Passives: Die Sonne scheint, [von etwas Aktivem:] /ch will. Wir versetzen uns in das Gefühl, in die Person hinein.
Vorwärtsschreiten geht auf passive Tätigkeit. Rückwärtsschreiten geht auf aktive Tätigkeit.
Und zwar unterscheidet man:
a. Verben, die etwas Passives ausdrücken (scheinen, wollen, leiden, sollen, haben, können, finden etc.). Bewegung: Schreiten nach vorn.
b. Verben, die etwas Aktives ausdrücken (können, werden, schlagen, beißen, wollen, suchen. Die Sonne strahlt.) Bewegung: Schreiten nach hinten - gerade oder etwas schräg mit Körperausgleich.
c. Verben, die eine dauernde Tätigkeit ausdrücken (rieseln, rollen, wachsen, sein, wäre, haben, wimmern, klettern, rauschen etc.). Dauerbewegung: Hin- und Herschreiten
3. Gegenständliches (Substantive)
Wir unterscheiden:
wirkliche, konkrete Gegenstände
Zustände
abstrakte Gegenstände
Konkrete Gegenstände und Zustände so, dass man irgendeinen Winkel macht. Durch Zurück- und Vorgehen wird zum Beispiel ein Winkel beschrieben. Nach und nach soll man empfinden, wie groß der Winkel sein muss.
3.1. Konkreta
Alle konkreten Wörter (Mensch, Baum, Wasser, Wolf), wirkliche konkrete Gegenstände, Dinge, Wesen.
Alle Fürwörter (Pronomina), auch die hinweisenden (dieser, jener) - mit Ausnahme der Relativpronomen (welcher, welche, welches; der, die, das, was) und Fragefürwörter (was? welcher?) - werden dargestellt in jedem Winkel nach hinten, Winkel nach rückwärts (in der Gesamtbewegung nach hinten).

3.2. Zustände (auch Leidenschaft, Gefühle, Gemüts- und Leidenschaftszustände) In jedem Winkel nach vorn (Wärme, Kälte, Friede, Leidenschaft, Schlaf, Freude, Schmerz, Trauer etc.).

Die Winkel können auch so liegen:

3.3. Alles Abstrakte
Alle abstrakten Gegenstände werden durch runde Linien, run de Formen ausgedrückt. // Abstraktionen werden in Kreise ge bracht // runde Bewegungen (rund gemacht), ein Kreisiges, das Gekrümmte. // Beim Abstrakten wird rund getanzt, kreislich.
Es gibt Abstraktes, was sich auf die äußere Welt bezieht = äußere abstrakte Dinge. Dann, was sich auf das innere Seelenleben be zieht. Und alle göttlich-geistigen Dinge.
Wir unterscheiden:
a. Äußere Abstrakte, äußerlich abstrakt - makrokosmisch (Raum, Zeit, Welt, Kraft, Schönheit, Weisheit).

Philosophische Begriffe

b. Alles Seelische, alles innerlich Abstrakte = seelisch - mikrokosmisch; was sich auf das innere Seelenleben bezieht, auf das Innere (Dank, Ehrfurcht, Freude, Schmerz, Seele, Gefühl, Hoffnung, Trieb, Gedanke etc.): Schlangenlinie zur Seite. // Wenn es sich um Seelendinge handelt, solch ein Schwung:

c. Göttlich-Geistiges, Überirdisches (Gott, Geist, Jehova), Götternamen (Zeus, Wotan, Hermes etc.) = Bogen nach hinten. // Wenn es sich auf göttliche Dinge bezieht, das Umgekehrte vom konkreten Ding. // Jede runde Form nach hinten.

Abstrakt kann durch Kreis, aber auch durch Ellipse, respektive krumme Linie ausgedrückt sein etc.
[Die folgenden Zeichnungen zum Gegenständlichen wurden von Marie Steiner vom Standpunkt des Eurythmisten aus gezeichnet.]
3.1. Konkreta

Zustände

3.3. Abstrakta a. Äußere Abstrakte

Ein Kreis, der sich so öffnet:

Alles, was sich bezieht auf Raum und Zeit (äußere Welt) = Bogen nach vorn

auch etwas geöffnet:

b. innerlich abstrakt

c. Göttlich-Geistiges

4. Empfindungsausbrüche (Interjektionen)
De Wir haben auch Empfindungsausbrüche: oh! ach, wie! Was Empfindungscharakter hat, interjektiv ist, da handelt es sich darum, dass sie entweder Beugen sind oder ein graziöser Sprung. // Alles senkrechte Bewegungen, nach rückwärts gestreckt oder graziöser Sprung.
5. Verhältniswörter (Präpositionen)
Wo Verhältnisse ausgedrückt werden: hüben und drüben. Beugung des Körpers in der Achse, gehend nach vorne oder rückwärts. // Verhältnisse: Beugen nach der Seite, auch mit dem Kopfe. // Alle Präpositionen oder Verhältniswörter durch Bewegung des Kopfes oder Körpers nach rechts oder links.
6. Verbindungen (Konjunktionen, Kopula)
Alle diese Begriffe, die nur zur Verbindung sind, alle Bindewörter: und, aber - beugen nach der Seite (auch mit Kopf). // Verbindungen: Beugung des Kopfes nach vorn und hinten.
Erstes Übungsgedicht im weißen Saal
Angaben von Dr. Steiner beim Üben:
Fercher von Steinwand: «Beim Anblick eines Katers»
Dass ich dürft’ ein Kater sein, [hin und her für die ganze Zeile]
Frei von höhern Plagen,
Dessen Seelenstand ist ein
Tiefes Wohlbehagen.
Dieses treue Rundgesicht,
Ruhig mit Empfindung,
Ist ein lyrisches Gedicht
Neuester Erfindung.
Seine kleinen Öhrlein stehn
Wie gereimte Jamben [Wie: Sprung!]
Und durch seine Kehle gehn
Sachte Dithyramben.
Dieser leicht schattierte Schwanz,
Voll von leiser Magik,
Stünd’ auch schön als Jungfemkranz
Der modernsten Tragik.
Dass in Kunst Natur sein soll,
Fass’ ich unwillkürlich,
Säß’ er da gedankenvoll, [Hin und Her, ganze Zeile]
War’ er noch natürlich?
Den Gesellen ohne Schmelz
Peitscht man vor die Wände;
Aber diesen glatten Pelz
Streicheln alle Hände.

Und auch sein Gemüt hat Schliff, [Gemüt: Zustand]
Schreckt nicht ab durch Größe,
Nicht durch allzu kühnen Griff, [Griff: abstrakt]
Ritzet nur die Blöße.
Dass er oft sein Wesen trübt,
Sittlich liegt in Trümmern, [sittlich liegt: passiv]
Die Ästhetik türkisch übt,
Sollte das uns kümmern?
Weiteres Gedichtbeispiel
Erstes Beispiel von Dr. Steiner, dass ganze Zeilen in Dauerrichtung ausgedrückt werden müssen: C. F. Meyer «Die Kapelle der unschuldigen Kindlein». Die letzte Zeile jeder Strophe in langer Dauerlinie hin und zurück.
Conrad Ferdinand Meyer: «Die Kapelle der unschuldigen Kindlein»
Aus Henkerfäusten flogen zum Himmel sie empor,
Sie treten zwei und zweie hinein ins selge Tor,
Einand am Händchen haltend und singend wohlgemut,
Sie tragen in den Locken ein leuchtend Mal von Blut.
«Wir kommen in den Himmel - und solches ist uns lieb
Weil das gelobte Kindlein statt unser unten blieb!
Wir litten für das Büblein den herben Todeskuss,
Den es am bittern Kreuze statt unser leiden muss!»
Die Engel alle kommen heran in hellem Flug,
Sie bringen schönes Spielzeug und Blumenlust genug.
Jetzt führen sie den Reigen mit Fiedel und Schalmei ...
Es klagt aus ferner Tiefe der Mütter Wehgeschrei.
«Es» als unbestimmtes Subjekt
Es gibt Satzzusammenhänge, die kein eigentliches Subjekt haben oder ein verborgenes: es blitzt! es donnert! Dies Es hinter und über dem Kopf am Scheitel gekreuzt // Es als scheinbar unbestimmtes Subjekt, als Pronomen konkret. Das Pronomen (unbestimmte Pronomen) wird ausgedrückt [durch] e über dem Kopf, Handflächen nach vorn. (Der dies Es anwendet, bezeugt damit, dass er mit tiefen Geheimnissen des Kosmos bekannt ist.)
Mit diesem unpersönlichen «Es» werden Sie sich in Ihrer nächsten Inkarnation, besonders diejenigen, die dann Philosophen sein werden, viel beschäftigen. Dann werden Sie sich immer fragen bei es regnet, es schneit, es offenbart: Wer oder was regnet, schneit, offenbart? Dann bezeugt derjenige, der dieses Es anwendet damit, dass er mit tiefen Geheimnissen des Kosmos bekannt ist.
Was Dr. Steiner damals sagte war das Folgende: «Mit diesem unpersönlichen «Es» werden Sie sich in ihrem nächsten Leben, besonders wenn Sie dann Natur-Philosophen werden, besonders beschäftigen und auseinandersetzen. Dann werden Sie sich fragen: Es regnet. Wer oder was regnet? Dann werden Sie versuchen zu dem Wesenhaften, das hinter diesem Es wirkt, vorzudringen!»