Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 20 August 1915, Dornach

Dritte Stunde

In der dritten Stunde wurden einige Elemente der ersten Stunde wiederholt und ergänzt. Auch sprach Rudolf Steiner über den Charakter des «überpersönlichen Es»; um die Darstellung übersichtlicher zu halten, haben die Herausgeber diese Angaben in die erste Stunde aufgenommen (siehe S. 263).

Allgemeines zu Auftakten

Den Eurythmisierungen von lyrischen Gedichten ist gut einen Auftakt zu geben, nach der Natur des Gedichtes einzurichten.

Der Auftakt entspricht der Ouverture im musikalischen Werke.

Wenn nun Gedichte eurythmisiert werden, so kann man ihnen, dem Inhalt entsprechend, einen Auftakt geben.

Heiterer Auftakt

Fercher von Steinwand: «Flotte Bursche» Klare Lüfte, rasche Glieder,
Helle Blüten, edle Weine,
Lose Mädchen, knappe Lieder,
Witze, göttlich ungemeine — Alles reißt mich hin zur Wonne,
Mag es auch im Beutel stocken;
Unwillkürlich lacht die Sonne
Und der Mond ist ganz erschrocken! Ist die Blonde nicht bei Laune,
Wend’ ich kühn mich an die Schwarze,
Lustig werb’ ich um die Braune,
Fällt die Schwarze durch die Parze. Wenn ich voll des Blanken wanke,
Stütz’ ich mich auf’s Fass des Roten;
Macht kein Fiedler mir’s zu Danke,
Pfeil’ ich mir nach eignen Noten. Nichts vom Priester, nichts vom Gotte,
Nichts von Schranzen oder Schranken,
Nichts von Höll’ und Höllenrotte,
Nichts von Kranken und Gedanken! Vor dem Ernste rasch vorüber,
Mit der Glatze noch zur Hatze!
Aber geht es einst hinüber,
So geschicht’s mit einem Satze.

277a-145
277a-145

Heiteres Gedicht (Dur)

Heiterer Auftakt:

1 fängt an, bewegt sich nach rückwärts — zwölf (leichte) Schritte bis a, dann nach vorne zwölf Schritte bis b;
2 setzt die Bewegung fort mit vier Schritten zu 3;
3. vier Schritte auf den früheren Platz von 1; und dann weiter den Weg zu a.

Armhaltung von 1, 2 und 3 beim Laufen: heiter; stillstehend: leicht. [Fixpunkt 4:] heiter.

«Flotte Bursche»: lustig. Erst die Bewegung machen.

Die beiden Gedichte «Flotte Bursche» und «Düstere Bursche» wurden nur als Beispiel für die Stimmung der beiden Auftakte angegeben, nicht einmal angelegt.

Trauriger Auftakt

Fercher von Steinwand: «Düstere Bursche» Hat sich je das große Ganze
Meines Teiles angenommen?
Ist mir aus des Lebens Tanze
Je ein Freudenstrahl erglommen? Hat die Menschheit hold und sinnig
Mich in ihren Kranz gewunden?
Lebt ein Herz, das warm und innig
Meine Seele durchempfunden? Wenn ich strebte, wenn ich wagte,
Mochte mich die Welt belohnen?
Wenn ich trauerte, verzagte,
Mich ermuntern oder schonen? Starrten, die mir Tat empfohlen,
Nicht zur Tat hinauf wie Laffen?
Die mich schmähten unverhohlen,
Haben sie gewirkt, geschaffen? Wenn ich zu verschmachten meinte,
Lud ein Prasser mich zu Tische?
Wenn ich vor Altären weinte,
Sprang ein Engel aus der Nische? Wenn ich drum entfremdet wandle
Zwischen Schatten, unter Trümmern
Und dem Teufel mich verhandle,
Hat sich jemand drum zu kümmern?

277a-146
277a-146

Entgegengesetzte Stimmung: Trauriges Gedicht (Molltöne)

Trauriger Auftakt:

1 fängt an, bewegt sich (langsam) mit zwölf Schritten bis a, dann sechs Schritte bis b und weiter zehn Schritte bis c;

2 setzt die Bewegung fort mit vier Schritten zu 3;

3 macht vier Schritte zum früheren Platz des 1; und dann weiter den Weg zu a.

Armhaltung [...] beim Schreiten der Form: 1: I

1: i o u; 2: a i o; 3: a a a
1: e a o; 2: e a o; 3: e a o

Stützpunkt [Fixpunkt]: Trauer = die bis dahin bekannte in Bottmingen gegebene Geste.

Kann auch am Ende gemacht werden. Kann 1-2-3mal gemacht werden.

Auftakt für elegische Gedichte. [...] Die ganze Form ist eine Umkehrung des heiteren Auftaktes, aber mit einer leichten Einbuchtung der Linie, die um den Stützpunkt herumführt.

Dreiteiliger Auftakt

Joseph von Aujfenberg: «Des Dichters Lohn» (Romanze) In Tus, der alten Perserstadt,
Erblühte hoch ein Dichter,
Gequält auf jedem Lebenspfad
Von neidischem Gelichter.
Mehr angebellt als anerkannt,
Folgt er dem innern Triebe:
Und dichtete für Vaterland,
Für Männerruhm und Liebe. [EvD] davor erste Figur Belohnen will ihn gern der Schah,
Denn er ist arm geboren,
Verleumderbrut, dem Throne nah,
Ist gegen ihn verschworen:
Sie wendet schlau des Mächt’gen Sinn,
Es wird ihm vorenthalten
Der schon versprochene Gewinn
Durch seiner Feinde Walten. [EvD] davor erste Figur Spät bringt die Wahrheit vor den Thron
Ein muterfüllter Richter.
«Man reiche den verdienten Lohn
Dem schwergekränkten Dichter.»
Dies ruft der Schah. Trabanten zieh’n
Nach Tus mit seinem Solde! [LMS] Übergang zur dritten Figur Schon sehen sie die Türme glüh’n
Im Abendsonnengolde:
Der Schnellste eilet durch das Tor,
Da ruft ein Bürger: «Weiche!»
Es tritt ein großer Zug hervor [EvD] dritte Figur
Und trägt des Dichters Leiche.

277a-147
277a-147

Dreiteilier Auftrakt
1. Schicksalsfrage / (oder etwas Ähnliches: - Naturstimmung; / ein Anfang; was etwas nach sich zieht).
2. Verinnerlichung we ß weiß / rot rot / gelb gelb / grün grün
3. Elegische Lösung, // 1./ 2. Sechseck in Ruh / 3. Es geht herum (Sechseck in Bewegung)

Für die Ausführung des dreiteiligen Auftaktes finden sich in den Originaldokumenten keine Erläuterungen; es folgen deshalb Ausführungen von Annemarie Dubach dazu aus dem Jahre 1928.

Sechs Eurythmisten stellen sich zunächst in folgender Grundform auf [1. Bild links] und gehen dann die Konsonanten bmdnri eurythmisierend (es könnten auch andere Laute oder Gesten gewählt werden) zu dieser Stellung über [2. Bild, links]. In diesem Zusammenziehen des äußeren Vierecks und dem Heraustreten der beiden inneren Punkte wird die Verinnerlichung zum Ausdruck gebracht. Es wird nun eine Weile in dieser Stellung verharrt und dabei ein bestimmter Wechsel der Farbenstimmung eurythmisch dargestellt. In einem angedeuteten e als Grundhaltung werden nacheinander die Farben Weiß, Gelb, Rot, Grün eurythmisiert. Das kann dreimal wiederholt werden.

Nun folgt die elegische Lösung [3. Bild, rechts]: sie wird ausgedrückt in einem feierlich-ruhigen Umgang. Alle setzen sich gleichzeitig in Bewegung und schreiten, in etwas nach innen sich wölbenden Bogen, das Sechseck ab. Man hält während des Überganges von einem Platz zum anderen (6 Schritte) langsam eurythmisierend einen Laut in der Bildung fest. - Bei dem Zusammenziehen der Form werden die ersten sechs Laute der «Menschheitsevolution» eurythmisiert; es können nun auf diesem Umgang die sechs folgenden Laute: g ch f s b h t genommen werden. Mit dem t kommt dann jede auf ihren anfänglichen Platz zurück.

Dieses Gedicht wurde auch nur als Beispiel für die Stimmung des Auftakts gegeben. Ausgeführt, auch den Text auf die Formen, haben wir einmal in Berlin, aber erst März/April 1918, «Der Tod und Frau Laura» von C. F. Meyer mit den gleichen Lauten.

Dreiteiliger Auftakt für Balladen oder Gedichte ernster Natur. [...]

Es kann diese Reihe [der Konsonanten der menschlichen Evolution] gewählt werden; es können aber auch andere Laute oder Seelengesten sein. Zum Beispiel: Trauer, Verzweiflung, Innig und so weiter.

Man kann die drei Auftakte auch zwischen den Strophen eines Gedichtes eurythmisieren, wenn es geeignet erscheint.

Diese Laute gelten nur für diese Musik von van der Pals, es können auch andere sein.

Ich meine, damals wären die drei Auftakte genannt worden: der erste «Heiterer Auftakt», der zweite -«Tragischer Auftakt» und dieser dritte «Elegischer Auftakt». Heute nennt man den zweiten elegisch, und das stimmt doch nicht mit der ursprünglichen Bezeichnung überein. Wenigstens nicht nach meiner Erinnerung.

German original of The Apollonian Course III · ← Previous · Next →