Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 25 August 1915, Dornach

Neunte Stunde

In dieser Stunde ging Rudolf Steiner zunächst darauf ein, wie sich die euryihmische Geste ändert, je nachdem Gedanken, Gefühle oder Willensimpulse den Texten zugrunde liegen. Im Anschluss gab er sieben weitere Gesichtspunkte (Ruf, Frage, Mitteilung, Erkenntnis, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), unter denen ein Text erarbeitet werden kann und die sich durch bestimmte Körperhaltungen zum Ausdruck bringen lassen. - Insbesondere in Bezug auf die Bewegungsangaben für die einzelnen Gefühle- Freude und Schmerz, Erwartung und Erfüllung etc. - weichen die überlieferten Schilderungen in den Notizen stark voneinander ab. Um die ganze Fülle zu dokumentieren, finden sich sämtliche Nuancen in den Schilderungen in den Unterkapiteln 2.1 bis 2.3 aufgelistet.

Gedanke, Gefühle, Willensimpulse

Wir müssen einige Dinge sorgfältig beobachten. Man kann Bewegungen, Gebärden, groß oder klein machen. Das werden Sie später beachten müssen beim Komponieren von Gedichten. Man muss ein Gedicht, die Grundinhalte, die Empfindung einteilen in:

  1. Gedanken
  2. Gefühle
  3. Willensimpulse
  1. Gedanke

Gedanken können auf dreifache Art zueinander stehen.

1.1 Umfassend - synekdochisch, umschließend, zusammenfassend

Fortschreiten vom Größeren zum Rleineren.

Beispiele: «Henne, ihre Flügel ausspannend», oder: «Allbeglückende Natur, Lenke (groß, umfassend), was mir Gott beschied (kleinere)» [aus «Morgengebet» von Fercher von Steinwand].

Am besten erkennt man solchen Gedanken dadurch, dass er abgeschlossen ist durch Doppelpunkt (:) oder Komma (,).

Der größere Gedanke = größere Bewegung; der Gedanke, der unter ihm ist —- mit kleinerer Bewegung angeben. // Wenn Sie einen Gedanken haben, der einen anderen umfasst (übergeordneter Gedanke) - mit großer Bewegung; derjenige der umfasst wird (untergeordneter Gedanke), mit kleinerer Bewegung.

1.2 Verwandt - metaphorisch, verähnlichend

Solche Gedanken erkennt man an den Zeichen Komma (,) Semikolon (5) Gedankenstrich (-).

Beispiele: «Du rasche Sprecherin der Düfte; Du reges Blut der Frühlingszeit» [aus «Lerche» von Fercher von Steinwand], oder: «Da, wie Autafort dort oben, / Ward gebrochen meine Kraft» [aus Ludwig Uhland: «Bertran de Born», 7. Strophe].

Die Bewegung nachahmen, möglichst gleiche Gesten. Verwandte Gedanken - gleiche Gesten machen.

1.3 Berührend (metonymisch)

Zwei Gedanken, die sich bloß berühren, zusammenfügen. Hier sind die Zeichen Semikolon (5) Punkt (.) Komma (,).

Beispiel: «Es blickt der Mond traumwandelnd herein / Ein Jüngling blond, ist allein.» [Aus: «Nachtbild» von Fercher von Steinwand] Gesten, die ungleich zueinander sind, in der Art voneinander verschieden. // Bei berührenden Gedanken - hier muss es anders sein als bei umfassenden Gedanken, nur in der Art voneinander verschieden, nicht eins über das andere hinauswachsend - ungleiche Gesten.

[Die folgende Zeichnung Rudouf Steiners in Marie Steiners Nb 138 gehört in diesen Kontext, ist aber wohl später entstanden, da er hier andere Beispiele gibt als in der Kursstunde.]

277a-192
277a-192

Syn. / Raubtier / Löwe Metaph. / Vogel für Luftschiff / Ein Begriff, der mit einem andern / Gemeinschaftliches hat O Wasserrose, du Schwan / O Schwan, du blühende schwimmende Rose. / Meton. / Der Vogel singt, der Wald ist / heiter

  1. Gefühle

Als Rudolf Steiner in dieser Stunde über die Möglichkeiten sprach, wie man den Inhalt eines Textes in Bezug auf Gedanken, Gefühle und Wille in der eurythmischen Geste darstellen könne, leitete er seine Angaben über «Gefühle» in der folgenden Weise ein (nicht wörtlich): Bei der Darstellung der Laute handelt es sich ja darum, dass wir mit unseren Armen und Händen die im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen wie «verzauberten» Bewegungen und Bewegungsabsichten zur Sichtbarkeit bringen, «entzaubern». Nun wäre es aber so, dass der Kehlkopf, «dieser dort wie verzauberte Mensch im Kleinen», nicht nur in sich diese Bewegungen ausführe, «sondern er möchte auch sich selbst im Raume bewegen, er möchte im Raume tanzen». Und wenn er nun weit, weit vorne, ganz gestreckt und eng und schmal sich bewegen möchte, «dann gibt das der Stimme den Timbre der Spannung», und wenn er wie erschlafft, breit nach hinten, unten zurückweichen möchte, «so entsteht in der Stimme der Timbre der Entspannung». Wenn er sich aber vorne im Raum offen, wie empfangend, bewegen möchte, dann kommt «der Timbre der Erwartung» in die Stimme, und sein Wunsch groß, strahlend, weit, hoch, über, sogar hinter dem Kopf zu tanzen, «er gibt der Stimme den Timbre der Erfüllung».

In den Gefühlen haben wir die zwei hauptsächlichsten Arten: Freude und Schmerz.

Davon zu unterscheiden Erwartung und Erfüllung, Spannung und Entspannung. Es gibt eigentlich keine Gefühle, die nicht darunter gebracht werden können. Nur noch die Steigerung. // Gradation (Steigerung) ist eine kompliziertere Art von Erwartung.

2.1 Freude und Schmerz

Alle Gefühle auf Freude so zu machen, dass, wenn [man den] Körper teilen würde, durchschneiden, das was hinter der Ebene liegt, Freude [ist], vor sich ist der Schmerz ausgedrückt. // Den Körper sich vorstellen: geteilt, die Ebene etwas vor sich ziehen. Der Schmerz vor dieser Ebene. // Die Bewegungen geschehen meist in zwei Ebenen, besonders bei Bewegungen nach hinten.

277a-193
277a-193

Ich erinnere mich nicht, dass man «die Ebene etwas vor sich ziehen solb.

Freude

Alle Freude ist erweiternd, bewirkt Erweiterung. // Alle Freude ist Erweiterung. // Hinten äußerlich // nach hinten herüber // nach hinten. Die Bewegungen schmal und nach oben (oben schmal und möglichst nach hinten) // Stellung nach hinten // hinten // schmal nach oben.

277a-194
277a-194

Eine Steigerung [...] ins Erfreuliche - rückwärts // Die Steigerung ins Freudige in kleinen Intervallen von vorn nach hinten // nach hinten herüber

Schmerz

Alles Schmerzliche innerlich = vor sich (innerlich okkult ausgedrückt). // Alles Schmerzliche spielt sich vor dem Menschen ab. // Aller Schmerz bewirkt Zusammenkrampfung, innerlich. // nach vorne. Die Bewegungen nach innen, sich verengend auch nach unten (immer von außen nach innen) // Stellung nach vorn // Schmerz - in sich hinein.

277a-195
277a-195

Eine Steigerung ins Betrübliche - vorwärts // nach vorne innen unten. // Die Steigerung ins Schmerzliche: in kleinen Intervallen von hinten nach vorne.

Trauer - durch Bewegung nach unten.

2.2 Erwartung und Erfüllung

Erwartung

Nach vorne, sehr weit nach vorn; mehr gestreckte Bewegungen und MSt.Nb 140 Hände offen (breit nach vorn)

277a-196
277a-196

Erwartung - vorne // breit nach vorne // Stellung nach vorn // stark gespannt, aber hinausgehend, a-Haltung

277a-197
277a-197

Erfüllung

Erfüllung — rückwärts // breit nach hinten // nach hinten. Die Bewegungen weit, das Gesicht freilassend (oben breit und möglichst NUT. nach hinten) // Stellung nach hinten // Haltung nach hinten. Die Bewegung nach Mitte und möglichst weit nach hinten // weit nach oben und hinten

277a-198
277a-198

2.3 Spannung und Entspannung

Spannung

Nach vorne, auch nach vorn gestreckt, aber Bewegungen nach innen. (schmal nach vorn).

277a-199
277a-199

Spannung - vorne // stark schmal nach vorne // Stellung nach vorn // gehalten gespannt o-Haltung.

277a-200
277a-200

Entspannung

Entspannung - rückwärts // schmal stark hinten // nach hinten. Die Bewegungen auch weit, passiv (breit nach unten und nach hinten, mehr passiv). // Stellung nach hinten // Lösung - schmal stark nach oben und hinten, aber schlaff.

277a-201
277a-201
  1. Willensimpulse

Die Dinge kreuzen [überschneiden] sich vielfach, [man muss sich] entscheiden fürs eine oder das andere. Bei den Willensimpulsen kommt es darauf an, wo es herkommt. // Es kommt dabei darauf an, woher die Bewegung kommt; man muss berücksichtigen die letzte Bewegung. // Es ist darauf zu achten, von wo die Bewegung ausgeht.

Bei Willensimpulsen die Bewegungen «charakteristisch» machen.

3.1 Liebe

Liebe geht nach innen // geht nach hinten // größte Bewegung geht nach innen // von außen kommend nach innen, aber nicht zum Körper.

277a-202
277a-202

Die Gebärde für Liebe findet ihren Ausdruck durch Bewegungen, welche von außen nach innen gehen, (aber vor uns über die Mitte hinüber).

3.2 Hass

Hass nach außen // von innen nach außen // geht nach außen // geht nach außen; abstoßen, größte Bewegung // nach unten aus der Zone von außen

277a-203
277a-203

Sollte es da nicht auch heißen: Liebe geht nach innen und vorne? Hass nach außen und hinten?

3.3 Sehnsucht

Sehnsucht - in sich zusammenschieben, etwas was außen ist, in sich hineinziehen // nicht große Bewegungen vor sich (in der Zone der Brust und der Schulter).

Übersicht zu Gedanken, Gefühle und Willensimpulse

277a-204
277a-204

synekdochisch : , [Doppelpunkt, Komma] metaphorisch ‚; [Komma, Semikolon]
metonymisch ; . [Semikolon, Punkt]
Gedanken: umfassend / verwandt / berührend
grosse Bew. / Gleiche Gesten / ungleiche Bew.
Gefühl: Freude (hinten) / Erwartung (vorn) / Spannung Schmerz (vorn) / Erfüllung / Entspannung
Steigerung
Willensimpulse: Liebe / Hass
nach innen / nach aussen

Vier und drei Gesichtspunkte

Es gibt allerlei sich durchkreuzende [überschneidende] Einteilungen. Unter vier Gesichtspunkten können wir alles sehen // Text unter vier Gesichtspunkten sehen:

  1. Gesichtspunkt des Rufes ! = sich etwas mit dem Oberkörper zurückwenden; Winkel // Wenn es sich um Ruf handelt, [ist es] notwendig, [sich] mit [dem] Oberkörper zurückzuwenden
  1. Gesichtspunkt der Frage ? = nach rechts sich wenden // etwas seitwärts wenden — nach rechts // seitwärts nach rechts wenden
  1. Gesichtspunkt der Mitteilung = etwas nach vorn sich wenden (ein Winkel) // etwas nach vorne // [es ist] notwendig, sich etwas nach vorne zu wenden
  1. Gesichtspunkt der Erkenntnis = etwas gekrümmt // [es ist] notwendig, etwas zu krümmen.
277a-205
277a-205

Alles tritt entgegen unter drei Gesichtspunkten: Vergangenheit, Ge genwart und Zukunft.

  1. Gesichtspunkt der Vergangenheit = durch Zusammen-Geschobensein des Körpers // durch Zusammenschieben. «Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht ...» [aus J. W. Goethe, «Iphigenie»]
  1. Gesichtspunkt der Gegenwart = normale Stellung // Die normale Stellung ist nur für die Gegenwart
  1. Gesichtspunkt der Zukunft, für das Künftige = auf Zehenspitzen ausgedehnt. // ausgedehnt, auf Zehenspitzen // Ausgedehnte Zehenstellung

Bemerkung: Für Urzustände der griechischen Mythologie Zusammengekauertsein.

277a-206
277a-206

«Was fehlt dir denn?» — Geste der Frage verbindet sich mit der Geste des Schmerzes.

Frage? Den Oberkörper seitwärts nach rechts wenden oder links.

Beispiel mit Anwendungen aus dem Bereich Gefühl und den Gesichtspunkten Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

[Die zusammenfassende Einordnung nach jeder Strophe finden sich sowohl bei Marie Steiner als auch bei Mieta Waller, die Anmerkungen zu einzelnen Zeilen nur bei Marie Steiner.]

Fercher von Steinwand: «Mädchen am Ufer» Am Ufer steh’ ich [Weh vorn]
Mit kaltem Weh,
Hinüber seh’ ich [Erwartung vorn]
Zum Dörlchen am See.
[Gegenwart / Ausgedrückt ist das Weh] Die Muntere lenkt [Freude Gegenwart hinten]
Sein Haus und Herz,
Der Wackere denkt
An keinen Schmerz.
[Gegenwart / Übergang zur Freude] Im jauchzenden Schwarme [Steigerung der Freude, hinten]
Kam er vorüber, [Übergang zur Vergangenheit]
An ihrem Arme
Zur Kirche hinüber.
[Freude gesteigert / Übergang von der Gegenwart in Vergangenheit] Ich konnt’ ihm nicht sagen, [Übergang zum leisen Schmerz. Vergangenheit]
Was ich empfand, [vorne]
Durft’s Niemand klagen
Wie mich’s umwand.
[Es geht über in leisen Schmerz / Vergangenheit] Vom schüchternen Wähnen, [Steigerung des Schmerzes.]
Vom heimlichen Lieben, [Viel weiter nach vorn. Gegenwart]
Die Qual der Tränen
Ist mir geblieben.
Steigerung des Schmerzes Die Welle dehnt sich
Um meinen Fuß, [Erfüllung rückwärts [MSt, Nz AK9,3:] Erwartung]
Die Welle nur sehnt sich
Nach meinem Kuss. [Erfüllung Steigerung in der Enttäuschung.]

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