Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 26 August 1915, Dornach

Zehnte Stunde

Die in dieser Stunde gegebenen Farbgebärden wurden am letzten Tag des Kurses, am 11. September 1915, mit einigen Angaben ergänzt, die aus Gründen der Thematischen Zusammengehörigkeit in dieser Stunde werden. - Die Zeichnungen Rudolf Steiners zu den Farbgebärden (NZ 5913/14) in Marie Steiners Notizbuch 138 sind offenbar nicht im Kontext der Stunden 1915 entstanden, sondern etwas später, vermutlich 1916/17.

Die an diesem Tag gegebene Mollskala in cis-Moll (mit demselben Terzton e wie bei der Durskala in C-Dur) wurde von Tatiana Kisseleff in ihr Notizbuch aufgezeichnet, aber später von ihr überschrieben; sie wird hier durch Eliminierung des darüber geschriebenen Textes in ihrer ursprünglichen Fassung rekonstrwiert. Diese Zeichnung findet sich auch in Johanna Mückes Notizbuch, das eine frühe Abschrift von Tatianas Notizbuch darstellt.

Hell und Dunkel als Stimmung und Empfindungsinhalte der Laute

Beispiel für ein helles Gedicht

Johann Wolfgang von Goethe: «Frühzeitiger Frühling» (Auszug) Blauliche Frische!
Himmel und Höh’!
Goldene Fische
Wimmeln im See. Buntes Gefieder
Rauschet im Hain;
Himmlische Lieder
Schallen darein.

Beispiel für ein dunkles Gedicht

Johann Wolfgang von Goethe: «Der Schmachtende»
(aus: «Verschiedene Empfindungen an einem Platze»)
Hier klag’ ich verborgen
Dem tauenden Morgen
Mein einsam Geschick.
Verkannt von der Menge
Wie zieh’ ich ins Enge
Mich stille zurück!
O zärtliche Seele
O, schweige, verhehle
Die ewigen Leiden,
Verhehle dein Glück!

Nun muss man versuchen, gewisse Licht- u. Farbunterschiede in den Formen und Bewegungen zu machen.

Man kann nun auch unterscheiden in der Stimmung zwischen Hell und Dunkel. Heute meint man damit nur Lichtunterschied - aber das ist ein uralter Unterschied. Das Helle («Hell»sehen) ist zurückzuführen auf gewisse Empfindungen, die die schöpferischen Hierarchien im vorweltlichen (vorirdischen) Stadium gehabt haben. Zurückgebliebene Empfindungen. So wird auf Jupiter alle Freude von heute - Helle, Helligkeit sein; Traurigkeit und Schmerz von heute — Dunkel, Dunkelheit.

Da meine ich mich zu erinnern, dass er ziemlich präzis formulierte: Unser heutiges Licht geht zurück auf Freudeempfindungen geistiger Hierarchien während vergangener planetarischer Zustände, so wie unsere heutige Freude Licht wird auf dem Jupiter.

Ganz allgemein gilt Folgendes:

Hell ist jedes Strecken
Dunkel jedes Zusammenzichen.

Man muss sich bemühen, die Helligkeit des Gedichtes zu empfinden oder die Dunkelheit.

Darnach können Sie einrichten die Empfindungsnuance, die Empfindungsinhalte der verschiedenen Laute, Worte. Jedes Strecken ist hell. Das i klingt hell, ist hell. Gedichte mit viel i wären als helle Gedichte zu empfinden. «Flotte Bursche» von Fercher von Steinwand, «Wiegenlied» von Brentano - helle Gedichte. In einem hellen Gedicht möglichst Streckungen anbringen.

Da kreuzen sich die Unterscheidungen.

Gedichte mit viel o und # dagegen wären als dunkel zu empfinden.

«Düstere Bursche» von Fercher von Steinwand, ein dunkles Gedicht. Das o ein dunkler Laut; o kann verdunkelt und erhellt werden.

277a-207
277a-207

Offener ist das o heller; geschlossener bis schwarz. Man kann o öffnen, bis es ins a übergeht. Ins a übergehend wird es hell. Als hell zu empfinden ist auch ein gestrecktes a.

277a-208
277a-208

Spätere Lautzuordnungen

Hell: i / a / u / ü / ä / e / ins Dunkel u. wieder ins Helle.
(Zwischen): eu / ei
Dunkel: o / au / äu / ö / e / ins Helle

Lebensstimmungen in Farben

gelb / rot = im Strecken öffnen
blau / violett = im Strecken hinein
grün = in der Mitte.

277a-209
277a-209

hell, violett, blau, grün, gelb, rot
hell, violett, blau, indigo (?grün) gelb, rot
hell, rot, gelb, blau, violett
hell gelb, rölich

277a-210
277a-210

schwarz / violett / indigo / blau / weiss / grün / gelb / orange / rot. //
weiss / rosenrot / pfirsichblüt / hellveilchen / violett / schwarz / indigo / blau / grün / gelb / orange / zinnoberrot
aus dem Schacht / in der Nacht / [ab hier Handschrift von Marie Steiner] wahrgenommene Tätigkeit / (passiv)

277a-211
277a-211

Purpur, rot, oranje, gelb, grün

Dr. St.: «Es geht bei den Farbnuancen um das Verhältnis von Fingern zur Hand, vom Handrücken zu den Fingern.» Zum Beispiel: grün = Hand + Finger gestreckt; gelb = Handrücken etwas nach hinten, Finger bleiben; orange = Handrücken bleibt, Finger weiter zurück; rosa = Handrücken weiter nach hinten, Finger bleiben etc.

Damals 1915 war die Angabe so, dass Grün in der Mitte war, wo jetzt Weiß ist [...] und aus der Handstellung (grün) mussten wir die Hände auf und ab bewegen und die Finger spreizen. So ist es wohl all die Jahre gemacht worden.

In der Mitte, also zwischen Blau und Gelb, ist grün. Weiß: die Stellung von Grün auf und ab bewegen - und die Finger rasch gestreckt nebeneinander anschließen.

Wenn man die Hand ganz zusammenballt, so entsteht der Eindruck des Schwarzen.

Das Schnsüchtige: Blauviolett. Das Zornige, Mutige: Rotgelblich, rot-orange. Das Wagnerisch-Pedantische: Grün, grünlich. Auch in Bewegung auszudrücken (Basel: gelb; Zürich: grün).

Man kann auch Strophen seelisch zum Ausdruck bringen durch Farbennuancen. Immer verinnerlichen.

Lebensstimmungen: Rot: etwas was ein Aggressives gegenüber uns selbst ist, etwas was uns beinahe stärker attackiert, dem man ausweichen möchte. Blau: etwas, was uns verlässt, dem wir mit Wehmut, mit Sehnsucht nachblicken. Mutig, stark - im Roten. Sehnsüchtig - in Blau-Violett.

Aufzeichnungen mit anderen Reihenfolgen der Farben Gelb, Rot, Grün.

Handfläche öffnen und schließen — Farbennuancen. Wenn ich den gestreckten Arm nach außen öffne, so gehen die Farbennuancen von ganz Hell über Gelb, Rot nach Grün. Während wenn ich den gestreckten Arm nach innen schließe, gehen die Schattierungen über Blau, Violett nach Schwarz.

a heller Laut. Das o ist offen: indigo, geschlossen ist es schwarz. Ein blaues : ist ein a, also ia wird cs, bläulich gefärbte Helle.

277a-212
277a-212

schwarz / violett / blau / hell / innen // außen / gelb / rot / grün ?

277a-213
277a-213

Im Strecken öffnen: gelb, rot, grün / rot / i/ im Strecken / schliessen / blau + violet[t]

Diese Unterschiede können nun auch in den verschiedenen Sprachen studiert werden. Ich, das russische 4 (bläulich), das [französische] «Moi».

Die rote Rose: Handrücken nach außen. Das blaue Veilchen: Handflächen nach Innen.

277a-214
277a-214

a/ ia / ai vom Zuschauer aus

277a-215
277a-215

die rote Rose / das / blaue / Veilchen

Mollskala

277a-216
277a-216

c = cis = / d die halben Noten polarische / Gegensatz von dem Grundton / in der Richtung. Die Sprünge nach vorn (schmerzlich) / Die Bewegung geht nach innen.
Man kann den Unterschied der Erhöhungen oder Vertiefungen ausdrücken, indem man dies ausdrückt durch Nuancierung, nach der Med bearbeitet einen oder der anderen Richtung.

277a-217
277a-217

Moll / cis / dis / fis / gis / ais / his

c cis — halbe Noten — polarische Gegensatz zur Dur-Skala

Diese Formen gelten für alle Molltonarten. Sie drücken Schmerzliches aus. Die Hände werden nach vorn gestreckt. Der Sprung geschieht nach vorn. Alle Bewegungen nach innen = schmerzvoll. Die melodische Molltonart als weich empfinden, die harmonische hart wie Eiszapfen.

277a-218
277a-218

Prim Quint / Secund Sext / Terz / Quart (etwas nach vorn!) Septime / Octave

German original of The Apollonian Course X · ← Previous · Next →