Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 29 August 1915, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Meine lieben Freunde!

Ich möchte nur voraus bemerken einige Worte darüber, wie man schen möge den Zusammenhang in allem, was wir versuchen, in allem, was hervorgeht aus dem von uns Versuchten. Es ist ja in unserer Zeit gewiss auf der einen Seite eine starke Sehnsucht vorhanden, den Zusammenhang des materiellen Lebens mit dem geistigen Leben zu gewinnen. Auf der anderen Seite aber sind die Möglichkeiten dazu nicht so leicht zu finden. Denn, wie ich im anderen Zusammenhange hervorgehoben habe, ist bei den wenigsten Menschen Europas heute ein deutliches Gefühl vorhanden von dem Suchen nach dem Wesenhaften in den unserer Welt zugrunde liegenden und mit ihr verbundenen anderen Welten. Wenn Sie heute Lehren nehmen, die gegeben werden über Poesie, über Kunst, so werden Sie vielfach bemerken, wie alles Künstlerische heute zurückführt auf ein Höheres, wie aber es schwierig ist für den Menschen, den Zusammenhang mit diesem Höheren wirklich heute zu erfühlen. Und deshalb steht zu hoffen, dass gerade das weitere Populärwerden des Eurythmischen, wie wir es versuchen, von einer, ich möchte sagen ganz menschlichen Seite her dasjenige fördert, was man braucht, um den Zusammenhang

RSt, Drei Gedichte, Berlin 1916, S.6-12 des Menschen mit den geistigen Welten zu finden. Wie oft, meine lieben Freunde, werden Sie von dieser oder jener sich theosophisch nennenden Richtung gehört haben, dass ein Wesentliches für das Seelenleben darauf beruht, eins zu werden mit dem großen Allwesen, das die Räume erfüllt und die Zeiten durchwallt. Aber mit so großem Enthusiasmus und mit so starker Inbrunst auch manchmal dieses Verlangen nach dem Sich-eins-Fühlen mit dem All, wie man sagt, theosophisch betont wird, so wenig ist man geneigt, die Wirklichkeit davon zu ergreifen. Viele betonen heute die Form, wie in der Mitte des Mittelalters, etwa durch Meister Eckhart, durch Johannes Tauler, das «Entwerden», wie man sagte, angestrebt worden ist, das Sich-eins-Fühlen mit dem göttlich durchströmten All. Wir sind aber heute in einer Zeitperiode, wo dies im Konkreten, im Wirklichen, angestrebt werden muss, wo wirklich etwas getan werden muss zur Bekräftigung der großen Wahrheit, dass der Mensch in seinem Tun und in seinem Sein zusammenklingen kann mit dem Tun und mit dem Sein der Welt. Und so etwas ist versucht eben in dem, was jetzt unsere Freunde kennenlernen werden durch die Damen, die es zunächst betreiben, in dem zweiten Kapitel unserer Eurythmie. Ich will nur ganz kurz auf einiges aufmerksam machen, das aus dem Heutigen erschlossen werden kann.

In der zweiten Vorführung haben Sie gesehen, wie gewissermaRen nachgebildet ist ein Bewegt-Ruhiges, das im Universum ist: die Zwölfheit, die im Universum als der Tierkreis vorhanden ist, die Siebenheit, die im Universum als Planetenfolge vorhanden ist. Sic haben auch gesehen, wie das Ruhende der Tierkreisbilder im Verhältnis zum Bewegten des planetarischen Seins Ihnen aus der Darbietung der Figuren hervorgetreten ist. Solche Dinge, meine lieben Freunde, sind natürlich nur möglich, wenn in dem Ganzen dieser Geist des Sich-eins-Fühlens mit dem Universum vorhanden ist. Und so ist denn einmal versucht, etwas zu machen, bei dem ein ganz inniger Einklang ist zwischen dem gesprochenen Worte - und nicht nur dem gesprochenen Worte, sondern den sich offenbarenden Empfindungen - und jeder einzelnen Bewegung. Man wird nach und nach verstehen, dass man im Ganzen dieser Darstellung nur als eine Hilfe das gesprochene Wort haben wird. Man wird nach und nach verstehen, dass, wenn die Bewegung in ihrer Fülle gemacht wird, man dasjenige, was gesagt wird, ebenso wird aus der Bewegung absehen können, wie man, wenn man die Buchstaben vor sich hat, den Sinn ablesen kann. Man braucht nichts anderes, als Lesen gelernt zu haben, dann wird man nach und nach, wenn eben das ganze System entwickelt ist, auch dasjenige lesen können, was dargeboten wird. Aber man wird nicht nur lesen können buchstabengemäß, lautgemäß, sondern auch sinngemäß.

Dazu ist allerdings notwendig, dass man einen Begriff hat von dem sinngemäßen inneren Erleben. Der Mensch muss ja selbstverständlich als Erdenmensch - da er mit den Wesen, die in den Abgrund gestoßen sind, eben im Abgrund der Erde herumirrt -, er muss ja selbstverständlich in der Regel während seines Erdenseins auch irren mit seinen Gedanken und Empfindungen. Aber er kann sich emporschwingen aus diesem irrenden Denken und Empfinden zu dem, was regelmäßig aus der ruhigen Bewegung ihm dann festes Denken und Empfinden ist. Denn, sehen Sie, der Kosmos, wie er uns zunächst als unser Sonnensystem vorliegt, der ist ja nur ein Spezialfall. «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war ein Gott, und ein Göttliches war das Wort.» Und im Kosmos sehen wir gleichsam erstarrt das Wort, das Wort in seiner Ruhe und das Wort in seiner Bewegung. Aber man muss es eben fühlen im Kosmos. Ich möchte nicht, dass man verwechsele, was hier vorgebracht wird, mit mancherlei verworrenem Mystizismus der Gegenwart. Nicht um Nachahmung der Methoden etwa derjenigen modernen Astrologen, die in ihren Methoden jeden Materialismus überbieten und die zur materialistischen Unwissenheit nur den unwissenden Aberglauben hinzufügen, handelt es sich hier, sondern um das Eingehen auf die gesetzmäßigen Zusammenhänge einer geistigen Welt, die ihre Offenbarung im Menschen ebenso hat wie im Kosmos. Wahre Geisteswissenschaft sucht nicht aus Sternen-Konstellationen Menschengesetze, sondern aus dem Geistigen sowohl Menschengesetze wie Naturgesetze. Obgleich diese Geisteswissenschaft mit den unsinnigen mystischen Bestrebungen der modernen Zeit immer wieder zusammengeworfen wird, hat sie doch damit gar nichts zu tun. Hier, wo in gewissen Äußerungen des Menschen Analogien mit kosmischen Verhältnissen als Grundlage einer Ausdrucksweise angewendet werden, muss besonders betont werden, dass Geisteswissenschaft nichts mit dem Dilettantismus moderner Astrologen und deren plumpen Offenbarungen zu tun haben will.

Und so wurde denn einmal versucht, eine solche Aufeinanderfolge des Fühlens, Empfindens und Sprechens zu machen, die so, wie sie dargeboten wird, gleichsam einen anderen Fall, einen Fall inneren Seelenerfühlens gibt - gegenüber dem, was ausgeflossen ist in die Bewegung unseres Sonnensystems. Der Bau nach zwölf Strophen, die je siebenzeilig sind, entspricht, ich möchte sagen dem äußeren Gerippe. Aber Sie werden, wenn Sie gerade dieses zwölf-siebengliedrig versuchte Gedicht nehmen, sehen, dass in allen Einzelheiten festgehalten ist dasjenige, was sich da offenbaren will. Sie werden, wenn Sie die Stimmung nehmen - ich will als Beispiel es erwähnen -, die Stimmung im Krebs, wo, nachdem der Aufstieg vollzogen ist, wiederum der Abstieg erfolgt, wo man gewissermaßen das Gefühl hat, dass die Sonne für einen Augenblick ruhig steht - um nur dies Bild zu gebrauchen, es könnten viele Bilder gebraucht werden —, da werden Sie etwas durchfühlen aus der Art und Weise, wie die Worte in der betreffenden, wenn wir sagen wollen «Krebs-Strophe» gerade liegen.

Du ruhender Leuchteglanz,
Erzeuge Lebenswärme
Erwärme Seelenleben
Zu kräftigem Sich-Bewähren
Zu geistigem Sich-Durchdringen,
In ruhigem Lichterbringen.
Du Leuchteglanz erstarke!

Und vergleichen Sie dies meinetwillen mit der Strophe des Skorpions:

Das Sein es verzehrt das Wesen,
Im Wesen doch hält sich Sein.
Im Wirken entschwindet Werden,
Im Werden verharret Wirken.
In strafendem Weltenwalten,
Im ahndenden Sich-Gestalten.
Das Wesen erhält die Wesen.

Es ist in jeder Strophe genau die Stimmung, die dem betreffenden Planeten am Himmel entspricht. - Aber nicht nur das ist versucht, sondern wenn immer Sie gewisse Strophen nehmen, werden Sie noch anderes empfinden können. Ich will eine Zeile aus jeder Strophe herausgreifen, die Zeile des Mars:

Im Widder: Erstrahle dich Sein-erweckend.
Im Stier: In wesendes Weltensein.
In den Zwillingen: Zu mächtigem Lebewalten.
Im Krebs: Zu kräftigem Sichbewähren.
Im Löwen: Zu wollendem Sein-Entschluss.
In der Jungfrau: Aus Lebensgewalten wirke.
In der Waage: Und Wesen erwirket Wesen.
Im Skorpion: Im Werden verharret Wirken.
Im Schützen: In waltender Lebenswillenskraft.
Im Steinbock: Im innern Lebenswiderstand.
Im Wassermann: Es hebe im Strome sich.
In den Fischen: Und erhalte sich im Erhalten.

Trotzdem in jedem Einzelnen festgehalten ist die allgemeine Stimmung der Strophe, werden Sie aus jeder dieser Zeilen da, in der Aufeinanderfolge der sieben Zeilen, dem Mars immer entsprechend, die Mars-Stimmung heraushören aus der Zeile. Sodass eigentlich das Ideal ist, dass, wenn jemand aufgeweckt werden könnte aus dem Schlaf und es würde ihm eine Zeile vorgelesen: «Im Werden verharret Wirken» - er sagen müsste: «Nun ja, Mars im Skorpion!»; bei der anderen Zeile: «Jupiter in der Waage» und so weiter. Sie sehen, das ist das Gegenteil jeder subjektiven Willkür. Es ist wirklich das Einssein mit den Gesetzen des Universums ernst genommen. Es ist nicht bloß deklamiert: Man soll eins sein mit dem All! Sondern es ist dies Einssein; es ist versucht wenigstens, dieses Einssein im Konkreten durchzuführen. Sie werden auch bemerkt haben, dass zum Beispiel die Geste in gewissem Falle gehalten wird, werden bemerkt haben, wie bei dem Herumgehen der Sonne die Waage-Stimmung auch in der Geste schön festgehalten war, ohne dass das gesucht war, sondern nur dadurch, dass der betreffende Buchstabe eben da ist. Sie haben gesehen bei der Waage-Stimmung, die hier ausgedrückt ist: Die Welten erhalten Welten.

In Wesen erlebt sich Wesen.
Im Sein umschließt sich Sein.
Und Wesen erwirket Wesen
Zu werdendem Tatergießen,
In ruhendem Weltgenießen.
O Welten, traget Welten!

— überall das Gleichmaß der Waage! Es hat sich von selbst gemacht, dass die Waage-Haltung gerade da festgehalten worden ist. Die Dinge ergeben sich ganz von selbst dann, wenn sie richtig gemacht sind.

Was ist eigentlich mit so etwas versucht? Wahrhaftig, es ist etwas ganz anderes als eine Spielerei! Es ist versucht, dasjenige festzuhalten in wirklichem inneren Ergreifen, was kosmisch ausgeführt worden ist, indem unser Sonnensystem geschaffen worden ist. Man versucht da wirklich sich hineinzuleben, in Stimmung, im Tun und in allem sich hineinzuleben. Und man möchte sagen: Das, was Sie da sich haben abspielen sehen, das gibt einem die Möglichkeit, eine Beweglichkeit und in Bewegung befindliche Begriffe sich zu erschaffen von dem, was man so nennen kann:

«Das Wort wallt durch die Welt,
Und die Weltenbildung hält das Wort fest.»

In der ersten Darbietung [«Planetentanz»] wird ebenso versucht, nur in einer etwas anderen Weise wiederum, einen Weltenzusammenhang [darzustellen]. Da werden Sie gesehen haben, dass genau festgehalten wurde in den Bewegungen die Tatsache, dass man es zu tun hat mit Strophen zu je vier Zeilen und dass auf einem äußeren Kreise die Sonne ihre zwölf Bewegungen machte. Es sind ja auch zwölf Strophen. Nur ist da auf dem äußeren Kreis die Sonne als den Tierkreis durchlaufend vorgestellt worden.

Diejenigen beiden Damen, die im mittleren Kreise standen, drückten das Planetarische und die Dame, die ganz im Zentrum stand, drückte das Lunarische, den Mond, aus. So hatten Sie hier: Sonne, Planeten und Mond. Und so war auch der innere Zusammenhang der Zeilen und auch das Verhältnis immer der letzten Zeile zur ersten Zeile: die erste Zeile ist immer das Sonnenhafte, die letzte immer das Mondhafte. Gerade so, wie das Sonnenlicht vom Monde zurückgestrahlt ist, so wird immer die letzte Zeile ein Rückstrahlen sein.

Und so wurde eben einmal versucht, aus dem Geheimnisse des Universums heraus die Form, die dann sowohl gesprochen werden kann wie auch in Bewegungen eurythmisch ausgedrückt werden kann. Wenn also einmal die Zeit kommen wird, wo man diese Dinge wird lesen lernen, wird man, wenn man so etwas vorgeführt gesehen hat, wissen, eindeutig wissen, was ein solches ganzes Bewegungssystem zum Ausdrucke bringt.

Man kann ja selbstverständlich der Anschauung sein, dass man so etwas nicht zu machen braucht, aber, nicht wahr, man kann ja verschiedene Ansichten haben. Man kann ja auch die Ansicht haben, dass der Mensch stumm sein könnte und nicht zu reden brauchte. Und wenn alle Menschen stumm wären auf der Welt und nur ein Paar würde zu reden beginnen, so würden die übrigen es als höchst überflüssig betrachten, das Reden. Also das sind ganz relative Anschauungen, nicht wahr. Man braucht sich nur auf das Relative dieser Anschauungen einzulassen, dann wird man schon merken, dass der wahre Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit nur erreicht werden kann, wenn man sich darauf einlässt, alle die Möglichkeiten wirklich herauszuholen, die in der menschlichen Natur sind.

Sie werden ja, wenn die Damen einmal in der Lage sein werden, das auch zu lehren, was jetzt das zweite Kapitel der Eurythmie ist, Sie werden zu dem, was da makrokosmisch Ihnen vor Augen tritt und ja auch noch dahin ausgebaut werden muss, sehen, dass jene Auftakte, die wir zuerst gemacht haben, selbstverständlich musikalische Begleitung werden haben müssen; heute war es nur ein stummer Auftakt. Sie werden dann später sehen, dass zu dem Makrokosmischen auch ein Mikrokosmisches kommt und dass Vorführungen kommen werden, in denen sich zum Ausdruck bringen wird irgendetwas genauso regelmäßig wie im menschlichen Sprechen selber. Sie werden später Kompositionen der Eurythmie sehen, wo Sie bemerken werden, dass genau an der einen richtigen Stelle ein Lippenlaut, an der anderen richtigen Stelle ein Zahnlaut entsteht, und dass wirklich das geschieht, was im Menschen beim Reden in anderer Art entsteht, sodass der Mensch sich selber kennenlernt in diesem, was sich in der Eurythmie vollzieht. Sie werden heute auch schon bemerkt haben, dass die Damen nach und nach werden lehren können, dass Verschiedenes in den Worten, Verschiedenes in den Bedeutungen und im Sinn in verschiedener Weise zur Darstellung kommt. Sie werden heute bemerkt haben, dass ein konkretes Wort in einer ganz anderen Weise getanzt worden ist als ein abstraktes Wort, dass ein Zeitwort, das eine Tätigkeit andeutete, in einer anderen Weise getanzt wurde als ein Zeitwort, das einen leidenden Zustand andeutete, als ein Zeitwort, das eine Dauer andeutete und so weiter. Auch diesen Zusammenhang, ich möchte sagen des Gehirns mit dem Sprachorganismus werden Sie dargestellt finden im Eurythmischen.

Programm zur Aufführung vom 28. August 1915, Dornach

Genaue Wiederholung der Aufführung vom 15. August 1915 (J. W. Goethe, Faust, Bergschluchten «Himmelfahrt»). Es fehlten die Damen: Claussen, Hotz I + II, u. Ottilie Schneider. Dafür traten ein die Damen: Helene Nierl, Edith Röhrle, Gudrun Matschinsky u. Eckart

Programm zur Aufführung vom 29. August 1915, 15 Uhr, Dornach

I Andante von W. A. Mozart.
II Eurythmische Darstellungen:
Ernster Auftakt (Ätherwelle) ohne Worte u. ohne Musik aufgeführt von 9 Damen
Rudolf Steiner: Planetentanz
Ernster Auftakt
Rudolf Steiner: Die Zwölf Stimmungen
Alle waren weiß gekleidet. Alle eurythmischen Darstellungen wurden genau in derselben Reihenfolge wiederholt. Zu allen eurythmischen Darbietungen rezitierte die Worte Frau Dr. Steiner. Gebraucht wurde die volle Pfingstdekoration. (Die ganze Schreinerei war mit grünen Zweigen geschmückt. Die Bühnendekoration war aus hellviolettem Crepon gemacht. Der ganze Stoff war auf weißem Futter angebracht. Aus einem anderen Stoff ausgeschnittene Blumen waren draufgenäht - auf dem Hintergrund, dem Eurythmiepodium und dem Kinderpodium. Keine Blumen waren auf den zwei Seitenflügeln, auf der Stoffbedeckung des Pultes und des Podiums.)

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Aufführungstagebuch, GOE B.08.011.001_Heft_1_023

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