Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 2 September 1915, Dornach

Zweiter oder Apollinischer Kurs XVI

Sechzehnte Stunde

In dieser Stunde gab Rudolf Steiner einen Überblick über die Reimformen, um anschließend die Formen des Vollreims sowie die Alliteration näher zu behandeln. Vermutlich wurde für die Alliteration ein Beispiel aus dem «Heliand» gegeben, doch ausgearbeitet wurde erst in der folgenden Stunde (6. September 1915) ein Text aus Wilhelm Jordans «Demiurgos» in Zusammenhang mit der Assonanz. Die in den weiteren Stunden angegebenen Drei- und Vierecksformen wurden als Beispiele für die hier angelegten Reimformen gegeben.

Der Reim

Reim = Gleichklang. Man unterscheidet:

  1. Alliteration oder Stabreim (Stäbe - gleiche Anlaute)
  2. Assonanz oder Halbreim
  3. Der Vollreim, Endreim

End- oder Vollreim

277a-251
277a-251

Den Reim berücksichtigen: Erste Zeile vokalisch. Zweite Zeile konsonantisch.

Reim halten: 1 hält den Reim in der Bewegung fest; 2 hält den Reim in der Bewegung fest; 3 hält auch den Reim in der Bewegung fest; 4 hält den Reim in der Bewegung fest.

Prinzip: Am Ende der Strophe müssen die Reime in der Gebärde da stehen.

Der Laut des Reimes wird durchgehalten und beim nächsten Reimwort neu gebildet.

Beim Vollreim unterscheidet man: reiner und unreiner Reim - Hügel - Zügel; Hügel - Spiegel

I männlicher oder stumpfer Reim, z.B. Tal - Mal; belauscht - vertauscht
II weiblicher oder klingender Reim, z.B. Sterne - Ferne; Sonne - Wonne
III gleitender oder daktylischer Reim, z.B. betrübende — übende; lebende — webende
IV der reiche Reim, z.B. «Gebet» von Emanuel Geibel:
«Herr, den ich tief im Herzen trage, sei du mit mir!
Du Gnadenhort in Glück und Plage, sei du mit mir!»

Paarreim

Friedrich Rückert: «Der Himmel hat eine Träne geweint» Der Himmel hat eine Träne geweint,
Die hat sich ins Meer verlieren gemeint.
Die Muschel kam und schloss sie ein:
Du sollst nun meine Perle sein.
Du sollst nicht vor den Wogen zagen,
Ich will hindurch dich ruhig tragen.
O du mein Schmerz, du meine Lust,
Du Himmelsträn’ in meiner Brust!
Gib, Himmel, dass ich in reinem Gemüte
Den reinsten deiner Tropfen hüte.

Das Wechseln kann so vor sich gehen: MSt,

277a-252
277a-252

4 3 / 2 1 / b.gep. wechseln 1 + 2 + 3 + 4

Gedichte können so getanzt werden, dass so viel Personen aufgestellt werden, als Reime da sind. Wenn z.B. dann gepaarte Reime so reimen: a a b b a a- und dann der Reim [a] z.B. nach b wiederkehrt, schlagen die ersten ihn wieder an. - Beispiel:

Ludwig Uhland: «Des Knaben Berglied» (Auszug)

Ich bin vom Berg der Hirtenknab’,
Seh’ auf die Schlösser all herab;
Die Sonne strahlt am ersten hier,
Am längsten weilet sie bei mir;
Ich bin der Knab’ vom Berge!

  1. Reim in vierzeiligen Strophen
    a. Die erste und die zweite Zeile reimen. Die dritte und die vierte Zeile reimen. — Beispiel:

Friedrich Hebbel: «Herbstgefühl» (Auszug) 1. Grünen, Blühen, Duften, Glänzen
2. Reichstes Leben ohne Grenzen
3. Alles steigernd, nirgends stockend
4. Selbst die kühnsten Wünsche lockend.

277a-253
277a-253
  1. Zeile: Man steht im Viereck.
277a-254
277a-254
  1. Zeile: 1 und 2 bewegen sich zu 4 und 3. Bei ihrem Ankommen machen 4 und 3 einen Schritt vorwärts.
277a-255
277a-255

Zeile: 1,2,3, 4 bewegensichzuden 7 früheren Stellungen von 1 und 2.

277a-256
277a-256
  1. Zeile: 3 und 4 begeben sich auf ihre früheren Stellungen.

Aus der weiteren Arbeit (1916)

[...] hab ich in meinem C. F. Meyer [(...] folgendes Gedicht aus der damaligen L.MS, Zeit gefunden. «Das Ende des Festes»: «Da mit Sokrates die Freunde tranken 97.11.1964 / und die Häupter auf die Polster sanken / Kam ein Jüngling, kann ich mich entsinnen, / Mit zwei schlanken Flötenbläserinnen.»

277a-257
277a-257

1 macht seine Zeile stehend / 2 geht mit seiner Zeile rhythmisch oder nur Längen hinter 1, der den Reim wiederholt / 3 macht seine Zeile stehend / 4 geht hinter 3, auf die gleiche Art wie 1 hinter 2. In einer kleinen Pause Platzwechsel. 1 wird 2 und 2 wird 1. Ebenso 3 und 4.

Gekreuzte oder verschränkte Reime/p> 277a-258 277a-259 277a-260 277a-261 277a-262 277a-263 277a-264 277a-265 277a-266 277a-267 277a-268 277a-269 277a-270 277a-271 277a-272 277a-273 277a-274 277a-275 277a-276 277a-277 277a-278 277a-279 277a-280 277a-359

Gekreuzter Reim: a b, a b; c d, c d. - Beispiel:

Johann Wolfgang Goethe: «Der Fischer» (Auszug) Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll, a
Ein Fischer saß daran, b
Sah nach dem Angel ruhevoll, a
Kühl bis ans Herz hinan. b
Und wie er sitzt und wie er lauscht, c
Teilt sich die Flut empor; d
us dem bewegten Wasser rauscht c
Ein feuchtes Weib hervor. d

dann cd, ad / ef, fe Gekreuzter Reim / nach der Strophe wechseln 1 + 2, 3 + 4

Die erste und die dritte Zeile reimen, die zweite und die vierte Zeile reimen. - Beispiel:

Friedrich Hebbel: «Herbstbild» (Auszug) 1. Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
2. Die Luft ist still, als atmete man kaum,
3. Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
4. Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

Die 1. Zeile: Man steht im Viereck:

Die 2. Zeile: 1 bewegt sich zu 3:

Die 3. Zeile: 2 bewegt sich zu 4. 4 macht einen Schritt nach vorne:

Die 4. Zeile: 4 und 3 begeben sich i auf die früheren Stellungen von 1 und 2. 1 und 2 machen einen Schritt nach vorne.

Variationen für Reime:
a.) stark seelisch:

b.) ein- u. auswickelnde Spiralen

Friedrich Rückert: «Am See» (Auszug)
Nicht im trüben Wasser spiegelt
Sich des Himmels Angesicht,
Noch im Herzen aufgewiegelt
Von Begierden, Gottes Licht.

Umfassender oder umarmender Reim

Die erste und die vierte Zeile reimen. Die zweite und die dritte Zeile reimen. — Beispiel:

Friedrich Hebbel: «Nachtlied» (Auszug) 1. Quellende, schwellende Nacht,
2. Voll von Lichtern und Sternen:
3. In den ewigen Fernen,
4. Sage, was ist da erwacht!

  1. Zeile: Man steht im Viereck:
  1. Zeile: 1 bewegt sich zu macht einen Schritt nach vorne:
  1. Zeile: 2 bewegt sich zu 3. 3 macht einen Schritt nach vorne:
  1. Zeile: 4 und 3 gehen auf die Plätze 1 und 2. 1 und 2 machen einen Schritt nach vorne:

Das Sonett

Sonett oder «Klang» ist eine dem Italienischen entlehnte Form. Sie besteht meist aus vier Strophen, von denen die ersten beiden je vier, die letzten beiden drei Verse (Zeilen) haben. In den ersten beiden Strophen ist die Reimstellung ab ba;a b ba; in den letzten beiden Strophen a b a; b a b oder a b c, a b c. — Beispiel:

Johann Wolfgang Goethe: «Natur und Kunst» Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen. Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemessnen Stunden
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen. So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:
ergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben. Wer Großes will, muss sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Ein Sonett kann im Trapez getanzt werden. - Beispiel:

Friedrich Rückert: «Der Mann ist wacker» Der Mann ist wacker, der, sein Pfund benutzend,
Zum Dienst des Vaterlands kehrt seine Kräfte:
Nun denn, mein Geist, geh auch an dein Geschäfte,
Den Arm mit den dir eignen Waffen putzend. Wie kühne Krieger jetzt, mit Glutblick trutzend,
In Reihn sich stellend, heben ihre Schäfte;
So stell’ auch Krieger, zwar nur nachgeäffte,
Geharnischter Sonette ein paar Dutzend. Auf denn, die ihr aus meines Busens Ader
Aufquellt, wie Riesen aus des Stromes Bette,
Stellt euch in eure rauschenden Geschwader! Schließt eure Glieder zu vereinter Kette
Und ruft, mithadernd in den großen Hader,
Erst: Waffen! Waffen! und dann: Rette! Rette!

Kräfte Geschäfte / Bette schwader / Kette Hader / nutze putze / ader / Kette

Wenn 4 Personen ein Sonett machen, kann die Stellung die folgende sein:

  1. Für die zwei ersten Strophen:
  1. Für die zwei letzten Strophen:

Eine Zeile alle vier Damen.

1 bleibt stehen im Reim, dann 2 im Reim - macht das Reimwort wieder, wenn 3 im Reimwort steht. 1 und 4. Dann tauschen sich die Nummern.

Die Reime werden gehalten.

Im Trapez vier Damen.

Erst alle zu gleicher Zeit. 1 + 2 halten den Reim. Dann macht 3 die Zeile und 4 hält den Reim. Dann wiederholen 4 und 3 den Reim. Dann 2 den Vers und 1 hält den Reim.

Charakteristisch für ein Sonett: Es sollte immer mit einem neuen Impuls auf- L.M.S, DF hören!

Spätere Ausführungen von Sonett-Formen (1917)

Friedrich Hebbel: «Mysterium» O, könnte ich den Faden doch gewinnen,
Der, mich mit Gott und der Natur verknüpfend,
Und, abgewickelt, das Geheimste lüpfend,
Verborgen sitzt im Geist und in den Sinnen! Wie wollte ich ihn mutig rückwärts spinnen,
Bis er mir, endlich von der Spindel hüpfend,
Und in den Mittelpunkt hinüberschlüpfend,
Gezeigt, wie All und Ich in eins zerrinnen. Nur fürchte ich, dass, wie ich selbst Gedanken,
Die gleich Kometen blitzten, schon erstickte,
Eh’ ich verging in ihrem glühnden Lichte, So auch das All ein Ich, das, seiner Schranken
Vergessen, an das Welten-Rätsel tickte,
Aus Notwehr, eh’ es tiefer dringt, vernichte.

  1. Strophe: dunkelblau (das kleine Viereck, dann der Übergang, halbe Lemniskate)
  2. Strophe, hellblau (das kleine Viereck, dann Übergang halbe Lemniskate)
  3. Strophe, gelb (das große Dreieck, dann Übergang Halbkreis)
  4. Strophe, orange (das große Dreieck, dann Übergang Halbkreis)

Ghasele

Die Ghasele (Lobgedicht) ist eine persische Form. Sie besteht gewöhnlich aus einer beliebigen Anzahl zweizeiliger Strophen (meist nicht unter 7, nicht über 17 Strophen). Der meist «reiche» Reim wird zuerst zweimal angeschlagen und dann unterbrochen weitergeführt (a a, b a, c a, d a, etc.).

Eine Ghasele kann man nun folgendermaßen tanzen: Es werden so viel Personen aufgestellt, als Reimwiederholungen sind. Zuerst beginnen alle, nach und nach zehrt einer den andern auf. Zuerst können zwei Vokale und Konsonanten machen, die andern nur Vokale.

Bei einer Ghasele so viele Menschen hinstellen, wie der Hauptreim als Zahl vorkommt. - Einige müssen die Konsonanten machen.

Die Vorhergehende wiederholt die ganze Phrase der Nächstkommenden (sonst wie im Sonett).

Alliteration

Aus dem «Heliand»: Es hat schon manche [der Mut getrieben,]
Dass sie begannen [das Gottesgeheimnis]
Zu künden den Menschen, [das Christ, der mächtige.]
Im Menschengeschlechte [mit Macht vollführte]
In Worten und Werken.

Alliteration oder Stabreim (Stäbe - gleiche Anlaute). Wiederholung desselben Konsonanten z.B. Haus und Hof; Schimpf und Schande. Es ist gut, bei Alliterationen etc. sich im Halbkreis oder Trapez (auch im Vollkreis) aufzustellen, bei Reimen dagegen im Viereck (nach jeder Strophe wechseln).

Alliterationen können nun so getanzt werden: Zum Beispiel sechs Personen stehen im Kreis, eine siebte kommt aus dem Chaos hinzu und beginnt.

7 tritt aus dem Chaos, stellt sich hinter 1. 1 macht die erste Alliteration und stellt sich dann hinter 2 und wiederholt seinen (1.) alliterierenden Konsonanten, während 2 die nächste Alliteration macht, sich hinter 3 stellt etc. In der Mitte können zwei stehen, die die Vokale machen.

Die Alliterationen macht man im Kreise sich bewegend, wenn der gleichklingende Laut aufhört und eine andere Alliteration anfängt. Dabei wiederholt der erste sein erstes Alliterationswort, während der zweite sich bewegt usw.

Mittlerer Kreis Konsonanten, äußerer Kreis darum. Jedes Mal muss eine laufen, wenn die Alliteration einsetzt. Diese muss von den andren aufgenommen werden. (Bei einer neuen Alliteration wird der Kreis größer gemacht, aus dem Kreis herausgehen.)

Einer macht Vokale, einer Konsonanten. Jedes Mal muss der Nächste aufnehmen, wo die Alliteration einsetzt. Wo ein Neues einsetzt, muss man den Kreis etwas größer machen.

Einer aus dem Chaos beginnt bis neben den Platz von 2 usw. Bei den alliterierenden Konsonanten: Die beim Buchstaben stehen geblieben ist, muss noch einmal die letzte Bewegung mitmachen, wenn die andere stehen bleibt.

Die Zahl der im Kreise und in der Mitte Stehenden kann verschieden sein. Die Alliterationen macht man im Kreise sich bewegend, wenn der gleichklingende Laut aufhört und eine andere Alliteration anfängt. Dabei wiederholt der erste sein Alliterationswort, wenn der zweite das seinige zum ersten Mal macht usw. In der Mitte des Kreises werden von einem (zwei oder mehr) in Ruhe die Vokale des Textes gemacht, sodass alle Laute zum Ausdruck [kommen]. Im Kreise werden Konsonanten gemacht und von Vokalen nur die betonten.

Alliteration in raschem Tempo.

Aus: Wilhelm Jordan, «Demiurgos» Da wallen und wogen
Die Wipfel des Waldes,
Da brausen die Bäume
Und beugen sich bange. Mit schleunigen Schritten
Und hohlem Geheule
Wandelt die Windsbraut
Rasend heran. Wulstige Wolken
Wälzen sich wachsend,
Flammig zerflackernd,
Hoch einher
Und hüllen den Himmel
In düstres Dunkel
Feierlich furchtbar. Blendende Blitze
Durchzucken im Zickzack
Die Wolkenwand,
Wie riesige Risse
Dahinter enthüllend
Verborgenen Brand. Dumpf dräuend
Dröhnt der Donner,
Wenn er in weiten
Fernen fortrollt.
Aber der Boden
Bebt und selbst die
Sausende, starke
Stimme des Sturmes
Still verstummt
Neben dem nahen [Übergang Assonanz]
Wettergeschmetter.

Man kann das Ghasel auf diese Art aufführen:

Die Stellung, z.B.

Aus: Friedrich Rückert: «Die Schöpfung ist zur Ruh’ gegangen» 1. Die Schöpfung ist zur Ruh’ gegangen, o wach’ in mir:
2. Es will der Schlaf auch mich befangen, o wach in mir!
3. Das Auge, das am Himmel wachet mit Sternenblick
4. Wenn mir die Augen zugegangen, o wach’ in mir! 1 macht die erste Zeile
1 2 machen die zweite Zeile
1 2 3 machen die dritte Zeile
1 2 3 4 machen die vierte Zeile

«O wach in mir!» machen jedes Mal alle vier zusammen. Das Ganze in Ruhe (oder mit Formen), aber ohne Übergang von einer Stellung in die andere.

German original of The Apollonian Course XVI · ← Previous · Next →