Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 1 September 1915, Dornach
Fünfzehnte Stunde
Nachdem Rudolf Steiner in dieser Stunde die Fußstellungen sowie die Gesichtspunkte von Hören- Sehen - Fühlen gegeben hatte, kam er am Schluss der Stunde noch einmal zurück auf den in der 13. Stunde (30. August) behandelten Merkur-Auftakt. Die dazu gehörigen Angaben finden sich dort (S. 359).
Haltung der Füße, Fußstellungen
Auch durch Fußstellungen kann Seelisches ausgedrückt werden. Sie werden z.B. leicht zu der Meinung kommen, dass die seelischen Ausdrücke, die wir heute geben, anstatt den früheren auch angewendet werden könnten. Die Dinge werden sich oft kreuzen [mischen]. Man kann all diese Bewegungen auch im Gehen machen, nicht nur im Stehen, wenn ein Gefühl ins andere übergeht. So kann man die wichtigsten Gefühle aussuchen aus dem Gedicht und sie in dem Auftakt so ausdrücken.
Die im jambischen Maße geschriebenen Gedichte werden besser mit den früher gezeigten Bewegungen, die mehr in der Bewegung des Körpers, der Arme liegen [Seelenhaltungen]. Die im trochäischen Maße besser mit diesen Fußbewegungen.
[Die folgenden Zeichnungen sind vom Standpunkt des Zuschauers aus gezeichnet.]
Mut, Tätigkeit

rechts links / Mut Tätigkeit
Mut, Tätigkeit = Rechter Fuß nach vorn in der Diagonale. // Der ganze rechte Fuß schräg vor.
(Beispiel für Mut, Tätigkeit: «Heereszug» in Goethes Pandora)
Erregende Gefühle
Erregung = Rechter Fuß nach vorn mit der Zehenspitze. // Die Spitze schräg vor, in die Diagonale. // Rechter Fuß nach vorn auf Zehenspitze.
Befehl, Aufforderung
Befehl, Aufforderung = Zweimal Mut, Tätigkeit (zwei Schritte)
(Beispiel für erregend oder Befehl: Goethes «Zauberlehrling»)
Botschaft
Botschaft = rechts Gewicht aufsetzen, links auf Zehen.
Leiden und Gefühl der Schwäche

rechts stehend
Leiden und Gefühl der Schwäche = Rechts stehen und die Bewegung des linken Fußes nach vorne aufsetzen. // Links nach vorn und rechts stehend. // Rechter Fuß steht, linken Fuß in die Diagonale nach vorn setzen.
(Beispiel für Leiden und Schwäche: Epimetheus in Goethes Pandora)
Beruhigende Gefühle
Beruhigende Gefühle = Die Spitze schräg vor, mit dem linken schräg vor auf den ganzen Fuß. Der rechte hinten auf Zehen, Körpergewicht auf dem linken. // Hinten Zehenspitze, nach vorn linken Fuß aufstellen. // Wenn man die Bewegung überführt, sodass das Gewicht auf dem vorderen Fuß, hinten Zehenspitze.
(Beispiel: «Der Sturm legt sich», oder: «Der Kranke wird gesund»).

Leiden, Schwäche / links / hinten Z.spitze: beruhigend / a) ich beruhige mich /b) ich beruhige Dich
Beruhigend = hinten Zehenspitze
a) = ich beruhige mich
b) = ich beruhige dich
Beharren, ruhige Stärke

Beharrende, ruhige Stärke // Das Gefühl ruhiger Stärke, Beharren = Mit einem Fuß nach der Seite, links stehen und seitwärts rechts gehen. // Linker Fuß steht, rechter seitwärts heraus. // Der rechte Fuß bewegt sich, der linke steht.
In meinem Heft von 1915 steht: Mit einem Fuß heraustreten = Beharren, ruhige Stärke. Es muss also nicht immer der rechte Fuß sein.
Dr. auf der Tafel: «ruhige Stärke, Beharren».
Zufriedenheit, Heiterkeit

links / Zufriedenheit / Heiterkeit
Ausdruck der Zufriedenheit, auch Heiterkeit = Rechter Fuß gerade NzAKIS,, nach vorn. // Den ganzen rechten Fuß grade vor setzen.
Sympathie
Alles, was Sympathie einflößt = Den vorgesetzten Fuß auf die Zehenspitze setzen, stellen. // Die Spitze gerade vor.
(Beispiel: «Von Zeit zu Zeit sch’ ich den Alten gern», Mephisto im «Prolog im Himmel»)
Unzufriedenheit, Ernst

Unzufriedenheit, Ernst = Links stehend, rechts nach hinten. // Der ganze Fuß gerade zurück. // Linker Fuß steht, rechter gerade nach rückwärts.
So ist Ernst und Unzufriedenheit wirklich nur als eine Fußstellung [...] angegeben. Ich persönlich habe mir in diesem Fall durch Kopfhaltungen geholfen.
Bei Ernst möglichst geradeaus geschaut (größte Geschlossenheit) und bei Unzufriedenkeit: Ich will nicht, dass etwas so ist.
Antipathie
Antipathie = Wenn man [sich] hinten auf die Zehenspitze stellt. // Fuß, indem Sie ihn nach rückwärts bewegen, auf Zehe stellen. // Die Spitze gerade zurück (stark auftreten).
Nicht-Verstehen

Nicht-Verstehen von etwas = Füße nebeneinander, rechter Fuß von linkem seitwärts entfernt, im Viertelkreis nach hinten gedreht. // Der ganze Fuß im Viertelbogen hinter den linken (leicht).
Verneinung
Verneinung (auffällig, nachdrücklich) = Der ganze Fuß im Viertelbogen hinter den linken (fest). // Dann dasselbe mit starkem Auftreten. // Bewegung ebenso machen, aber sichtbar machen, dass der Fuß stark auftritt.
Abscheu, Hassgefühle
Abscheu, Hassgefühle = Der ganze Fuß im Viertelbogen hinter den linken (mit starkem Auftreten). // Entfernen rechten Fuß von linkem Fuß und im Viertelkreis gedreht hinter den linken.
Spannung
Spannung = Die Zehenspitze im Viertelbogen, Viertelkreis hinter den linken aufstellen.

Ich verstehe etwas
Ich verstehe etwas = Rechter Fuß stehen, linker Fuß seitwärts, Vierteldrehung nach vorn. // Der ganze linke Fuß im Viertelbogen vor den rechten (leicht).
Begründung, Ich begründe etwas
Ich begründe etwas = Dasselbe mit starkem Auftreten. // Nun mit linkem Fuß stark auftreten. // Der ganze linke Fuß im Viertelbogen vor den rechten (fest).
Behauptung
Behauptung = Der ganze linke Fuß im Viertelbogen vor den rechten (mit starkem Auftreten, mit Nachdruck).
Lösung, Entspannung
Entspannung, Lösung in den Gefühlen = Die Spitze im Viertelbogen, Viertelkreis vor den rechten. // Dasselbe, auf Zehenspitze gestellt.
Erinnerung
Alles, was Erinnerung ist = Kniebeuge. (Beispiel: «Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst», Mephisto im «Prolog im Himmel»)
Überblick zur Haltung der Füße

rechts Mut, Tätigkeit / Vorn (zehen Spitze: erregend
rechts stehend, links Leiden, Schwäche / hinten (zehen Spitze = beruhigend)
beharrende ruhige Stärke
Zufriedenheit Heiterkeit / vorn zehen Spitze Sympathie
Ruhend, Unzufriedenheit Ernst / hinten zehen Spitze Antipathie / stehen Ich verstehe etwas / Starkes Auftreten: Begründung / zehen Spitze: Lösung Abscheu, Nicht-Verstehen, Starkes Auftreten, Verneinung / zehen Spitze — Spannung
Kniebeuge: Erinnerung
Hören, Sehen, Fühlen im Ausdruck durch Körper- und Gliederbewegung
Wie die «Bewegungen des Körpers» auf der einen und die «Bewegungen der Glieder» auf der anderen Seite zu verstehen sind, dazu finden sich in den erhaltenen Dokumenten keine Angaben. Die Herausgeber von GA 277a ‹1965› haben eine Interpretation dazu gegeben, die möglicherweise aus der Überlieferung stammt und deshalb auch hier dokumentiert wird.
Wo sie Konkrete, Abstrakte, Zeitwörter usw. machen wollen, die Einteilung machen nach: (1.) Hören - (2.) Sehen - (3.) Fühlen. // Konkrete, abstrakte Substantive usw. hat man sich einzuteilen nach dem, was man hört, was man sieht, was man fühlt. // Bei Gedichten mit vielen Zeitwörtern ist es gut, darauf zu achten, dass man einteilt in das, was man hört, sieht, fühlt.
- Alles, was auf das Hören Bezug hat. // Gehörtes: große Bewegungen des Körpers und der Glieder.
- Alles, was sich auf das Sehen bezieht. // Geschenes: kleine Körperbewegungen, trotzdem große Gliederbewegung, // Kleinere Bewegungen des Körpers und trotzdem größere Gliederbewegungen. // Kleinere Bewegungen des Körpers und trotzdem große Gliederbewegungen.
- Alles, was gefühlt werden kann. // Gefühltes: sowohl Körperwie Gliederbewegungen gemessen, kleiner. // sowohl Körperwie Gliederbewegungen gemessen.
Dadurch, dass beim «Sehen» kleine Körperbewegungen und große Gliederbewegungen gemacht werden, entsteht der Eindruck des Visionären; geübt an «Die Kapelle der unschuldigen Kindlein» (C. F. Meyer). Jede letzte Zeile der Strophe als «Vision». «Neujahrsglocken» (C. F. Meyer), um die Darstellung des Gehörten zu üben.
Bewegungen des Körpers (= Formen) und der Glieder (= Laute)
Textbeispiel für die Einteilung in Hören, Sehen, Fühlen
Im Folgenden werden die Angaben zur Einteilung nach Hören, Sehen und Fühlen im Beispieltext aus dem «Prolog im Himmel» dokumentiert. Abweichende Notizen von Lory Maier-Smits [LMS:] und Marie Steiner [MSt:] werden durch die entsprechenden Kürzel ausgewiesen.
Das schönste Beispiel:
Aus: Johann Woifgang Goethe, «Faust», Prolog im Himmel, V. 243-270 Raphael:
Die Sonne tönt nach alter Weise große Körperbewegung, große Gliederbewegung
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschrieb’ne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke, geht über in das Geschene
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag. [LMS:] Ist das nicht Fühlen «unbegreiflich», dadurch wird man doch zu einem inneren Erleben aufgefordert? Gabriel:
Und schnell und unbegreiflich schnelle Alles auf Sehen [MSt Nb 138: Hören]
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieses-Helle
Mit tiefer, schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen [MSt Nb 138:]Schen [LMS:] Hier könnte analog zu: «Und Stürme brausen um die Wette» Hören empfunden werden.
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen Gesicht [Sehen]
In ewig schnellem Sphärenlauf. Michael:
Und Stürme brausen um die Wette, Gehör Vom Meer auf’s Land, vom Land auf’s Meer,
Und bilden wütend eine Kette Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren [MSt Nb 161:] Gesehenes
Dem Pfade vor des Donnerschlags; Hören [LMS:] Vielleicht könnte das Wort «Donnerschlag» als Hören gemacht werden, dann wäre der Übergang zu «Fühlen» besonders eindrucksvoll.
Doch deine Boten, Herr, verehren [Gefühl]
Das sanfte Wandeln deines Tags. Zu drei:
Der Anblick gibt den Engeln Stärke [MSt Nb 138:] Sehen [LMS:] rascher Über gang zum Fühlen Da keiner dich ergründen mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
[Weiteres Beispiel für «Hören-Sehen-Fühlen»]
Friedrich Lienhard: «Abendrot» Mir ist nach einer Heimat weh, (Fühlen) die keine Erdengrenzen hat!
Ich sehne mich aus Menschennot nach einer ew’gen Himmelsstadt.
Groß glänzt und klar das Abendrot, (Sehen) sanft rauscht der Quell im Wasgenwald. (Hören)
Wie bald verging mein Erdentag (Fühlen) und all mein Tagewerk wie bald!
O komm, du weltallweite Nacht, die keine Erdenmaße kennt,
Aus deren Tiefen Stern an Stern (Sehen) auf unser winzig Sternlein brennt!
Nicht müd’ bin ich vom Tagewerk, und doch bin ich des Tages satt —
Nach deinen Weiten sehn’ ich mich, du unbegrenzte Himmelsstadt!
[Beispiel für Haltung der Fuße, Fußstellungen]
Aus: Johann Wolfgang Goethe, «Faust», Studierzimmer, V. 1538-1544 Ich bin der Geist, der stets verneint! [Verneinung]
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht [Begründung]
Ist wert dass es zu Grunde geht;
Drum besser wär's dass nichts entstünde. [Verneinung]
So ist denn alles, was ihr Sünde, [Antipathie]
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element. [Sympathie]