Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 13 February 1918, Nuremberg

Ansprache zur Eurythmie,

Frau Smits äußerte die Meinung, dass auch bei uns etwas gepflegt werden könnte, was Tanzkunst ist. Es soll etwas mit dem geistigen Leben zu tun haben, was wir pflegen. Auf der anderen Seite haben wir uns zu erinnern, an den Ursprung der Kunst, und der Künste überhaupt. Die sind entstanden, als die ganze menschliche Natur etwas viel Einheitlicheres war. In sehr frühen Zeiten gab es nicht Trennung zwischen Wissenschaft, Religion und Kunst, sie waren in einer großen Einheit vereinigt. Die Wissenschaft diente der Erklärung des religiösen Kultus und dessen, was er vorführte. So dienten die Künste dazu, innere Hingebung, durch den Kultus hervorgerufen, mit Schönheit zu übergießen. Die Schönheit diente der Göttlichkeit. Im Schönen kam zum Ausdruck, was zugleich religiöser Kultus war. Abgesondert haben sich die drei und innerhalb der Kunst haben sich wieder die einzelnen Künste abgesondert. Heute kann man nicht einen völlig religiösen Tanz beginnen, das würde gegen alle Gesetze der Menschheit verstoßen, aber Annäherung an den religiösen Tanz kann man schaffen. Richard Wagner ließ schon zwei Künste zusammenwirken.

Wie ist es zu bestimmten Tanzformen gekommen? Da ergab sich, dass der Mensch, der [einen] Bildekräfteleib hat, im Grunde genommen immer solche Bewegungen ausführt, wie sie in der Eurythmie vorgeführt werden. Jedes Organ und jedes Organsystem ist in gewisser Beziehung ein ganzer Mensch. So auch, was mit Sprach- und Wortbildung zusammenhängt. Zunge, Kehlkopf bis in die Lunge hinein ist ätherisch genommen ein ganzer Mensch und führt gewisse Bewegungen aus. Was im Kehlkopf und in den anderen Organen vibriert, ist eine Abschwächung dessen, was in großartiger Weise vor sich geht, während der Mensch spricht und denkt. Beobachten kann man es am Kehlkopf, an der Zunge, am Gaumen. Eurythmie ist Ausdruck durch den ganzen Menschen, was beim Sprechen zum Beispiel nur einen Teil des menschlichen Organismus in Bewegung setzt. In der Eurythmie setzt sich der ganze Mensch in Bewegung, statt wie bloß durch den Kehlkopf wird durch den ganzen Körper gesprochen. Im menschlichen Sprechen sind auch die menschlichen Gefühle beteiligt. Auch was durch den Reim hineinkommt und durch das Musikalische, wird durch Eurythmie ausgedrückt.

Was der Ätherleib zum Ausdruck bringt, kann zu solchen Bewegungen geformt werden, die im gewöhnlichen Sprechen, im gewöhnlichen Singen nur veranlagt, aber nicht ausgedrückt werden; wir halten zum Beispiel mit dem Kehlkopf eine nach vorn gehende Bewegung zurück. In der Eurythmie dagegen wird diese Bewegung ausgeführt, dieser Timbre des Gefühls kommt da zur Offenbarung, virtuelle Energie wird in potenzielle Energie umgesetzt.

Das gibt nur eine Andeutung, dass wir etwas Reales wollen mit der Eurythmie. Was sonst in die Geste der Luft und in die Nachbarorgane übergeht, wird in der Eurythmie ausgeführt, wird zum Bild. Durch jede Verbildlichung kommt man aber dem Geistigen näher. Gewissermaßen objektiv wird das, was subjektiv ist; der Mensch wird Abdruck eines Überpersönlichen, er wird Abbild eines Geistlichen. Dadurch wird aber die Eurythmie herausgeholt aus dem, was sonst gewöhnlich als Tanzkunst gepflegt wird, was aber sonst ein Ausdruck des Persönlichen ist. Die Mimik der Persönlichkeit wird mehr oder weniger zurückgedrängt. Gesetzmäßigkeit wird erstrebt, die dem Musikalischen zugrunde liegt. In der Eurythmie wird das geschaffen, wodurch sie eine Kunstrichtung wird, für die sie ganz besonders veranlagt ist.

Neuere Kunstrichtungen sind der Impressionismus und der Expressionismus. Wenn ein Maler nebeneinander die Farbenpunkte so setzt, dass in einer gewissen Entfernung für das Auge ein Eindruck entsteht, wie er sonst durch Licht, Materie und Schlagschatten entsteht, dieses Ineinander-Flimmern wird durch den Impressionismus erzeugt. Im Expressionismus wird darauf gar nichts gegeben, sondern nur auf das, was in der Seele des Künstlers gewissermaßen hellsichtig erlebt wird. Es wird erreicht durch gewisse Farbenzusammenstellungen. Expressionismus ist genau entgegengesetzt dem Impressionismus. Es braucht einem nur zu gefallen, was der Künstler in seiner Seele durchlebt hat. Die Dichtkunst ist in ausgesprochenem Maße eine impressionistische, die Tanzkunst dagegen eine expressionistische Kunst. Gerade durch die Ausdrucksformen der Tanzkunst kommt das Seelische im Menschen zum Ausdruck. In den letzten Jahren wirkte die Dichtkunst zusammen mit der Eurythmie. Dadurch wirkt gerade das Impressionistische zusammen mit dem Expressionistischen und das trat wie eine Forderung auf. Anfangs glaubte man, das Rezitieren sollte ganz zurücktreten. Dadurch aber, dass beides zum Ausdruck kommt, werden zwei Empfindungsströme in der menschlichen Seele erzeugt. Die eine Strömung ist die, dass man eine leise Furcht und die andere die, dass man ein leises Schamgefühl hat. Dass die zwei wie entgegengesetzte Pendelausschläge ausschlagen, dass man immer hin und her schwingt zwischen den zwei Empfindungen, das ist es gerade, was sein soll. Das eigentümlich harmonische Zusammenwirken kommt dadurch zustande, bald tönt das eine vor, bald das andere. Man hofft, dass aus der Eurythmie etwas herauskommen kann, wovon wir uns jetzt noch keine Vorstellung machen können, was sich dann aber auch exponieren, öffentlich sehen lassen kann. Umgegriffen hat gerade in der Zeit allerlei Tanzliches, worüber die Menschheit eine geistige Magenverstimmung erhalten hat. Die Terpsichoritis gehört auch zu dem, was die Menschheit in den letzten Jahren befallen hat. Wenn Eurythmie vorgeführt wird, da macht man mit dem Ätherleib mit - soll man das tun? Was das Gedicht nicht sagt, da kann manchmal die eurythmische Umsetzung auf Hintergründe hinweisen, die sonst verborgen bleiben, herausstellen kann sie, was durch den Dichter wirkt, und was nicht durch Worte gegeben werden kann. Dasjenige kommt dadurch aus dem Kunstwerk heraus, was sonst nicht geoffenbart würde.

Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer kann durch die eurythmische Aufführung manches gewinnen. In seinen Dichtungen lässt er überall in leiser, vibrierter Art durchklingen, wie in halbbewusster Weise die Geisteswelt herandringt. Er vergisst seinen Zusammenhang mit der physischen Welt und fängt an zu träumen. In einer besonders eindringlichen, wenn auch leisen Weise spricht ein dunkler Geisteston mit. Durch alle seine Gedichte ist das so. Das hängt mit der Tragik des Künstlers zusammen; er hat einen Teil seines mittleren Lebens im Sanatorium zubringen müssen. Seine Verbindung mit der geistigen Welt hat ihn geschwächt und in eine schwere Geistesstörung gebracht. Er hat in einer tragischen Weise seine Gesundheit der Muse zum Opfer gebracht, und das hört man leise mitschwingen. In einer besonders eigentümlichen Weise eignen sich Meyers Dichtungen aus der Bewegung oder gewollten Bewegung, dasjenige, was der Geist durch die menschliche Sprache wirkt, vor unser Auge, vor unser Seelisches hinzustellen.

Rezitiert und eurythmisch vorgeführt wurden folgende Gedichte: «Die gegeißelte Psyche», «Der Gesang des Meeres», «Der Gesang der Parze», «Michelangelo und seine Statuen» und «Das Geisterross».

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →