Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 19 February 1918, Munich
Ansprache zur Eurythmie
Wie die Eurythmistin Annemarie Donath in ihren Erinnerungen schreibt, fand die der Ansprache folgende kleine Eurythmie-Anjführung, an der sie selbst mitwirkte, «in einem Privathaus» statt.
Als vor einer Reihe von Jahren Frau Smits die Anregung gab, etwas im Sinn einer Durchgeistigung der Tanzkunst innerhalb unserer Bewegung zunächst zu schaffen, da war die Frage diese: In welcher Art könnte man dieser besonderen Kunstform heute beikommen? — Nicht wahr, bei einer solchen Gelegenheit muss man ins Auge fassen, dass in unserer Zeit vieles gerade auf künstlerischem Gebiete besteht, was, ich möchte sagen ein sehr spätes Produkt darstellt von irgendetwas, das in längst vergangene Zeiten zurückführt. Man kann sagen: Es existieren in unserer Zeit diese oder jene Bestrebungen, von denen man nur spätere Stadien kennt, nichts vom Ursprung. - Wenn unsere Bewegung eine größere Bedeutung haben soll, so muss sie unter anderem dies auch dadurch gewinnen, dass sie in mancher Beziehung an Ursprüngliches in der Menschheit anknüpft. Und so handelt es sich darum, gewissermaßen nach den Quellen dieser Kunstform zu suchen. Die verschiedensten künstlerischen Bestrebungen sind ja — man überzeugt sich davon, wenn man durch okkulte Wissenschaft zu den Quellen zurückgeht -, sind ja eigentlich dadurch entstanden, wenn ich mich kurz ausdrücken will, dass der Mensch sein eigenes Wesen, das zunächst an ihm unmittelbar ist, in einer gewissen Weise aus sich heraussetzt und in der physischen Welt nachahmt. So sind alle künstlerischen Bestrebungen auch entstanden. Erlebnisse, die im Unterbewussten ablaufen, werden sichtbar in der äußeren Welt gemacht.
Dadurch kam dann der Gedanke, das, was ja eigentlich im menschlichen Ätherleib immer in einer regelmäßigen Weise tanzt, nämlich die Gegend des menschlichen Äther- oder Bildekräfteleibes, die die Kehlkopf-, die Sprachorgane überhaupt umschließt, diesen Teil zu beobachten. Und weil es im Wesen der Welt liegt, dass überall Metamorphose sich verwirklicht, dass der Teil überall strebt, ein Ganzes zu werden, und das menschliche Leben gerade darin liegt, das Ganze des Teiles zu entzaubern, so kam man naturgemäß durch eine Selbstverständlichkeit auf den Gedanken, das, was übersinnlich am menschlichen Ätherleib sich verwirklicht, während er spricht, während er singt, das herauszustellen in die ganze menschliche Organisation.
Nicht wahr, so wie der Bildhauer äußerlich verwirklicht, was in der menschlichen Form zum Ausdruck kommt, so der Geistesforscher das, was in dem menschlichen Kehlkopf respektive in den angrenzenden Organen durch die Kräfte des Ätherleibes bewirkt wird. Und so entstand die Eurythmie durch Zusammenfügung zunächst der Bewegungen, die die menschlichen Glieder ausmachen können, die ausführen können dasjenige, was der Kehlkopforganismus ausführt, wenn er spricht oder singt.
Dann aber lebt in demselben Teil des Bildekräfteleibes des Menschen außer diesem In-Bewegung-sich-Befindlichen noch Zurückgehaltenes, das, was durch unsere Seele zieht, indem wir fühlen, indem wir Willensimpulse empfinden, die in Handlungen übergehen können oder auch nur empfunden werden. Das alles kommt nicht in derselben Weise im Bildekräfteleib des Kehlkopfes zum Ausdruck wie das Wort, der Ton selbst, sondern es kommt so zum Ausdruck, dass es sehr gestaltenhaft ist. Wir tingieren, wir durchdringen unsere Sprache und unser Singen mit dem Willenston. Das geht aber nicht in die Bewegung über, das stockt gewissermaßen die Bewegung. Im Ätherleib ist es so, dass bei einem bestimmten Laut ein Schwung, irgendeine Bewegung ausgeführt wird. Gefühl kommt in die Sache hinein dadurch, dass diese Bewegung in bestimmter Weise abgestumpft wird und in Bewegung eine Form entsteht. Während die Bewegungen des Ätherleibes direkt abgebildet werden durch unsere Eurythmie, wird das, was im natürlichen Sprechen steckt, sich in die Töne ergießt, das wird in der Eurythmie versucht, aufgelöst zu werden, herausgesetzt zu werden. Also, wir setzen in der Eurythmie wirkliche Bewegung um in Bewegungen der menschlichen Gliedlichkeit, oder wir lösen solche Bewegungen, die latent sind, während der Mensch spricht, in wirkliche Bewegungen, in Bewegungen, die dann der menschliche Organismus außerhalb seiner Gliedlichkeit ausführt durch Beugen des Kopfes nach vorwärts und rückwärts, oder dadurch, dass wir Gruppentänze machen. Aber Sie schen, dass, was wir machen, nicht irgendetwas Erfundenes ist, sondern ein Abbild dessen, was im menschlichen Organismus vorliegt. Dadurch geht man zurück wirklich auf die Prinzipien des alten Tempeltanzes; denn alles das, was ursprünglich wirklich Tempelkunst war, hatte zu seinem Prinzip die Durchdringung des menschlichen Lebens mit der Gewalt des Wortes. Aber unter «Wort» wurde nicht das verstanden, was wir verstehen können darunter, sondern die im Sphärenklang die Welt durchtönende Weisheit, die sich auf den verschiedensten Gebieten zum Ausdruck bringt, die einen reinen Ausdruck hat in der menschlichen Sprache, einen etwas abstrakteren Ausdruck im menschlichen Gesang, die eine Vermaterialisierung in der Instrumentalmusik hat, die erlöst werden kann, wenn in der geschilderten Weise der ganze menschliche Organismus in Gestaltung und Bewegung gebracht wird. Das ist eigentlich das Prinzip, um das es sich handelt.
Es ist damit, glaube ich, etwas doch wenigstens inauguriert, wenn auch noch nicht geleistet worden, was einer Entwicklung fähig ist. Und wir haben im Laufe der letzten Jahre gesehen, wie unsere die Eurythmie treibenden Mitglieder die Sache vorwärtsgebracht haben, wie sie hinzufügen konnten zu der Sache auch die Gefühls- und Willensdurchtönung. Die Sache kann weitergetrieben werden, kann nach und nach übergehen so, dass sie auch vor die Öffentlichkeit hintritt. Es wird da aber vorausgesetzt werden müssen, dass furchtbar geschimpft werden wird über die Sache; allein das ist selbstverständlich. Es muss eben durchgehalten werden. Nicht aber soll man glauben, dass die Eurythmie, wenn von ihr gesagt wird, dass sie in die Öffentlichkeit gebracht werden soll, in die Welt des gegenwärtigen Philistertums übergeleitet werden [soll]. Wenn Sie glauben sollten deshalb, dass man in den von der schlimmsten Philisterhaftigkeit heute durchzogenen Unterrichtsanstalten irgendetwas machen kann im Ernste, indem man ein Teilweises einführt, so würden Sie sich dadurch furchtbaren Illusionen hingeben. Was ich gestern gemeint habe mit Übertritt in die Öffentlichkeit, bezog sich darauf, dass diese Kunst von denen, die diese Kunst gut können, vor die Öffentlichkeit hingestellt wird und abgewartet wird, wie diese Kunst aufgenommen wird. Dass man gleich in die philiströse Welt die Sache überführen soll, war nicht gemeint. Das Überführen unserer Sache in das weitausgedehnte Land Philistertum, das jetzt alle Bestrebungen umgibt, die nur wie einzelne Oasen sich darinnen vorfinden - das Land Philistertum kann nur in äußerst vorsichtiger Weise von den Sachen nach und nach etwas erfahren und beeindruckt werden davon.
Wir haben selbst im Laufe der Jahre etwas gelernt an dem Eurythmie-Treiben. Anfangs dachten wir die Sache zu bloßer Ausdruckskunst zu machen. Das war bedenklich, weil es eine solche eigentlich nicht geben kann. Die Eurythmie ist aber geschützt davor, sie hat selbst Leben. Sie ist geschützt dadurch, dass sie der Wirklichkeit entlehnt ist, also demjenigen entlehnt ist, das nicht bloß Ausdruck sein kann, sondern von innerem Selbstleben durchsetzt sein kann. Daher hat es sich wie von selbst ergeben, dass die Rezitation, die anfangs mehr zurückgetreten ist, sich wie [eine] selbstständige Kunst neben die Eurythmie hinstellt, wie es in früherer Zeit auch war, wo die einzelnen Künste einander getragen haben und Glieder waren in einem Totaleindruck, der eigentlich erst durch den aufnehmenden Menschen selbst in der Seele hervorgerufen wurde. Man muss nämlich bedenken, dass doch auch der künstlerische Prozess des Empfangens wie der des Schaffens ein außerordentlich komplizierter ist. Es geht in der Seele niemals eines nur vor, wenn wir Künstlerisches aufnehmen oder Künstlerisches schaffen, sondern es geht etwas unterbewusst Bleibendes, Rhythmisches vor in der Seele. Und analysiert man seelisch das, was in der Seele vorgeht im künstlerischen Schaffen und Empfangen, so hat man, wie eine Saite ausschlägt nach zwei Seiten, ein Schlagen der Gemütslage nach zwei Seiten. Es wird nur verhindert, dass die Sache zur Bewusstheit kommt dadurch, dass die eine die andere paralysiert. Es ist ein Hin- und Her-Schlagen von Scham- und Furchtgefühlen. Die Furcht wird veranlagt, die Scham wird veranlagt. Dieses Ausschlagen der Seele wird gegenseitig paraIysiert dadurch, dass der Ausschlag nach beiden Seiten stattfindet. Wer künstlerisch lebt, an dem ist bemerkbar, dass er eigentlich immer zwei Tendenzen hat. Die eine geht dahin zu erröten, und wenn sie erröten will, hält sie den Organismus zurück. Es wird aus der Ruhe herausgegangen, aber nicht zum einseitigen Ausschlag, sondern dieser wird gleichzeitig paralysiert. Das drückt sich auch aus im Zusammenwirken von einer rein expressionistischen Kunst, die stärker das Erblassen bewirken würde und immer nach der einen Seite des Erblassens stärker ausschlagen würde, und in einer impressionistischen Kunst, die stärker nach dem Erröten ausschlagen würde. Dadurch bekommt man eine wunderbare Kompensation, wenn man beide Dinge zusammenwirken lässt.
Es ist schon einmal der psychologische Prozess bei den einfachsten Dingen des Lebens ein komplizierter. Und sowenig man etwas ahnt davon: Im wirklichen künstlerischen Leben werden die Seelen tatsächlich hin- und hergerissen zwischen Fürchten und SchamEmpfinden, zwischen Erröten und Erblassen. Aber dass gerade [das] Eigentümliche des Lebens in der Kunst dem Bewusstsein sich in anderer Weise darstellt, dem liegt etwas in der Seele zugrunde - so wie im Meer -, was man in so komplizierter Weise beschreiben und was derjenige kennen muss, der sich so in der Kunst beschäftigen will wie in den Zeiten, wo man nicht in Willkür künstlerische Formen zu schaffen suchte, sondern aus der Tiefe des geistigen Lebens selbst heraus.