Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 26 February 1918, Stuttgart

Ansprache Zur Eurythmie

Meine lieben Freunde! Vor schon einer ganzen Reihe von Jahren gab Frau Smits einmal die Anregung, ob nicht irgendetwas aus [einer aus der Geisterkenntnis geschöpften Anschauung über die Zeit und ihre künstlerischen Anforderungen, ob nicht aus unserer Bewegung heraus etwas entstehen könnte, woraus dann später die eurythmische Kunst geworden ist. Es handelte sich dann dazumal natürlich darum, wenn aus einer solchen Anregung etwas hervorgehen sollte, nicht irgendein Willkürliches, ein willkürlich Festgesetztes zu finden, sondern irgendetwas, welches aus der Erkenntnis, aus der Beobachtung des menschlichen Wesens und seiner künstlerischen Möglichkeiten sich ergeben könne. Man muss, wenn man sich überlegt, um was es sich bei der Eurythmie zunächst eigentlich handelt, man muss ein wenig zurückblicken — wenn ich das auch nur mit ein paar kurzen Sätzen andeuten kann - auf die Entstehung des Künstlerischen in der menschlichen Entwicklung überhaupt. Wir haben es ja bei dieser oder jener Gelegenheit betont, dass das Künstlerische nicht isoliert entstanden ist, sondern dass es hervorgegangen ist aus demselben Quell, aus dem andere menschliche Kulturziele sich entwickelt haben. Erkenntnis, also dasjenige, was man im nüchternen Leben oftmals Wissenschaft nennt, Religion, Kunst - sie sind alle drei im Grunde genommen aus demselben Quell hervorgegangen. Und wenn man in die alten Tempel geht, so findet man, dass da nicht eine abgesonderte Kunst, eine abgesonderte Wissenschaft, eine abgesonderte Religion war, sondern dass da zu finden war eine Erkenntnis, die unmittelbar auf die Gestaltung, auf die Konfiguration des Weltenalls ging, die anschaute in Ideen dasjenige, was dann versucht wurde im religiösen Kultus so zum Ausdruck zu bringen, dass in diesem religiösen Kultus sich das Verhältnis des Menschen zu dem wissenschaftlich, erkenntnisgemäß Erschauten zum Ausdruck brachte. Und wiederum die Kunst war nichts anderes als ein im Menschengeist Gestalten, Formen desjenigen, was erkannt wurde, was religiös erkannt wur de. Kurz, diese drei Kulturströmungen: Religion, Wissenschaft und Kunst, sie erwachsen aus einem einzigen Quell, aus einer einzigen Wurzel heraus. Wie alles das, was sich im Menschenleben weiterentwickelt hat, nur dadurch kommt, dass es in vereinzelte Strömungen sich auseinandertrennt, so ist es auch eben gegangen mit Religion, Wissenschaft und Kunst. Aber wir leben nun einmal in einem Zeitalter, in dem dasjenige, was sich aus Entwicklungsnotwendigkeiten heraus getrennt halten musste durch Jahrtausende, in dem das zusammenstrebt wieder. Richard Wagner schon hat von dem Gesamtkunstwerk geträumt und auch nach einer gewissen Richtung hin es durchgeführt. Wenn aber ein solches Zusammenstreben stattfinden soll, so müssen nicht nur einzelne Kunstzweige aus sich heraus einen mehr innerlichen Charakter annehmen, einen Charakter, der mehr spirituell ist, annehmen, damit sie sich im Spirituellen wiederfinden können, sondern es müssen auch mehr oder weniger ungepflegte Kunstzweige zu den alten noch hinzukommen. Und man kann sagen, so, wie wir die Eurythmie auffassen, so ist sie eigentlich etwas, was erst in unserer Zeit entstehen kann. Die Tanzkunst bei dieser Vereinzelung, bei ihrer Isolierung - denn die einzelnen Künste haben sich auch wieder isoliert —, sie wurde mehr und mehr ein Ausdruck des Subjektiven, des Persönlichen im Menschen, des Emotionellen. Das ist keine Kritik, sondern eine Charakterisierung. Es handelt sich darum, etwas zu finden, das mit dem allgemein Menschlichen, mit dem umfassenden universell Menschlichen zusammenhängt. Da ergab sich denn zunächst einmal dieser Versuch. Es ist dasjenige, was als Eurythmie dargeboten wird, zunächst nur ein Versuch, aber wir haben im Lauf der Jahre ja gesehen, dass er vorwärtsgekommen ist, dass heute unter uns schon mehr Eurythmie ist als vor Jahren. Alles schreitet fort, und dass wir diesem Gesetz des Vorwärtsschreitens folgen, ist ein Beweis dafür, dass etwas Lebendiges in der Eurythmie steckt. Es handelt sich darum, etwas wirklich Lebendiges zu schaffen, und wir kamen auf die Idee, das, was im Menschen eigentlich schon da ist, in einer gewissen Weise umzusetzen.

Wenn man den Menschen kennt, so weiß man, dass der Mensch eigentlich nicht nur ein Gesamtsystem, ein gesamtes organisches System ist, sondern aus einer Anzahl Gliedsystemen besteht. Dasjenige, was wir Ätherleib oder Bildekräfte nennen, ist in einer anderen Weise gegliedert als der physische Leib. Und man kann sagen, dass in dem Äther- oder Bildekräfteleib, insofern er zugrunde liegt den menschlichen Kehlkopforganen und allem, was damit zusammenhängt: Gaumen, Lippen und so weiter, dass dieser Teil des menschlichen Ätherleibes, der also den Sprachwerkzeugen zugrunde liegt, während der Mensch dem Worte Dasein verschafft, während der Mensch spricht, dass dieser Teil des Ätherleibes in einer gewissen Weise eigentlich tanzt, ausdrucksvolle Tänze vollführt. Wir können nicht sprechen, ohne dass dasjenige vom Ätherleib, was hinzugeordnet ist zu Kehlkopf und [den] Anhangsorganen, gewisse Bewegungen ausführt. Diese Bewegungen, die können nun auf den ganzen Menschen übertragen werden, die können durch den physischen Leib ausgeführt werden, weil ja schon von Natur aus nicht nur die einzelnen Systeme des Menschen ineinander übergehen, wie die Goethe’sche Metamorphosenlchre zeigt, sondern auch der ganze Mensch in einem gewissen Sinne ein metamorphosiertes, ein einzelnes Organsystem ist. Der ganze Mensch kann Kehlkopf werden. Und es ist im Wesentlichen die eurythmische Kunst, dass dasjenige, was unsichtbar der Ätherleib des Kehlkopfes ausführt, nicht gesprochen oder gesungen wird, dass das ausgeführt wird durch den ganzen Menschen. Es ist also nichts irgendwie Erdachtes oder Ersonnenes, sondern es ist nur die Hand-, die Kopfbewegung, Arme, Beine - wie man überträgt dasjenige, was der Teil des Ätherleibes, der dem Sprachsystem zugrunde liegt, ohnedies übersinnlich ausführt, ins Sinnliche übersetzt: die Eurythmie des Wortes, die übersinnliche Eurythmie des Wortes. Die Bewegungen also, die der Ätherleib des Kehlkopfes oder [der] Anhangsorgane ausführen, die werden umgesetzt in physische Bewegungen, in Bewegungen des physischen Leibes.

Es gibt aber noch andere Bewegungen, die der Ätherleib des Kehlkopfes in einer gewissen Weise zurückhält, die er aufhält, die latent bleiben, mit einem physikalischen Ausdruck gesagt.

Der Mensch spricht ja nicht bloß abstrakt, teilnahmslos, sondern er durchdringt seine Worte und Sätze mit demjenigen, was aus dem Herzen quillt, was Gefühl, Empfindung, aufgehaltene Willensimpulse und so weiter ist. Dieses alles verwebt sich so in die Bewegungen des Ätherleibes des Kcehlkopfes, dass es jetzt zurückgehalten wird, dass es nicht zum Ausdruck kommt, dass es in Formen erstarrt. Dasjenige, was da aus der Gefühls-, aus der Empfindungswelt während des Sprechens in Formen umgesetzt wird, das lösen wir nun in der Eurythmie auf, indem wir den Organismus selbst, entweder in sich oder in dem Raume Bewegungen machen lassen, oder so, dass er seine Bewegungen zu anderen Persönlichkeiten ausführt, dass wir auf Gruppentänze übertragen dasjenige, was in der empfindungsgemäßen oder sonstigen gefühlsgemäßen Gestaltung des Wortstoffes zum Ausdruck kommt. Auch das, was reiner Rhythmus ist und sonst zurückgehaltene Bewegungen des Kehlkopforganes des Ätherleibes, das wird in Bewegung umgesetzt. Sodass die Eurythmie, soweit wir sie bis jetzt gebracht haben, aus zwei Gliedern besteht: Umsetzung von naturgemäßen Bewegungen des Ätherleibes des Kehlkopfes und Auflösungen der Bewegungen desjenigen, was in diesem Ätherteil des Menschen enthalten ist, was aus der Bewegung in die Form umgesetzt ist.

Sie sehen also, es ist nur die Übertragung auf den ganzen Menschen und im Verhältnis auf die Menschen desjenigen, was schon da ist. Dadurch wird in einem gewissen Sinne etwas geschaffen, was man eigentlich bezeichnen kann als so recht den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Gegenwart bis zu einem gewissen Grad entgegenkommend. Sie werden ja verschiedentlich gehört haben, meine lieben Freunde, wie die Gegenwart allerdings, indem sie gewisse dunkle, ahnungsvolle Impulse noch nicht ausgestalten kann, strebt unter gewissen Schlagworten nach gewissen künstlerischen Erscheinungen. Schlagworte wie Impressionismus und Expressionismus haben ja in unserer Zeit, ich möchte sagen einen berechtigt-unberechtigten Klang gewonnen. Berechtigt ist der Klang allerdings, weil sich in dem Streben nach Impressionismus und Expressionismus etwas ausdrückt, was aller Kunst zugrunde liegt und was voll berechtigt ist. Man kann sagen: Die expressionistische Kunst, sie strebt mehr nach dem, was man nennen könnte in Sinnliches, in äußeres Sinnliches Umsetzen, was im Menschen zwar fortwährend nach Vision strebt, was aber nicht Vision werden darf beim gesunden Menschen. - Denn das, was im Menschen fortwährend nach Visionen strebt, es muss unten gehalten werden im gesunden Leben. Setzt man in die Außenwelt dasjenige hinein, was eigentlich die Vision will, aber sich innerlich nicht in Halluzinationen ausdrücken darf, so hat man die expressionistische Kunst. In diesem Sinne ist die Eurythmie im ganz besonderen Maße eine expressionistische Kunst, eine Kunst, die in echtem und berechtigtem Sinne Ausdruckskunst ist, namentlich wenn vermieden wird alles Willkürliche, alles, was aus der subjektiven menschlichen Persönlichkeit stammt, alles Pantomimische, alle Mimik und so weiter, wenn eben nur wirklich das Objektive, das ich angedeutet habe als Umsetzung der Bewegungen des Ätherleibes des Kehlkopfes, in Betracht kommt.

Nun haben wir anfangs die Rezitation mehr zurücktreten lassen und haben gemeint, die Eurythmie als solche unmittelbar hinzustellen. Das kann natürlich durchaus sein, aber es hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass gerade mit dem Ausbilden der Eurythmie sehr gut die Pflege der Rezitation nebenher in selbstständiger Weise wiederum als anderes künstlerisches Element gehen kann. Denn wenn man sagen kann, dass Eurythmie wirklich im hohen Maße expressionistische Kunst ist, so ist dasjenige, was nun Rezitation ist, was Gesang ist, im ausgesprochensten Maße eine impressionistische Kunst. Und diese Zusammenfassung, dieses harmonische Zusammenklingen eines expressionistischen und eines impressionistischen Elementes in der Kunst, das ist etwas, was, wie ich glaube, gerade wichtige Kunstimpulse in unserer Zeit vorwärtsbringen kann.

Sehen Sie, so richtig hineinschauen in dasjenige, was die Kunst soll, kann man ja eigentlich nur von einem geisteswissenschaftlich-psychologischen Standpunkte aus. Es handelt sich darum, zur richtigen Wertung des Künstlerischen hineinzuschauen in die Seele, was eigentlich sowohl bei dem Kunstgenießenden wie bei dem Kunstschaffenden, Kunstausübenden in dem Seelenleben vor sich geht. Das ist nicht so einfach. Denn gerade beim Künstlerischen ist das so, dass immer gewisse Seelenimpulse, ich möchte sagen wie Wogen im Seelenleben nach aufwärts schlagen, aber bevor sie zum Ausdruck kommen, abgestumpft werden, so, wie wenn Meereswogen im Innern des Meeres nach aufwärts schlagen würden, aber vorher durch etwas zurückgestaut werden müssten. Es sind nämlich zwei Gefühlsimpulse, die im Grunde allem künstlerischen Empfinden, allem künstlerischen Schaffen zugrunde liegen. Das eine ist ein Empfindungsimpuls, der, wenn er sich ganz ausbilden würde, zum Erröten führen würde. Denken Sie sich den Empfindungsimpuls, der den Menschen, wie zum Beispiel beim Schamgefühl, zum Erröten führt, denken Sie sich diesen unten in der Seele wirksam, bevor es zum Erröten kommt, dann haben Sie einen rhythmischen Schlag, der sich nicht voll auslebt.

Das andere, was in der Kunst lebt, das würde, wenn es sich ausleben würde, zum Erblassen führen. Alles, was in der Furcht lebt, es darf nicht zum Erblassen führen. Nun denken Sie sich einmal diese beiden Empfindungsimpulse, das, was zum Erblassen, das, was zum Erröten drängt, ineinanderströmend, dann haben Sie dasjenige Seelenleben, was eigentlich dem Künstlerischen zugrunde liegt, was in gewisser Weise im Unterbewussten bleibt. Es darf kein Extrem herauskommen, es muss ineinanderwirken.

Nun hat man gerade die Möglichkeit, wenn man Rezitation und Eurythmie Zusammenwirken lässt, das, was zum Erblassen führen würde durch die Eurythmie, was zum Erröten führen würde durch die Rezitation, ineinander klingen zu lassen. Man hat also wirklich etwas, was im besonderen Maße den künstlerischen Bedürfnissen, der künstlerischen Veranlagung der menschlichen Seele entgegenkommt. So kann man auch die Sache vom subjektiv menschlichen Standpunkt aus ansehen.

Ich glaube nun allerdings, dass es vielleicht bald an der Zeit sein könnte, dass durch diejenigen Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft, welche sich eingehend mit der Eurythmie befasst haben, diese Eurythmie auch vor die Öffentlichkeit getragen würde. Das ist allerdings mit einigen Schwierigkeiten verbunden, denn man muss sich ganz klar darüber sein, dass auf der einen Seite ja durch viele Bestrebungen der letzten Jahre, die mehr eine emotionelle Tanzkunst allerdings pflegen, aber eine Tanzkunst vor die Öffentlichkeit getragen haben, schon Vorurteile geschaffen sind gegen diese Art von Kunst. Man spottet ja schon längst über solche Psychosen, die zu den anderen Psychosen getreten sind, indem in der verschiedensten Weise man sich tanzend in den letzten Jahren produziert hat. Und auf der anderen Seite wird dasjenige, was da eigentlich gewollt wird in der Eurythmie, nämlich etwas innerlich Gesetzmäßiges zu geben, nicht das, was von vorneherein zur Subjektivität deshalb spricht, weil es sich nicht erst aufzuschwingen braucht zu dem, was da eigentlich vorliegt. Das widerstrebt ja, nicht wahr, von vornherein manchem. Es ist ja bis jetzt nur, ich möchte sagen — aber es steht auch schon auf der Kippe -, es ist bis jetzt nur die Musikkunst vor der Gefahr bewahrt worden, dass der, der gar nichts von ihr versteht, eigentlich der richtige Beurteiler ist, dass man sich nicht erst in ein Verständnis einzuleben hat. Auch das wird nächstens anders werden. Aber der bildenden Kunst und allen anderen Künsten gegenüber ist man längst auf dem Standpunkt, dass derjenige das richtige Urteil hat, der sich nicht in die Gesetze der Kunst, in das, was die Kunst sein soll, in Wirklichkeit eingelebt hat. Nun muss ja bei der Eurythmie das schon walten, dass man sich erst einleben muss. Daher wird- mit Respekt zu vermelden - der Journalismus, der heute tonangebend ist, furchtbar schimpfen, und ich habe schon eine leise Scheu davor, wenn unsere selbstverständlich durch Kunst und Leben etwas sensitiv gewordenen Damen vor die Öffentlichkeit hintreten müssen und da, nicht wahr, ordentlich ausgeschimpft werden. Das werden sie ja unweigerlich, das ist ganz selbstverständlich, denn würden sie es nicht, so würde ihre Kunst nichts wert sein. Würden sie gelobt werden, so würde die Sache sehr verdächtig sein. Wie gesagt, ich habe schon eine leise Scheu davor, aber es muss ausgehalten werden. Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass wir auch auf diesem Gebiet zunächst unsere Berechtigung dadurch erweisen, dass unsere Darbietungen gründlich durchgeschimpft werden. Das, nicht wahr, muss uns nicht irgendwie mutlos machen, sondern uns gerade das Rückgrat stärken. Das sind so die paar Worte, die ich über die Eurythmie sagen wollte.

Programm zur Aufführung

Gebet der Elisabeth (aus dem «Tannhäuser») Richard Wagner
Verschiedene Gedichte C. F. Meyer
O Nacht, du Sternenbronnen Christian Morgenstern
Abendröte Friedrich Lienhard

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →