Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 1 June 1918, Vienna
Ansprache Zur Eurythmie
Die Ansprache und die darauffolgende Eurythmie-Aufführung fand im Atelier des Ehepaars Maria und Alexander Strakosch (XII Wien, Penzingerstr. 39) um 20 Uhr statt.
Meine lieben Freunde! Es wurde mir gesagt, dass es vielleicht wünschenswert ist, dass ich über den Sinn und das Wollen der Eurythmie einige Worte vorausschicke.
Ich darf wohl sagen, dass diese Eurythmie etwas ist, das uns gewissermaßen vom Karma zugeführt worden ist. Es ist überhaupt in unserer Bewegung so, dass es sehr gut ist, immer den Versuch zu machen, ob von da- oder dorther ein Wink kommt, dass dieses oder jenes zu tun sei. Eurythmie ist eigentlich dadurch entstanden, dass ein Mitglied von uns eines Tages vor einigen Jahren an mich herangetreten ist, Frau Smits aus Düsseldorf, und gefragt hat, ob man irgendetwas der Tanzkunst Ähnliches für die, die sich der Sache widmen wollen, schaffen könnte. Nun ist es selbstverständlich, dass innerhalb unserer Bewegung nur Dinge geschaffen werden können, die aus unserem Vorstellungskreis, aus unserer ganzen Bestrebungsrichtung heraus gedacht sind. Und so musste man sich denn zunächst erinnern, dass im Grunde alle Künste mit allen übrigen menschlichen geistigen Betätigungen zusammen einen gemeinsamen Ursprung haben. Es ist durchaus so, dass in durchaus erreichbaren Zeiten der menschlichen Entwicklung Erkenntnisstreben, religiöses Streben und Schönheitsstreben eine einzige Quelle haben. Es war gewissermaßen die Hinlenkung der menschlichen Seele nach dem gemeinsamen Geistigen, das bald angeschaut wird durch die menschliche Erkenntnis, bald in Hingebung der menschlichen Seele in den Kultushandlungen erreicht werden konnte, oder es sollte scheinen durch die äußerliche Sinneswirklichkeit als Offenbarung in der Kunst.
Die Künste selbst sind erst später einer gewissen Differenzierung unterworfen gewesen. Sie gehen auf eine Art Ur-Kunst zurück. So kann man sagen, dass innerhalb dieses Urkünstlerischen dasjenige, was sich dann auch vielfach nach dem Unkünstlerischen und Widerkünstlerischen hinüberentwickelt hat, die Tanzkunst, hervorgegangen ist. Nun kann man in unserem heutigen Kulturzyklus selbst nicht so schaffen, meine lieben Freunde, nicht so schaffen, wie die Dinge ursprünglich ausgesehen haben. Alles Zurückgehen auf frühere ÄuRerungen der Menschen würde auf Abwege führen. Man muss heute ganz aus dem, was eigentliche Entwicklungsimpulse, Kulturimpulse der Menschheit der Gegenwart sind, aus denen heraus muss man die Dinge schaffen.
Es handelt sich darum, sich zu fragen: Wie kann der Mensch heute, sagen wir — es soll nicht missverstanden werden - tanzend in Bewegung gebracht werden, sodass dieses «In-Bewegung-gebrachtWerden» nicht irgendeiner Willkür unterliegt, sondern dass es die Offenbarung eines inneren Geistig-Gesetzmäßigen ist. Da hat sich zunächst ergeben — die ganze Sache ist im Anfange und wird sich wohl weiterentwickeln lassen -, da hat sich zunächst ergeben, dass das Wort, und das, was vom Worte gilt, gilt auch in gewisser Beziehung vom Gesang, von der Musik im Allgemeinen, es hat sich ergeben, dass das Wort seinen Ausdruck findet durch die gesetzmäRige Bewegung des Kehlkopforganes und der Organe, die in dessen Nachbarschaft liegen. Wir sehen dabei nicht bloß auf das äußerlich Physische, sondern auf das übersinnlich Zugrundeliegende, den ätherischen Organismus. Nun ist das, was Sie kennen als Goethe’sche Metamorphosenlehre, etwas Umfassendes, wenn es umfassend genug gedacht wird. Und beobachtet man das, was der menschliche Ätherleib des Kehlkopfes und der Nachbarorgane tut, während der Mensch im gewöhnlichen Alltagsleben spricht, kommt man auf bestimmte ätherische Bewegungen, aber diese sind auf eine ganz eigentümliche Weise hervorgerufen. Sie sind so hervorgerufen, dass sie im Grunde genommen aus dem ganzen Menschen herauskommen. Sprechen und Singen beruht eigentlich darauf, dass etwas, was der ganze Ätherleib des Menschen ausführen soll, sich konzentriert auf das besondere ätherische Glied des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane. Dadurch ist es möglich, weil der gesamte Ätherleib des Menschen seine Bewegung lokalisiert, unterdrückt und lokalisiert bloß im Ätherleib des Kehlkopfes, dadurch ist es möglich, dass an dieser Stelle durch die ätherischen Impulse, die ausgehen vom Astralleib und Ich, in Bewegung umgesetzt werden, dass Worte hörbar werden und so weiter. Sieht man ab, das heißt, macht man seherisch die Beobachtung, welche Bewegung da zugrunde liegt, kann man sich diese Bewegung ausgedehnt denken über den ganzen Leib des Menschen, dann sind diese Bewegungen, die der Ätherleib ausführt, im Grunde genommen ein Sinnbild, ein natürliches Abbild der Bewegung, die der Mensch ausführt, wenn er spricht.
Was wir Eurythmie nennen, ist nichts Willkürliches. Wir führen es fortwährend aus, während wir sprechen. Der Kehlkopf eurythmisiert fortwährend. Wir übertragen bloß streng sachlich das, was sonst unsichtbar der Kehlkopf ausführt, auf den ganzen Menschen und lassen die Bewegungen, die ausgeführt werden können durch Arme oder sonst irgendein Organ des physischen Leibes, ausführen. Wir lassen den physischen Leib folgen den Bewegungen des Ätherleibes, sodass wir eigentlich nichts anderes tun in der Eurythmie, als dass wir den ganzen Menschen zum Sprechen bringen. Dadurch muss die lokalisierte Bewegung beim Kehlkopf beim Tanzen paralysiert werden, und es muss parallel gehen das gesprochene Wort. Dieses muss als Einfachstes zugrunde liegend gedacht werden. Nun wissen Sie ja, dass nicht nur beteiligt sind der Kehlkopf und seine Nachbarorgane - diese Bewegungen werden also in der Bewegung des ganzen Leibes nachgeahmt -, sondern es ist auch beteiligt unser Seelisches, gewisse seelische Äußerungen, die wir mit einem gewissen Recht dem Herzen, der Lunge zuschreiben, die als gefühlsmäßiger Timbre durchziehen, durchdringen die Bewegungen, die dem Sprechen zugrunde liegen. Die drücken sich nun in unserer Eurythmie dadurch aus, dass wir den ganzen Menschen in Bewegung bringen. Wenn Sie also den Menschen stille stehend denken und die Bewegungen der ätherischen Glieder als Tanzbewegungen sich denken - also Kehlkopf und seine Nachbarorgane. Wenn Sie sich aber den ganzen Menschen in Bewegung denken, ist das der Ausdruck dessen, was sonst verhalten wird; die Bewegungen, die sein Kehlkopf und dessen Nachbarorgane nicht zur Ausführung kommen lassen, die sonst die Sprache wie ein Grundton durchziehen, wenn wir sprechen, die bringen wir nun auch heraus, indem wir gewissermaßen auflösen, was sonst verhalten ist. Dadurch kommt die Bewegung des ganzen Menschen und kommen in den Gruppentänzen die verschiedenen Verhältnisse zum Ausdruck, die die Mittanzenden bilden. So kommt nichts anderes, als was im Sprechen enthalten ist, in dem, was wir Eurythmie nennen, zum Ausdruck. Es ist nichts Erdachtes, sondern was ganz naturgemäß in der menschlichen Organisation begründet ist und aus der menschlichen Organisation herausgeholt ist. Dadurch werden Sie nämlich finden in unserer Eurythmie, dass etwas bloß Emotionelles, etwas, das bloß unmittelbar in der menschlichen Seele sich entlädt, ausleben will, Mimik, Pantomimik, strenge ausgeschlossen ist. Was der Mensch als Auslebung seines Inneren, als Ausdruck des Wortes zur Mitteilung bringen wollte, ist ausgeschlossen. Alles ist so strenge geregelt, wie in der Musik die Töne in der Harmonie geregelt sind. Das, was der Künstler hineinbringt, ist innerhalb der künstlerischen Individualität gelegen, wie jemand eine Beethovensonate so und ein anderer sie so spielen kann - es muss doch eine Gesetzmäßigkeit zugrunde liegen wie in der musikalischen Gesetzmäßigkeit.
Das muss man besonders beachten. Wenn man heute ein Wort besonders anwenden muss, könnte man sagen: Eurythmie ist im ausgesprochenen Sinne eine expressionistische Kunst. Sie bringt zum Ausdruck, was die verhaltene Begleitbewegung des Kehlkopfes zum Ausdruck bringt. Das Seherische wird bei anschaulicher Bewegung ausgeprägt. Wir hoffen, dass wir die Sache zur Ausbildung bringen können. Die Sache ist im Werden. Sie wird erst seit dem Jahre 1912 bei uns ausgeübt, und ich hoffe, dass sie weitergehen kann.
Wir haben im Anfange gesucht, die Rezitation ganz zurücktreten zu lassen, gewissermaßen nur in unbedeutenden Grenzen zu halten. Nun ist aber wirklich die Tanzkunst, wie wir sie denken, eine expressionistische Kunst, die Dichtung eine impressionistische Kunst, und im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass durch zwei sich ergänzende, polarisch sich verhaltende Künste ein ganzes Künstlerisches sich ergibt, besonders, dass als impressionistische Kunst die Rezitation neben die Eurythmie als expressionistische Kunst hingestellt das dann zusammen ein Ganzes gibt.
Ich wollte diese paar Worte vorausschicken, da vielleicht auch hier sich ein paar Wiener Freunde gefragt haben, wie die Bewegungen entstehen. Sie sind etwas, das geschaut ist, eine geistige Bewegung, nichts Willkürliches. Es soll überwunden werden, was heute als willkürliche Tanzkunst auftritt, und es sollte einmal etwas geschaffen werden, was auch als neue Kunst in dieser Richtung eine Art Offenbarung von inneren Gesetzen der geistigen Wirklichkeit ist, die auf dem physischen Plan sich offenbaren wollen.