Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 2 June 1918, Vienna

Ansprache zur Eurythmie

Meine lieben Freunde! Die Veranlassung, diese sogenannte Eurythmie in unserem Kreis zu betreiben, ist eigentlich wie eine Art Schicksalsfügung gekommen, wie wir überhaupt nicht eine agitatorische Bewegung sind, sondern bei unseren Maßnahmen immer darauf sehen, was in der Zeit notwendig sich von da- oder dorther ergibt. Programm-Macher sind wir nicht. So kam es, dass ein Mitglied von uns mich eines Tages fragte, ob vielleicht, gerade mit Rücksicht auf die jüngeren und älteren Mitglieder, die dabei besonderes Interesse finden könnten, eine Art Tanzkunst in unserem Kreise inszeniert werden könnte. Das führte dazu, dass diese Eurythmie in unseren Kreis eingeführt worden ist. Sie ist bis jetzt noch immer im Anfangsstadium, und es wird bedeutsam sein, dieses Anfangsstadium zu verfolgen, denn die Eurythmie ist etwas Neukünstlerisches, aber im Anfangsstadium.

Als diese Frage an mich herantrat, musste ich mir selbst sagen, innerhalb unseres Kreises kann nicht das, was man sonst bisher gerade als Tanzkunst verstanden hat, besonders gepflegt werden, da man heute hinlänglich auf dem Gebiete der Tanzkunst die mannigfaltigsten Versuche sieht. Man musste sich erinnern, dass die Bewegung — im Grunde genommen [alles künstlerische Wirken und Schaffen der Menschheit — ausgegangen ist vom Geistigen]. Heute stehen so die Bewegungen nebeneinander da. Im Beginne einer gewissen Zeitströmung, die sogar sich, ich möchte sagen historisch mit unseren geistigen Mitteln zurückverfolgen lässt, war cs so, dass die geistigen Strömungen aus einer Quelle flossen. Im Ursprung war so die Erkenntnis, das religiöse und künstlerische Leben aus einer Quelle geflossen. Man stellte etwas dar im alten mystischen Leben, das man begreifen wollte durch gewisse Verrichtungen, durch Kultushandlungen und dergleichen; man stellte denselben Inhalt dar für die menschliche Andacht, für die menschliche Verehrung, für die Offenbarung. Im schönen Schein stellte man dasselbe künstlerisch dar. Es war damals noch durchsichtig durch die drei Äste desselben Baumes, dass eine Quelle zugrunde liegt.

Die Kunst als solche ist auch wieder aus einer Quelle entsprungen und beweist das instinktiv, indem in unserer Zeit die berechtigte Tendenz besteht, was dann in getrennten Strömen geflossen ist, zusammenzubringen. Das ist die Tendenz: Das Getrennte wieder zusammenzuführen. Wenn eine einzelne Kunst auftritt, muss dieselbe selbstverständlich hervorgehen aus dem Bewusstsein, worauf das Künstlerische in seiner Totalität überhaupt beruht, und da war denn die Frage, wenn man den menschlichen Organismus durch Tanzkunst in Bewegung zu bringen hat, worauf das beruhen kann heute. Nichts Willkürliches sollte geschaffen werden, nicht etwas, was bloß aus den persönlichen Absichten eines Menschen hervorgeht. Programm-Macher sind wir nicht.

Es handelte sich zunächst darum, Tanzkunst zu schaffen als Begleiter des Wortes. Sie wird auch ausgebildet werden als Begleiter des Tones, das wird weiter ausgeführt werden. Heute handelt es sich um die Tanzkunst als Begleitung des Wortes. Wie erhält man etwas Objektives auf diesem Gebiete? Hier muss ich selbstverständlich auf die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse hinweisen, wenn ich dieses Objektive zum Bewusstsein bringen will.

Wenn der Mensch spricht, ist die Tendenz vorhanden, dass der ganze Organismus des Menschen - nicht nur der physische - [in Bewegung ist]. Gerade das, was gesprochen wird, kommt aus dem ganzen menschlichen Organismus heraus; der ganze Ätherleib, Bildekräfteleib des Menschen könnte in Bewegung sein. Dass der Mensch spricht, dass er Worte hervorbringt, wie man es gewöhnt ist, beruht darauf, dass gerade die Bewegungen des ganzen Bildckräfteleibes zurückgehalten werden und lokalisiert werden in der Gegend der Brust, des Kehlkopfes und der Nachbarorgane, der Zunge und so weiter. Durch das Lokalisieren der Bewegungsvorgänge, die den ganzen Organismus ergreifen, wird vom Ätherleib aus der Kehlkopf und seine Nachbarorgane in jene Bewegung versetzt, welche das Wort und das Wortgefüge hervorbringen. Die Kehlkopfbewegung ist eine organische Bewegung unseres ganzen Ätherleibes. Wir können das zurücknehmen in den ganzen Leib. Was wir Eurythmie nennen, ist im Grunde von jedem Menschen ausgeführt, wenn er spricht. Es sind solche Bewegungen, welche von irgendeinem Organ des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane im Organismus beim gewöhnlichen Sprechen ausgeführt werden. Was lokalisiert ist im Kehlkopf, wird physisch übertragen vom Ätherleib aus auf ein Organ. Der ganze Mensch wird zum Kehlkopf gemacht. Derjenige, der ganz genau bekannt ist mit dem, worauf Eurythmie beruht, wird nicht zu hören brauchen im Allgemeinen ein Gedicht, sondern würde lesen können dasjenige, was der Inhalt des Gedichtes ist, aus den Bewegungen. Wir sind im Allgemeinen nicht so weit, haben auch nicht so viele Kräfte zur Verfügung, sodass die Bewegungen nicht vollständig sind, sondern nur angedeutet werden.

Wir gehen so vor, dass das Gedicht gesprochen wird und von den Bewegungen, die über den Organismus ausgebreitet sind, begleitet wird. Eurythmie ist eine expressionistische Kunst. Es wird Eurythmie von jedem Menschen hervorgebracht und wird nur übertragen auf den ganzen Organismus. Wir haben im Anfange versucht, eigentlich nur die Bewegung zu begleiten. Da hat sich uns gezeigt, dass es vielleicht stören kann, unrezitativ die Bewegungen zu begleiten. Und da die Eurythmie eine expressionistische Kunst, die Rezitation eine impressionistische Kunst ist, ergänzen sich diese, wie ich glaube. Man hat zwei Pole, und man bekommt heute durch Verbindung der Eurythmie mit der Rezitation etwas heraus, das uns als besondere künstlerische Spezialität vorschwebt.

Die Übertragung der Kehlkopfbewegungen und derjenigen der Nachbarorgane auf den ganzen Organismus bezieht sich hauptsächlich auf die Bewegung des einzelnen Menschen. Wir machen Bewegungen, welche im Raume ausgeführt werden, und auch Gruppentänze, was wir nur primitiv vorführen konnten. Bei diesen Tänzen, welche im Raum ausgeführt werden, wenn die Arme bewegt werden, ist das die Ausführung der Kehlkopfbewegungen. Das, was im Raume vollführt wird, wo der ganze Organismus sich im Raume bewegt, wo sich Gruppen bewegen, das schließt das ein, was sonst verhalten wird. Wir sprechen niemals bloß mit unserer Kehle, wir sprechen uns mit dem ganzen Organismus, wenigstens im Rumpforganismus, physisch aus. Diese Bewegungen geben nur den Grundton des Sprechens. Das Timbre, das fühlt man durch, das sind verhaltene Bewegungen. Diese lösen wir auf, führen sie im Raume auf. Dazu gehört das, was im Rhythmus, im Reime liegt. Was gesprochenes Wort ist, tritt im Rhythmus auf. Was im Raume ausgeführt wird, das Verhaltene, bleibt nur ein Grundton, die Grundstimmung. Das, was macht, dass ein Satz mit Wärme gesagt wird oder sonst von Gemütsstimmung durchzogen wird, das kommt durch die Bewegung im Raume zustande. Wir lösen die verhaltene Bewegung auf. Nichts ist Willkür. Alles Pantomimische, alle Mimik wird strenge vermieden. Alle Bewegungen sind fest bestimmt und fügen sich nach festen Gesetzen zusammen wie bei der Musikkunst. Das Individuelle kommt nur so weit in Betracht, als jemand eine Sonate nach seiner Auffassung so, der andere anders spielen kann. Das, was zugrunde liegt, ist im strengsten Sinne eine in sich geregelte Kunst. Wir sind im Anfangsstadium. Das ist, was uns unterscheidet von dem, was sonst ausgeführt wird, wo instinktiv Unwillkürliches, Gefühltes in willkürliche Bewegung umgesetzt wird. Wenn etwas Willkür darinnen liegt, kommt es nur in die Auffassung hinein.

Das wollte ich vorausschicken, um Sie aufmerksam zu machen auf das Prinzip.

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →