Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 29 June 1918

Vorwort Rudolf Steiners zu «Auftakte Zu Eurythmischen Darstellungen» von Leopold Van Der Pals

Für Leopold van der Pals’ Kompositionen für Piancforte zweihändig, die in 16 Einzelbroschüren im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag 1918 erschienen, schrieb Rudolf Steiner ein Vorwort, das wesentliche Motive seiner Eurythmie-Ansprachen im Jahre 1918 aufgreift.

Herr van der Pals hat die musikalischen «Auftakte», die in den folgenden Blättern mitgeteilt sind, als Beigaben zu einer bestimmten Art von eurythmischen Darstellungen gedacht. Diese Art von Eurythmie wird zunächst innerhalb eines geschlossenen Kreises gepflegt, der aber in Erweiterung begriffen ist. Entstanden ist sie dadurch, dass vor mehreren Jahren eine Dame (Frau Smits) mich fragte, ob nicht eine ernstere Form der Tanzkunst verwirklicht werden könnte. Aus dem Entgegenkommen dieser Anfrage hat sich dann etwas entwickelt, das allerdings nicht viel zu tun hat mit dem, was man gewohnt ist, «Tanzkunst» zu nennen. Was der erwähnte Kreis als Eurythmie pflegt, lässt sich vielleicht in der folgenden Art kennzeichnen. Beim menschlichen Sprechen sind der Kehlkopf und seine Nachbarorgane in einer Bewegung, die sich durch intuitives Erkennen erfassen lässt. Wer die Goethe’sche Metamorphosenanschauung lebendig durchdringt, darf wohl versuchen, sie aus dem Gebiet der Formen in das der Bewegungen des Organismus zu übertragen. Nach dieser Anschauung ist ein Organ oder Organzusammenhang das Umwandlungsergebnis eines andern Organs oder Organzusammenhanges. Aber auch ein ganzer Organismus lässt sich als Metamorphose eines seiner Glieder denken. Erweitert auf die Bewegungen des menschlichen Organismus, ergibt diese Anschauung solche Bewegungen, die ein gesprochenes oder musikalisch Gedachtes durch den ganzen Menschen so verkörpern, wie durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane künstlerisch Wort und Ton verkörpert werden. Man hat es bei Ausbildung einer solchen Eurythmie mit einer Bewegungskunst des menschlichen Organismus zu tun, die alles Pantomimische, Mimische, alle bloße Gebärden- und Gestenkunst beiseite lässt und an die Stelle setzt einen ins Künstlerische gehobenen gesetzmäßigen Naturzusammenhang. Der ganze Mensch vollbringt durch diese Bewegungskunst dasjenige, was im Naturzusammenhange der Kehlkopf und die mit ihm zur Wort- und Tonbildung sich vereinigenden Organe vollbringen. Auf die Möglichkeit, in solcher Art Kunst zu suchen, kommt, wer Ernst verbindet mit einer Anschauung Goethes, wie die in dem Satze ausgesprochene ist: Der Stil ruht «auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen.» Man darf gewiss nicht, wenn ein Versuch vorliegt, ein ganz eingeschränktes Kunstgebiet zu verwirklichen, unmittelbar zu seiner Kennzeichnung auf eine umfassende Idee sich berufen; aber man darf vielleicht aufmerksam darauf machen, dass die Empfindungen, die bei einem solchen Versuche leiten, in der Richtung liegen, die Goethe geltend gemacht hat für das künstlerische Schaffen. Goethe sah in der Kunst eine Fortsetzung der Natur, «denn indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt» (Goethe in dem Buche über Winckelmann).

Von solchen Empfindungen getragen ist der Versuch der hier gemeinten Eurythmie. Was intuitiv erkannt werden kann als Bewegungsimpuls des Kehlkopfes und der mit ihm zusammenwirkenden Organe, wird gesetzmäßig übertragen auf Bewegungen des ganzen menschlichen Organismus. Dazu kommen Bewegungsformen dieses Organismus im Raume, und Formen, die durch Zusammenwirken einer Anzahl von Personen entstehen. Diese Bewegungen sind ein Raumbild alles dessen, was die Wort und Tonbildung als Gemütsinhalt, Rhythmus, Versbau usw. belebt. - Ist alles auf diesem Wege Angestrebte in dem erwähnten Kreise erst in den Anfängen vorhanden, so darf es vielleicht doch als der Beginn einer auf möglichen Empfindungen beruhenden Bewegungskunst angesehen werden, der eine gedeihliche Fortsetzung verspricht.

Auf der einen Seite verbindet sich diese Eurythmie mit der Rezitationskunst. Was in der Rezitation ertönt - nicht der Gedankeninhalt als solcher, sondern der künstlerische Gehalt -, kommt durch den Bewegungswandel des menschlichen Organismus und durch Gruppenformen und Gruppenbewegungen im Raume zur Erscheinung. Aus der Grundanschauung ergibt sich, dass dies Zur-ErscheinungKommen nicht eine willkürliche Verbildlichung ist, sondern im Sinne eines Kunstwerkes wirken soll, das seine ihm eigene Gesetzmäßigkeit hat wie ein musikalisches Kunstwerk. Auf dem Gebiete einer Art Zusammenwirken von Bewegungskunst und Rezitation hat Frau Marie Steiner die Leitung dessen übernommen, was innerhalb des erwähnten Kreises bisher versucht worden ist.

Eine andere Seite, die Stimmung und anderes Musikalische, das die Aufführungen durchdringt, kommt in den folgenden Kompositionen des Herrn van der Pals zur Verkörperung. Der Komponist hat sich dabei den Kunstgesetzen der Eurythmie völlig angepasst. Im Beginne, im Verlaufe an gewissen Stellen, am Schlusse eines eurythmischen Stückes werden diese «Auftakte» vorgeführt, und zwar im Zusammenhange mit Bewegungen, die ebenso dem Musikalischen wie dem folgenden oder vorangehenden Rezitatorischen entsprechen. Es darf wohl ausgesprochen werden, dass die an der Eurythmie beteiligten Persönlichkeiten sich Herrn van der Pals zu herzlichem Danke verpflichtet wissen. Denn er hat durch seine musikalische Hilfe in bedeutsamster Art anregend und belebend auf die eurythmische Kunst gewirkt. Mit großer Befriedigung unternimmt cs der Kreis dieser Persönlichkeiten daher, van der Pals’ Kompositionen zum Abdrucke zu bringen. Sie werden einen Begriff davon geben, wie sich künftig noch mehr diese Eurythmie auch dem Musikalischen verbinden wird. Bisher ist mehr mit einer Verbindung nach dem Rezitatorischen der Anfang gemacht worden. Doch besteht die Möglichkeit, die gemeinte Bewegungskunst an das Musikalische ebenso nahe heranzubringen wie an die Rezitationskunst.

Rudolf Steiner

German original of Rudolf Steiner's Foreword to “Preludes to Eurythmic Performances” by Leopold Van Der Pals · ← Previous · Next →