Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 30 June 1918
Ansprache
Meine sehr verehrten Anwesenden, heute muss ich ein paar Worte machen [zur] Eurythmie-Vorstellung. Sie zeigt ja eine Grundtendenz unserer Bewegung, [indem sie] zeigt, dass wir nicht in eigentlichem Sinn irgendwie etwas bloß aus einer agitatorischen Idee heraus machen. Und so ist uns auch diese Eurythmie gewissermaßen durch das Karma im Laufe der Jahre zugeführt worden. [Es ist] jetzt schon eine ganze Reihe von Jahren her, [da] gab Frau S[mits] [die Anregung], irgend so etwas in unseren Kreisen schon einzurichten, das verwandt sein könnte mit einem künstlerischen Tanz. Nun ist es sicher selbstverständlich, dass innerhalb unserer Kreise nichts entstehen kann, das im gewöhnlichen, trivialen Sinne mit der Tanzkunst irgendwas zu tun hat, es handelt sich darum, dass diese Anregung hinübergeführt sein wird in die Entstehung einer neuartigen Kunst.
Und dabei muss man sich, um die Sache zu durchschauen, erinnern, dass ja die Kunst eigentlich nur entstanden ist aus der Urkultur der Menschheit heraus, indem sie sich aus einer Einrichtung herausgegliedert hat. Wenn wir zu den Urkulturen der Menschheit zurückgehen, so finden wir, dass das, [was sich daraus] entwickelt [hat], dass [das] in der [Zeit] gar nicht getrennt [war], nebeneinander gestellt [war], was jetzt selbst so scheinbar gar nicht miteinander verwandt gilt als Wissenschaft, Religion und Kunst. In der Urkultur bildeten diese drei ... eine Einheit. Das heißt, es wurde dem Menschen, der sie sucht in den Mysterien, diese Einheit dargeboten; das gewöhnlich Unoffenbare, das sich durch die Menschenseele offenbaren soll, es wurde dargeboten nach der einen Seite hin so, dass es sprach zum menschlichen Gemüt. Solche Offenbarung war dann die religiöse Offenbarung aus einem Urquell, aus dem auch alles Leben und alles Dasein entsprang. Es wurde auf eine andere Art geoffenbart, indem es zum menschlichen Erkenntniswesen sprach, und es wurde äußerlich [in der Kunst] so geoffenbart, dass es zu den Sinnen sprach, dass den Sinnen wahrnehmbar war auf unmittelbare Art im Sinnenschein das, was sonst nur mittelbar sich offenbart aus [dem] Ewigen.
Diese drei [in den alten] Mysterien in einer Einheit verbundenen Offenbarungsformen spalteten sich dann in Wissenschaft, Religion und Kunst. Differenzierung ist dasjenige, was die Entwicklung der Menschheit beherrscht. Dann wiederum spalteten sich in die einzelnen Zweige die Dinge, die zum Ausdruck kamen in Wissenschaft, in Religion und Kunst. Und so entstanden neben den einzelnen Religionsformen, neben den einzelnen Wissenschaften die einzelnen Künste. Es handelt sich also darum, dass man zurückgehen musste zu dieser /unleserlich] Entstehung einer Kunst, wenn eine aus dem eine /unleserlich] der Gegenwart heraus zustande [gekommene] künstlerische Anregung — eben Eurythmie - ausgeführt werden sollte.
Daher entstand die Frage: Was soll als solche Kunst bewegt werden? In jeder Offenbarungsform, die an den Menschen herankommt, lebt schon das Weltengeheimnis, das sich auf der einen Seite materiell, auf der anderen Seite im Geistigen offenbart. Es musste nichts erfunden werden, es durfte nichts erfunden werden, weil genau als solche Eurythmie, als solche Tonkunst /Lücke?], sondern es musste gefunden werden, gefunden werden aus der menschlichen Natur heraus, [insofern] sie abbildet die Geheimnisse des Weltenalls. Dadurch ergab sich schon, dass im menschlichen Sprechen sich ausdrückt auf eine ganz besondere Art das Weltengeheimnis.
Wir kennen ja alle die Tatsache, dass dem sichtbaren menschlichen Leib der unsichtbare Leib zugrunde liegt, ein Ätherleib. /unleserlich] Weltenkraft wie Lücke]. Dieser Ätherleib ist ebenso gegliedert wie der physische. Wir können daher nicht nur sprechen von einem Leib des Ätherischen, aus [dem] [sich] entwickelt der /unleserlich], der [unleserlich], sondern von einem Glied des Ätherleibs, aus [dem sich entwickelt der] Kehlkopf und seine verschiedenen Anhangsorgane, die dem Sprechen dienen. Aus diesem Glied des Ätherleibs kommt dasjenige, was dann als unsere Sprache sich ausdrückt. Es liegen ganz bestimmte Bewegungsformen zugrunde der Tätigkeit des Ätherleibs, während wir sprechen. Das kann einfach okkultistisch ausgesprochen werden, was zugrunde liegt bei einem Laut, [bei] dem anderen Laute und so weiter.
Nun ist es ein Geheimnis der menschlichen Natur, dass das, was in einem der Glieder zum Ausdruck kommt, auch liegt in den anderen Gliedern und dann auch im ganzen Menschen als solches. Das ist auch das Geheimnis, das der Goethe’[schen] Metamorphosenlehre zugrunde liegt. Davon ausgehend offenbart man [Lücke]. Es wurde die Bewegung aus dem Kehlkopf des Ätherleibs und seiner Anhangsorgane entwickelt. Es wurde genommen und wurde übertragen auf den ganzen Menschen, was also Goethe /unleserlich] auch in dem /Lücke?], [unleserlich] Musiksprache, das wird auf den ganzen Menschenleib übertragen. Jede Bewegung wird also von einem Eurythmicdarsteller dargeboten, eine Bewegung, die nicht erfunden ist, sondern die eine Natur-Bewegung ist, in dem der Mensch spricht, aber übertragen auf den ganzen Menschen.
Statt dass aber [der] Ätherleib die Bewegung ausgeführt, /unleserlich] [macht] diese Bewegung [des Kehl]kopf[s] gerade der ganze Mensch; während sonst nur der Kehlkopfmensch spricht, dass da der Darsteller der Eurythmie /Lücke] ist. Es ist also nicht etwas Erfundenes, sondern etwas Gefundenes. Selbstverständlich ist es so, dass die Sache in Entwicklung ist, dass nicht noch [unleserlich] durch alle gehalten werden kann, es werden einzelne Laute herausgehoben, und [unleserlich]; aber wir stehen ja im Anfang; [die Eurythmie] /unleserlich] wird weiter ausgebildet werden /Lücke]. Das, was so ausgebildet wird für das Sprechen - [genau]so auch kann es ausgebildet werden für die musikalische Darbietung.
So wird die Möglichkeit /unleserlich] entstehen, dass nicht nur eurythmisch Darzubietendes gegeben wird, sondern dass alles auch eurythmisch Darzubietendes verstanden wird. Man kann aus der Eurythmie-Darbietung ablesen, was man hören kann, wenn der Mensch spricht. Das ist eigentlich eine Sache der Zukunft. Nun, die Hauptsache ist, dass das wirklich eingesehen wird, dass es sich handelt um eine Kunst, mit [einer] Kunst-Sprache, die hinübergeht, die nichts zu tun hat mit dem, was Pantomime oder Mimik ist. Alles, was unmittelbar leidenschaftlicher Ausdruck ist, was aus bloß Emotionalem hervorgeht, das, was man Darstellung, Pantomime oder Mimik [nennt], [was] unmittelbar von dem Menschen [ausgeht], was er glaubt, das ist es hier nicht. Alles Mimische und Pantomimische musste ausgeschlossen werden, [um] nur diejenige Bewegung zu geben, die die Weltgeheimnisse ausdrückt, indem der Mensch spricht. Nun können wir Menschen charakterisieren andere Dinge, Gesetze. Nicht nur wirken mit, indem er [der Mensch] spricht oder deklamiert, [nicht nur] wirkt mit /unleserlich] die Bewegung des ätherischen Kehlkopfs, sondern es wirken auch im weiteren Sinne Lunge und andere Organe mit. Die kommen nun in dem Ätherleib nicht selbst zur Bewegung, sondern diese Bewegungen werden stillgehalten, leben nur latent, ich möchte sagen im Ätherleib.
Die lassen wir dann wirken, sodass wir also die Eurythmie aus diesen zwei Stücken bestehend haben: auf der einen Seite die Bewegung, die der innere Teil des Kehlkopfs ausführt, auf der anderen Seite die Bewegungen, die nicht ausgeführt werden, sondern nur veranlagt werden im wirklichen Sprechen oder Deklamieren /unleserlich]. Diese letzten, die nur als Form gebildet werden im Inneren, die geben das Innere, das, was [wir] das Fühlen, der Empfindung nennen, was auch im Rhythmus der Dichtersprache zum Ausdruck kommt, das wird nun aufgefasst. Sic haben [ein] Gedicht. Und so gibt [es] wiederum die Offenbarung, die also der Eurythmie-Darsteller macht, indem er sich im Raum bewegt. Wenn er [die] Hand oder andere Bewegungen bewegt, ist das eine Abbildung des Ätherischen. Wenn er sich bewegt, wird das /Lücke] diese Form. In den Gruppenformen dieses Raumes des Eurythmischen kann also all das zum Ausdruck kommen, was als Gefühl oder innerer Sinn die Sprache durchzieht, was als Leid und Freude die Sprache durchzieht. Es kann zum Ausdruck kommen all das, was als Reim, als Rhythmus die Sprache durchzieht. Aus diesen zwei Gebilden besteht das.
Am Anfang haben wir die Eurythmie allein für sich sprechen lassen. Das ist ja das, was man nennen kann im gewöhnlichsten Sinne eine expressionistische Kunst. Wenn das, was im Menschen lebt, äußerlich hingestellt wird, ist das Expressionismus. Wenn das, was draußen von Menschen wahrgenommen wird, [hingestellt wird], so ist das impressionistische Kunst. Nun ist eigentlich das Ideal der künstlerischen Entwicklung dieses, dass das, was aus einem Urquell herausgekommen ist, allerdings als differenzierte Künste nebeneinander sich stellen. Nun haben wir im Laufe der Zeit gefunden, dass durch das Darstellen eine expressionistische Bewegung Eurythmie ist und impressionistisch, was deklamiert ist - [Deklamation ist] Impressionismus -, [sodass] eine besondere Art von Gesamtkunstwerk entsteht, sodass wir jetzt Deklamation und Eurythmie zusammenwirken lassen und das, was zum Ausdruck kommt, das ist das, was wir erfassen. Es muss in die Deklamation wieder hineinkommen, was durch die mod[erne] [Lücke].
Die moderne Methode strebt darauf hin, das eigentlich Dichterische, Künstlerische alles wegzulassen, und es wird prosaisch, dem Gedankeninhalt nach deklamiert dasjenige, was das Unkünstlerische ist dabei, während man [nicht aufsucht] in dem, was als [Künstlerisches in der] modernen Deklamation in Wirklichkeit Rhythmus und Reim ist. Das muss wiederum in einer doch modernen, aber in unserem Sinne gehaltenen Deklamation zum Ausdruck kommen, dann wird sich /unleserlich] und [unleserlich], dass nicht alles bloß prosaische Deklamation ist /unleserlich]. Sie werden daher sehen, dass Frau Doktor [Steiner] anders /unleserlich] deklamiert, als heute deklamiert wird. Das ist das, was man heute [erreichen] muss.
Wenn man Eurythmie ins Auge fasst, so beruht die Eurythmie auf bestimmten Gesetzen, wie die Musik, und das Gemütsleben bleibt eben - wir haben /unleserlich] in der Musik - bleibt frei wie in der Musik. Jeder fasst eine Beethoven’sche Musik anders auf. So fasst der der eine anders auf die Eurythmie als der andere. Es stehen aber feste Gesetze im Hintergrund, feste Gesetze wie in der Musik. /Lücke] Hoffentlich wird in der Zukunft auch möglich sein, dass die eurythmische Kunst in die Öffentlichkeit gebracht werden [kann]. Es steht noch viel entgegen, namentlich werden unsere Eurythmie-Darsteller sich wappnen müssen, denn sie werden beständig niedergedonnert werden von der Kritik, aber das wird eine notwendige Voraussetzung für das Gedeihen der Eurythmie sein, denn würde das dem Geschmack entsprechen derjenigen, die jetzt kritisieren das, was jetzt Eurythmie ist, so würde es etwas Schlechtes sein, /unleserlich]. Wir können nur hoffen, dass es niedergedonnert [wird], das heißt: nicht alles wird /Lücke).
Dieses Anprallen muss auch auf diesem Gebiet [Lücke?], also Widerstand gilt /Schluss unleserlich].
Programm zur Aufführung
Leis auf zarten Füßen Christian Morgenstern
Unter Sternen C. F. Meyer
Eins und alles Christian Morgenstern
Abendreihn W. Müller
Beim Anblick eines Katers Fercher von Steinwand
Vögel Richard Schaukal
Beim Anblick einer Gans Fercher von Steinwand
Vorfrühling Manfred Kyber
Thibaut von Champagne C. F. Meyer
Liederseelen C.F. Meyer
Begegnung C. F. Meyer
O Nacht Christian Morgenstern
Der Botenlauf C. F. Meyer
Licht und Stern Rudolf Steiner
Zum neuen Jahr Eduard Mörike
Johannis-Stimmung (Seelenkalender) Rudolf Steiner