Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — Munich
Zur Entwickelung der Eurythmie (München, August 1913)
Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965
Schon vor dem Beginn der Probenzeit waren in München für den Monat Juli «Einführende Kurse in eine von Rudolf Steiner inaugurierte neue Bewegungskunst, die Eurythmie», angekündigt worden und hatten neben Interesse und offener Bereitschaft auch mancherlei Rätselraten hervorgerufen. Von der Leitung des Münchner Arbeitskreises, Fräulein Sophie Stinde, die schon seit Januar 1912 in Kassel mit wärmstem Interesse an dem Entstehen der neuen Kunst teilgenommen hatte, war mir eines der «Kunstzimmer» der Gesellschaft, das ebenso wie die Turnhalle in Schwabing lag, für diese einführenden Kurse zur Verfügung gestellt worden. Dort begann nun in den Zeiten, die neben den Proben noch frei waren, also am frühen Morgen und ebenso am frühen Nachmittag, ein sehr reges Leben. Viele Menschen haben damals mit froher Begeisterung und spontanem Verständnis Eurythmie kennengelernt, indem sie eifrig an den Kursen, manche nicht nur an einem, teilnahmen. Viele aber kamen nur zum Zuschauen und erklärten, Dr. Steiner habe ihnen lebhaft zugeredet, doch ja in das Kunstzimmer in der Herzogenstraße zu gehen und sich dort «unsere neue Bewegungskunst, die Eurythmie» anzusehen. So mussten Erna Wolfram, die mir in diesen Stunden meist hilfreich zur Seite stand, und ich unsere Kursteilnehmer oft aus der Menge der Zuschauer heraussuchen, wenigstens in den Nachmittagsstunden! - Wohl mit allen Sylphen und Gnomen, mit Theodora, Strader, Ahriman, dem Doppelgänger, dem «Geist von Johannes Jugend» und den Seelenkräften, mit Bauern und Tempelrittern musste man nach manchen Stunden rasch, rasch in die Proben eilen, die pünktlich um zehn und fünf Uhr anfingen.
Über diesen ersten Kursen lag ein zarter, erwartungsvoller Glanz, wie über einer frühen Morgenstimmung, wenn man die ganze Pracht und Schönheit der Sonne erst ahnend vorausfühlt. Dieser Glanz rührte von all der innigen und freudigen Bereitschaft her, die von allen der neuen werdenden Kunst entgegengebracht wurde und die es dann auch möglich machte, mit einigen der Kursteilnehmer eine von Dr. Steiner gewünschte, erste orientierende Aufführung für alle in München versammelten Mitglieder am 28. August 1913 in dem großen Konzertsaal der Tonhalle zu wagen.
Nach Dr. Steiners zu dieser ersten Aufführung auch erstmaligen einführenden Ansprache haben wir versucht, einen möglichst umfassenden Eindruck von den «Grundelementen der Eurythmie» (diesem von Annemarie Dubach-Donath erst viele Jahre später so glücklich geprägten Titel ihres Buches) zu geben. «Machen Sie es ähnlich wie damals in Haus Meer», hatte Dr. Steiner gesagt, «aber versuchen Sie, dabei eine noch geschlossenere, künstlerischere Form anzustreben!»
So begannen wir mit einem feierlichen Auftakt, in dem Schreiten, einige Seelengesten, Kopfhaltungen und als Schluss das gemeinsam zur Mitte gerichtete Evoe zu einem Ganzen verbunden waren. Wir zeigten aber auch Rhythmen, einige Stabübungen, «Ich und Du» und den «Energie- und Friedenstanz» mit dem in feierlich strenger Form gehaltenen Herein- und Herausgehen, wie Dr. Steiner es in Bottmingen geschildert hatte, dass «man es in den dem Dionysos geweihten Tempeln in Griechenland so hätte sehen können»!
Nach einem freudig-schwungvollen «Wir» kamen, natürlich viel schöner und geschickter als damals in Haus Meer, fast zu einem Tanz gesteigerte Lemniskaten aller Art und als Schluss dieses Teiles drei Gruppen, zu je drei Gestalten, dabei eine auch von drei männlichen Gestalten ausgeführt, mit dem «Wolkendurchleuchter».
Diese dritte Gruppe bestand aus Herrn Joan Abels, der wirklich an sämtlichen Kursen nicht nur mit großer Begeisterung, sondern auch mit einer ganz. besonderen Eigenheit - ich glaube, er war als Holländer in Indien geboren oder hatte seine Jugend dort verlebt teilgenommen hatte, und später, man kann wohl sagen «bahnbrechend» in der Eurythmie gewirkt hat, bis sich die ersten Zeichen seiner langen, schweren Krankheit zeigten, die diesen vorher so hervorragend beweglichen Menschen zuletzt zu fast völliger Unbeweglichkeit verurteilte. Der zweite in der Gruppe war Max Benirschke, der in Düsseldorf respektive Haus Meer schon mit uns gearbeitet hatte, und nicht zuletzt Max Gümbel-Seiling, der trotz. der starken Beanspruchung durch seine Rolle als Strader auch einige Kurse mitgemacht und auch die Rezitation bei dieser ersten Aufführung übernommen hatte.
Nach dem «Wolkendurchleuchter» zeigten wir dann die Bewegungen für die einzelnen Vokale und Konsonanten, auch Lautverbindungen und endeten die Gruppensachen mit «Halleluja» in Verbindung mit dem 150. Psalm: «Alles, das Odem hat, lobe den Herrn, Halleluja!»
Nach einer kleinen Pause, in der Fräulein von Eckardtstein mein goldgelbes Kleid so meisterhaft an mir «steckte», dass es wirklich ganz «griechisch» aussah, kam dann noch Goethes «Charon» als Schlussnummer. Und dann stand Dr. Steiner auf und sagte nur einen kurzen Satz: «Ich glaube, Goethe hat sich über dieses Geburtstagsgeschenk wirklich gefreut!»
Diese Nachmittagsvorführung war wohl ein gewisser Abschluss unserer eurythmischen Arbeit in München, aber doch nicht der ganz endgültige. Vor unserer Abreise gingen die Mutter und ich noch einmal in die Adalbertstraße, wo Dr. Steiner bei Fräulein Stinde und ihrer Freundin, der Gräfin Pauline Kalckreuth, wohnte, wenn er in München war. Ich erzählte ihm, auf seine Frage nach meinen weiteren Plänen, dass ich zunächst nach Stuttgart führe, um dort auch einführende Kurse zu geben und dass dann anschließend im Oktober die ja schon mit ihm und Fräulein von Sivers besprochene längere Arbeit in Haus Mcer, diesmal in einem größeren Kreis, beginnen sollte. - Er freute sich, dass im sehr regen und bedeutenden Stuttgarter Zweig schon so bald der Wunsch nach Eurythmie-Kursen rege geworden sei, überhaupt sei er sehr befriedigt über die enthusiastische Aufnahme, die die Freunde doch ganz allgemein der Eurythmie bereitet hätten. - Er empfing uns in dem gleichen Raum, in dem er vor einem Jahr die ersten Angaben für i, a und o gegeben hatte. Wieder musste ich mich aufrecht hinstellen - aber nun sollte ich «mit der linken Hand an den linken Fuß gehen und die rechte Hand und den rechten Fuß parallel nach rechts seitwärts strecken»! Sehr erstaunt, aber doch ganz bereitwillig, versuchte ich die immerhin etwas merkwürdige Stellung auszuführen, «ging mit der linken Hand an den linken Fuß», indem ich mich möglichst stark nach links beugte und dazu «rechte Hand und rechten Fuß parallel seitwärts streckte». Von den Gnomen war man ja schon an allerlei gewöhnt worden, aber diesmal erntete ich nur ein sehr erstauntes Lachen Rudolf Steiners für meine wiederholten Bemühungen, nach von ihm wörtlich wiederholter Angabe, bis er endlich immer noch lachend rief: «Aber warum bücken’s sich denn immer?» Das klang so echt wienerisch, und nun verstand ich erst, was er wollte, denn in Österreich fängt «der Fuß» ja schon ganz oben bei der Hüfte an! Was er zeigen wollte, war die Bewegung für «Ich bin da», die in dieser ersten Angabe aber nur aus den sehr rasch hintereinander nach rechts und links gebildeten Parallelen von Fuß und Hand erscheinen sollten, ohne durch ein a abgeschlossen zu werden.

Ich bin da / Ich schaue auf / von der Seite anzusehen
Kann man diese Absicht nicht deutlich aus der Zeichnung ablesen? Ich empfand die abwechselnd rechts und links bewegten Glieder immer wie einen dunkleren, rasch auftauchenden und sich wieder auflösenden Kern oder Schatten in der auf der Zeichnung ja angedeuteten aurischen Ei-Form.
Als zweites gab er noch eine Bewegung, die das Erleben bei «Ich schaue auf» ausdrücken sollte. Er wollte es zuerst auch zeichnen, fand dann aber wohl, dass das nicht ging und sagte darum: «Machen Sie mit den Armen eine ausgeprägte #-Bewegung, ganz hoch, weit über dem Kopf, und nun sinken Sie langsam ganz tief herunter in die Knie - nicht auf die Knie, bleiben Sie auf den Füßen stehen, und nehmen Sie im Heruntersinken die Arme bis vor die Brust zurück, gleichseitig den Kopf senkend, verharren Sie etwas in dieser Stellung, und nun richten Sie sich ebenso langsam wieder auf, Arme und Kopf mitnehmend, bis zur Ausgangsstellung. - Wenn Sie diese Bewegung wirklich aus der Empfindung «Ich schaue auf» entstehen lassen, wird es eine besondere schöne und feierliche Bewegung sein.»
Wenn man, nachdem das Gebiet heute so viel umfangreicher geworden ist, die Schüler veranlassen würde, immer an einem dionysischen Gedicht und einem apollinischen zu arbeiten, könnte man erreichen, dass sie jeder Zeit weitgehend alle Möglichkeiten, die ihnen in der Eurythmie gegeben sind, in sich lebendig und immer gegenwärtig hätten. Diese Aufgaben müssten neben der Gruppenarbeit hergehen.
Ich schaue auf: Kniebeuge mit gefaltenen Händen (Handflächen zusammen u); dann sich langsam aufheben.
Elisabeth Baumann-Dolifus, aus: «Erinnerungen»
Es wurde ein Überblick gegeben über den gesamten Aufbau der Eurythmie, wobei besonderer Wert gelegt wurde auf die Gruppenübungen, die wir in wochenlanger Arbeit sehr sorgfältig durchgearbeitet hatten. Besonders eindrucksvoll waren der sogenannte «Friedenstanz> und der «Energietanz», die Rudolf Steiner eine Erneuerung alter dionysischer Tempeltänze nannte. Als der Anführer, der Repräsentant des Dionysos, der als ruhender Mittelpunkt den Beginn und die Aufstellung der Teilnehmer durch stummes Heben und Senken seines Stabes dirigierte, durch die in bestimmtem Intervall, kleine Terz mit Rhythmus «kurz-kurz-lang,, gerufenen Laute ie u die Gruppenbewegungen hervorricf in auf- und absteigender Intensität und Geschwindigkeit - da spürte wohl jeder der Zuschauer die unsichtbaren Fäden, die geheimnisvoll diese neu erstehende Kunst verbanden mit Uraltem, längst in der Menschheitsentwicklung Verschwundenem. Auch der «Wolkendurchleuchter [...] sowie die daran sich anschließende Vorführung der einzelnen Vokal- und Konsonantenbewegungen ließen den Zuschauern immer wieder zum unmittelbaren Erlebnis werden, wie hier nicht der äußere ästhetische Anblick das Wesentliche war, sondern wie der Geisthintergrund überzeugend und belebend auch in sie überströmte und ihr Ätherisches mitschwingen ließ. Keinerlei äußere Hilfsmittel wie Beleuchtung, mannigfaltig farbige Schleier und Gewänder, ohne die man sich heute eine Aufführung nicht mehr vorstellen kann, unterstützten damals die Wirkung. Alles spielte sich im nüchternen Nachmittagslicht ab auf dem schmucklosen, nur durch einige grüne Lorbeerbäume abgeschlossenen Orchesterpodium. Wir trugen schlichte weiße, ziemlich lange Gewänder, von einer seidenen Kordel gehalten. Die Intensität des inneren Miterlebens, des Mitschwingens in Laut und Form kam so unmittelbar durch die Bewegung zum Ausdruck. Als Abschluss dieser ersten Aufführung hatte Lori Smits den «Charon» [..] ausgearbeitet. Dieses hochdramatische Gedicht eurythmisch zu gestalten, hatte Rudolf Steiner ihr selbst empfohlen, die Ausarbeitung desselben aber ganz ihrer eigenen künstlerisch-eurythmischen Empfindung überlassen. Er gab nur einige äußerliche Anregungen; so empfand er das weiße Gewand nicht der Dramatik des Inhaltes entsprechend, sondern wünschte ein ziemlich streng geschnittenes langärmeliges, goldgelbes, schon ins Orange spielende Seidengewand mit breitem Gürtel. Es bestand die Angabe aus den Stunden des Jahres 1912, dass die eurythmischen Gesten der Laute v, b, s durch einen in der Hand gehaltenen Gegenstand (Schleier, Stab und so weiter) jeweils in ihrer Eigenart unterstützt werden sollten. - So ließ Rudolf Steiner einen Holzhammer herstellen, der dann vergoldet wurde und mit dem Lory Smits die Lautbewegungen b, s, v ausführen musste, ohne dass es die Lautgesten beeinträchtigte. Es war gewiss keine leichte Aufgabe, mitten in Laut- und Formgestaltung diesen Hammer wieder aufzunehmen und wieder aus der Hand zu legen. Sie machte es mit großem Geschick, und diese erste Darstellung eines eurythmisch-dramatischen Gedichtes wurde für alle Zuschauer ein unvergessliches, eindrucksvolles Erlebnis. Die Rezitation des «Charon» hatte Max Gümbel-Seiling übernommen, der auch vorher in der Gruppeneurythmie mit zwei anderen Herren mitgewirkt hatte und der trotz seiner starken Inanspruchnahme durch die Rolle des Strader in den Mysteriendramen Zeit gefunden hatte, sich im Laufe dieser Woche intensiv in die Eurythmie einzuleben.