Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — Munich
Zur Entwickelung der Eurythmie (München, Sommer 1913)
Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965
Bis ungefähr Mitte Juni ging diese Arbeit in unserem kleinen, abgeschlossenen Kreise in der geschilderten Weise weiter, und bald darauf fuhr ich zum zweiten Mal nach München zu den Proben der Mysterien-Spiele. Dort trafen Erna Wolfram und ich, zu unserem Bedauern ohne Annemarie Donath, wieder zusammen.
Die Proben waren wieder in der schon vertrauten Turnhalle. — Dr. Steiner erklärte gleich zu Anfang, dass in dem zweiten Bild des neuen Spieles Der Seelen Erwachen zwei Gruppen von Elementargeistern auftreten würden, die durch die neue Bewegungskunst, die Eurythmie, dargestellt werden müssten. Seit ungefähr einem Jahr seien in einem kleinen Kreise ganz in der Stille nach seinen Angaben die Anfänge dieser neuen Kunst ausgearbeitet worden, und nun solle diese Eurythmie bei der Darstellung der Gnomen- und SylphenChöre zum ersten Mal zur Anwendung kommen.
Er bestimmte auch gleich die Persönlichkeiten, die in den beiden Gruppen mitwirken sollten, bei den Gnomen waren auch ein paar Herren dabei, und dann sagte er zu mir: «Nun, Fräulein Smits, Sie kennen ja die Gesetze und können also die Formen für diese Gruppen entwerfen. Arbeiten Sie in der Mittagspause erst einmal mit. den Damen, die ich für den Sylphen-Chor bestimmt habe, dann kann ich heute Nachmittag schon etwas schen.»
Also trafen wir, die von Dr. Steiner gewählten «Sylphen» und ich, uns bald nach dem Mittagessen wieder in der Turnhalle. Nachdem ich zuerst einmal gezeigt hatte, wie die verschiedenen Vokale und Diphthonge, denn nur um diese handelte es sich, gemacht werden, gingen wir gleich ohne irgendwelche theoretische Erklärungen daran, Zeile für Zeile zu üben. Ich stand vor der Gruppe, sprach langsam die Vokale, besonders die betonten hervorhebend, und formte ebenso langsam und betont alle Bewegungen. Es ging sofort erstaunlich gut, bestimmt war cs nicht von ungefähr, dass Dr. Steiner gerade diese Persönlichkeiten für den Sylphen-Chor gewählt hatte. In der Regie-Anweisung werden diese Wesen folgendermaßen geschildert: «Von rechts kommen sylphenartige, schlanke, fast kopflose Gestalten, ihre Füße und Hände sind ein Mittelding zwischen Flosse und Flügel; ein Teil von ihnen ist blaugrün, der andere Teil gelbrötlich. Bei den Gelbrötlichen ist die Gestalt mit schärferen Konturen begabt; bei den Blaugrünen unbestimmter.»
Und so standen eine Reihe schöner, schlanker Gestalten vor mir, denen es nicht schwerfiel, große, luftige, schwebende Bewegungen zu machen, die sich wahrscheinlich auch gleitend, wie schwimmend im Raume bewegen würden. So weit waren wir an diesem ersten Nachmittag aber noch nicht, sondern ausschließlich mit den Armbewegungen beschäftigt; es war ja, außer für Erna Wolfram, für alle Beteiligten ein absolutes Neuland, in das sie sich hineinfinden mussten, es aber mit immer wärmerem Enthusiasmus, immer selbstverständlicher und freudiger taten. Dass dieser Enthusiasmus für die Eurythmie weiter durch ein ganzes Leben getragen wurde, wird man mir glauben, wenn ich Namen nenne wie: Tatiana Kisseleff, Alice Fels, aber auch Margarita Woloschin und Miss Maryon, die später die ersten Eurythmie-Figuren herstellte und nicht zuletzt Erna Wolfram-van Deventer, die ja schon einige Monate lang sich dieser neuen Kunst gewidmet hatte. Außerdem noch eine Polin und noch eine Russin, beides auch sehr hohe, schlanke Gestalten.
Ich selbst sollte in dem Gnomen-Chor mitwirken. Die, von allem bisher Gelernten und Geübten sehr abweichende Art, wie die Gnomen sich bewegen sollten, machte Rudolf Steiner uns staunenden und bewundernden Zuschauern selbst vor. In der Regie-Anweisung für diese Gnomengeister heißt es: «Sie haben stahlgraue, den Menschen gegenüber kleine Gestalten; sie sind fast ganz Kopf; doch ist dieser vornübergebeugt. Sie haben lange, bewegliche, zu Gebärden geeignete, zum Gehen ungeschickte Gliedmaßen.» Rudolf Steiner nahm nun in jede Hand einen - Sonnenschirm und machte mit diesen «verlängerten» Armen ziemlich harte, sehr charakteristische, durch den vorgestreckten Kopf sehr eindringlich wirkende Bewegungen (alle Vokale). Dazu bewegte er sich, mit von vornherein gebeugten Knien in kleinen Dreiecksformen, die Ecken durch ruckhaftes Anhalten sehr scharf betonend, so als stolpere er in jede neue Richtung, den Zuschauer überraschend, ja erschreckend.
Wohl hatten wir seine unübertreffliche Wandlungsfähigkeit, zum Beispiel wenn er Luzifer oder Ahriman in den Proben dem jeweiligen Darsteller, neben ihm stehend, vormachte, schon oft staunend erlebt, aber dies war doch noch etwas anderes! - Da bewegte sich ein für unser Lebensgefühl vollkommen fremdes, groteskes Wesen mit erschreckender Eindringlichkeit vor uns, souverän unsere menschliche Weisheit als Dummheit verspottend.
Die Malerin Imme von Eckardtstein, die in diesem Jahr zum ersten Mal die Rolle des «Luzifer» spielen sollte, skizzierte eifrig Dr. Steiners Mienenspiel mit. Sie hatte, außer ihrer großen Rolle, noch immer die künstlerische Leitung bei der Herstellung aller Kostüme, und da auch diese Arbeit nach Dr. Steiners Intentionen ausgeführt wurde, wusste sie schon, wie wir in Wesen, die «fast ganz Kopf sind», verwandelt werden würden. Und so benutzte sie diese Skizzen, als sie später eigenhändig die Gesichter auf die ovalen, breiten Stolen malte, die wir als Kopf über den, als zottige Augenbrauen ausgebildeten Schultern trugen, während unser eigener Kopf durch eine Art GazeFächer oder Kamm bedeckt war.
Dass Dr. Steiner auch die Persönlichkeiten für diesen Chor bestimmt hatte, habe ich schon erwähnt. Ich muss nun aber doch erzählen, dass Dr. Steiner mir nach der Generalprobe wirklich strahlend seine Zufriedenheit gerade über diese Gruppe aussprach: «Sie haben wirklich alle charakteristischen Bewegungen dieser Gnomengeister gefunden, bis auf eine, die diese Wesen sehr oft machen, allerdings wäre die doch zu frech gewesen!» Dabei machte er mir lachend eine «lange Nase»! - Ich habe ihm dann aber ehrlich gesagt, dass dieses Lob nicht mir, sondern weitgehend der dänischen Baronin Walleen zukäme, denn ohne ihre originelle und einfallsreiche Mitarbeit wäre alles sicher viel matter und langweiliger geworden. Sogar der Charakter einer «langen Nase» war eigentlich durch ihren Vorschlag bei der Stelle «wir kichern» das i etwas vibrierend zu machen, ein bisschen hereingekommen. Sie war eine wunderbare Hilfe und unsere gemeinsame «Entdeckungsarbeit» in das Gebiet dieser Elementar-Geister werde ich immer dankbar und froh im Gedächtnis behalten.
In diesem letzten Münchner Festspieljahre wurden alle vier Mysterienspiele innerhalb einer Woche aufgeführt, für die Zuschauer immer mit einem freien Tag dazwischen, der aber für Dr. Steiner und die Mitwirkenden durch die Generalproben morgens und nachmittags reichlich ausgefüllt war. Dr. Steiner war oft schon um 7 Uhr morgens im Theater, um mit den Bühnenarbeitern Kulissen-Proben abzuhalten! Und als er einmal nicht kam, wurden die Bühnen-Arbeiter ganz. ängstlich: «Der liebe alte Herr ist doch hoffentlich nicht krank?» Übrigens schenkte Dr. Steiner jedem dieser Leute ein Exemplar des Buches, das noch zu Beginn der Spiele herausgekommen war.
Ungefähr vierzehn Tage vor unserer letzten Aufführung rief Rudolf Steiner mich zu sich und sagte, er brauche für das achte Bild - für die ägyptische Tempelszene - noch einen «ägyptischen Tanz»! Er habe sich entschlossen, die vier Priester, die nach der Regie-Anweisung vorne stehen, etwas erhöht, ganz hinten gegen den Hintergrund zu stellen. Sie müssten während des ganzen Bildes vollkommen unbeweglich dort stehen und nur dann, wenn der Neophyt, zum Sehrecken aller im Tempel Versammelten, nicht die erwarteten, nach alten Regeln vorherbestimmten «Weltenworte», sondern sein eigenes Erleben und Empfinden ausspricht, dann müssten sie diese Worte des Neophyten wie von ihnen ergriffen und gezwungen, eurythmisch gestalten und begleiten. - Auch hierfür bestimmte Dr. Steiner die Persönlichkeiten, und zwar außer mir noch Frau Woloschin, Frau Baronin Dungern und eine französische Malerin Madame Péralté, die schon zum zweiten Mal die ahrimanischen Wesen und diesmal auch die Gnomen mitmachte. Sie war eine schon fast 60-jährige unheimlich temperamentvolle Frau, voll geballter Energie, und war schon durch ihr Äußeres, das an Wüste und Einsamkeit erinnerte, wie prädestiniert für so eine Aufgabe.
Leider richtete sich diese Energie bald gegen mich und meinen Versuch, diesem «Tanz» dadurch einen «ägyptischen Charakter» zu verleihen, dass wir unsere Bewegungen, in der Art ägyptischer Reliefs, nur nach der Seite machten. Nachdem Dr. Steiner diese neue Aufgabe gestellt hatte, war ich aufgeregt in die verschiedensten Museen gelaufen, und diese seitlichen Bewegungen waren wirklich wie eine rettende, leider aber auch einzige Idee aufgetaucht. Aber Madame Péralté streikte und wollte so eine «ägyptische Phantasie» nicht mitmachen. Sie brachte nicht nur dicke Bücher, sondern auch einen Ägyptologen in die Probe und schließlich sagte Dr. Steiner zu mir, zu der «Angeklagten»: «Dann lassen Sie eben diese seitwärts gerichteten Bewegungen!» — Als ich sehr bedrückt und ratlos nach der Probe den Saal verlassen hatte und die Treppe hinunterschlich, legte sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter. Es war Dr. Steiner, der mich tröstend, gütig, aber fast auch etwas listig anschaute und erklärte: «Wissen Sie, ich habe das gar nicht pedantisch gemeint, dass Sie diese seitlichen Bewegungen lassen sollen, nur den Schluss, den müssen Sie ganz. betont frontal machen, die Zeile: Empfand ich euren strengen Weckeruf!> - Sehen Sie, diese ganze Szene ist ein ganz bestimmtes, ganz reales Bild, das in die Akasha-Chronik eingeschrieben ist. Es ist der Augenblick, in dem zum ersten Mal ein erstes Anzeichen des sich nähernden Griechentums aufleuchtet, und darum muss der Schluss wirklich wie ein Weckeruf ganz frontal gemacht werden!» Diesen beglückenden Hinweis durfte ich den andern weitergeben, und er genügte nicht nur, sondern befeuerte unsere Weiterarbeit ungemein, die gerade durch den Gegensatz zwischen den «ägyptisch-reliefartigen» Bewegungen und diesem leuchtend klingenden Schluss sehr eindrucksvoll und überzeugend gewirkt haben soll.
Danach standen wir vier Priester wieder, wie seither, ganz unbeweglich da. Nur wenn der Opferweise bei seinen letzten Worten den Satz: «Die Wahrheit hat gesiegt!» aussprach, mussten wir eine einzige Bewegung machen, die Dr. Steiner eine «Siegelbewegung» nannte. Eine nicht geschlossene o-Bewegung nach oben, die in eine kleine, wie ein Licht aufleuchtende s-Bewegung überging. Der «Opferweise» ist ja die ägyptische Inkarnation des Geschichtsforschers Capesius und in einer Probe für dieses Bild sagte Dr. Steiner einmal, während er durch den Saal ging: «Übrigens findet man für jeden ernsten Geschichtsforscher eine in einem ägyptischen Tempel zugebrachte Inkarnation.»
Aufzeichnungen zu «Die Wahrheit hat gesiegt»
Die Bewegung «Die Wahrheit hat gesiegt» hat er in mein Heft gezeichnet.

In München gab Herr Dr. keine Zeichnung und wir machten es auch etwas anders, so wie ich’s hingezeichnet habe, aber mit beiden Armen, spiegelbildlich. Er führte meine Arme, wie ein unfertiges o oder s und dann «wie ganz rasch so etwas wie eine 5 (fünf) darauf.»

Marie Steiner, aus: Notizbuch 144
Ägyptische Eurythmie - viel symmetrisch, geometrische Bewegungen
dürfen nur in 2 Dimensionen sein (nur das Innere ausdrücken).
Ägyptische Malerei wertvoll für Bewegung und Ausdruck des Inneren. Skulptur wertvoll für Kopfputz, Faltenfall und mehr äusseres
Alice Fels, aus: «Vom Werden der Eurythmie»
Wie lebendig-bewegt charakterisierte er [Rudolf Steiner] dann die Sylphen! Einmal kam er zu einer besonderen Sylphenprobe nachmittags in den Gasthaussaal in Schwabing, wo die Proben stattfanden und wohin er diesmal nur eine Schauspielerin zum Rezitieren und die Sylphen kommen ließ. [...] Dann übte er stundenlang mit uns unermüdlich die beiden Szenen (zweites und sechstes Bild). [...] Das Wort «Phantasie zum Beispiel ließ er immer und immer wieder mit allen Lauten ausführen, von Zeit zu Zeit ermunternd: sehr schön! sehr schön! ausrufend. Dennoch entfernten sich nach und nach die meisten Sylphen, sodass zuletzt nur noch Rudolf Steiner und zwei «Unentwegte> aushielten.
Max Gümbel-Seiling, aus: «Mit Rudolf Steiner in München»
Die Eurythmie machte auch die einfachste schauspielerische Gebärde sinnvoll und einleuchtend, wie uns dies Dr. Steiner zum Beispiel an dem Wort «entfalten» zeigte, indem er die bei der ersten Silbe gekreuzten Arme bei der zweiten entfaltete. Der Darsteller des Dr. Strader [...] frug, ob er die Worte während seiner Geistesschau im Tatensturm eurythmisieren dürfe. «Das wird sogar recht schön sein», erwiderte Dr. Steiner. «Sie werden erleben, was die Eurythmie für die zukünftige Entwicklung der Schauspielkunst bedeutet.»
Die Eurythmisten begleiteten als Sylphen in der Weltenmitternacht die Worte Theodoras mit Handgebärden, vor allem mit der gespreizten Fingerhaltung des a. Nachdem sie nun bei der Kostümprobe dichte Schleier erhalten hatten, frugen sie, ob sie das a noch machen sollten. «Warum denn nicht?», frug Dr. Steiner. «Weil man es nun nicht mehr sieht.» «Aber es ist da, wenn es gemacht wird, auch wenn man es nicht sieht.»
Elisabeth Baumann-Dolifus, aus: «Erinnerungen»
Ich erinnere mich auch der großen ägyptischen Einweihungsszene im vierten Mysteriendrama, wo im Hintergrund als stumme Teilnehmer vier Priester standen, die alles Gesprochene mit eurythmischen Gesten begleiteten. Die Darsteller waren Lory Smits und Erna Wolfram-van Deventer [...] und zwei weitere Personen, für die das Eurythmische ein völlig neues Gebiet war. Mit einer für Anfänger erstaunlichen Einfühlung ließen sie das von mimischen Darstellern gesprochene Wort sich in der Geste offenbaren, wobei jeder Vokal (es handelte sich hier nur um die Darstellung der Vokale), auch der unbedeutendste, zum Ausdruck kam und doch die feierliche Ruhe dieser Szene vollständig gewahrt wurde. Gewiss, Rudolf Steiners tragende, belebende Gegenwart wirkte durch alle hindurch und befähigte die Menschen zu Leistungen, die über das Alltägliche weit hinausgingen.
Erna van Deventer, Aufzeichnungen zum «persönlichen Es»
In der Zeit der Proben für die Mysterien-Spiele 1913 in München war für uns Mitwirkende öfter Gelegenheit, Fragen an Dr. Steiner zu stellen, die sich aus unserer Arbeit ergaben. So hatte er auf die Frage über das unpersönliche Pronomen Es z.B. in der «Prüfung der Seele» bei dem Märchen: «Es war einmal ein Knabe» (im «Märchen vom Quellenwunder») angegeben: e über dem Kopfe und so für alle Märchen, die beginnen mit «Es war einmal». Eurythmisch aufgeführt wurde das Märchen erst später. Aber da mich die Probleme der Grammatik stets interessiert haben, stellte ich die Frage nach dem Zs, dritte Person Singular. R. Steiner gab an und zeichnete in mein Heft: «Machen Sie einen Kreis wie ein / mit den Händen, sodass also jede Hand ihren eigenen Kreis beschreibt, und dann stoßen Sie durch. Sie können es aber auch mit einer Hand machen, das ist Es.»
«[...] Dr. Steiner [sagte] mir im Beginn der Münchner Zeit auf meine Fragen, was denn nun «Es als Ausdruck hat [...] (3. Pers. sächlich, Singular). Er gab an und zeichnete: «Machen Sie einen Kreis, wie ein l, und dann stoßen Sie durch.»

Dr. Steiners Antwort war: «Machen Sie einen Kreis mit einer oder DF, Beiblat beiden Händen gleichzeitig wie ein /, und dann stoßen Sie durch.» // «durchstoßen nach vorn».

Zuschauer hier vorn.