Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — Düsseldorf

Zur Entwickelung der Eurythmie (Düsseldorf, Herbst 1912)

Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965

Am Abend dieses 24. September 1912 war auch der letzte der zehn Vorträge in der Reihe «Das Markus-Evangelium», und gleich am nächsten Tage fuhren wir nach Hause, trotzdem Rudolf Steiner noch zwei öffentliche Vorträge in Basel hielt. Auch besuchte er anschlieRend an diese letzten Vorträge, an diese Basler Zeit, zum ersten Mal Dornach. [...] So sind die ersten Unterweisungen zu der «Kunst des Wortes» ganz nahe dem Orte gegeben worden, an dem auch «das Haus des Wortes» errichtet und gestaltet wurde.

Uns aber drängte es, endlich alles das, was wir in den vergangenen Wochen wie ahnend erlebt hatten, nun wirklich in die Tat, in Realität umzusetzen. Darum fuhren wir schr früh am Morgen des 25. Septembers nach Hause. «Zu Hause» war eine Gartenstadt, Haus Meer (heute Meerbusch) genannt, zwischen Düsseldorf und Krefeld, eine ausgesprochen niederrheinische Landschaft mit Dämmen, Wiesen und einem weiten Horizont. Erst gegen Abend kamen wir an, aber da stand der Plan, wie wir die Arbeit anfassen wollten, uns schon ganz klar vor Augen. Schon für die «Vorarbeiten» war das größte Zimmer unseres Hauses, der obligate Salon, bis auf das Klavier ausgeräumt worden, denn um «Barbara saß stracks am Abhang» zu «tanzen», die «Reigentänze» zu versuchen und die Alliterationen zu «stampfen», brauchte man schon Platz und auch meine Schreibübungen mit den Füßen machte ich einfach mit Kreide groß und deutlich auf den Boden. Auch die Schüler, resp. «Mitarbeiter», drei jüngere Schwestern von mir und ein Bub, den Dr. Steiner zu uns geschickt hatte, damit er bei uns erzogen wurde, und für «dessen etwas willensschwaches Wesen diese Stunden besonders wichtig sind», standen mehr oder weniger begeistert, bereit, die Arbeit mitzumachen. Die Gruppentänze hätte ich ja gar nicht ohne diese «Mitarbeiter» (im Alter von 14 bis herunter zu 8 Jahren) ausarbeiten können. Aber so wurde Schritt für Schritt, einer nach dem anderen in der Reihenfolge, wie Rudolf Steiner sie gegeben hatte, das ganze Pensum angelegt.

Diese gemeinsame Arbeit konnte natürlich erst am Spätnachmittag sein, wenn alle Schulaufgaben gemacht waren. Am Vormittag arbeitete ich für mich allein und versuchte, so gut ich konnte, «empfinden zu lernen», was «eine zurückgebogene Hand», was «jedes Kreuzen», jedes Strecken usw. mir sagen wollten. Immer aber begann ich mit dem IAO, welches Rudolf Steiner in München angegeben hatte, und gerade aus dem Bemühen um diese drei «Haltungen» erwuchsen mir die ersten konkreten Lautempfindungen. - Übrigens hatte Rudolf Steiner schon in München, als er diese drei Säulen-Erlebnisse angab, gesagt, man müsse versuchen, die Laute auch farbig zu erleben! In Bottmingen sprach er wieder davon und fragte etwas zweifelnd, ob ich mir darunter überhaupt etwas vorstellen könnte? Ich erzählte ihm ganz stolz, dass ich das wohl könnte und ich hätte gefunden, i sei grün! «Na», sagte er da lachend, «wie haben Sie das denn gemacht?» «Ich habe mir ganz intensiv ein Spektrum vorgestellt und dann i hineintönen lassen. Dann sind alle andern Farben verschwunden und nur «Grün hat sich ausgebreitet.» Er hat dieses «Grün» weder bejaht noch verneint, sondern nur gesagt, ich solle meine Aufmerksamkeit immer wieder in diese Richtung der Farbigkeit lenken.

Meine Mutter und ich hatten uns von vornherein vorgenommen, mit der Ausarbeitung, besonders der Gruppensachen, in der Reihenfolge vorzugehen, die den Angaben Rudolf Steiners entsprach. Neben meinen Bemühungen, langsam «ein Empfinden» für die Lautsitze zu «lernen» und in mir zu erleben, bereitete ich an den Vormittagen auch noch vor, was wir am Nachmittag arbeiten wollten. Ich suchte Gedichte mit ausgesprochenen Rhythmen, suchte nach Musik, die für einzelne Übungen zu brauchen war, und übte das Geplante gründlich, damit ich es immer geschickter und selbstverständlicher vormachen konnte. Diese Nachmittagsarbeit hatte meine Mutter sehr fest in der Hand. Sie las für uns und spielte Klavier. Ganz waren wir nicht auf vorhandene Musik angewiesen, ein junger, Musik studierender Freund komponierte bereitwillig für uns «Ballen und Spreizen», auch einige Rhythmen haben wir nach Musik gemacht und natürlich die Stabübung, für die wir wirklich mit Kupferdraht umwickelte Holzstäbe gebrauchten. Sie wurde, schon wegen reichlich vorhandenen «Ungezogenheiten in der körperlichen Haltung» besonders intensiv ausgearbeitet. Stehend, gehend, auch zwei gegenüber, der eine vorwärts, der andere rückwärts gehend. Gerade das sah wirklich schön aus, fast wie ein «Korybanten-Tanz», und man konnte die Genauigkeit der Bewegungen der eigenen Kontrolle, aber auch gegenseitiger, natürlich möglichst unauffälliger Korrektur unterwerfen, und dieses Anregen der eigenen Kontrolle erwies sich immer als besonders fruchtbar und heilsam. - Auch energisch schreitend, rasch gehend, zuletzt mit leichten Laufschritten, die gleichmäßig ruhigen Armbewegungen begleitend, wurde unsere Stabübung ausgeführt. Man sollte zuerst zu jeder Armbewegung einen kräftigen Schritt machen, dann zwei etwas raschere und dann vier Laufschritte — [das] hatte Rudolf Steiner schon in Bottmingen angeregt. Langsam wurde auch versucht, die Übung jambisch oder anapästisch zu gestalten.

Ich möchte hier einen Rat Rudolf Steiners, den er mir 1919 in Stuttgart gab, einfügen, weil er für manchen Eurythmisten wertvoll sein kann. Als während der Dreigliederungszeit Herr und Frau Dr. Steiner sich längere Zeit in Stuttgart - seit 1917 auch unser Wohnsitz - aufhielten, eine größere Gruppe von Eurythmisten täglich sehr intensiv mit Frau Marie Steiner-von Sivers übte, unsere Formen größer und lebhafter, die Armbewegungen durch «bewegtere» Konsonanten rascher und vielfältiger wurden, machte mein Herz mir manchmal etwas zu schaffen. Schließlich fragte ich Dr. Steiner, ob ich vielleicht etwas falsch machte, zum Beispiel falsch atme? Wohl sagte er, es sei in dieser Beziehung alles in Ordnung, ich sei, wie wohl jeder in Deutschland, unterernährt. «Die Nahrungsmittel in Deutschland geben einfach keine Kraft mehr her, da können Sie essen, was Sie wollen. Wenn Sie aber etwas tun möchten, um Ihren Atem zu stärken, so versuchen Sie bei gleichmäßig ruhigem Atem Ihre Armbewegungen im Verhältnis von eins zu zwei und dann vier zu steigern, respektive immer zu verdoppeln.» Als ich diesen Rat längere Zeit befolgt hatte, zum Beispiel zuerst auf einen Atemzug eine l-Bewegung, dann auf einen Atemzug zwei l-Bewegungen, dann vier l-Bewegungen machte und wieder auf eine /-Bewegung zurückging, und, über das Üben heraus es konnte und nun «tat», da fühlte ich als damals junger und sonst gesunder Mensch trotz der Beschleunigung ein «beruhigendes Legato» wie bei der zuletzt geschilderten Stabübung.

Bei unserer gemeinsamen Gruppenarbeit damals in «Haus Meer» legte meine Mutter den größten Wert darauf, dass alles bis dahin Angelegte jeden Tag weiter geübt und «getan» wurde. Erst dann wurde ein kleiner Schritt weiter gemacht. Denselben Rat gab Rudolf Steiner Annemarie Donath-Dubach, als sie, im Sommer 1913 von Haus Meer nach Berlin zurückgekehrt, nach einer ersten längeren Einführung in den mir in Bottmingen anvertrauten dionysischen Teil der Eurythmie, Rudolf Steiner gefragt hatte, wie sie nun am fruchtbarsten weiterüben könne. Da habe er ihr gesagt, sie solle so arbeiten, dass sie alle zwei bis drei Tage jede Bewegung und jede Form mindestens einmal mache und außerdem noch viele Gedichte! - Wenn man, nachdem das Gebiet heute so viel umfangreicher geworden ist, die Schüler veranlassen würde, immer an einem dionysischen Gedicht und an einem apollinischen zu arbeiten, könnte man erreichen, dass sie jederzeit weitgehend alle Möglichkeiten, die in der Eurythmie gegeben sind, in sich lebendig und immer gegenwärtig hätten. Diese Aufgaben müssten neben der Gruppenarbeit hergehen.

Einmal wöchentlich hatte ich in diesen ersten Zeiten aber doch auch erwachsene Schüler! Einige unserer theosophischen Freunde nahmen ganz aktiv mit Händen und Füßen teil an dem Entstehen der neuen Kunst, während andere sich regelmäßig in gewissen Abständen einfanden und mit liebevollem und künstlerischem Interesse Neues, aber auch Fortschritte in schon Bekanntem anschauen wollten. Da wir sonst nur übten, waren die sich daran anknüpfenden Gespräche ein ausgesprochener Gewinn, eine fühlbare Förderung und Hilfe.

Natürlich wurde mit der kleinen Gesellschaft nachmittags auch lautlich gearbeitet. Dieses und mein morgendliches Tun, einzelne Laute und Lautverbindungen vokalisch und konsonantisch für mich zu üben, so zu üben, wie Dr. Steiner es mir angegeben hatte, nämlich die Laute «fast gleichzeitig» entstehen zu lassen, erlaubten mir endlich an die noch in Basel gestellte Aufgabe - die beiden Goethe-Gedichte: «Meeresstille» und «Glückliche Fahrt» - heranzugehen. Und zwar Meeresstille rein vokalisch, es ist fast eine Trance-Zustand, nur wie Bilder eines ganz innerlichen, seelischen Zustandes aufzufassen, also ... nur Vokale. Glückliche Fahrt aber sollte ich konsonantisch machen, da sei wirkliche Außenwelt geschildert.

Allereinfachste Formen, für «Meeresstille» nur solche, die durch das Zusammenspiel von geraden und krummen Linien der Ausdruck für die fühlende Seele sind (die durch das Zusammenwirken von geraden und krummen Linien eine Ausdrucksmöglichkeit für «Fühlen» geben), wurden festgelegt und mit den vorher geübten Lauten rhythmisch abgeschritten. Es war natürlich sehr, sehr einfach, und doch gab es unvorhergeschene Schwicrigkeiten! - Wie sollte ich zum Beispiel das ü in der Zeile «und bekümmert sieht der Schiffer» machen? Es war doch weit und breit niemand da zum «aneinander Vorbeitanzen»! Also musste ich eine Armbewegung finden, die etwas Adäquates ausdrückte! Und allein musste ich sie finden, denn Rudolf Steiner war weit und konnte nicht gefragt werden. Und sie ließ sich finden, nachdem man lange und oft, auf Bewegung und Dynamik «in der eigenen Kehle» konzentriert u ü u ü intoniert hatte. Das Resultat war wirklich erstaunlich richtig, ebenso bei den Versuchen, auch für ö eine Armbewegung zu finden. Beides wurde im April 1913 von Rudolf Steiner ganz selbstverständlich akzeptiert, im Jahre 1924 gab er dann aber noch gewisse Feinheiten dazu an. In dem zweiten, dem konsonantisch auszuführenden Gedicht, tauchten gegen Schluss mehrere Worte mit sch auf. Eine klare s-Bewegung befriedigte da nicht, besonders in der vorletzten Zeile: «Schon seh ich das Land!» wo sch und s so nah beieinander stehen. Da durfte das sch doch nicht so klar geformt werden wie das s. Es musste breiter, voller, aber auch weniger klar, verwischter werden, und - es wurde es auch. Die Arme fanden fast von selbst die Bewegung. Und in den Formen tauchten auch wie selbstverständlich mehr krumme, also Willen ausdrückende Formen auf.

Im Übrigen war «Glückliche Fahrt» furchtbar schwer! Was musste nicht alles bewältigt werden! In den Rhythmus hinein musste das r gearbeitet werden und dann kam auch noch als Erstes «zerreißen». Also eine Kürze, die mit r endete und eine Länge, die damit anfing! Und nur bei v, b und s - und wie wir es anfänglich auch machten - sollte man «sich mit einem Gegenstand gemeinsam bewegen oder Form geben». Ohne die Glasknöpfe, die ich ebenso heimlich unten an die «Schleier-Stola» genäht hatte, wie ich die ganze Stola so gedreht hatte, dass sie über den Schultern hing, wäre es wohl nie gegangen! Sie war einfach nicht da, wenn man sie brauchte. - Und solche Worte wie «ängstlich» mit vier Konsonanten auf eine Länge und «säuseln» drei auf eine Kürze! Es war schrecklich schwer, und ich fürchte, im Anfang hätte keine Muse es ausgehalten, auch nur von Weitem zu lauschen. An diesem ersten konsonantischen Gedicht habe ich viel gelernt und erlebt, auch Mutlosigkeit und Depressionen. Aber auch Hilfe! Wenn es nämlich gar nicht mehr gehen wollte, hörte ich plötzlich wieder den erwartungsvollen Klang in Rudolf Steiners Stimme, sah den in weite Fernen schauenden Blick so deutlich wie damals in Bottmingen: «Sie werden sehen, wie schön das dann wird, ein wie differenziertes Erleben sich darin ausspricht!» - Dann war aller Enthusiasmus wieder da und ich versuchte mit neuem Mut sogar die schwerste Stelle: «Es rührt sich der Schiffer, geschwinde! Geschwinde!»

German original of Notes on the Development of Eurythmy · ← Previous · Next →