Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — Dornach
Zur Entwickelung der Eurythmie
Zusammenstellung aus Tatiana Kisseleff: «Eurythmie - Erinnerungen»; «Aus der Eurythmie-Arbeit»; Notizheft 1913/14 mit Eintragungen und Ergänzungen von Rudolf Steiner»
Tatiana Kisseleff wurde von Rudolf Steiner und Marie von Sivers nach Dornach gerufen, um dort ab dem März 1914 die Eurythmiearbeit aufzubauen. Im Folgenden werden ihre Erinnerungen, soweit sie die konkrete Eurythmiearbeit betreffen, dokumentiert sowie die Seiten aus ihrem Notizheft, die Eintragungen und Ergänzungen von der Hand Rudolf Steiners aufweisen. Diese Ergänzungen Rudolf Steiners sind im Folgenden kursiv gesetzt, um sie deutlich von Tatiana Kisseleffs eigenen Notizen zu unterscheiden. - Der auf S. 221 abgedruckte Notizzettel Rudolf Steiners stammt vermutlich auch aus diesem Arbeitszusammenhang.
Am 30. März 1914 bin ich nach Dornach gefahren. [...] Sofort nach meiner Ankunft in Dornach fing ich an, einen Raum für die Eurythmiestunden zu suchen; es fand sich nichts, ich war schon beinahe verzweifelt, bis ich eines Tages im Dorf, als ich von meinen Schwierigkeiten sprach, den Rat bekam, mir die Räume in der Dorfwirtschaft «Jura» anzusehen. [...] In der Tat gab es dort einen großen Raum mit 2 Seitenkämmerchen und einem alten verstimmten Klavier. Für 30 Franken pro Monat wurde mir das alles zur Verfügung gestellt, täglich von früh morgens bis spät abends, außer Sonnabend Nachmittag und dem ganzen Sonntag [...]
Schon im Jahre 1914, einige Monate nach dem Anfang der Arbeit, nahm Frau Dr. Steiner die Eurythmie in ihre Pflege, und ihr verdankt diese Kunst ihr richtiges, schnelles Wachstum wie auch die Vielseitigkeit ihrer Entwicklung. In zwei Zimmern der Villa Hansi, wo Herr und Frau Doktor Steiner wohnten, wurde im August/September dieses Jahres jeden Morgen eurythmisch gearbeitet. An dieser Arbeit nahmen Frau Dr. Steiner, ich und zuweilen Frln. Waller [...] teil. Herr Dr. Steiner prüfte von Zeit zu Zeit unsere Bewegungen und gab jedes Mal verschiedene neue Anweisungen. In dem Buche Die Grundelemente der Eurythmie, durch Annemarie Dubach-Donath herausgegeben, ist vieles enthalten, was während dieser Arbeit zu dem ersten Baseler Kurs hinzugefügt wurde. Einmal nahm Dr. Steiner mein Eurythmicheft für einige Tage zu sich und trug in dasselbe Ergänzungen, Erklärungen und neue Elemente ein. [...]
Während dieser Arbeit in Villa Hansi wies Rudolf Steiner hin auf die Eigentümlichkeiten der Eurythmie in russischer Sprache. Er sagte: die russische und die deutsche Sprache verhielten sich so zueinander, dass der Laut, mit dem das deutsche Wort beginne, in vielen Fällen im entsprechenden russischen Worte als der letzte stehe und umgekehrt. So z.B. im Wort Gott und Bog (Gott); zwischen t und b gibt es eine gewisse Verwandtschaft.
Rudolf Steiner sprach auch von den «Sternentänzen» der Menschheit in früheren Epochen und sagte, dass es mannigfaltige, komplizierte Tänze nach den Gesetzmäßigkeiten der Fix- und Wandelsterne gegeben hätte, wo jeder Planet seine eigene, sich von den anderen unterscheidende Bahn ausführte. In diesen Tänzen waren auch die Sonnen- und andere Sternenfinsternisse dargestellt, und außerdem noch manches andere. Er fügte hinzu, dass er diese Tänze wieder erneuern und aufbauen wolle, wenn er Zeit dafür haben werde.
Diesen Hinweis machte Rudolf Steiner während einer Übungsstunde, an der Marie Steiner, M. E. Waller und ich selbst teilnahmen. Eine Vorstellung von dem, was er meinte, erhielten wir durch Übungen, welche er uns in spiralförmigen Bewegungen im Raume ausführen ließ. Er sprach dazu Verse, zu denen der Text auf bestimmte Laute aufgebaut war, und zwar für jede Gestalt verschieden. Eine Gestalt stellte die Sonne dar (M. Steiner), die andere die Erde (M. E. Waller) und die dritte den Mond (T. Kisseleff).
Das war der erste Sternentanz, den wir von Rudolf Steiner erhielten. [...] Hier die Form, wie ich sie nach Rudolf Steiners Angaben aufzeichnete.
Rudolf Steiner rezitierte selbst. Es waren großartige, stark differenzierte Verse, die er unmittelbar im Sprechen schuf. Leider sind diese Verse von uns nicht aufgeschrieben worden. [...] Der damals in der Villa Hansi zustande gekommene erste Sternentanz ist nur ein einziges Mal - an jenem Tage seiner Entstehung - ausgeführt worden.

Fräulein Lory Smits erteilte mir und anderen im Jahre 1913 im «Haus Meer» in Düsseldorf Eurythmieunterricht. Die Aufzeichungen für Laute und Formen in meinem Eurythmieheft entsprechen diesem Unterricht. Während meiner Eurythmie-Arbeit mit Frau Marie Steiner-v. Sivers Ende des Sommers 1914 in der Villa Hansi in Dornach [-.] prüfte Rudolf Steiner meine Bewegungen - Vokale und Konsonanten -, fragte nach meinem Eurythmicheft, behielt es einige Tage und gab es mir mit den Korrekturen und den anderen Aufzeichnungen, die er eingetragen hatte, zurück.
[Die Ergänzungen Rudouf Steiners in der Transkription sind kursiv gesetzt und mit // abgetrennt. Auch die Streichungen und Unterstreichungen stammen von seiner Hand.]

Vocale. Drücken immer etwas Innerliches aus (Lernen Sie empfinden:)
A Abwehr. Nach oben umgebogene Hände // Arme Winkel / Arme noch mit Händen. / Schreck, der sich wehrt.
E Kreuzung. Staunen (Ehrfurcht Furcht + Ekel)
Ä Hinter einander gestellte Beine, Hände
I Jedes Strecken // - andentend in sich sich erleben
Au jede Berührung // Bedrückung // des eigenen Körpers
O Jede zusammensichfügende Rundung der Glieder. Liebend Umfangen // Bewunderung
U Jedes nach oben wenden // beide Hände parallel ausdrückend / Staunen
Äu Aufspringen oder Einstämmen der Glieder // Sprung mit nachheriger Bodenberührung
Ei Jede Bewegung des ganzen Leibes / Empfinden als „wie lieb“,

Eu mit am Herzen gelegten Händen (oder den anderen meinend auf ihn zeigen) // mit am Herzen liegender Hand und wie zeigendem Arm
Ö Rundtanz und von einem Punkte in die Mitte springen. Auch ein Ruck // nach der Seite
Ü Das aneinander Vorbeitanzen. Das aneinander Vorbei. Handrücken (Auch Füsse nebeneinander)
Ü Staunen mit freud
Mündlich sagte mir Rudolf Steiner zum Laute u, dass ich mich nicht immer nach oben zu wenden brauche. u könne eben so gut nach unten oder nach vorne oder seitwärts ausgeführt werden. Hauptsache sei das Parallelhalten der Arme und Hände.
Zum Doppellaut ei ist zu bemerken, dass später die Bewegung des ganzen Leibes nicht mehr so ausgeführt wurde. Schon in den ersten Jahren der Entwicklung der Eurythmie billigte er diese Bewegung nicht mehr, sondern betonte die Bewegung der Arme und Hände.

iu / uii (vussisch)
In nebenstehendem Laut [obere Zeichnung] ist i mit j verbunden.
Besonders beim Eurythmisieren von Gedichten in russischer Sprache, die viele ei und andere verwandte Diphthonge (ai, oi, u1) besitzt, durften wir keine Bewegung des ganzen Leibes ausführen und mussten diese Doppellaute ausschließlich durch die besondere Bewegung der Arme und Hände zum Ausdruck bringen.
Auf leere Seiten zwischen meinen Aufzeichnungen der bekannten gewöhnlichen Konsonantenreihe schrieb Rudolf Steiner die vorstehende Reihenfolge und die Erklärungen dazu:

B / M / D / N / R / L / G / CH / F / S / H / T / der Schutz suchende / sich erregende / und wieder beruhigende / Mensch.—

B — Schutz in etwas / dadurch wird man stark | M. / und kann / durchdringen
B das Andere. / M — mein Versuch hineinzugehen / D — Ich selbst.
Wenn ihr B M D hintereinander macht so fühlt: / Bei ihm da bin ich
Zum Beispiel wurde von ihm damals die Reihenfolge von 12 Konsonanten aufgeschrieben: b, m, d, n, r, l, g, ch, s, h, t [...]. Zur Erklärung dieser Konsonantengruppierung sagte er ungefähr Folgendes: Hierin sei eigentlich alles enthalten; würde man an diesen 12 Lauten richtig eurythmisch arbeiten, dann würde er es nicht nötig haben, uns seine Vorträge zu halten. Man könne aber auch diese Laute, wie sie aufeinanderfolgen, aussprechen, ohne dass man sie eurythmisiere.

II. Gruppe. Wirken beruhigend
D Reaktion auf ruhenden äusseren Einfluss // [Ich muß durch] // Dies durch dich.

B als etwas in der Hand haben // nehmen // das wiederum zurückwirkt auf den Leib // (Ich werde durch etwas geschützt)

Ich ein Hauch des Höchsten richte nicht /
russisches = Ch oder H // Ch wie sich Wind zufächeln

II. Gruppe. Wirken excitierend anregend:
L Gewahrwerden der freien Entfaltbarkeit / (L kann man nie mit Füssen machen) / Leben lang lau. // verwandt I
M Sich // wie in der Luft // fühlen in etwas / drin / Gewöhnliche Gehbewegung oder Auf- und Abbeugen der Hände - wie durch den Wind gehen // (d.h. wie die Luft zurückschieben) // Mit Mut machen.
N_ Vorübergehend verbunden sein // flüchtig ergreifen berühren // Nicht nur nein.
P Einhüllung (Gefühl eingehüllt sein von etwas, wenn man z.B. andeuten will man tanzt in einer Hütte( / Pfeifend preisen // in drei

W Wie ein langes U; so tief, dass es keine Bewegung giebt. Auch Wellenbewegung // vokalisch<.p>

Serpentine nach 2 / innen von 1 / aussen: / Erster Abschluss — mit den in den Hüften gestämmten Händen. / Eu — auf dem Herzen gelegene Hände. Hygienische starke Befestigung des Ich für bleichsüchtige Menschen.
Übungen in Anapästen
1. Ich und du. / Ich und du / Du und ich / Ich und du / Sind wir / Du und ich/ Du und ich. / Gegen Neid und falschen Ehrgeiz // gegen Eitelkeit und Egoismus. —
2. Wir. Alte Dyonisische Übung / Freude am gemeinsamen Dasein. // Lust, zusammen zu sein. // 4 Schritte vor; 4 Schritte zurück - „Wir“ sagen bei jedem zweiten Schritt

- Er Verehrung // ,die man einem Wesen entgegenbringt, // der Gottheit. Der Wolken Durchleuchter / Er durchleuchte / Er durchsonne / Er durch glühe / Er durchwärme / Auch mich. // Um das Gefühl, und die Stimmung der Verehrung zu entwickeln und Ruhe zu gewinnen.
- Ihr Du / Erst wenn Weisheit [...]// Um gesunde Heiterkeit zu pflegen. Russische Laute

- Ihr. / Empfindung der ganzen Menschheit / a. / b. Wie von jeglichem Punkte im Kreis zu der Mitte hin führt ein Steg, So von jeglichem Irrtum zu Gott führt zurück dich doch immer ein Weg. // um innere Harmonie zu pflegen.

- Spirale von innen nach aussen. / Was ist tat / Was ich litt / Was ich sann / Was ich bin / Wie ein Brand / Der verraucht / Wie ein Sang / der verklingt. // Mitteilung von Kraft

3 Arten von Sprüngen. / 1. Ö - innerhalb der Form, in den Mittelpunkt der Form 1 2./ 2. U - sich nach oben richten. 1 2. / 3. Äu das Wiederberühren des Bodens nach einem Sprung ist die Hauptsache. / der Sprung ist immer eine Dissonanz. Verschiedene Arten von Sprüngen: u - vom Boden aufspringen, 1 2 — beim 1 die u-Bewegung;
ü — kann man auch durch einen Sprung ausdrücken mit möglichst zusammengchaltenen Füßen // ö — ein Sprung in die Mitte der Form oder ein Ruck nach der Seite // äu — ein Sprung, bei welchem es auf den zweiten Moment, die Bodenberührung ankommt

Betender Büsser bat
beim Beichtstuhl /
Der Herr / Die Frau /
Der Knecht / Die Dirn /
Der kleine Pinkerl
Pinkerl in der //
Wir Wiagn

V Lieblich (der recht Fuss vor).
VI Innig (sehr weich).
VII Feierlich
VIII Feierlich im Profil [Zeichnung von Rudolf Steiner]
IX Traurig.

Fromm // Hanafalten
ink //
Andacht // gehobene
gefaltete Hände //
Hingabe // flache
Hände mit geneigtem
Kopf an Brust legen

B M I W R (a) W (u)
D N R L
G(I) Ch
F S
B M D N R L