Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — Leipzig

Zur Entwickelung der Eurythmie (Leipzig, April 1914)

Im April 1914 übergab Rudolf Steiner zwei Zettel an Elise Wolfram (18681942) - Zweigleiterin in Leipzig und langjährige esoterische Schülerin -, mit den Stellungs- und Bewegungsangaben für die Tierkreis- und Planetengebärden (siehe unten, NZ 7445 und 7446). Rudolf Steiners Notizen dazu (siehe unten, NB 238) finden sich im selben Notizbuch wie seine Vorbereitungen zu den in Berlin im Januar 1914 gehaltenen Vorträgen über «Der menschliche und der kosmische Gedanke».

Am 2. April 1914 (RSA 089) schrieb Elise Wolfram an Rudolf Steiner, dass sie die «Thaten des Indra» aus dem Rig-Veda tanzen lassen wolle: «[...] dazu fehlt mir nun die Gebärde der Planeten, von der Sie sprachen, daß Sie die Güte haben wollten, Sie uns gelegentlich zu sagen.» Am 20. April muss sie die Angaben dann schon gehabt haben, denn sie fragt brieflich: «Wenn die Sekunde angeschlagen wird, und den Planetentanz beginnt im Sinne des Besprochenen, so fehlt noch, wann die ihre Gebärde anhebt? Zuletzt?» Vermutlich war es zur Übergabe in Wien gekommen, wo Rudolf Steiner vom 9. bis zum 14. April 1914 den Zyklus «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt» hielt. Elise Wolfram hatte vorher um ein Gespräch dort gebeten. Sie schreibt am 28. Juni 1914 (RSA 089) dazu an Marie Steiner: «Schon lange studiere ich nach Möglichkeit - die Planeten und Zodiakverhältnisse. Voriges Jahr hielt ich Ja auch über den ägyptischen Tierkreis mit Lichtbildern zur Generalversammlung Vorträge. Herr Doctor hat die grosse Güte, meine Studien zu unterstützen. Durch Herrn Doctor habe ich bei solcher Gelegenheit das Wissen erhalten, welche occulten Gebärden Zodiak und Planeten haben & ihre Verhältnisse zueinander. Ich bat Herrn Dr. in Wien, ob wir dies tanzen dürften im Sinne der alten Tempeltänze. In Wien und Berlin galten meine Audienzen diesem Thema; Herr Dr. erlaubte mir für Dornach den Planetentanz auszuarbeiten; ja wir haben sogar abgemacht, dass die 12 Zeichen an den 12 Säulen des kleineren Kuppelraumes stehen sollten.» Elise Wolfram dachte vermutlich an die Eröffnungsfeier des Dornacher Baues, die damals noch für Weihnachten 1914 geplant war. Ihre Vorhaben - u.a. Aujführungen des «Planetentanzes» und weiterer Stücke während des vom 18.-27. August 1914 geplanten Zyklus über «Okkultes Hören und okkultes Lesen» in München - führten zu Verstimmungen mit Marie Steiner, wie der weitere Briefwechsel in dieser Sache zeigt. Marie Steiner wies Elise Wolfram u.a. darauf hin, dass auch «die Leistungen» der anderen Gruppen nämlich der von Lory Smits in Düsseldorf, Elisabeth Dolfus in München und Tatiana Kisseleff in Betracht für München kämen. Rudolf Steiner schrieb am 1. Juli 1914 in dieser Sache an Elise Wolfram (Briefentwurf, RSA 068): «Nehmen wir den Fall des «Planetentanzes». Sie fragten mich um dessen Wesen. Ich gab Ihnen gerne darüber Auskunft, wie ich es immer in ähnlichen Fällen gethan habe. Doch erinnern Sie sich, daß ich, als Dornach in Betracht kam, den Satz brauchte: wenn so etwas einmal in Dornach gemacht werden kann, dann werden dort die Raumverhältnisse und die Einrichtung eine sachgemäße Anordnung gestatten. Erinnern Sie sich aber auch, daß ich sagte: ich weiß nicht, wie und wann Dornach in Betracht kommt.»

Alice Fels berichtet, Rudolf Steiner habe nach Kriegsbeginn im Sommer 1914 «eigens eine Persönlichkeit nach Leipzig» geschickt, «um zu sagen: diese Formen dürften jetzt nicht benutzt werden, denn es sei unstatthaft, in die astralen Stürme dieses Krieges hinein solches zu bringen». Diese Persönlichkeit war vermutlich Alice Fels selbst. - Erst 1924, in den Vorträgen vom 8. und 9. Juli 1924, übergab Rudolf Steiner die Stellungen und Gebärden mit erweiterten Angaben als Arbeitsgrundlage an alle Eurythmisten.

Erna Wolfram-van Deventer, aus: «Nach der Münchener Mysterienspielzeit»

Ein fünftes Mysterienspiel sollte auch im Sommer 1914 gegeben werden. Zur selben Zeit wollte Rudolf Steiner in München über «Okkultes Lesen und okkultes Hören» sprechen. Was sollte das fünfte Mysterienspiel in diesem so bedeutungsvollen Jahre uns geben? — Wir wissen nur davon, dass es am Kastalischen Quell spielen sollte, dass die orphischen Mysterien erwähnt werden sollten und dass die griechischen Inkarnationen der Persönlichkeiten aus den anderen vier Mysterienspielen zum Inhalte gehören sollten. Eine Rückschau der Persönlichkeiten aus den vier anderen Mysteriendramen auf das griechische Zeitalter sollte uns gezeigt werden.

Wie bereitet Rudolf Steiner auf dem Gebiete der Eurythmie diese Münchner Festspiele vor? Ende Mai 1914 schickt er zwei Blätter mit Angaben von Bewegungen und Haltungen zu den zwölf Tierkreiszeichen und den sieben Planeten nach Leipzig an Erna Wolfram und deren Mutter mit dem Auftrage, «diese neunzehn Bewegungen in aller Stille zu üben», sodass Erna Wolfram weiß, welche Bewegung oder Stellung zu welchem Sternbilde gehört. Im August wolle er in München diese Bewegungen beim fünften Mysterienspiel darstellen lassen. Ausdrücklich bittet er, über diese Aufgabe nicht zu sprechen.

Was sind dies aber für Bewegungen? 1914 schreibt Rudolf Steiner nur: sie gehören zu den Planeten und Tierkreiszeichen, und lässt sie üben, aber gibt keine Erklärungen dazu. Zehn Jahre später erst gibt er die dazugehörigen Laute. [...] Während der zehn Jahre erklärt Rudolf Steiner nicht, mit welchen Lauten diese Gesten in Verbindung stehen, aber er wollte sie im fünften Mysterienspiel vorführen lassen. Dies verhindert der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Verhindert wird auch der Vortragszyklus, den Rudolf Steiner bei den Spielen in München halten wollte. [...] Und wenn man nun weiß, dass dies fünfte Mysterienspiel orphische Geheimnisse darstellen sollte, und weiß, dass Rudolf Steiner Orpheus den Sohn des Apollo nennt, der die Geheimnisse der Sprache und der Musik kennt, muss man sich dann noch wundern, dass er als Vorbereitung zu diesem fünften Mysterienspiel diese «geistigen Gebärden» der Sprache als Vorübung zu diesem Mysterienspiel gibt? Führte er uns nicht so vom mikrokosmischen zum makrokosmischen Wort in der Kunst, die dem Wort dienen sollte, so wie das Goetheanum selbst das «Haus des Wortes» werden sollte?

Mir scheint von diesem Mai 1914 ein logischer Faden zu gehen zum «Apollinischen Kurs», August 1915 im Weißen Saal des Goetheanum!

Notizbuch- und Notizzetteleintragungen Rudolf Steiners zu Tierkreis und Planeten

Rudolf Steiner überarbeitete 1924 zur Vorbereitung der Vorträge vom 7. und 8. Juli 1924 im Rahmen des Lauteurythmiekurses seine Notizen für 1914. Im Folgenden werden nur die Eintragungen von 1914 transkribiert (mit Tinte geschrieben). Eine vollständige Transkription findet sich in «Eurythmie als sichtbare Sprache», GA 279, 6. Aufl. Basel 2020, S. 362-366. - Die sich anschlieBenden Blätter (NZ 7445-46) übergab oder überschickte Rudolf Steiner Elise und Erna Wolfram.

277a-72
277a-72

Widder: Körper Kopf nach vorne / abwärts gebeugt, / mit der rechten / Hand das / Kinn berührend. //
Stier: Kopf vom rechten Arm um= / schlungen, linke Hand / den Kehlkopf bedeckend.
Zwillinge: Einwärts gekehrte Füße / Sich mit den Fingern / verschlingende Arme.
Krebs: rechter Arm auf den Rücken / linker Arm auf die Brust / gelegt
Sonne: H& Arme mit ausgestreckten / Händen rechter nach vorn / linker nach hinten und / im Kreise drehend.
Venus: linker Arm nach hinten / im Kreise drehend, rechter / Arm nach vorn — ruhend bleibend.
Merkur: rechter Arm nach vorn im / Kreise drehend - linker / Arm nach hinten ruhig
Mond: die Unterarme über einander / gekreuzt / zuerst linker / über rechter, dann / übergehen lassen / rechter über linken

277a-73
277a-73

Schütze: Füße: der eine vorgestellt; / Hände beide nach vorne; / die linke den Ellenbogen / der rechten umfassend.
Steinbock: Die leicht zur Faust / geballte linke Hand / über der Stirne; die / rechte Hand in / einigem Abstand darub davor mit / dem Handrücken nach / hinten.
Wassermann: beide Hände nach / vorne, die linke / nach unten, die rechte / nach oben. // finger / eingebogen
Fische: Stehen auf dem linken Fuß; rechter Fuß etwas gehoben / an linken / angelehnt: rechte Hand vertical, linke im Winkel / an gebeugt.
Mars: Oberkörper mit vorgehaltenen / Armen (und eingebogenen / Fingern) auf und abbewegend.
Jupiter: rechte Hand um den / linken vorgehaltenen / Arm im Kreise drehend.
Saturn: Die geborgenen Hände / an die Stirne; wieder / herabgleiten lassen und / wieder an die Stirne / heben.

277a-74
277a-74

Löwe: Es werden sind beide Arme gehoben, so dass sie / gebeugt sind während / des Hebens-und dann / gestreckt werden in der / Horizontale. / auswärts; / alle finger / gespreitzt
Jungfrau: Die Arme entlang / dem Körper nur / der rechte linke in einem / kleinen Winkel gebeugt
Wage: Beide Arme nach / vorne übereinandergelegt.
Scorpion: Die Arme entlang dem / Körper nur der rechte linke abstehend

277a-75
277a-75

Wassermann: beide Hände nach vorne; / linke nach unten; rechte / nach ‚oben. Finger der eingebogen
Fische: Stehen auf dem linken Fuß, rechter / Fuß etwas gehoben; an den linken angelegt / rechte Hand vertical; linke im Winkel / gebeugt.
Widder: Kopf nach vorne abwärts gebeugt, / rechte Hand Kinn berührend.
Stier: Kopf vom rechten Arm umschlungen; / linke Hand Kehle bedeckend.
Zwillinge: Einwärts gekehrte Füße; sich / mit den Fingern verschlingende / Arme.
Krebs: rechter Arm auf dem Rücken; linker Arm auf der Brust.
Löwe: Es sind beide Arme nach vorne gehoben, / etwas nach auswärts schief gestellt; / Alle Finger ausgespreizt.
Jungfrau: Arme entlang dem Körper; nur der / linke in einem kleinen Winkel gebeugt.
Waage: Beide Arme nach vorne übereinandergelegt.
Scorpion: Arme entlang dem Körper; nur der / Hake linke abstehend
Schütze: Füße: der eine vorgestellt; / beide Hände nach vorne; die / linke den Ellenbogen umfassend.
Steinbock: linke Hand ganz leicht zur / Faust geballt dann über / der Stirne; rechte Hand / in einigem Abstand davor, mit / dem Handrücken nach hinten.

277a-76
277a-76

Sonne: Arme mit ausgestreckten Fingern; / rechter nach vorn; linker nach / hinten im Kreise drehend.
Venus: linker Arm nach hinten im / Kreise drehend; rechter nach vorn / gehalten, ruhend.
Merkur: rechter Arm nach vorn im Kreise / drehend; linker nach hinten / gehalten, ruhend.
Mond: Die Unterarme übereinander gekreuzt / zuerst linker über rechten; abwechselnd / damit rechter über linken.
Mars: Oberkörper mit vorgehaltenen / Armen; (Finger eingebogen) / auf und abbewegend.
Jupiter: rechte Hand um den linken / vorgehaltenen Arm im Kreise / drehend.
Saturn: die gebogenen Hände an der / Stirne; we dann herabgleiten lassen / bis zur Streckung; wieder an die / Stirne.

German original of Notes on the Development of Eurythmy · ← Previous · Next →