Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — London
Zur Entwickelung der Eurythmie (London, Mai 1914)
Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965
Während dieser Berliner Tage kam Mr Harry Collison, der Leiter des Londoner Zweiges, zu meiner Mutter und mir und erzählte, er habe mit Dr. Steiner über seinen Wunsch, die Eurythmie nun auch nach England zu bringen, gesprochen, und Dr. Steiner habe sich sehr zustimmend geäußert und betont, «er halte das für sehr wünschenswert, und er solle doch sofort einen Termin für diese Kurse mit Fräulein Smits vereinbaren».
Das geschah für den Monat Mai 1914. Vorher war es nicht möglich, da inzwischen ein so starkes Bedürfnis nach Eurythmie entstanden war, dass die Zeit von Ende Januar bis in den April hinein schon mit Kursen in Berlin und Kassel ausgefüllt war. Mr Collison hatte nicht nur um Kurse in London gebeten, sondern auch um kleine wöchentliche Aufführungen vor geladenem Publikum, also nicht nur für Mitglieder. Diese Aufführungen waren dadurch möglich geworden, weil außer mir noch Elisabeth Dollfus-Baumann und Flossie von Sonklar-Leinhas und eine jüngere Schwester von mir [Ada Smits] von Mr Collison aufgefordert und eingeladen wurden, mitzufahren, und wir uns im April in Haus Meer auf diese Aufführungen vorbereiten und wenigstens zwei englische Gedichte ausarbeiten konnten. Sonst bestand unser Programm natürlich weitgehend aus deutschen Texten und einem neu ausgearbeiteten musikalischen Versuch, den «Ecossaisen» von Beethoven, an die wir uns gewagt hatten, und die, was die Zeit anbelangt, ein wesentlicher Bestandteil der Programme bildete. Mr Collison kam vor unserer Abreise auch zu uns und half mir, die Bottminger Angaben Rudolf Steiners in die englische Sprache zu übertragen, was gar nicht so einfach war. Aber darauf gestützt konnte ich es wagen, den Unterricht auf Englisch zu geben. Und dann fuhren wir alle zusammen nach England, den ganzen Monat Mai aufs Liebevollste von Mr Collison betreut.
Nach unserer Rückkehr Anfang Juni begann wieder eine ähnliche Ausbildungsarbeit zu Hause wie die im Winter, an der auch einige nicht deutsche Damen, eine Russin und zwei junge Engländerinnen teilnehmen wollten, von denen aber die eine wegen der damals schon sehr beunruhigten Stimmung in England nicht mehr eine Reise und Aufenthalt in Deutschland wagte. Und dann spitzten sich die Verhältnisse immer bedrohlicher zu, München wurde abgesagt, und es kam der Krieg und machte alle weitere Arbeit zuerst einmal unmöglich. Wieder war ich für Monate ganz auf mich angewiesen. Wegen unserer belgischen Staatsangehörigkeit durften wir weder nicht zur Familie gehörende Menschen in unserem linksrheinisch gelegenen Haus aufnehmen, noch durfte ich reisen.