Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 9 May 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie, dass ich auch heute, wie sonst, mit einigen Worten diese eurythmische Darbietung einleite. Es ist dies vielleicht aus dem Grunde gestattet, weil es sich ja gerade bei dieser eurythmischen Kunst handelt um die Einrichtung von etwas wirklich Neuem, das nicht verglichen werden kann mit allerlei Nachbarkünsten, Tanz oder anderen Bewegungskünsten, sondern das in ernster Weise aus den ursprünglichsten, elementarsten künstlerischen Quellen schöpfen möchte und auch sich einer besonderen künstlerischen Formsprache bedienen möchte. Allerdings darf vielleicht die zugrunde liegende Überzeugung ausgesprochen werden, dass gerade durch diesen eurythmischen Versuch manches, ich möchte sagen probeweise angestrebt werden kann, was in dem Wollen gerade künstlerischer Naturen der Gegenwart liegt. Man wird ja wissen, dass Künstler der Gegenwart neue Wege in der verschiedensten Weise suchen, da man mit einem gewissen Recht überzeugt ist, dass die traditionell überkommene künstlerische Formsprache in einer gewissen Weise erstorben ist und nichts Neues hervorbringen könne und dass man neue Wege suchen muss. Gewiss, cs ist manches grotesk, was da gesucht wird als Expressionismus, Futurismus, Impressionismus und so weiter. Aber man mag noch so viel von dieser Sorte ablehnen, manches gutheißen mit außerordentlichem Recht, so weist doch die Tatsache dieses Strebens als solche darauf hin, dass aus ernst gemeintem, künstlerischen Gemüte nach neuen Wegen gesucht wird.

Nun muss man sagen, dass alle diese Versuche eigentlich das Gemeinsame haben, dass die Mittel - sei es auf dem Gebiete der Malerei dasjenige, was man an Farben- und Formgebung aufbringen kann, sei es auf dem Gebiete der Plastik -, dass alles das, was da versucht wird, an dem Mangel leidet, der einfach dadurch zu charakterisieren ist, dass man sagt: Es ist auf diese Weise heute noch nicht in befriedigender Weise gefunden, die künstlerischen Mittel richtig zu handhaben. Wir sind ja einmal in unserer Kultur dahin gekommen, ein gewisses abstraktes, gedankliches, ideelles Element zu etwas besonders Ausschlaggebendem zu haben. Aber alles Ideelle, Gedankliche, ist ja eigentlich der Tod jeder wahren Kunstbestrebung. Jede Kunstbestrebung muss, da darf das Goethe’sche Wort angewendet werden, hervorgehen aus sinnlich-übersinnlicher Anschauung. Aber sinnlich-übersinnliche Anschauung ist eben nur zu erreichen, wenn dasjenige, was den sinnlichen Eindruck macht, unmittelbar auch geistig-übersinnlich wirkt, ohne dass man es erst in Begriffe zu übersetzen hat. Nun, selbstverständlich strebt ja auch die Dichtung als solche, strebt die Musik als solche dieses an; aber gerade da macht sich namentlich auf dem Gebiete der Dichtung das geltend, dass in unserer Zeit auch die Sprache von dem abstrakten Elemente durchzogen, durchsetzt ist und dass man eine gewisse Sehnsucht darnach empfindet, zu ursprünglicheren Quellen des künstlerischen Wirkens zu kommen, als diejenigen sind, die man heute mit der Sprache erreichen kann. Und - wenigstens auf einem allerdings eingeschränkten Gebiete - soll das gerade mit unserer eurythmischen Kunst versucht werden. Diese eurythmische Kunst mit der schwachen Probe, die wir Ihnen heute auch wiederum werden darbieten können - es sind ja alles noch schwache Proben, denn die eurythmische Kunst steht im Anfange ihrer Entwickelung -, diese eurythmische Kunst wird Ihnen darbieten Bewegungen des einzelnen Menschen, namentlich seiner Arme und Hände, aber auch der übrigen Glieder des menschlichen Organismus, Bewegungen, die durchaus schon veranlagt sind im menschlichen Organismus selbst, dann aber auch Bewegungen von Gruppen, Stellungen von Gruppen und so weiter.

All das könnte man zunächst ansehen als Willkürgebärden. Aber man hat es ja nicht zu tun bei aller Eurythmie, die hier gepflegt wird, hat man es nicht zu tun mit Willkürgebärden, niemals mit etwas, was man als Pantomime, als Mimik oder Zufallsgeste auffassen könnte. Geradeso wenig kann das, was in der Eurythmie als Bewegung aufgefasst ist, als Zufallsgebärde [aufgefasst werden], wie etwa die Sprache selbst als Zufallslaut oder als eine zufällige Zusammenstellung der Laute aufgefasst werden kann. Es handelt sich ja darum, dass jedes Mal, wenn man versucht - es wird ja vielfach versucht — mit bloßer Pantomime oder mit Mimik Gebärden als Ausdrucksmittel zu gebrauchen, dass man ja auch das Subjektiv-Persönliche des Menschen braucht.

Nun bedenken Sie, wie in dem Subjektiv-Persönlichen dasjenige liegt, was nicht einen wirklichen künstlerischen Eindruck machen kann, denn das Subjektiv-Persönliche ist eben ein Willkürliches. Die Sprache, sie hat sich nur dadurch losgelöst von dem Subjektiv-Persönlichen, dass man gezwungen ist, die Sprache als etwas Gegebenes hinzunehmen. Wenn man auch dies oder jenes Erlebnis hat, das man durch Dichtung ausdrücken will, man muss sich in einen gesetzmäßigen Sprachzusammenhang hineinversetzen, man muss hineingießen in den gesetzmäßigen Sprachzusammenhang dasjenige, was man als dichterisches Erlebnis hat.

Nun ist aber einmal unsere Sprache schon konventionell geworden. Unsere Sprache ist sehr stark der Ausdruck geworden, der prädestinierte Ausdruck für das Prosaische, für das Wortwörtliche. Das ist aber auch in der Dichtung nicht das eigentlich Künstlerische. Das eigentlich Künstlerische ist dasjenige, was im Außergedanklichen lebt und unmittelbar aus dem außergedanklichen Geistigen des ganzen Menschen hervorquillt, aus einem gewissen Willenselemente hervorquillt. So wurde versucht, um zu dieser Eurythmie zu kommen, zu erforschen durch sinnlich-übersinnlichen Schauen, welche Bewegungstendenzen die menschlichen Sprachorgane haben, Zunge, Lippen und der Kehlkopf selbst, welche Bewegungstendenzen sie haben, Bewegungstendenzen, die dann den Ondulationsbewegungen in den Tönen zugrunde liegen, umgewandelt werden aber. Und diese Bewegungstendenzen, die wurden nun ganz gesetzmäßig übertragen auf die Bewegung des ganzen Menschen, sodass man in einer gewissen Weise schon sagen kann: Wenn Sie die Bewegungen hier auf der Bühne von Menschen ausgeführt sehen, so sind es nicht die Zitterbewegungen, die den Tönen zugrunde liegen; aber Bewegungstendenzen, die Bewegungsrichtungen, die in den Sprachorganen im Menschen dann veranlagt sind, die sind auf den ganzen Menschen angewendet. Der ganze Mensch und Menschengruppen treten Ihnen als eine Art lebendiger Kehlkopf entgegen. Die Eurythmie ist eine sichtbar gewordene Sprache. Dadurch aber ist man in der Lage, indem man das gesetzmäßige Element, das im menschlichen Organismus veranlagt ist, in Bewegung umsetzt, dadurch ist man in der Lage, das Persönliche zu überwinden und dennoch dasjenige, was seelisches Erlebnis ist, aus dem ganzen Menschen herauszuholen, sodass man den Menschen eben als sinnliches Objekt vor sich hat, aber zu gleicher Zeit ist jede Bewegung durchseelt; also ein Übersinnliches ist in jeder Bewegung gegeben.

Es ist tatsächlich mit dieser Eurythmie ein sinnlich-übersinnliches Element gegeben, sodass man sagen kann: Einer langen künstlerischen Sehnsucht kommt diese Eurythmie auf einem eingeschränkten Gebiete entgegen. Man braucht sich nur zu erinnern, wie zartere, künstlerisch empfindende Menschen immer die Sehnsucht empfanden, dasjenige, was innerliches Erlebnis ist, das so zum Ausdruck zu bringen, dass es nicht gegossen wird in das Konventionelle der Sprache. Ein schöner Vers von Tieck, der besagt das mit Bezug auf die menschlichen Liebesempfindungen, dass man die menschlichen Liebesempfindungen eigentlich mit dem abstrakten Elemente des Gedankens nicht zum Ausdrucke bringen kann. Sehr schön drückt das der Romantiker Tieck aus. Er sagt sehr schön:

Süße Liebe denkt in Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles was sie will verschönen.

Es ist ein Vers, der wirklich eine tiefste menschliche Sehnsucht ausdrückt, der aber selbstverständlich den Abscheu jedes philiströsen Logikers, jedes Pedanten auch erregen muss. Und Ludwig Uhland, der - ich verkenne ihn durchaus nicht -, der ein großer Dichter war, aber trotzdem er ein großer Dichter war, ein noch größerer Pedant war, der korrigierte Tieck, indem er darauf den Vers machte:

Liebtet ihr nicht, stolze Schönen,
Selbst die Logik zu verhöhnen,
Würd’ ich zu beweisen wagen,
Dass es Unsinn ist, zu sagen:
«Süße Liebe denkt in Tönen.»

Der Pedant kann sich eben nicht vorstellen, dass etwas im denkerischen Elemente lebt und zu ursprünglich, zu elementar ist, um durch die abstrakte Sprache zum Ausdrucke gebracht zu werden. Diese Betrachtung - nicht des Dichters Uhland, sondern des Pedanten Uhland -, die hat dann noch ein Logiker, selbstverständlich ein guter Logiker, entsprechend fortgesetzt, indem er ganz logisch bewiesen hat, dass es eben ein Unsinn wäre, irgendetwas würde in Tönen gedacht.

Nun muss man sich schon auch, wenn es sich darum handelt, die Anforderung zu stellen, menschliche Erlebnisse durch solche Bewegungskunst zur Offenbarung zu bringen, wie es die Eurythmic ist, muss man sich schon gefasst machen, dass selbstverständlich auch die Pedanterie und die auf schiefen Wegen wandelnde Logik allerlei einzuwenden hat. Aber man muss auf der anderen Seite doch geltend machen, dass es eben seelische Erlebnisse gibt, die heute schon etwas Ursprünglicheres brauchen als dasjenige, was in der wortwörtlichen Sprache gegeben werden kann.

Es ist heute einfach mit der Eurythmie entgegengekommen dem Sehnen nach Ausdrucksformen, die so streng innerlich gesetzmäßig mit dem Menschen zusammenhängen wie die Ausdrucksform des organisierten Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane. Aber, während die gewöhnliche Sprache eben mehr Gedankenausdruck geworden ist, handelt es sich darum, dass ja Eurythmie Willensausdruck wird. Daher muss auch - denn wir müssen ja begleiten lassen von der Musik auf der einen Seite das Eurythmische, von dichterischer Rezitation auf der anderen Seite das meiste, was in stummer, sichtbarer Sprache durch die Eurythmie dargeboten wird -, daher muss auch die rezitatorische Begleitung wiederum zu dem Wirklichen der rezitatorischen Kunst zurückkehren.

Heute empfindet man es — wir leben einmal in einem unkünstlerischen Zeitalter -, heute empfindet man es als besondere schöne Rezitation, wenn die Leute aus dem Inhalt herausholen, wie man sagt, und besonders verinnerlicht den Inhalt aus einer solchen Sache herausholen, die zu rezitieren ist. Aber das heißt ja nichts anderes, als den Prosagehalt zur Geltung bringen. Dann ist es denn doch viel künstlerischer in der Empfindung, wenn Romantiker vor einiger Zeit einen besonderen Gefallen daran gefunden haben, sogar zuzuhören, wenn ihnen Gedichte vorgelegt wurden, deren Sprache sie nicht verstanden. Sie haben hingehört auf Rhythmus, auf das musikalische Element, auf dasjenige, was sich zum Bilde formt. Das ist das Charakteristikon eines künstlerischen Zeitalters.

So muss auch die Rezitation heute - man könnte gar nicht anders die Eurythmie begleiten rezitatorisch - zurückkehren zu Rhythmus, zu Takt, zu dem, was als Musikalisches und Plastisch-Bildliches zugrunde liegt demjenigen, was dann gebraucht wird, ich möchte sagen als eine Leiter, um das eigentlich Künstlerische daran zu hängen, nämlich das Wortwörtliche des Inhaltes eines Gedichtes, was eigentlich nicht das Gedicht als Kunstwerk ausmacht, sondern seinen Prosainhalt ausmacht. Auf vieles Elementar-Menschliches kann mit der Eurythmie aber wiederum zurückgegangen werden.

Und zum Schluss ist es so, dass, wenn nur intensiv genug das Gefühl des Zuschauers ist, dass dann - gleichgültig in welcher Sprache die Rezitation geleistet wird - in der Eurythmie wird ein Internationales empfunden, eine universelle Menschensprache. Das ist auch etwas, was mit dieser Eurythmie auftreten kann, eine universelle Menschensprache. Denn dasjenige, was eigentlich geisüg ist an einem Gedicht, das nicht im wortwörtlichen Inhalt liegt, das gar nicht aufgeht in dem, was in einer nationalen Sprache liegt, das wirklich Künstlerische, das ist etwas, was, wenn es insbesondere aufgefasst wird seiner inneren Beweglichkeit nach, was ganz international, ich möchte sagen eben gerade in stummer Sprache empfunden werden kann. Und ich glaube, wenn der Augenblick einmal gekommen sein wird, in dem man sich sagt: Eigentlich ist das Künstlerische an einem Gedichte nicht dasjenige, was uns dem Inhalte nach aus ihm entgegentönt, sondern dasjenige, was gerade die Eurythmie hervorholen kann - abgesehen von dem wortwörtlichen Inhalte. Wenn man sich das einmal sagen wird, dann wird man das Wichtige der Eurythmie für unsere ganze Zeitentwicklung vielleicht doch noch in einer anderen Weise ins Auge fassen, als das jetzt schon geschieht.

Abgesehen davon, dass diese Eurythmie noch viele andere Seiten hat - auch eine hygienische Seite, sie wirkt gesundend auf den menschlichen Leib und sie wird insbesondere als Kindereurythmie. von der wir Ihnen heute nur eine kleine Probe vorführen können, in der pädagogisch-didaktischen Auffassung eine gewisse Bedeutung erlangen, indem das rein physiologische Turnen, das von der reinen Körperlichkeit ausgeht, zwar den Menschen in einer gewissen Weise stark macht, aber nicht eigentlich bis in seine Willensinitiative hineinkommt. Dagegen das beseelte Turnen — das ist auch die Eurythmie neben dem, dass sie Kunst ist -—, das beseelte Turnen, das wir neben dem gewöhnlichen Turnen in der Waldorfschule in Stuttgart als obligatorischen Unterrichtsgegenstand einführten für die kleinsten Kinder schon, das wird im richtigen Lebensalter des Menschen die richtige Anlage zur Willensinitiative, zu einer inneren Seelenaktivität bewirken. Und das ist für die heutige Menschheit, die so sehr nach dem Einschlafen über die wichtigsten menschlichen Angelegenheiten neigt, auch sehr sicher nötig.

Bei alledem, dass die Eurythmie solche hohen Ziele hat, muss aber immer gebeten werden in Bezug auf dasjenige, was heute schon geboten werden kann, dass Nachsicht geübt wird, denn wir stehen durchaus im Anfange der Entwickelung der eurythmischen Kunst. Zwar werden vielleicht die verehrten Zuschauer, die schon da waren vor Monaten, sehen, wie wir uns bemühen - namentlich in der elementar-künstlerischen Gestaltung, der Form, in den gefühlsmäßigen Formen der Bewegungen -, dass wir uns bemühen, die Sache weiterzubringen. Aber vieles ist noch zu tun. Zum Beispiel bemühe ich mich, werde mich in der nächsten Zeit mehr bemühen, gerade den Gang der dramatischen Kunst, das eigentlich Künstlerische des Dramas, irgendwie zur eurythmischen Offenbarung bringen zu können, was sehr schwierig ist. Aber es wird diese eurythmische Kunst schon vorschreiten, wenn ihr die Zeitgenossen einiges Interesse entgegenbringen können. Für dasjenige, was heute schon geboten werden kann, muss selbstverständlich noch die Nachsicht der Zeitgenossen in Anspruch genossen werden. Dennoch liegt die Überzeugung vor, dass mit dieser Eurythmic als einer ganz jungen Kunst durch wahrscheinlich andere als durch uns in späterer Zeit noch etwas geschaffen werden kann, was sich als vollgültige Kunst neben ältere Schwesterkünste wird hinstellen können.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →