Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 16 October 1920, Dornach

7. Ansprache zur Eurythmie

Programm zur Aufführung Dornach 16. und 17. Oktober 1920

«Howards Ehrengedächtnis» von J. W. v. Goethe
«Dornröschen» mit Musik von Johannes Brahms (Kindergruppe)Spruch aus dem Seelenkalender (28.) von Rudolf Steiner
«Die Freuden» von J. W. Goethe
Spruch aus dem Seelenkalender (29.) von Rudolf Steiner
«Frohsinn» von F. Hiller
«Irrlichter» von Theodora Wertsch
«Jahreszeiten» von Hans Reinhart
«Das Weltenwunder» von Hans Reinhart
«Einkehr»
Aus dem 6. Bild des Hüters der Schwelle von Rudolf Steiner (luz. u. ahr. Wesen)
«Fromme Wünsche» von Gustav Graben-Hoffman (Kindergruppe)
«Kläffer» von J. W. v. Goethe
Humoresken von Christian Morgenstern: «Die Zeit»; «Der Salm»; «Nach Norden»; «West-östlich»
Tropfenauftakt mit Musik von Leopold van der Pals
Humoresken von Christian Morgenstern (Elster-Serie): «Elster»; «Anfrage»; «Antwort»; «Entwurf zu einem Trauerspiel»
Humoristischer Auftakt mit Musik von Jan Stuten

Die eurythmische Darbietung, die wir Ihnen bieten wollen heute, darf ich wohl mit einigen Worten einleiten, um aufmerksam zu machen, aus welchen Quellen heraus diese eurythmische Kunst, die wir hier pflegen, hervorgeholt ist und mit welchen Kunstmitteln sie arbeitet. Sie werden sehen auf der Bühne Bewegungen, ausgeführt von einzelnen Menschen durch seine Glieder, durch seinen ganzen Körper oder auch Bewegungen von Menschengruppen, gegenseitige Stellungen der Gruppen zueinander, der Menschen zueinander und so weiter.

Das, was zu sagen ist, das ist: Es sind nicht willkürliche Gesten oder Gebärden, so wie man es in der pantomimischen Tanzkunst oder im mimischen Spiel macht oder auch, wie man es in der Tanzkunst hat. Das alles ist hier nicht gemeint, sondern Eurythmie ist begründet auf einer wirklichen stummen, das heißt sichtbaren Sprache. Die Bewegungen, die hier ausgeführt werden, sind durchaus eine sichtbare Sprache. Im Besonderen sind diese Bewegungen so, dass - ich will mich dabei eines Goethe’schen Ausdrucks bedienen -, dass durch sinnlich-übersinnliches Schauen beobachtet wird, welche Bewegungen zugrunde liegen im Kehlkopf und in den anderen Sprachorganen, wenn der Mensch spricht. Ich meine nicht diejenigen Bewegungen, die dann in der Luft ausgeführt werden und die den Ton, die Sprache vermitteln, sondern ich meine tiefe, innerliche Bewegungen in dem Sprachorganismus selbst, die natürlich äußerlich nicht beobachtet werden können. Man kann sie aber beobachten und kann sie dann übertragen auf alle anderen Glieder des Menschen und auch auf Bewegungen von Gruppen von Menschen. Dabei ist man imstande, eine ebenso ausdrucksvolle sichtbare Sprache zu schaffen, die der ganze Mensch vollzieht, wie sonst im einzelnen Menschen nur die Tonsprache zustande kommt durch Teilorgane, nämlich durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane. Es ist also nichts Willkürliches in dieser Eurythmie, ebenso wenig etwas Willkürliches, wie in der Sprache selber etwas willkürlich ist. Alles beruht durchaus auf Anschauung und auf Übertragung dieser Anschauung auf den ganzen Menschen. Dadurch ist man imstande, dasselbe, was rezitiert wird oder, sagen wir im Musikalischen zum Ausdruck kommt, auch durch diese sichtbare Sprache auszudrücken.

Eurythmie selber entsteht erst dadurch, dass man diese sichtbare Sprache durch verschiedene Formen und dergleichen, die dann aber nicht die einzelnen Laute [sind] - es liegt alles dasjenige, was in der Bildung, in der künstlerischen Gestaltung der Sprache zur Offenbarung kommt so, dass es ebenfalls in der Eurythmie zum Ausdruck gebracht werden kann. So werden Sie auf der Bühne sehen durch die sichtbare Sprache ausgedrückt Dichtungen oder auch Musikalisches. Sie werden auch das Musikalische selbst hören, denn das ist nur ein anderer Ausdruck für dasselbe, was auf der Bühne vorgeht. Ebenso werden Sie Rezitation und Deklamation zu den Dichtungen hören, welche nun eben wiederum durch die Eurythmie zum Ausdrucke kommen. Ich möchte sagen: Neben dem, dass Eurythmie durchaus eine Kunst ist, eine Kunst ist so, wie die Malerei, wie die Architektur und die Plastik wirken sollen, möchte [ich] außerdem noch besonders bemerken, dass diese Eurythmie auch einen großen Erziehungswert, einen pädagogischen Wert hat. Und auf diese will ich, da wir heute eine Schule hier sehen können, auf diesen pädagogischen Wert möchte ich mit ein paar Worten auch eingehen.

Es ist nämlich so, dass die menschliche Sprache - allerdings jetzt so, wie der Mensch sie gebraucht - aus einem selbständigen Teile des menschlichen Organismus heraustönt, aus dem Kehlkopf. Aber eigentlich ist beim Zustandekommen der Sprache, daran [ist] der ganze Mensch beteiligt, und die Sprache klingt heraus aus dem ganzen Menschen. Es ist nur so, dass im Laufe der Menschheitsentwicklung sich dasjenige, was aus dem ganzen Menschen herauskommt und wodurch er dasjenige, was in seiner Seele gefühlt, empfunden, gedacht wird, offenbaren will, dass er das allmählich konzentriert hat auf seine Sprachorgane. Man kann ja auch sehen: Wenn weniger zivilisierte Menschen sprechen, so begleiten sie ihre Sprache durch allerlei Gesten, sie haben das Gefühl, dass sie den Körper irgendwie bewegen müssen. Unter zivilisierteren Menschen kommt das allmählich ab und beschränkt sich auf ein Weniges. Aber im Grunde genommen ist es doch so, dass alles, was gesprochen wird, aus dem ganzen Menschen herauskommt. Nun, dadurch aber, dass die Sprache konzentriert ist auf die Sprachorgane - verhältnismäßig, möchte ich sagen, es kommt immer auf die Gewohnheit an, aber im Ganzen ist es doch so, dass er als ganzer Mensch an der Sprache beteiligt ist, er lebt in jedem Worte, in jedem Satze, aber wir gewöhnen uns allmählich an, den Willen abzuschwächen, der in jedem Worte, in jedem Satze lebt, und das Sprechen als etwas, ich möchte sagen gleichgültig Hinfließendes zu betrachten. Wir haben aber schon das Gefühl, dass eigentlich, indem wir einen Satz, indem wir eine Dichtung aussprechen, der ganze Mensch drinnen leben sollte.

Nun darf hier Folgendes angeführt werden, was für die pädagogische Beziehung von großer Wichtigkeit ist. Dadurch, dass allmählich — und zwar gerade, je weiter die Zivilisation kommt - die Sprache etwas, man möchte fast sagen Automatisches, Konventionelles, Mechanisches wird, dadurch hört auch die Teilnahme des Menschen, das Interesse des Menschen an seinem Sprechen selber auf. Man kann geradezu sagen: Je zivilisierter irgendein Teil der Menschheit ist, desto mechanischer wird die Sprache, desto konventioneller wird sie, desto weniger ist der Mensch versucht, sich mit seinem Willen, seinem ganzen Gemüte in all dasjenige hineinzuleben, was er spricht.

Und es wäre, wenn das auch heute sonderbar aussieht, insofern man es sagt — es wäre weniger Versuchung vorhanden in der Welt, Unwahres zu sagen, wenn der Mensch mehr mit seinem ganzen Wesen in der Sprache drinnen sein würde. Gerade dadurch, dass sich die Sprache emanzipiert, dass sie nur der Ausdruck, die Offenbarung wird für einen Teil des menschlichen Organismus, dadurch, wenn das hineinkommt in unsere Sprache - man wird das später, wenn man diese Dinge objektiver ansehen wird, genauer erkennen -, dadurch ist die Lüge hineingekommen, die Lüge, die Unwahrheit, namentlich aber die Phrasenhaftigkeit. Je mehr der Mensch mit seinem ganzen Wesen bei der Sprache dabei ist, desto weniger wird er neigen zu Lügenhaftem, zum Phrasenhaften, desto weniger wird er geneigt sein, nur etwas zu sprechen, damit die Sprache so hinfließt. Oder er wird desto weniger geneigt sein, bloß das Konventionelle in die Sprache zu legen. Er wird mehr und mehr darauf sehen, dass in der Sprache wirklich eine Offenbarung seines inneren Wesens ist.

Aus diesem Grunde, weil das so ist, haben wir in unserer Waldorfschule in Stuttgart die Eurythmie geradezu als obligatorischen Lehrgegenstand eingeführt. Und wir haben während des ersten Jahres des Bestandes der Waldorfschule die allerbesten Erfahrungen damit gemacht. Denn erstens: Es fühlen diejenigen, die da unterrichtet werden in Eurythmie, wie diese Eurythmie ein wirklich beseeltes Turnen ist - nicht wie das Turnen den bloßen Körper ergreift, sondern wie in jede Bewegung Seele hineinkommt, wie der ganze Mensch eben in jeder Bewegung lebt. Der Mensch ist viel weniger geneigt, zur Unwahrheit, zum Phrasenhaften sich hinzubilden, wenn er eine solche stumme Sprache mit seinem ganzen Körper ausführen muss.

Daher kommen zwei Dinge besonders in Betracht, die dann Befähigung werden, wenn man die Eurythmie als Schulgegenstand einführt. Erstens entwickelt sich in den Kindern dasjenige, was durch das bloße Turnen nicht kommen kann: Initiative der Seele, Initiative des Willens. Der Wille wird stärker, denn die Sprache quillt eigentlich aus dem Willen. Und dieser Wille wird nur unterdrückt, wenn die Sprache so dahinrollt, bloß auf die Sprachorgane gebaut, ohne dass der Mensch sich als Ganzes fühlt in dem, was er spricht. Und das andere, was ebenso wichtig ist wie dieses Heranbilden der Initiative des Willens, ist das, dass in der Tat der Mensch Wahrheitssehnsucht entwickelt gerade dadurch, dass er diese sichtbare Sprache gebraucht. Man lügt nicht gern mit der Gebärde. Viel weniger gern lügt man mit dem, was als Bewegung ausgeführt wird als mit dem bloßen Worte. So ist es tatsächlich - und das wird so stark gefühlt gerade in der Waldorfschule -, so ist die Eurythmie ein Erziehungsmittel gegen die Phrasenhaftigkeit, gegen das Hinplappern von Worten, bei denen man nicht die Verantwortung fühlt, dass alles dasjenige wirklich von Wahrheit durchsetzt ist, was man ausspricht.

Also ein Willenserziehungsmittel und eine Erziehung zur Wahrheit liegt in diesem Gebrauch der Eurythmie auf pädagogischem und didaktischem Gebiete neben manchem anderen. Es haben ja während unseres Hochschulkurses, der in den letzten Wochen abgehalten war, gerade die beiden Vortragenden, die über die Sprache gesprochen haben, hervorgehoben, wie man das eigentliche Wesen der Sprache erst zu verstehen beginnt, wenn man das Hervorgehen des Sprachlichen aus den menschlichen Bewegungen - die ja unsichtbar, übersinnlich immer zugrunde liegen - betrachtet. Das Lügenhafte wird allmählich besser. Der Mensch will ja eigentlich die Sprache mit Bewegungen begleiten - also auch die Sprachen selber lernt man besser verstehen, wenn man diese Eurythmie hat.

Und besonders bemerkt man, wenn gleichzeitig mit dem Ablauf einer eurythmischen Darbietung rezitiert werden muss, deklamiert werden muss, wie man nicht so deklamieren und rezitieren kann, wie heute das vielfach geschieht, wo man eigentlich nur Prosa spricht, wenn dasjenige, was an Rhythmus, Takt, an der ganzen Formwendung des Dichters eigentlich geoffenbart werden soll. Hier muss auch, wenn die Eurythmie mit Deklamation begleitet wird, so deklamiert werden, dass viel mehr als auf den Prosagehalt des Wortes gesehen wird auf die Gestaltung, auf das Formelle, das der Dichter erst der Sprache in seiner Behandlung gibt. Alles dasjenige, was schon als Eurythmie in der Sprache liegt, das kommt ganz besonders heraus. Immer wieder muss man sagen, dass ein wirklicher Dichter fühlt, wie die Sprache entweder auf dem Bildlichen oder auf dem Musikalischen beruht.

Schiller hatte immer eine unbestimmte Melodie zuerst in seiner Seele, bevor er den wortwörtlichen Inhalt eines Gedichtes hatte. Und Goethe studierte selbst seine «Iphigenie» mit dem Taktstock ein mit seinen Schauspielern, weil er auf das Fluten des Jambus den größten Wert legte in der Darstellung, auf dasjenige, was nicht bloß der prosaische, wortwörtliche Inhalt ist. Das alles fühlt derjenige, der wirklich lebendig hineinversetzt wird in dieses Eurythmisieren, wo der ganze Mensch zum Sprachorgan wird, oder da, wo Menschengruppen zum Sprachorgan werden.

Allerdings ist diese Eurythmie erst im Anfange. Wir haben uns in der letzten Zeit namentlich viel bemüht, den Stil jeder Dichtung herauszukriegen, Unterscheidungen herauszufinden, wie man eurythmisieren muss Ernstes - Sie werden davon Proben sehen —, wie man eurythmisieren muss Humoristisches im zweiten Teil des Programmes. Wir haben uns bemüht, die Sache auszubilden, aber trotzdem muss diese Eurythmie immer weiter und weiter schreiten, wenn sie an das Ziel, das man ihr setzt, eigentlich kommen soll. Sie werden auch sehen Kindervorführungen und sehen, wie gerade der noch jugendliche Leib dasjenige, was in ihm liegt, wirklich durch diese sichtbare Sprache aus seinem Innern heraussetzen kann, sodass man eigentlich in den Bewegungen, die ausgeführt werden, unmittelbar Seelisches sieht.

So hat die Eurythmie nicht nur das, dass sie eine Kunst ist, sondern sie hat das, dass sie ein Erziehungsmittel allerersten Ranges ist, dass sie außerdem ein Erziehungsmittel ist, das Lust und Freude macht. - Das Turnen ist dasjenige, was sich nur auf den Körper bezieht. Diejenigen Bewegungen, die in der Eurythmie ausgeführt werden, sie richten sich auf das [Körperliche] und auf das Geistige. Das ist aber dasjenige, wodurch sich dann der Mensch als ganzer Mensch fühlt, indem er die eurythmischen Bewegungen sinngemäß ausführt. Durch das Hineinweben in das Künstlerische fühlt man doch, wie das edelste Instrument, das man überhaupt in der Kunst verwenden kann, der Mensch selber ist.

Goethe hat gesagt: Wenn der Mensch an dem Gipfel der Natur anlangt, fühlt er sich selber wieder als eine ganze Natur, nimmt Harmonie, Maß, Ordnung und Bedeutung zusammen, um sich zur Schöpfung des Kunstwerkes zu erheben. Das fühlt man am besten, wenn der Mensch nicht etwa bloß die Geige in der Hand hat oder das Klavier handhabt oder den Pinsel, sondern wenn er sich selber als Instrument benutzt, um das auszudrücken, was in seiner Seele eigentlich vorgeht.

Wenn dann diese Eurythmie, die jetzt eben durchaus noch im Anfange ist und mit Nachsicht behandelt werden muss, wenn diese Eurythmie durch uns - oder wahrscheinlich durch andere - weiter und weiter fortschreiten wird, dann wird sie sich erstens als Kunst neben die älteren, vollberechtigten Schwesterkünste hinstellen können. Aber sie wird auch erkannt werden als eines der allerbedeutsamsten Erziehungsmittel der Menschheit - sowohl in Bezug auf den Willen, als auch in Bezug auf den inneren Wahrheitssinn des Menschen. Was heute in der Eurythmie noch im Anfange ist, es wird ausgebildet werden und dann vollberechtigt neben die anderen älteren künstlerischen und Erziehungsmittel sich hinstellen können.

Ansprache zum «Lied von der Initiation»

Bevor Rudolf Steiner die Abschiedsworte zum ersten Hochschulkurs am Goetheanum sprach (in: «Grenzen der Naturerkenntnis», GA 322, Basel, 6. Aufl. 2020, $. 128-148), kam «Das Lied von der Initiation» im Kuppelraum zur Aufführung - «auf Dr. Steiners speziellen Wunsch», wie die Stenografin Helene Finckh auf ihrer Nachschrift vermerkt: «Dr. Steiner hatte ausgesprochen, es würde notwendig sein, diesen Auftakt zu bringen.» - Rudolf Steiner führte die Aufführung mit folgenden Worten ein:

Wir können, meine sehr verehrten Anwesenden, ebenso, wie wir uns zuwenden einer wirklichen geisteswissenschaftlichen Kultur, Kunst und so weiter, wir können ebenso stark abweisen alles dasjenige, was aus nicht-ehrlichem, nicht-wahrem, nicht-aufrichtigem Empfinden heraus sich zu dem sogenannten Geistigen wendet, was «mystelt» und dergleichen. Und um Ihnen zu zeigen, was wir gegenüber dem falschen Mysteln, dem koketten Mysteln, dem unaufrichtigen, unehrlichen Mysteln für Empfindungen haben können, möchten wir Ihnen noch kurz etwas Eurythmisches vorführen.

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