Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922
GA 277c — 24 October 1920, Dornach
10. Ansprache zur Eurythmie
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Gestatten Sie, dass ich, wie immer vor diesen eurythmischen Darbietungen, den ganzen Charakter und das Wesen unserer Eurythmie mit ein paar Worten voraus bespreche. Es geschieht das nicht, um etwa die Vorstellung zu erklären - das wäre ein unkünstlerisches Beginnen. Künstlerisches muss durch unmittelbaren Eindruck wirken und muss ohne Erklären selbstverständlich diesen Eindruck machen. Aber da es sich bei dieser unserer Eurythmierichtung um eine Kunst handelt, die aus Kunstquellen herausgeschöpft ist, [nicht] aus Formen bisheriger Kunst geschöpft worden ist, und die auch sich einer künstlerischen Formensprache bedient, die auch bisher nicht gebräuchlich war, so darf wohl über das Wesen der Eurythmie mit ein paar Worten gesprochen werden. Es handelt sich bei dem, was Sie auf der Bühne sehen werden, um Bewegungen, ausgeführt vom einzelnen Menschen durch seine Glieder oder ausgeführt von Menschengruppen, die ihre gegenseitigen Stellungen auch zueinander wechseln und so weiter.
Bei all dem ist nicht gemeint irgendetwas Pantomimisches oder Mimisches oder gar irgendeine Tanzkunst, sondern es ist etwas ganz anderes gemeint. Es liegt hier wirklich zugrunde eine sichtbare stumme Sprache, aber eine, die geradeso menschliches Ausdrucksmittel ist wie die Tonsprache. [Lücke]
Nun, nichts willkürlich Gewähltes von diesen oder jenen Gebärden ist angestrebt, sondern es ist sorgfältig - um mich dieses Goethe’schen Ausdrucks zu bedienen - durch sinnlich-übersinnliches Schauen, Beobachten [erforscht], wie der menschliche Kehlkopf und die anderen Sprachorgane sich bewegen wollen, welche Bewegungstendenzen sie in sich haben, wenn die Tonlautsprache zustande kommt. Ich meine damit nicht Bewegungen, die in der Luft etwa ausgeführt werden, wenn die Sprache vermittelt wird oder [wenn ich] das höre, was da durch Bewegung der Luft geschieht, sondern ich meine dasjenige, was im Kchlkopf und seinen [Nachbarorganen] vor sich geht, um eben die Luft erst in Schwingungen zu versetzen. Das ist etwas, was man gar nicht merkt selbstverständlich, wenn man der Sprache zuhört, denn da hat man es ja auf den Laut, auf den Ton abgesehen. Aber durch sinnlich-übersinnliches Schauen kann studiert werden dasjenige, was die Sprachorgane ausführen wollen, aber zurückhalten, weil die Kräfte übergehen sollen in die Luftwellen, die dann den Ton vermitteln. Dann kann man nach dem Prinzip der Goethe’schen Metamorphosenlehre ausdehnen dasjenige, was Goethe nur für die Form zum Beispiel bei der Pflanze oder bei dem Tierwachstum gemeint hat, indem man es ins Künstlerische übersetzt, ausdehnen auf die Methode. Sodass man - geradeso, wie Goethe in der ganzen Pflanze ein komplizierteres Blatt gesehen hat und in dem einfachen Blattplan eine einfach gestaltete ganze Pflanze, was er mit seiner Metamorphose gemeint hat, so kann man dasjenige, was beim gewöhnlichen Sprechen einseitig als gesetzmäßig den Sprachorganen zugrunde liegt, das kann man ausdehnen auf die Bewegung des ganzen Menschen [und] auf die Bewegung ganzer Menschengruppen, sodass sie also in der Tat vor sich sehen werden auf der Bühne den ganzen Menschen oder Menschengruppen so in Bewegung, wie die Sprachorgane ihre Bewegungen ausführen wollen, sie aber nur zurückhalten.
Dadurch entsteht eine wirkliche stumme Sprache, die dann ebenso künstlerisch geformt, künstlerisch gestaltet werden kann wie die Lautsprache, und man erreicht dadurch etwas von dem, was jetzt gerade von ernsten Künstlern angestrebt wird, aber mit den Kunstmitteln der älteren Künste unmittelbar nicht erreicht werden kann. Ich möchte durchaus nicht die Eurythmie als eine besondere Musterkunst in dieser Richtung hinstellen, aber will nur bemerken, dass eben die Eurythmie, weil sie /unverständlicher Passus, siehe Hinweise] sich gewisser Kunstmittel bedient, durch und durch künstlerische Ausdrucksform [sein will, die das erreicht], die man eigentlich in anderen Künsten anstrebt. Bei uns darum, in unserem Bau, ist ja nichts [Gedankenhaftes] in der Malerei, auch indem [das] Bild[hafte] hiernach, nach [...] /unleserliche Stelle] [auf]tritt, [manifestiert] sich aber dasjenige, was in der Kunst auch erreicht werden soll: Dass in dem Kunstwerk vor allen Dingen der Gedanke ganz unterdrückt werden [soll].
Denn in dem Maße, in dem in der Kunst der Gedanke wirkt, in dem Maße ist die Kunst eigentlich unkünstlerisch. Aber in unserer Sprache, besonders in den zivilisierten Sprachen, da ist es doch so, dass wenigstens nicht so wie bei den primitiveren Völkern die Sprache ein Ausdruck ist für dasjenige, was der Mensch als Leidenschaft empfindet, was der Mensch sonst fühlt, also für sein ganzes Wesen, sondern unsere Sprache ist gewählt [ge]worden. Unsere Sprache ist übergegangen allmählich auch in ein Ausdrucksmittel, in eine Offenbarung der mehr abstrakten Gedanken. Gewiss, das hindert nicht, dass heute noch auch gute Dichtungen entstehen, obwohl - in Parenthese sei es gesagt - fast neunundneunzig Prozent alles desjenigen, was heute gedichtet wird, im Grunde genommen nicht gedichtet zu werden bräuchte, wenn’s bloß auf Kunst ankäme. Aber im Ganzen muss man sagen: Je mehr die Sprache zivilisiert wird, desto mehr geht ihr der Charakter des eigentlich Künstlerischen verloren, weil sie nicht mehr Ausdrucksmittel des ganzen Menschen sein kann.
Da haben wir gerade in der Eurythmie ein Mittel, zu den ursprünglichsten Quellen des menschlichen Ausdrucks in der Sprache wiederum zurückzukehren und diese Ausdrucksmittel auf eine höhere Stufe zu heben. In der gewöhnlichen Lautsprache fließen zusammen, möchte ich sagen, vom Kopf des Menschen her die Gedanken, vom ganzen Menschen heraus derweilen mit seinen Impulsen nun [das, was] in dem ist, was als Eurythmie dargeboten wird, [aber da] bleibt die Sprache stumm. Dadurch wird auch der Gedanke mehr oder weniger ausgeprägt. Dadurch aber wird die Eurythmie [zu] der Kunst [hin]geführt, und dadurch, dass aus der ganzen menschlichen Organisation heraus genommen werden diejenigen Formen, die von dem einzelnen Menschen in seinen Gliedern ausgeführt werden, oder auch von Menschengruppen bewegt, wirkt hauptsächlich der Wille in diese Bewegung hinein, und wir haben einen durchseelten Willen, der unmittelbar [geschaut] wird und noch dazu auf /unleserliches Wort] wird durch das Instrument des Menschen selbst. Im höchsten Mate ist dadurch demjenigen ganz. gedient, was Goethe in die schönen Worte gebracht hat: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur [gestellt ist, empfindet er sich selbst wiederum als eine ganze Natur, nimmt Ordnung, Maß, Harmonie und Bedeutung zusammen] und erhebt sich endlich zum Schöpfen des Kunstwerkes.
Er erhebt sich insbesondere zum Schöpfen des Kunstwerkes, wenn er statt der Geigen oder des Klaviers oder statt des Pinsels und der Farbe verwendet seinen eigenen Organismus. Wenn dadurch mehr herausgeholt wird dasjenige, was da so geheimnisvoll in dem Sprachorgan wirkt, [was] zu Zeiten unterdrückt wird, dass das herausgeholt wird aus dem Menschen, offenbart dieser Mikrokosmos — das ist ja der Mensch -, diese kleine Welt offenbart wirklich die Geheimnisse des Weltendaseins. Und auch da kommt man Goethe nahe, der da gesagt hat: «Wem die Natur ihr offenbares [Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin,] der Kunst.» Im Menschen selbst leben die höchsten Geheimnisse des Weltendaseins wirklich durch den Menschen so in Bewegung, wie es seiner ganzen Organisation entspricht. Dann treten einem nicht nur Menschheitsgeheimnisse, sondern Weltgeheimnisse in den Bewegungen des Menschen entgegen.
Und so ist man in der Lage, dem Dichter und auch dem Musiker zu folgen mit der Eurythmie, indem man dasjenige, was der wirklich dichterische Künstler durch die Offenbarung der Sprache erreichen will, noch mehr erreicht durch diese stumme Sprache der Eurythmie. Sie werden daher sehen auf der einen Seite die eurythmische Darstellung begleitet oftmals vom Musikalischen, was ja nur eine andere Ausdrucksform [ist], oder auch begleitet von dem Rezitatorisch-Deklamatorischen. Namentlich da sieht man ganz besonders, am rezitatorisch-deklamatorisch Rezitierten [welche Eigentümlichkeit in der Kunst liegt] /unleserliche Passage]. Mit der Unkunst, [mit dem,] was heute als Rezitationskunst geübt wird, könnte man die Eurythmie gar nicht begleiten. Heute, da wird /unleserliches Wort] im Grunde genommen nur nebenbei doch rezitiert. Es ist aber nur ein Hinsprechen der Prosa. Das betrachtet man heute besonders als Kunst. Man unterdrückt dasjenige, was das eigentliche Künstlerische an der Dichtung ist: das Rhythmische, das Taktmäßige, das Musikalische oder auch das Bildliche. Beides, was der Dichter gerade seiner Sprache einprägen möchte, man kann es im höheren Maße einprägen in der stummen Sprache der Eurythmie.
Immer wieder muss daran erinnert werden, wie Schiller, bevor er den wortwörtlichen Inhalt einer Dichtung hatte, eine unbestimmte Melodie in seiner Seele leben hatte, und diese unbestimmte Melodie war ihm das eigentlich Künstlerische. Er konnte gewissermaßen jeden Inhalt verbunden denken in der Hauptsache einer solchen unbestimmten Melodie, denn das Musikalische, das in dem Gedicht liegt, das ist das eigentlich Künstlerische. Bei Goethe ist es das mehr Bildliche. Goethe hat daher beim Einstudieren seiner «Iphigenie» selbst mit dem Taktstock gewirkt wie ein Kapellmeister, indem er die Hauptsache gesehen hat in dem Hinströmenlassen des Jambus, nicht in dem Hersagen des Wortwörtlichen. Diese Gedichte ermöglichen — gerade durch Eurythmie —, zu den Quellen des Dichterischen wiederum in einem höheren Sinne zurückzukommen. Und dies überhaupt unserer Zeit, die so unkünstlerisch ist, zu sagen, war das wirklich Künstlerische.
Künstlerisch wirkt es ja in der Eurythmie ganz besonders, dass man Bewegungen vor sich hat, also etwas mit den Sinnen sieht. Alles Künstlerische muss so wiederum werden, dass es in der physischen Außenwelt gewissermaßen mit den Sinnen unmittelbar aufgefasst wird, nicht mit den Gedanken. Aber alles Künstlerische muss auch bescelt sein. Wir könnten eben /unleserliche Passage, Lücke?] beobachten, dass eben der Mensch selber das Werkzeug für die künstlerische Darstellung ist, in jeder seiner Bewegungen Seele ist. Es wird noch erhöht dasjenige, was ein wirklicher Dichter schreibt, wenn seine Dichtung neben dem, dass sie rezitiert wird, eurythmisch dargestellt wird - was Sie hier sehen werden.
Nun, diejenigen sehr verehrten Zuhörer, die öfter schon [Lücke], werden ja auch wahrnehmen, wie wir uns bemühen, in der Aufeinanderfolge, in der Formgebung wirklich zu dem Stilvollen in den Dichtungen vorzudringen, wie man versucht - zum Beispiel [im Humoristischen in besonders ausdrucksvollen Formen - die gebogen, die gerade, die herum sich wickelnd] -, durchaus wie [vom] Ernste getragene Versuche in anderen Formen dasjenige zum Ausdruck bringen, was eben in dem Wie der künstlerischen Gestaltung liegt, nicht in dem Prosainhalt der Dichtung, der eigentlich im Grunde genommen gar nicht zum Inhalt der Dichtung gehört.
Das sind ein paar Worte über dasjenige, was als Kunst mit der Eurythmie gewollt wird. Diese Eurythmie hat aber noch andere Seiten. Zunächst will ich [noch] erwähnen dasjenige, was noch besonders zur Ausbildung kommen soll: die hygienisch-therapeutische Seite, da die Bewegung, die ausgeführt ist, durchaus aus der Natur des menschlichen Organismus selber herkommt. So kann auch gewissermaßen eine Heileurythmie entwickelt werden. Es wird eine eurythmische [Heil-]JKunst entwickelt werden, und sie wird durch den therapeutisch ausgebildeten [Willen], [in der durch ausgebildete] Sensibilität wiedergewonnenen Bewegung [im] Willen weit mehr sprechen.
Noch ein paar Worte über die pädagogisch-didaktische Seite. Ich mache darauf aufmerksam, dass man über alle diese Dinge wirklich einmal in der Zukunft objektiver denken wird. Ein berühmter Physiologe, [der hier die Eurythmie angesehen und meine Ausführungen] angehört hat, [hat] mir nachher gesagt, das Turnen sei überhaupt [kein] Erziehungsmittel, sondern eine Barbarei. So weit will ich, wie gesagt, nicht gehen. Es ist das ein sonst ganz geistig [?] denkender Physiologe der Gegenwart, der das zum Ausdruck gebracht hat. Ich werde nur sagen: Das Turnen beschäftigt sich mit dem Physiologischen, mit demjenigen, was den Leib kultivieren soll. Und es wirkt auf Kinder als besonderes Erziehungsmittel gerade diese Eurythmie, die in dieser Hinsicht geübt werden kann [als] ein beseeltes Turnen. Und gerade nach [unseren Erfahrungen] ist ja /Lücke?] an der Stuttgarter Waldorf[schule], wo die Eurythmie als ein obligatorisches Erziehungsangebot eingeführt ist und durch ein Jahr gewirkt hat und man wirklich sehen konnte, in welch klar bestimmter Weise auf die Kinder gewirkt werden kann - gerade dadurch und /Lücke?] ist ja durch die Stuttgarter Waldorfschule [schon] der Beweis [er]bracht worden.
Man kann [also anwenden] dieses beseelte Turnen. Erstens empfindet es das Kind als etwas, in das es wie selbstverständlich hineinwächst, denn es fühlt eben das Zugehören der Bewegungen, die da gemacht werden, zu der ganzen Organisation des menschlichen Leibes. Dann aber wird eben nicht bloß physiologisch gesehen, wie die Menschen [dem Leibe nach] sind, sondern jede Bewegung ist beseelt. Daher wird in dem Kinde zugleich erzogen Leib, Seele und Geist, und das ist etwas, was das Kind fühlt und was vor allen Dingen als Erziehungsmittel stark wirkt. Und wird einmal diese Eurythmie als Erziehungsmittel ausgiebiger verwendet werden, was ganz gewiss für die Zukunft sein muss, so wird man sagen, dass sie noch in anderer Beziehung ein wichtiges Erziehungsmittel ist. Ich möchte nicht sagen, dass sie das heute schon für die Großen sein kann, das braucht sie nicht zu sein, aber bei den Kindern, wenn sie als Erziehungsmittel verwendet wird, wird sie ein Mittel zur Erziehung des Wahrheitssinnes sein. Wie gesagt, noch einmal: [Das] braucht sie bei Erwachsenen nicht zu werden. Bei den Kindern aber ganz gewiss, denn das ist das Dilemma unserer zivilisierten Sprache, dass sie [unleserliches Wort] nicht aus dem ganzen Menschen herauskommt, sondern nur aus einem Teiltrakt der menschlichen Organe. Und gerade dadurch, dass wir dann [mit Eurythmie] erreichen, [dass] die ganze menschliche Organisation ausdrückt /Lücke), dadurch wird [erreicht] allmählich die Teilhabe des ganzen Menschen an dem, was er spricht. [Unleserliches Wort] Bewegung kommt zustande, die anregt zum Fragen, zu den /unleserliches Wort], die dazu führt, dass der Mensch durch diese stumme Sprache der Eurythmie mit seinem ganzen Organismus teilhaben [kann] an demjenigen, was als Sinn sich der Seele entringt.
Dann wird bei einem solchen Erziehungsmittel der Wahrheitssinn, wenn nur früh genug angefangen wird, der Wahrheitssinn eine ganz besondere Pflege er[halten]. Die Sprache wird allmählich wahrgenommen. Was ihr da heute wirklich nottut - dass [sie des] Phrasenhaften entkleidet werde -, das wird man haben von der Eurythmie: Dass sie ein Erziehungsmittel zur Wahrheit wird. So viel über die pädagogisch-didaktische Seite.
Man muss natürlich nur sagen, dass wir selbstverständlich um Ihre Nachsicht bitten, denn wie hoch auch die Ziele sein mögen, die wir uns mit der Eurythmie vorgenommen haben, das ist vorläufig nur durchaus im Anfange, [das, was] erreicht wurde. Aber sie muss auch weiter gestaltet werden - vielleicht durch uns, wahrscheinlicher durch andere. Und so sehr wir auch selbst strenge Kritiker sind, so sehr wir auch wissen, wie heute noch alles unvollkommen ist, so haben wir schon angestrebt /Lücke?]. Es wird in der nächsten Zeit ganz gewiss auch noch [allerhand] bloße pantomimische, mimische und gestenhafte Bestrebungen geben und die eurythmischen Bewegungen werden dahin fließen in einer solchen Aufeinanderfolge [von] Gesetzmäßigkeiten, aus solchen aufeinanderfolgenden Gesetzmäßigkeit[en], [wie die], die die Melodie, das Musikalische [verbinden]. Aber dazu bedarf es eben einer weiteren Ausgestaltung. [Fragmentarische Schlusspassage, siehe Hinweise.]