Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 21 November 1920, Cannstatt

15. Programm zur Aufführung

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Von der Ansprache, die Rudolf Steiner vor der Aufführung hielt, haben sich keine Aufzeichnungen erhalten, doch gibt der Zeitungsbericht einige Inhalte derselben wieder.

Bericht aus der Cannstatter Zeitung, 23. November 1920

Eurythmische Kunst

Um es gleich vorwegzunehmen; Weil dem Andrang weitaus nicht entsprochen werden konnte, findet heute Dienstag, dem 23. ds. eine Wiederholung der Vorführung eurythmischer Kunst im Wilhelmatheater statt. Die Vorführung am Sonntagabend, die von der «Freien Hochschule für Geisteswissenschaft», Goetheanum in Dornach-Schweiz ausging, hatte also ein volles Haus. Dr. Rudolf Steiner leitete die Vorführung mit einer bemerkenswerten Ansprache ein, worin er über das Wesen und die Ziele der eurythmischen Kunst das Wesentlichste hervorhob. Es handle sich nicht um irgendeine Tanzkunst, nicht um irgend etwas Mimisches, nicht um Gesten als Ausdrucksmittel, sondern um eine wirkliche, sichtbare Sprache; die Bewegungen vollziehen sich streng gesetzmäßig. Das, was im Gedicht liegt, in Gesang, im Musikstück, wird durch eine andere Art des Ausdrucks, durch eine Art Formsprache anschaulich für das Auge, wie die Klänge der Musik für das Ohr. Im Gedicht, im Musikstück ist dasjenige erst Kunst, was durch das Wie zum Ausdruck kommt, nicht durch das Was. Ehe Schiller ein Gedicht hinschrieb, hatte er immer eine unbestimmte Melodie in der Seele, und diese war die Hauptsache. Das eigentlich Künstlerische der Dichtung wird nur wirkliche Offenbarung dadurch, dass der Mensch sich selbst zum künstlerischen Instrument macht, dass gesetzmäßige Bewegungen der Ausdruck sein sollen für sein Seelenleben, sein ganzes geistiges Dasein. Das ist die künstlerische Seite der Eurythmie. Dieser einen Seite steht jedoch gegenüber das pädagogisch-didaktische Element. Daher wurde die Freie Waldorf-Schule Stuttgart gegründet. Hier soll all das gepflegt werden, was aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft sich entwickelt. In erster Linie die für unsere Zeit so notwendige Willensinitiative und das Streben nach Wahrheit. Die Eurythmie steht noch in ihren Anfängen, aber sie ist vervollkommnungsfähig und soll zuletzt den Menschen auf den Gipfel der Natur stellen, dass er sich selber zum Kunstwerk macht. Dann wird die sich als vollberechtigte, jüngere Kunst neben die älteren Künste hinstellen können. An diese, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Worte reihten sich nun in harmonischer Abwechslung, wie eine schöne Perlenschnur, 22 Vorführungen, die alle ganz vorzüglich gelangen, und teilweise hohe Kunstleistungen waren. Sehr angenehm berührte die Einfachheit, Schicklichkeit und Zweckmäßigkeit der Kostüme, und doch wurden durch den Wechsel farbiger Lichter ganz reizvolle Effekte erzielt. Aus der reichen Fülle des Gebotenen sei nur einiges wenige herausgegriffen: Gleich die erste Nummer Waldkonzert mit dem weichen, einschmeichelnden Gesang von Frau Olga Leinhas. Des Meeres ewig wechselvolles Lied fand wie auch Herbst von Nietzsche plastische Darstellung durch Frau L. Maier-Smits. Bewundernswert war die Wiedergabe von An die Zikade durch Frl. Ilona Bögel, An Schwager Kronos und Mahomets Gesang durch Frl. Edith Röhrle and Nachtlied durch Frl. Erika Schilbach. Als Lehrerin und sogleich Meisterin gab Frau Baumann neben manchem anderen in der Schlussnummer Salome noch das Meisterstück. Großer Anteil am Erfolg gebührt Frau Dr. Steiner, welche die Dichtungen mit starker Gestaltungskraft vortrug. Seine helle Freude konnte man an den mitwirkenden Kindern haben. Die herzigen Kleinen muss man gesehen haben, wie sie Die Enten laufen Schlittschuh vorführten. Auch die Größeren ernteten bei jeder Nummer reichen Beifall und mussten wiederholen. Herr Baumann begleitete gewandt am Klavier. Wir sind überzeugt, dass es am Dienstag wieder ein volles Haus geben wird.

German original of Report of an Eurythmy Performance · ← Previous · Next →