Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 29 December 1920, Olten

18. Ansprache zur Eurythmie

Es handelte sich um eine Aufführung mit Kinderdarbietungen für Lehrer. Abends gab es einen Vortrag Rudolf Steiners über «Anthroposophie und pädagogische Kunst». Das Programm zur Aufführung liegt nicht vor.

Meine sehr verehrten Anwesenden! Nicht so sehr, um etwa unsere Vorstellung zu erklären, möchte ich diese einleitenden Worte sprechen, sondern um darauf aufmerksam zu machen, aus welchen künstlerischen Quellen und in welcher künstlerischen Formensprache dasjenige sich ausdrücken will, was wir als unsere Eurythmie bezeichnen. Erklären wollen eine künstlerische Leistung, wäre ja selbst etwas Unkünstlerisches. Es muss alle Kunst durchaus im unmittelbaren Eindruck klar durch sich selber wirken. Aber wir haben es hier zunächst mit etwas zu tun, was sich durchaus nicht vergleichen lässt mit benachbarten Künsten, mit Tanzkünsten oder pantomimischen Vorstellungen oder dergleichen, sondern mit etwas, das aus bisher ungewohnten künstlerischen Quellen und in einer bisher ungewohnten künstlerischen Formensprache wirkt. Die Eurythmie, wie wir sie hier auffassen, ist wirklich eine Art von sichtbarer Sprache. Sie werden sehen auf der Bühne ausgeführt Bewegungen von einzelnen Menschen oder Menschengruppen in gegenseitigen Stellungen zueinander, in Bewegungen im Raume. Diese Bewegungen sind durchaus nichts Willkürliches, nichts irgendwie Ausgedachtes, auch nicht etwa so zusammengestellt, dass man zu irgendeiner Seelenempfindung eine Gebärde machen will. Sondern sie beruhen darauf, dass, um mich dieses Goethe’schen Ausdruckes zu bedienen, durch sinnlich-übersinnliches Schauen beobachtet ist, welche Bewegungstendenz, Bewegungsabsichten, möchte ich sagen, die menschlichen Sprachorgane - der Kehlkopf und seine Nachbarorgane — haben, wenn der Mensch zur Lautsprache kommt. In der Lautsprache offenbaren [sich] nicht die Bewegungen, die dann ausgeführt werden, die in die Luft übergehen, sondern diejenigen Bewegungen, die gewissermaßen aus dem ganzen Menschen hervorgehen, wenn er sich offenbaren will durch die Kräfte, die aber dann aufgehalten werden, gewissermaßen Halt machen vor dem Kehlkopf und den anderen Sprachorganen und sich dann umsetzen in diejenigen Bewegungen, die dann Luftbewegungen werden und die den Ton für das menschliche Ohr vermitteln.

Also dasjenige, was latent im Menschen bleibt, dasjenige, was nicht eigentlich in der Lautsprache zum Ausdrucke kommt, sondern nur Tendenz ist, weil das Geistige hinter der Sprache ist, das ist dasjenige, was durch sinnlich-übersinnliches Schauen beobachtet ist - sorgfältig - und was dann nach der Methode der Goethe’schen Metamorphosenlehre übertragen ist auf den ganzen Menschen. Ich habe nur darauf hinzuweisen, dass Goethe in seiner ja heute leider noch viel zu wenig gewürdigten Metamorphosenlehre den Organismus so ansieht, dass er zum Beispiel sagt: Ein einzelnes Pflanzenblatt ist eigentlich eine ganze Pflanze und die ganze Pflanze wiederum ein kompliziertes Blatt, das Blatt einfachere Pflanze, primitive Pflanze, die ganze Pflanze ein kompliziert gewordenes Blatt, jedes einzelne Organ so, dass man das ganze Wesen darinnen erkennen kann dem Geiste nach.

So liegt auch in den Sprachorganen der ganze Mensch, und man kann wiederum dasjenige, was in den Sprachorganen zum Ausdrucke kommt durch die Lautsprache, auf den ganzen Menschen zurück übertragen. Sie werden daher sehen gewisse Bewegungen von Menschen und Menschengruppen wie lebendige Sprachorgane, die nur nicht für das Ohr, sondern für das Auge auftreten. Denn man kann alles dasjenige, was sonst durch die Musik, durch die Dichtung zum Ausdrucke kommt, das kann man in dieser sichtbaren Sprache zum Ausdrucke bringen.

Nur muss zum Beispiel in der Deklamation, Rezitation auch eingehalten werden das Rhythmische, das Taktvolle, nicht der Prosainhalt, wie man es heute besonders bei der Deklamation liebt. Man ist genötigt, wenn man die Dichtung, die hier zugleich bei der eurythmischen Darstellung rezitiert wird, wenn man diese parallel der Eurythmie hat, auch schon Eurythmie in der Rezitation drinnen zu haben. Das ist heute ebenso ungewohnt wie die ganze Eurythmie, und daher wird es von vielen abgelehnt. Allein, es wird sich schon eingewöhnen, wenn man einmal besser verstehen wird die Eurythmie.

Ich möchte nur mit diesen paar Worten über die künstlerische Seite der Sache reden; aber da wir ja hier vorzugsweise aus pädagogischen Gründen zusammengekommen sind, möchte ich darauf hindeuten, dass diese Eurythmie neben ihrer künstlerischen Seite eine wesentlich pädagogische hat und als obligatorischer Unterrichtsgegenstand in der Freien Waldorfschule in Stuttgart, die ganz nach unseren anthroposophischen Grundsätzen aufgebaut ist, eingeführt wurde. Wir haben gesehen, wie im Verlaufe des Jahres, das wir hinter uns haben, in der sie in der Waldorfschule wirkt, wie, ich möchte sagen sie mit ungeheurer Liebe und Selbstverständlichkeit aufgenommen wird von den Kindern, gerade von den Kindern.

Denn was ist die eurythmische Kunst für sie? Was ist die eurythmische Kunst für das Kind? - Sie ist ein beseeltes, durchgeistigtes Turnen, Das Turnen ist heute ja so, dass nur nach den körperlichen Gesetzen des Menschen die Bewegungen ausgebildet werden. Es ist also wesentlich etwas, dem die Physiologie, das Physikalische am Menschen zugrunde liegt. Hier haben wir es zu tun mit etwas, dem in jeder Bewegung die Seelen-und Geistesbeobachtungen zugrunde liegt. Das merkt das Kind, dass der ganze Mensch in die Bewegung übergeht. Daher kann man durch diese Eurythmie bei den Kindern etwas erreichen, was man durch das gewöhnliche Turnen nicht erreichen kann.

Ich möchte durchaus nicht so weit gehen wie jüngst - als ich auch solche einleitenden Worte gesprochen habe - ein berühmter Physiologe der Gegenwart, der mir nachher sagte: Das Turnen ist überhaupt kein Erziehungsmittel, sondern Barbarei. Wie gesagt, ich habe das durchaus nicht selbst behauptet, sondern ein ausgezeichneter Physiologe; er wollte nicht gelten lassen, dass überhaupt dem Turnen ein erzieherischer Wert beigelegt werde. Es hat eine Bedeutung als körperliches Erziehungsmittel. Hier aber bei der Eurythmie als Lehrgegenstand handelt es sich darum, dass vor allen Dingen das, was so sehr braucht die nächste Generation - noch mehr brauchen wird als bisher -, die Willensinitiative, die beseelte Willensinitiative bei diesem Turnen zum Ausdrucke kommt. Bei den Erwachsenen wirkt ja Eurythmie weniger in diesem Sinne, aber bei Kindern kommt auch noch das Folgende in Betracht: Wenn der Mensch gezwungen ist, durch sichtbare Bewegungen sich auszudrücken, so ist er zugleich veranlasst, durchaus in sich zu bekämpfen alles dasjenige, was Phrase ist. Und wenn wir uns erinnern, wie wir in der Gegenwart in der Phrase leben - und die Phrase ist ja nur die geringere Schwester der Lüge -, so können wir das, was Eurythmie zeigt, auf Kinder anwenden als Erzieungsmittel, geradezu als ein Erziehungsmittel zur Wahrhaftigkeit ansehen. Und vor allen Dingen muss betont werden, dass die Kinder fühlen, wie aus den Gesetzen des menschlichen Organismus heraus diese Dinge geholt sind, wie natürliches Wesen aus diesen Dingen fließt. Das fühlt das Kind. Das ist es, was die Eurythmie ganz besonders als Erziehungsmittel geeignet macht.

Im Übrigen möchte ich zum Schluss noch bemerken, dass wir uns ganz bewusst sind, dass diese Eurythmie sowohl in Bezug auf ihre pädagogische wie auf ihre künstlerische Seite durchaus im Anfange ist. Das wissen wir ganz genau. Aber wir wissen auch, dass wenn dieser Anfang - wir sind heute selbst die strengsten Kritiker für das, was wir jetzt schon können -, aber wenn dieser Anfang, vielleicht noch durch uns einiges und später durch andere erweitert wird, wird die Zeit kommen, wo nicht nur diese Eurythmie sich wird hinstellen können als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die älteren vollberechtigten Künste, sondern wo sie dann auch selbstverständlich wird als ein Erziehungsmittel für die Jugend im reichsten Maße dienen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, wird gewiss nach unserer Überzeugung einmal anerkannt werden. Vorerst aber haben wir durchaus noch nötig, weil wir im Anfange, vielleicht erst im Versuche eines Anfanges stehen, um Geduld und Nachsicht zu bitten für das, was wir heute erst können - ein Anfang, der aber für uns ein vielversprechender Anfang ist.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →