Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 26 August 1921, Dornach

Sommerkurs und Summer Art Course III

Programm zur Aufführung Dornach, 26. August 1921

Die Aufführung wurde im Programm des Kurses als «Eurythmie mit Mysterienszenen» bzw. «Eurythme with Scenes from the Mystery Plays» angekündigt. Der erste Teil fand im Kuppelraum des Goetheanum statt, der zweite im provisorischen Saal der Schreinerei.

  1. Teil (Goetheanumbau)
    Sylphen- und Gnomen-Szene aus dem 2. Bild von «Der Seelen Erwachen» von R. Steiner mit musikalischer Einführung von Max Schuurman
    «Prooemion» von J. W. v. Goethe
    «Elfe» von Joseph von Eichendorff
    «Aus alten Märchen» von Heinrich Heine «Schmetterling» von Edward Grieg
    «Die Metamorphose der Pflanzen» von J. W. v. Goethe «Wer in der Weltgeschichte» von J. W. v. Goethe «Meine Weisheit» von Friedrich Nietzsche
    «Ein glitzernder Bach» von Friedrich Nietzsche «Kratzkatzen» von Friedrich Nietzsche II. Teil (Schreinerei) Musik von Bruckner
    Szene mit luziferischen und ahrimanischen Wesen aus dem 6. Bild aus «Der Hüter der Schwelle» von R. Steiner
    «Vereinsamt» von Friedrich Nietzsche
    «Für Tänzer» von Friedrich Nietzsche
    «Der Rezensent» von]. W. v. Goethe
    Aus Pierrot Lunaire von Albert Giraud in der Übersetzung von Otto Erich Hartleben: «Souper»
    «Auf einer Bühne» von Christian Morgenstern
    Satirischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
    «Unter Schwarzkünstlern» von Christian Morgenstern

«Eurythmie mit Mysterienszenen». Autoreferat der Ansprache vom 26. August 1921

Für die englischsprachigen Zuschauer der Eurythmie-Aufführung verfasste Rudolf Steiner die folgende schriftliche Zusammenfassung seiner Ansprache vom 24. August 1921. Baron Carl Alphons von Walleen-Bornemann übersetzte sie ins Englische und las sie nach der auf Deutsch gehaltenen Ansprache Rudolf Steiners vor Beginn der Eurythmie-Aufführung vor.

Einführende Worte zur Eurythmievorstellung

Freitag 26. Aug. abends 8 Uhr

Welches die Quellen und die künstlerische Formensprache der Eurythmie sind, habe ich mir erlaubt auseinanderzusetzen in den Einleitungen zu den beiden vorangehenden Vorstellungen. Heute bitte ich Sie, mir zu gestatten, darüber zu sprechen, wie Eurythmie in den Dienst der Dramatik treten kann. Denn es werden in dieser Vorstellung neben anderen dramatische Szenen mit Zuhilfenahme der Eurythmie vorgeführt werden.

Als Ausdrucksmittel der eurythmischen Kunst dient die Bewegung des Menschen und der Menschengruppe. Durch dieses Ausdrucksmittel kann das vor die Augen geführt werden, was der Sprachbehandlung durch den Dichter und der Tonbehandlung durch den Komponisten zugrunde liegt. Es ist dies das Element, durch das Dichter und Komponist ihre Schöpfungen in die Sphäre des Geistigen hineinstellen können. Denn Laut- und Toninhalt führen herunter in das Sinnliche, Laut- und Tongestaltung leiten hinauf in das Geistige.

Naturgemäß führt auch Eurythmie das Geistige in der sinnlich anschaubaren Bewegung vor. Aber diese Bewegung stellt nur das Geistige dar, das durch Ton und Laut hindurch erlebt wird. Sie trägt also das Geistige ganz unmittelbar in die Sinneswelt herein.

Daher kommt es, dass im Drama Szenen mit Zuhilfenahme der eurythmischen Kunst gegeben werden können, welche sich aus dem physisch-sinnlichen Geschehen in den Bereich erheben, wo eine unmittelbare Berührung der Menschenseele mit der geistigen Welt in Frage kommt.

Szenen in Goethes Faust wie der «Prolog im Himmel», die «Arielszene» usw. offenbaren ihren dichterischen Gehalt erst, wenn nicht mit der naturalistischen Bühnenmimik gespielt wird, sondern wenn diese hinaufgehoben wird in die stilvoll getragene eurythmische Darstellung.

Ich glaube, dass dies auch für viele Szenen meiner Mysteriendramen gilt. Nicht nur, dass bei ihnen viele Szenen die Darstellung übersinnlicher Vorgänge sind. Sondern sie sind schon in eurythmischer Form konzipiert.

Ich darf vielleicht, ohne unbescheiden sein zu wollen, sagen, dass jede Einzelheit dieser Dramen unmittelbar in ihrer vollen Räumlichkeit und Zeitlichkeit anschaulich vor meiner Seele stand. Die tun diesen Dramen Unrecht, die sie symbolisierend in abstrakte Begriffe auflösen. Ich hatte nie solche abstrakte Begriffe in der Seele. Ich sah nur die Personen, hörte ihre Worte, nahm ihre Handlungen wahr. Für mich ist alles auf einer geistig geschauten Bühne bis auf die Szenerie fertig da gewesen.

Was aber so im Geiste geschaut wird, hat, wenn auch Geistiges der Inhalt ist, stilvolle, nicht naturalistische Bewegung. Daher wird für viele Szenen die Eurythmie die naturgemäße Form des Bühnenausdruckes sein.

Für dasjenige, was die Wiedergabe von Vorgängen der physisch-sinnlichen Welt in der dramatischen Kunst betrifft, ist es mir bisher noch nicht gelungen, die befriedigende eurythmische Ausdrucksweise zu finden. Ich hoffe, dass dies noch geschehen wird.

Ich darf vielleicht noch darauf aufmerksam machen, wie bei einzelnen Gedichten versucht wird, in eurythmischen Formen, zu denen nicht hinzu gesprochen wird, die Stimmung einer Dichtung einzuleiten und ausklingen zu lassen. Es kann dies den Beweis liefern, dass Eurythmie durchaus als ein selbstständiges Sprechen für sich gelten kann.

Ich hoffe, dass auch diese Vorstellung den Beweis stützen werde, dass die eurythmische Kunst neben den andern Künsten eine Daseinsberechtigung hat, dass sie das Gebiet des künstlerischen Wirkens erweitert gerade durch etwas, was den Menschen besonders nahe liegt.

Ansprache zur Eurythmie, Dornach, 26. August 1921

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Über das Erzieherische und Künstlerische der Eurythmie erlaubte ich mir, einiges in den einleitenden Worten zu der letzten und vorletzten Vorstellung hier vorzubringen. Wenn ich mir nun auch noch gestatte, heute einige Worte unserer Vorstellung vorauszuschicken, so geschieht es aus einem besonderen Anlass. Wir werden heute in der Vorstellung nicht nur Lyrisches und Ähnliches eurythmisiert haben, sondern auch dramatische Szenen, und zwar dramatische Szenen aus meinen «Mysteriendramen». Man hat es da zu tun mit der Verwendung der Eurythmie in der bühnenmäßigen Darstellung des Dramatischen.

Nun ist ja das Eigentümliche des Eurythmischen, dass aus der Sprach- und Tonbehandlung, wie sie von dem Dichter, wie sie von dem Komponisten geübt werden, zurückgegangen wird zu jener sichtbaren Sprache, die durch Menschenbewegungen oder durch Bewegungen von Menschengruppen dasjenige ausdrückt, was sonst das Musikalische oder das Sprachliche zum Ausdruck bringen. Nun muss aber, damit die Dichtung, das Tonliche wirkliche Kunst sei, von dem bloßen Inhalt des zu Hörenden zurückgegangen werden zu der tieferliegenden Behandlung des Tones, des Lautes, des Wortes, der Wortzusammenhänge und so weiter. Man muss zurückgehen zu dem, was Rhythmus, Takt, was Reimbehandlung ist, was das Musikalische ‚oder das imaginative Thema ist und so weiter. Aus welchem Grunde muss man von dem wortwörtlichen Inhalt oder von dem musikalischen Gehalt zu diesem Eurythmischen, das ja im Grunde genommen eben nur ein unsichtbares Eurythmisches ist, zurückgehen? Weil alle Kunst, meine sehr verehrten Anwesenden, hinauftragen muss dasjenige, was erlebt werden kann, in das Gebiet des Übersinnlichen, des Geistigen. Und gerade dadurch ist man in der Lage, zum Beispiel das Sprachliche hinaufzutragen in das Geistige, dass man dieses Formelle, das Rhythmische und so weiter in die Sprachbehandlung hineinträgt.

Indem nun die Eurythmie besonders darauf ausgeht, dieses Unwahrnehmbare - oder besser gesagt, nur mittelbar Wahrnehmbare - zur unmittelbaren, sinnlichen Anschauung zu bringen, eignet sie sich ganz besonders dazu, auch Dramatisches darzustellen in dem Falle, wenn im Dramatischen Szenen auftreten, die die sonst auf der Erde im Sinnlich-Physischen sich abspielenden Handlungen hinaufrücken in das übersinnlich-geistige Reich, wenn etwas bühnenmäßig dargestellt werden soll, durch das der Mensch im innersten Wesen seiner Seele zusammenhängt mit Weltenseele und mit Weltengeist, überhaupt mit dem Übersinnlichen.

Wir haben diese Erfahrung gemacht zunächst namentlich bei Aufführungen einzelner Szenen des Goethe’schen «Faust» da, wo Goecthe genötigt ist durch seine ganze «Faust»-Handlung, die einzelnen Handlungen hinaufzutragen in ein übersinnliches Gebiet, dasjenige zu offenbaren, was man durch gewöhnliche Handlungen im sinnlichphysischen Gebiete nicht darstellen kann: der «Prolog im Himmel», die «Arielszene» im Beginne des zweiten Teiles, die Szenen in der Klassischen oder Romantischen Walpurgisnacht, vieles, was sich insbesondere im zweiten Teile findet. Es ist bei Goethe schon in der Sprache so behandelt, dass man sieht: Der Dichter als Künstler hat das Gefühl, dass er in diesem Falle abgehen muss von dem mehr oder weniger Naturalistischen der Bühnendarstellung in der Gebärde zu etwas, was stilvoll hinaufträgt auch dasjenige, was der Mensch durch sich selbst auf der Bühne darstellt, in ein stilisiertes Gebiet und dadurch das Übersinnliche bühnenmäßig zur Offenbarung bringt. Es vertragen solche Szenen, in denen das Übersinnliche spielt, nicht die gewöhnlichen Gebärden, die angewendet werden müssen bei der Wiedergabe solcher Handlungen, die im physisch-sinnlichen Gebiet spielen.

Und insbesondere darf gesagt werden, dass das anschaulich werden kann bei meinen «Mysteriendramen», die ja in so vielen Fällen hinauftragen müssen die Entwicklungsimpulse, die spielen in diesen Mysterien, in das übersinnliche Gebiet. Und da kann man sagen: Sie können leicht hinaufgetragen werden. Denn, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Mysterien, man verleumdet sie, wenn man glaubt, drinnen sei irgendetwas dem Begriffe, der Idee nach abstrakt gefasst und dann in dichterisch-bildnerische Form gebracht. Ich darf das wohl so aussprechen, ohne eine Unbescheidenheit zu begehen, dass diese Mysterien so, wie sie in ihrer Bilderfolge heute vor das Auge treten, so auch ursprünglich im Geiste schon in Bildern geschaut worden sind. Bis in die Räumlichkeit und Zeitlichkeit hinein ist alles dasjenige, was in diesen Mysterien ist, in Bildern konzipiert worden. Und ich fühle mich immer eigentlich auch geärgert, wenn Menschen auftreten, die diese Mysterien irgendwie symbolisch deuten, denn mir schwebte nichts Symbolisches vor. Mir schwebten auch die übersinnlichen Szenen in Imaginationen, in Bildern vor, so genau, so bis auf das Hören, das innerliche Hören des Wortklanges, wie sie dastehen. Sie waren wörtlich konzipiert und sind nur aus dem, was geschaut ist, abgeschrieben.

Daher mussten aber die Szenen, die ins übersinnliche Gebiet spielen, eben durchaus schon in der Konzeption ein gewisses Eurythmisches haben. Und das lebt sich, ich möchte sagen ja ganz besonders in einer elementaren Weise in der Kunst der Eurythmie aus. So darf man glauben, dass gerade da, wo die Dramatik sich ins Übersinnliche erheben muss, dass gerade da die Eurythmie auch der Dramatik große Dienste wird leisten können.

Ich habe allerdings die Hoffnung, dass auch der gewöhnliche Bühnennaturalismus, wo man die Gebärde in Nachahmung der natürlichen Gebärde verwendet - wenn auch nicht in Bezug auf das gebärdenhaft-mimische Ausdrücken der einzelnen Handlung, so aber doch mit Bezug auf die Stilisierung des durch das ganze Drama durchgehenden Duktus -, in irgendeiner Weise einmal wird eurythmisch behandelt werden können. Es ist möglich, dass ein eurythmischer Stil für mehr naturalistische Dramen wird gefunden werden können. Bisher ist es mir nicht gelungen, aber ich hege die Hoffnung, dass so wie Lyrisches, Episches und so weiter auch das Dramatische wird einmal in größerem Stil die Eurythmie zur Hilfe nehmen können da, wo es sich auch nicht ins Übersinnliche erhebt.

Aber gerade durch dasjenige, was man auch auf dramatischem Gebiete heute mit Zuhilfenahme der Eurythmie vielleicht doch in einer für den Zuschauer überzeugenden Weise erreichen kann, darf man vielleicht auch sagen — also von einem anderen Gesichtspunkte als bisher -, dass Eurythmie etwas werden kann, wenn sie auch durchaus heute noch im Anfange steht und wenn es im Grunde genommen nur Versuche sind, die wir heute machen können, dass Eurythmie etwas wird werden können, was sich als eine vollberechtigte Kunst neben die anderen vollberechtigten Künste wird einmal hinstellen können in allen ihren einzelnen Zweigen.

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