Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 16 October 1921, Dornach

52. Ansprache zur Eurythmie

Die Eurythmie-Aufführung, die gesamthaft im Kuppelraum des Goetheanum vor sich ging, fand im Rahmen des sog. «Schweizer Rednerkurses» (GA 339) vom 11.-16. Oktober 1921 statt.<[p>

«Das Märchen vom Quellenwunder» aus «Die Prüfung der Seele» von R. Steiner mit Musik von Walter Abendroth
«Rondeau» von Charles d’Orleans
Spruch aus dem Seelenkalender (26) von Rudolf Steiner
«Höchstes Gestirn» von Friedrich Nietzsche
Spruch aus dem Seelenkalender (27) von Rudolf Steiner
Evoe
«True Love» (Sonett 78) von William Shakespeare
«Schmetterling» von Edward Grieg
Auftakt «Schicksalsfrage» mit Musik von Leopold van der Pals
«Vereinsamt» von Friedrich Nietzsche
«Wirf dein Schweres» von Friedrich Nietzsche
«Auf dem Wasser zu singen» von Franz Schubert
Sylphen- und Gnomen-Szene aus dem 2. Bild von «Der Seelen Erwachen» von R. Steiner mit musikalischer Einführung von Max Schuurman

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie, dass ich auch diesmal - wie immer vor diesen eurythmischen Versuchen - die Vorführung durch einige Worte einleite. Ich tue das nicht, um die Vorstellung als solche selbst zu erklären. Künstlerisches erklären wollen, ist selbst unkünstlerisch, denn wirklich Künstlerisches muss ja in der unmittelbaren Anschauung durch sich selber sprechen. Allein hier handelt es sich um den Versuch, der gemacht wird, aus heute noch ungewohnten künstlerischen Quellen und mit ebenso ungewohnten künstlerischen Mitteln einer künstlerischen Formensprache. Und über diese beiden Letzteren darf ich mir wohl erlauben, einige Worte voraus zu sagen.

Sie werden sehen, meine sehr verehrten Anwesenden, auf der Bühne den bewegten Menschen, bewegte Menschengruppen, an sich in Bewegung oder aber im Raume. Das alles scheint zunächst eine Art Gebärdenkunst zu sein. Aber wer es als Gebärdenkunst nimmt, würde sich einem möglichen Missverständnis hingeben. Nichts Pantomimisches, Mimisches, auch nicht im gewöhnlichen Sinne Tanzartiges soll in der Eurythmie gegeben werden, sondern etwas, das beruht auf einer wirklichen, sichtbaren Sprache, die ebenso gesetzmäßig aus der ganzen menschlichen Organisation hervorgeholt wird wie die Lautsprache oder der Gesang selbst.

Wenn man zu diesen eurythmischen Ausdrucksformen kommen will, dann muss man nämlich sorgfältig durch sinnlich-übersinnliches Schauen - um mich dieses Goethe’schen Ausdrucks zu bedienen - erkennen, welche Bewegungstendenzen vorhanden sind, indem der Mensch den Laut der Sprache oder auch den Ton im Musikalischen hervorbringt. Ich sage ausdrücklich: Bewegungstendenzen. Es ist nicht dasjenige gemeint, was dann in die Luft übergeht, Luftschwingungen hervorruft, an den höheren Menschen herantritt, um den Ton oder den Laut zu vermitteln, sondern es ist dasjenige, was aus dem ganzen Menschen herauskommt als Bewegungstendenz, was gewissermaßen zur Ruhe kommt im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen, und sich eben erst in die kleinen Bewegungen, in die Luftschwingungen umsetzt. Denn Sprache kommt eigentlich aus dem ganzen Menschen heraus. Der ganze Mensch ist an der Sprache beteiligt.

Und man kann vielleicht auf die folgende Art von dem Eurythmischen sich eine Vorstellung machen. Man denke sich einen zuhörenden Menschen. Im Grunde genommen wirkt die Rede, Wort, der Gesang auf den zuhörenden Menschen so, dass er ihn ganz ergreift. Der zuhörende Mensch bleibt ruhig, aber man möchte sagen: In ihm vollzieht sich fortwährend etwas, was er eigentlich in Ruhe zu halten hat. Er möchte begleiten mit seiner Gebärde, Bewegungen — namentlich seiner Arme und Hände -, dasjenige, was er hört. Und die innere Bewegung, die beim Anhören des Lautlichen oder des Gesanglichen stattfindet, die ruht eben zum großen Teil darauf, dass gewisse, eigentlich unbewusst gewollte Bewegungen aufgehalten werden.

Diese Bewegungen sind es, die auch aufgehalten werden, zur Ruhe gebracht werden, wenn der Mensch spricht oder singt — also Schwingungen hervorruft. Man kann sie studieren durch sinnlichübersinnliches Schauen, diese innerlichen Bewegungen, kann damit den Menschen selbst oder auch Menschengruppen in solche Bewegungen versetzen: Dann hat man die Eurythmie. Man hat nicht die gewöhnliche Gebärde, man hat nichts Mimisches, sondern man hat dasjenige, was als Bewegung namentlich der ausdrucksvollsten Organe des Menschen - der Arme, der Hände - ebenso ein sprachlicher oder gesanglicher Ausdruck ist desjenigen, was in der Seele des Menschen vorgeht, wie eben Sprache und Gesang selber.

Man sieht eine Sprache oder aber man hört das durch Bewegungen Gesungene in demjenigen, was eurythmisch dargeboten wird. Daher kann eurythmisiert werden als Parallelerscheinung zu Rezitation oder Deklamation, oder es kann auch zu Musikalischem eurythmisiert werden. Man kann ebenso durch diese Bewegungen singen, wie man durch den Ton singen kann. Nur zeigt sich in der Tat, dass durch diese eurythmisch sichtbare Sprache gerade die tieferen Untergründe einer Dichtung erst voll zum Ausdrucke kommen. Das Vollmenschliche kommt zum Ausdrucke, während durch den Ton oder durch den Laut eigentlich nur ein Partiell-Menschliches sich wirklich offenbaren kann.

An der Art, wie Rezitation und Deklamation begleiten müssen das Eurythmische, zeigt sich, wie man da von dem wortwörtlich Prosaischen, dessen sich ja als eines Mittels die Dichtung bedienen muss, übergehen muss zu dem eigentlichen Künstlerischen der Dichtung, zu der rhythmischen Gestaltung, zu dem Lautbilde, der Lautimagination, dem musikähnlichen Thema, welches in dem Rhythmus, in dem Takte, in der Versgestaltung eines Gedichtes liegt.

Heute hat man ein durchaus nicht richtiges Verständnis in Rezitation oder Deklamation. Man legt einen größeren Wert darauf, wenn sogenannten Rezitatoren oder Deklamatoren es gelingt, das innere, sprachlich gestaltete Gefüge eines Gedichtes zu überwinden, und gerade den Prosainhalt, den wortwörtlichen Inhalt zu pointieren. Man empfindet das als sehr innerlich. Das ist etwas, was einem unkünstlerischen Zeitalter ja eigen sein muss. Aber wir müssen wiederum zurückkommen zur künstlerischen Auffassung auch des Rezitierens und Deklamierens. Man könnte so prosaisch, wie es heute beliebt ist, gar nicht deklamatorisch begleiten das Eurythmische, das gerade die Untergründe eines Gedichtes heraufholt und offenbart.

Man muss auch im Deklamieren und Rezitieren auf das Gestalten der Sprache, auf das Heranbilden, Heranformen des Lautbildes, auf das musikartige Thema im Gedichte den Hauptwert legen. Es wird also Rezitation, Deklamation gerade an der Eurythmie eine Neubefruchtung wiederum erleben können. Man wird wiederum lernen auch zu verstehen, worauf das Künstlerische einer Dichtung beruht; man wird wiederum verstehen, warum zum Beispiel Schiller immer gerade bei seinen bedeutendsten Dichtungen ein musikalisches Thema in der Seele webend hatte - ohne Worte - und warum er erst nachher gewissermaßen das Wortwörtliche aufreihte auf das musikalische Thema. Man wird wieder begreifen, warum Goethe selbst seine Jambendramen wie ein Kapellmeister mit dem Taktstock einstudierte. Solche Dinge glaubt eine unkünstlerische Zeit als etwas Antiquiertes anzusehen. Es ist gerade das wirklich Künstlerische.

Und wenn man hinunterdringt in dasjenige, was einem Gedichte aus dem Gesetze heraus zugrunde liegt, dann wird man eben finden, dass man nicht ablehnen sollte so etwas wie die sichtbare Sprache der Eurythmie, sondern es im Gegenteil aufnehmen sollte als die Möglichkeit einer Erweiterung der Kunstgebiete. Das muss gesagt werden, wenn etwa eingewendet wird, es sei etwas Verkünsteltes oder dergleichen. In der Eurythmie müsste derjenige, der wirklich offenes Herz und gesunde Sinne für Künstlerisches hat, Freude haben, nicht Ablehnung gegen jede Erweiterung unserer künstlerischen Gebiete.

Und was vor allen Dingen in Betracht kommt, das ist, sobald man ins Dramatische übergeht, diejenigen Szenen, welche behandeln, sagen wir etwa wie manche Szenen in Goethes zweitem Teil des «Faust», die wiederum szenischen Verhältnisse zu überwinden, die also naturalistisch gedacht sind, dass man einfach notwendig hat, zu einem gewissen Stil zu kommen, dass man da nicht einfach durch naturalistische Gesten dasjenige darstellen kann, was vom Dichter gegeben wird. Da gerade, wo Übersinnliches in den Szenengang sich einfügt, da sieht man, wie man an der Eurythmie etwas hat, wo man loskommen kann von demjenigen, von dem in solchen Fällen ja auch der Dichter loskommen will: von demjenigen, was sich bloß in naturalistischen Wiedergaben erschöpfen kann.

In meinen Versuchen, von denen ja heute auch einiges Weniges zur eurythmischen Darstellung kommen wird, wird man sehen, wie, wenn angestrebt wird Zusammenhänge der menschlichen Seele mit dem Übersinnlichen darzustellen, wie da, wie es bei meinen «Mysteriendramen» der Fall ist, die Dichtung selbst schon durchaus eurythmisch gedacht, eurythmisch gewissermaßen konzipiert sein kann und wie, wenn das der Fall ist, die Eurythmie sich als selbstverständliches Bühnenausdrucksmittel dann ergibt. Das soll besonders heute in einigen Proben gezeigt werden.

Nun, das ist vor allem die künstlerische Seite der Eurythmie. Eurythmie hat noch zwei andere Seiten. Es ist eine, die ich noch kurz erwähnen will: Es ist die medizinische, hygienisch-therapeutische Seite. Man kann nämlich, weil die eurythmischen Bewegungen hervorgeholt sind aus der Organisation des menschlichen Wesens, man kann die Bewegungen auch noch anders gestalten, als sie im rein Künstlerischen hier etwa heute gestaltet werden. Man kann sie so herausholen aus dem menschlichen Wesen, dass sie gesundend wirken, dass sie eben überführen irgendetwas Ungesundes in der menschlichen Organisation in das Gesunde. Das will ich nur erwähnen. Es ist bereits der Versuch im Anzuge. Es ist unternommen worden, eine Art Heileurythmie auszubilden.

Ein drittes Element ist dann das Pädagogisch-Didaktische. In der von Emil Molt in Stuttgart begründeten Waldorfschule, die von mir geleitet wird, haben wir eine Art beseelten, durchgeistigten Turnens, das als obligatorischer Lehrgegenstand in den Unterricht eingefügt ist. Da sieht man, wie, wenn es nur richtig gemacht wird, die Kinder vom ersten Volksschuljahr an durch alle Klassen hindurch in diese Eurythmie, diese sichtbare Sprache, mit derselben Selbstverständlichkeit hineinwachsen, wie das Kind in die natürliche Lautsprache hineinwächst. Das Kind wächst mit Hingabe und Freudigkeit hinein und empfindet durchaus dasjenige, was es in diesen Bewegungen vollziehen soll, als etwas, was zu der natürlichen Bewegungssehnsucht des menschlichen Organismus gehört, empfindet einen natürlichen Einklang zwischen dem Laut und dem Ton und demjenigen, was da insbesondere durch eben das ausdrucksvollste Element an dem Menschen - durch Arme und Hände - an der menschlichen Gesamtorganisation herausgeholt wird. Man kann auch sehen wie dasjenige, was unsere Zeit in der nächsten Generation sehr wohl brauchen wird - Entwicklung der Willensinitiative, der Seeleninitiative —, dass [sich] diese[s durch die Eurythmie] in ganz anderer Weise als das bloße [Turnen, das] nach [vom] Physiologischem geleiteten Gesetzen sich regelt, sich recht hervortut, recht vorteilhaft sich hervortun kann. Auch das hat sich schon im Wesentlichen in der Handhabe der Eurythmie als obligatorischem Unterrichtsgegenstand in der Stuttgarter Waldorfschule gezeigt.

Nun, abgesehen von diesen anderen Seiten des Eurythmisierens, ist eben Eurythmie eine in solchen Formensprachen und aus künstlerischen Quellen herausschöpfende Kunst, und sie hat das Eigentümliche, dass sie den ganzen Menschen mit seiner Organisation, den ganzen Menschen mit seiner inneren Gesetzmäßigkeit zu ihrem Werkzeuge macht. Nicht ein äußeres Werkzeug verwendet man, sondern den Menschen selbst. Und wenn aus einem tiefen Recht heraus durch alle Zeiten hindurch empfunden worden ist, dass der Mensch eigentlich eine kleine Welt, ein Mikrokosmos ist, in dem alles in einer gewissen Art enthalten ist, was in der großen Welt, im Makrokosmos, vorkommt, dann kann man auch annehmen, dass, wenn diese Eurythmie weiter ausgebildet wird, sie gerade deshalb etwas besonders Künstlerisches darstellen muss, weil man sich selbst in dieser kleinen Welt des Makrokosmos [Mikrokosmos?] als eines Werkzeuges bedient, nicht äußerer Werkzeuge. Man darf daher vielleicht sagen: Wenn Goethe die Kunst nennt eine Offenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden, so müssen geheime Weltgesetze künstlerisch sich besonders offenbaren, wenn man die inneren, organischen Geheimnisse des Menschen künstlerisch vor das Auge, vor den empfindenden Menschen hinstellt.

Nun muss ich natürlich immer sagen, dass wir mit dieser Eurythmie erst im Anfange sind. Derjenige aber, der sich einlebt in dasjenige, was die Eurythmie eigentlich will, der kann heute schon empfinden, wie im Lauf der Entwicklung wirklich etwas gegeben werden wird, was eine Art besonderer Kunst ist dadurch, dass eben der Mensch als Instrument auftritt. Man kann sagen - ganz im Goethe’schen Sinne -, dass dadurch eine Art Zusammenfassung des Künstlerischen, allerdings zunächst für das Auge, aber, begleitet von anderen Künsten, auch für das Ohr, durchaus in unsere Zivilisation und Geistesentwicklung hineintreten kann. Es ist im echten Goethe’schen Sinne, dieses Eurythmisieren, wenn Goethe sagt: Wenn der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat; dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, zur Schöpfung des Kunstwerkes. Und ganz besonders erhebt sich der Mensch zur Schöpfung des Kunstwerkes, wenn er Maß, Harmonie, Ordnung und Bedeutung nicht aus der äußeren Natur nimmt, sondern aus dem Gesetze seines eigenen Wesens und [wenn er] durch dasjenige, was sein eigenes Wesen aus seinem Innern hervorbringen kann, gerade das Künstlerische der Welt vor die Seele hinzuzaubern versucht.

Man darf deshalb glauben, weil diese Kunst der Eurythmie aus dem Vollmenschlichen herausströmen will, dass sie - wenn man auch heute, weil sie am Anfange ist, für die eurythmischen Vorstellungen noch um Entschuldigung bitten muss bei den Zuschauern und Zuhörern —, dass diese Kunst der Eurythmie, wenn sie weiter ausgebildet wird, sich einmal als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die älteren vollberechtigten Künste wird durchaus hinstellen können.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →