36. Bericht über die Reise noch Kristiania
GA 277c — 11 December 1921, Dornach
Der Irdische, der Kosmische und der Gegenwärtige Christus
Meine lieben Freunde!
Gestatten Sie mir, bevor ich anderes vorbringe, Ihnen einen kleinen Bericht über die letzten Wochen zu geben. Ich will nur einiges davon anführen, damit Sie gerade hier an dieser Goetheanum-Stätte etwas unterrichtet sind über die Dinge, welche in unserer Bewegung vor sich gehen.
Nachdem ich von Dornach abgereist war und andere, eben innere Angelegenheiten in Stuttgart besorgt hatte, war dann der Beginn der öffentlichen Tätigkeit am 19. November in Berlin, wo ich den zweiten Vortrag — der erste ist Ihnen ja bekannt - im großen Saal der Philharmonie zu halten hatte, der wiederum bis zum letzten Platz besetzt war. Dann hatte, nach einer eurythmischen Vorstellung in Berlin, die Kristiania-Tour begonnen. Die ersten Vorträge in Kristiania waren am 23. und 24. November. Diese zwei Vorträge wurden auf Aufforderung der pädagogischen Vereinigung in Kristiania gehalten. Ich hatte darin die Prinzipien und die Methode der anthroposophischen Pädagogik und Didaktik zu erörtern und einiges über die Art und Weise zu sagen, wie die Waldorfschule in Stuttgart geführt wird. Diese Vorträge fanden im «Nobel-Institut» statt und waren sehr gut besucht. Sie waren hauptsächlich von Pädagogen besucht; es war nur eine geringe Anzahl von Plätzen den Mitgliedern unserer Gesellschaft zugestanden worden. Dem zweiten Vortrag — das war also am Donnerstag, dem 24. November - ging ein Zweigvortrag des «Vidar-Zweiges» in Kristiania voraus.
Am 25. hatte ich dann in Kristiania den von der Studentenschaft veranstalteten öffentlichen Vortrag über «Die Wege zu der übersinnlichen Erkenntnis» zu halten, und es ist immerhin mit Befriedigung zu erwähnen, dass der Vortrag in dem größten Saale von Kristiania gehalten werden konnte, der über 2000 Personen fasst, und dass dieser Saal bis zum letzten Platz voll besucht war. Wenn man bedenkt, dass vielleicht überhaupt nicht mehr Menschen in Kristiania halbwegs Deutsch verstehen, wird man sich immerhin doch die Meinung bilden müssen, dass gegenwärtig die anthroposophische Bewegung einigermaßen in Ausbreitung begriffen ist.
Samstag, den 26. November hatte ich einen Vortrag innerhalb der Studentenschaft von Kristiania selbst zu halten, und zwar im Rahmen der allwöchentlich am Samstag veranstalteten Studentenzusammenkünfte. Der öffentliche Vortrag am vorhergehenden Freitag war von der Studentenschaft arrangiert, aber durchaus für die Öffentlichkeit gewesen. Dieser Vortrag am Samstag hatte dasselbe Thema, wurde aber selbstverständlich dann für die Studentenschaft und innerhalb des Rahmens der studentischen Verbindungen behandelt.
Am Sonntag hatten wir um [13] Uhr eine Eurythmie-Vorstellung im Kristiania-National-Theater. Unsere Freunde waren etwas ängstlich, denn es war immerhin ein Wagnis, im National-Theater eine Eurythmievorstellung zu geben, und außerdem fasst das Haus, wenn es voll besetzt wird, 2400 Personen, glaube ich. Aber es war an diesem Tage dann doch bis zum letzten Platze gefüllt. Das Publikum kam, alle Verhältnisse in Betracht gezogen, dieser Eurythmievorstellung außerordentlich freundlich entgegen.
Um [18] Uhr war die zweite Veranstaltung für den «Vidar-Zweig». Das war also am Sonntag, dem 27. November. Und Montag früh wurden wir mit einer wahren Jauche von allen möglichen Zeitungen in Kristiania überschüttet. Es ergab sich das absolut gegenteilige Bild von dem, das am vorigen Tage wirklich gewonnen werden konnte. Ich habe schon sehr schlimme Sachen erlebt von diesen Seiten her, aber was da geleistet worden ist, gehört so ziemlich zu dem Allerschlimmsten, was an Zeitungsgeschimpfe aufgebracht werden kann.
Ich musste daran erinnern, dass vor langer Zeit, als die Absicht geäußert worden war, mit der Eurythmie vor die Öffentlichkeit zu treten, ich unseren Eurythmisten einen Vortrag gehalten habe, in dem ich sie darauf hinwies, dass, wenn die Eurythmie in die Öffentlichkeit gebracht wird, sie das Allerschlimmste an Schimpfereien erleben werde. Und es ist wohl diese Prophetie selten in einer so großartigen Weise erfüllt worden als gerade an jenem Montag und Dienstag. Die Dinge dauerten noch lange, denn manche schimpften zwei- und dreimal.
Nun, an diesem Montagabend war dann der erste, von unseren Freunden veranstaltete öffentliche Anthroposophie-Vortrag in der alten Universitäts-Aula, der gut besucht war und sehr freundlich aufgenommen wurde, in dem auch nicht das Allergeringste von all dem zu bemerken war, was sich draußen innerhalb der Journalistik abgespielt hatte. Dann, am Dienstagmittag um 12 Uhr, hatte ich nach Aufforderung der theologischen Verbindung in Kristiania in einem Universitäts-Auditorium über das Christus-Problem zu sprechen, und am Abend desselben Tages hielt ich den zweiten, von unseren Freunden veranstalteten Anthroposophie-Vortrag.
Am Mittwoch fand der Vortrag über wirtschaftliche Fragen, «Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens», nach Aufforderung des StaatsÖkonomischen Vereines statt, ebenfalls in der Universitäts-Aula. Dieser Vortrag, war sowohl von den wirtschaftlichen Theoretikern als auch von den wirtschaftlichen Praktikern besucht. Es schloss sich dann, nicht im Saal, aber bei einem Souper, das veranstaltet worden war, eine gemütliche Diskussion über die einschlägigen wirtschaftlichen Fragen an. Die Themen der vorhergehenden Tage der anthroposophischen Vorträge waren am Montag: «Die Grundlage der Anthroposophie», am Dienstag: «Der Mensch im Lichte der Anthroposophie».
Am Mittwoch hatten wir ja auch noch eine ganz besondere Freude. Es entstand eine sehr aufgeregte Debatte, ob nun eine zweite Eurythmie-Vorstellung veranstaltet werden sollte, nachdem die Sache eben so verlaufen war. Ich sagte: Man hätte vielleicht darüber diskutieren können, ob eine zweite Eurythmie-Vorstellung in einer immerhin doch nicht allzu großen Stadt stattfinden solle, nachdem 2400 Menschen das schon gesehen hatten - wenn das Geschimpfe nicht gewesen wäre. Aber so sei es selbstverständlich, dass ich zum Beispiel meinerseits auf die zweite Vorstellung nicht verzichten könne, dass also alle Anstrengungen gemacht werden müssten, das National-Theater zum zweiten Mal zu bekommen, und wenn es nicht zu bekommen wäre, so müsse eben ein anderes Theater genommen werden. - Nun wurden wirklich die größten Anstrengungen gemacht.
Namentlich hat sich dabei unser Freund Ingerö die größten Verdienste erworben.
Am Mittwoch war dann eine Sitzung des 'Theater-Vereins. Dem gehört unter anderem auch der Vater unseres Freundes Morgenstierne an, der Professor ist, und als er abends zum Souper des Staatsökonomischen Vereins kam, erklärte er: Ich bin geschlachtet. - Es war eine so aufgeregte Sitzung gewesen, dass er sich geschlachtet fühlte, und zwar mit Recht. Und nun wurde das Theater uns natürlich verweigert.
Ich meinte, nun müsse erst recht ein anderes Theater genommen werden. Das geschah auch, und es sollten am Donnerstag die Proben beginnen. Da ereignete es sich, dass es im Elektrizitätswerk brannte. Kristiania war in einer ägyptischen Finsternis, selbstverständlich im Theater auch während des ganzen Tages, und wir mussten die Proben bei Kerzenlicht abhalten, ließen uns aber selbstverständlich nicht abhalten. Lichtproben konnten wir aber natürlich keine machen, denn es war eben finster. Diese Finsternis fing am Freitag an. Freitagabend war dann mein zweiter öffentlicher Studentenvortrag, der in der großen Universitätsaula gehalten werden sollte. Man war sehr gespannt darauf, ob überhaupt ein Mensch kommen würde, denn es war eben unmöglich, die Universitätsaula zu beleuchten. Mir schien auch das kein Hindernis zu sein, und wir machten kühnlich den Versuch. Ich kam abends an. Die Gänge waren nur schwer zu passieren, man musste mit einem Kerzenlicht geführt werden. Dann wurde der Vortrag bei gefüllter Universitätsaula mit drei Acetylen-Lichtern gehalten. Das Thema war: «Über die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung». Der Vortrag wurde sehr freundlich aufgenommen. Man konnte auch nichts davon bemerken, dass in den Zeitungen geschimpft worden war, denn die hatten jetzt Lunte gerochen und schimpften die ganze Woche fort. Charakteristisch war ja immerhin, dass zum Beispiel in der Mitte der ersten Woche ein Artikel gebracht wurde, der zusammengestellt war aus all dem, was in deutschen Zeitungen über den «Kommenden Tag» und über das «Futurum» jemals an Geschimpfe gebracht worden ist. Es war eine sehr auserlesene Auslese, die da gebracht worden ist. Daraufhin hat sich unser Freund Morgenstierne hingesetzt und eine Erwiderung geschrieben. Ein anderer Freund ging zum Redakteur und sagte: Das ist doch alles erlogen, wie können Sie so etwas bringen? — Der meinte: Ja, ich weiß selber über die Sache gar nichts, ich habe nichts von Doktor Steiner gelesen, ich kenne nichts, aber der Artikel ist uns von einer uns bewährten Seite geschickt worden, und deshalb habe ich ihn gebracht. — Ja, aber dann müssen Sie aber auch eine Erwiderung bringen. - Ja!
Unser Freund Morgenstierne hat die Erwiderung dann hingeschickt, deren Aufnahme versprochen worden war. Am nächsten Tag kam ein noch größeres Geschimpfe, das fast über die ganze Seite ging, und rückwärts im Annoncenteil in ganz kleiner Schrift die Erwiderung.
Ein Mitarbeiter einer anständigeren Zeitung hat immerhin ganz objektiv berichtet, zum Beispiel über die pädagogischen Vorträge und über den öffentlichen Vortrag. Die Vorträge sind im Allgemeinen gar nicht einmal unobjektiv behandelt worden.
Dann kam also der Sonnabend. Eine Generalprobe musste gemacht werden mit einem aus bestimmten Gründen - die ich hier nicht besprechen möchte - besonders zusammengestellten Programm. Diese Generalprobe konnte nur bei Kerzenlicht ausgeführt werden, demnach gab es auch keine Lichtprobe, und ich sagte, wir wollen eben warten, bis wiederum elektrisches Licht kommt. Es kam wieder um 4 Uhr nachmittags, und da erklärte das Theater: Die erste Probe müssen wir selber haben, denn wir warten schon die ganzen Tage darauf. Wir konnten also nicht um [16] Uhr, sondern erst um [19] Uhr die Lichtprobe halten. Um [20] Uhr war die Vorstellung angesetzt. Um [19 Uhr 45] wurden dann die Türen aufgemacht und das Publikum hereingelassen. Dann wurde diese Vorstellung in einer außerordentlich freundlichen Weise aufgenommen. Der Saal war nicht voll besetzt; aber das ist ja nur dem Umstand zuzuschreiben, dass eigentlich die wenigsten Menschen daran haben denken können, dass gerade in jenem Viertel ein Theater beleuchtet sein könnte. Aber verhältnismäßig war die Vorstellung nicht einmal schlecht besucht und wurde, wie gesagt, außerordentlich freundlich aufgenommen. Dagegen am nächsten Tag erschien eine Kritik, in der gesagt wurde, es sei ein Skandal-Erfolg gewesen.
Sonntag hielt ich noch die Zweigversammlung für unsere Mitglieder und damit war dann die Kampagne in Kristiania zu Ende. Es fand dann noch eine Eurythmie-Vorstellung und daran anschließend eine Zweigveranstaltung am Mittwoch in Berlin statt. Das sind also die Vorgänge, die sich in der letzten Zeit abgespielt haben.
Als ich vor etwa drei Stunden hier ankam, habe ich unter vielen Briefen einen zufällig aufgemacht, der sehr interessant ist. Es erschien nämlich vor drei oder vier Wochen eine Schrift in Deutschland in einem hannoverschen Verlage, von einem Herrn Doktor Michel, die heißt: «Rudolf Steiner, der Anthroposoph, eine philosophische Hinrichtung». Diese Schrift ist, wie ich glaube, auch sogar in der Dreigliederungszeitung rezensiert worden. Der Brief, den ich heute bekam, hat folgenden Inhalt:
Darmstadt, 14.11. 21, Saurbergstr. 66 Sehr geehrter Herr Steiner, der Verleger Paul Steegemann, Hannover, kündigt in der letzten Nummer des Buchhändler-Börsenblattes eine Schrift von mir an, die den Titel führen soll: «Rudolf Steiner, der Anthroposoph; eine philosophische Hinrichtung». Diese Broschüre existiert nicht und wird nicht existieren; ich habe sie nicht geschrieben und werde sie nicht schreiben. Richtig ist, dass ich dem Verlag Steegemann eine Sammlung Aufsätze in Aussicht gestellt habe, worin unter anderem mein im Berl[iner] T[a]g[eJbl[att] erschienener Artikel «Die Anthroposophen» enthalten sein sollte. Es ist auch richtig, dass ich Gegner dessen bin, was man als Anthroposophie bezeichnet und was hier vor einigen Monaten als solche vorgetragen wurde. Aber diese Broschüre existiert nicht; den rohen Titel «Hinrichtung» würde ich nicht gewählt haben, ganz abgesehen davon, dass ich diejenigen Ihrer Leistungen, die von Ihren Anhängern am höchsten geschätzt werden, gar nicht kenne. Ich möchte mit aller Achtung hinzufügen, dass ich nicht den Beruf fühle, sie kennenzulernen, aber ich bin über die geschmacklose Reklame, die der Verlag ohne mein Wissen getrieben hat, so unglücklich, dass ich jedenfalls Ihnen gegenüber gleich davon abrücken möchte. Der Verleger lässt auch drucken, ich sei aus Keyserlings Weisheitsschule, was gleichfalls glatt erlogen ist. Ich teile Ihnen dies alles mit zur Steuer der Wahrheit und um aus dem falschen, schiefen Licht herauszukommen, das diese Sorte Reklame auf mich wirft. Ihr sehr ergebener
Wilhelm Michel
Also Sie sehen, man kann sich nicht einmal mehr an die Verfasser halten, denn die Verfasser erklären, sie haben die Schriften gar nicht geschrieben!
Nun, ein anderer Brief, bezeugte, dass man immerhin heute mit gutem Gewissen sagen kann, dass Anthroposophie dennoch ihren Weg macht; aber die Wut wird auch immer größer, eben weil sie ihren Weg macht. Das hängt durchaus zusammen. Also ein anderer Brief brachte eine größere Anzahl von Unterschriften von Professoren der [Kopenhagener] Universität, die mich auffordern, dort anthroposophische Vorträge zu halten. Was sich da nun noch weiter herausstellen wird, weiß ich vorläufig nicht.
Es ist schon tatsächlich so, dass die anthroposophische Bewegung als solche ihren Weg durch die Welt macht, und vor allen Dingen: Es ist überall zu bemerken, dass für die verschiedensten Zweige, die sich aus der anthroposophischen Bewegung heraus gebildet haben, ein reges Interesse vorhanden ist. Aber auf der anderen Seite wächst die Gegnerschaft ins Ungeheuerliche. Nur, um Ihnen ein Beispiel zu erwähnen von dieser Gegnerschaft: Als ich vor der Kristiania-Reise in Berlin angekom men war, kam Herr Gantenbein, unser Freund, zu mir und sagte: Eben habe ich von Stuttgart ein Telefongespräch aufgenommen, dass am 24. in München ein Vortrag gehalten werden wird von dem Direktor des Haeckel-Archivs, Professor Schmidt, auf Grundlage von Dokumenten und Briefen, die sich im Haeckel-Archiv befinden. Nun wollte Doktor Kolisko wissen — denn er wollte eventuell in München in die Diskussion eingreifen -, was die einstmals von mir an Haeckel geschriebenen Briefe für eine Verbrechenstat darstellen könnten. - Ich sagte, ich kann natürlich nicht im Augenblick jeden einzelnen Satz, den ich vor ungefähr 25 Jahren an Haeckel geschrieben habe, nachkonstruieren, aber er soll hingehen, er wird ja sehen, was da los ist. Nun, er ist hingegangen. Ich bekam dann einen Bericht über die Münchener Versammlung.
Der Professor Schmidt hielt einen Vortrag, in dem er — wie ich glaube nach seiner eigenen Aussage — sich nicht viel zutraute, über Anthroposophie selbst [etwas] zu sagen. Dagegen las er einige Stellen aus Briefen vor, die ich an Haeckel geschrieben habe. Mir wurden dann auch die Abschriften dieser Briefe geschickt, und es hat mich außerordentlich interessiert, diese Briefe wieder zu lesen, denn einer hinter dem anderen beginnt [etwa so]: Sehr verehrter Herr Professor! Ich muss Ihnen meinen aufrichtigsten Dank sagen für das neueste Ihrer Werke, das Sie mir wiederum geschickt haben.
Die Briefe enthalten im Wesentlichen nichts anderes als Danksagungen für die Bücher, die mir Haeckel von sich geschickt hatte. Das besonders Gravierende sollten aber zwei Briefe sein, die nicht von mir waren. Die habe ich noch immer nicht gesehen; sie sind aber von einem Freunde von mir im Jahr 1901, glaube ich, an Haeckel geschrieben worden, ohne dass ich irgendetwas davon wusste. Haeckel kannte mich ja seit längerer Zeit, und zwar bis zu dem Grade, dass er mir fast seine sämtlichen Werke nach und nach geschenkt hat. Nun der Freund schrieb ihm, es ginge mir sehr schlecht, ich hätte kein Geld, er solle sich doch verwenden, um mir eine Dozentur zu verschaffen. Ich wusste nichts davon - sonst hätte ich ihn auf die Torheit aufmerksam gemacht. Ich erfuhr erst jetzt von dieser Tatsache. Und auf einem der Briefe stand am Rande: «Steiner — Theosoph», von Haeckel mit Bleistift geschrieben, so hörte ich. Das schien der einzige Klagepunkt gewesen zu sein, denn daraus wurde konstruiert: Aha! Der hat damals kein Geld gehabt, also ist er, um möglichst viel zu verdienen, Theosoph geworden. - Ich weiß allerdings nicht, ob es möglich gewesen wäre, auf diese Weise aus diesem Dilemma herauszukommen, denn die theosophische Führerschaft in Deutschland war gänzlich honorarlos.
Das wurde also konstruiert. Die Versammlung scheint außerordentlich lehrreich gewesen zu sein, denn sie wurde in einem Monistenbunde abgehalten. Der Vorsitzende scheint über diesen Ausfluss monistischer Weisheit außerordentlich erstaunt gewesen zu sein und sagt, er könne allerdings nicht begreifen, wie man dazu gekommen sei, die Sache zu veranstalten; er sei dafür, dass man vor allen Dingen über Anthroposophie etwas hören sollte. Doktor Kolisko wurde — glaube ich - eingeladen, einmal zu sprechen. Das ist aber etwas, worauf man vielleicht nicht aufmerksam machen sollte, sonst wird es [wieder] rückgängig gemacht.
Sie sehen, die ganze Sache scheint eine furchtbare Blamage gewesen zu sein, aber jedenfalls zeigt es Ihnen, zu welchen Mittel gegriffen wird. Was sich der «Bund zur Abwehr der anthroposophischen Gefahr», der in Darmstadt gegründet worden ist, geleistet hat, das haben Sie ja wohl in der Dreigliederungszeitung nachlesen können. Wie gesagt, ich wollte Ihnen nur dieses eine Beispiel von der besonderen Art und Weise erzählen, wie solche Dinge jetzt gemacht werden. Ich könnte Ihnen ja, von den verschiedensten Gegnerschaften sehr viel erzählen. Aber es ist heute schon deutlich sichtbar, dass die Dinge mit der Ausbreitung der Bewegung wachsen.
Ich bekam dann nach meiner Rückreise aus Kristiania einen Artikel der «Kölnischen Zeitung», in der sich ein Geologe in außerordentlich wegwerfender Weise dagegen ausspricht, wie ich in den 90er-Jahren die geologischen Schriften für die Weimarische Goethe-Ausgabe angeordnet habe; er hätte sie ganz anders angeordnet, und er findet es durchaus nicht geologiemäßig, wie ich es angeordnet habe.
Ich habe allerdings meine besondere Meinung über diese Art von Hinrichtung durch einen Universitätsgeologen; denn im ersten Absatz dieses Zeitungsaufsatzes steht, es sei ja allerdings merkwürdig, wenn ein junger Mann solche Schriften über Goethe schreibe; aber er gestehe - der Betreffende -, dass er sie nicht verstehe. Nun, ich meine, dass es nicht besonders wertvoll ist, ein Urteil in die Welt zu setzen über die im Grunde genommen doch recht nebensächliche Frage, über die man ja auch die verschiedensten Ansichten haben kann, ob ein Aufsatz von Goethe früher oder später in die Ausgabe gestellt wir; denn so etwas macht man sich nach den Prinzipien, die man sich selbst über Goethe gebildet
hat. Und wer nun diese Prinzipien eingestandenermaßen nicht verstehen kann, auf dessen Urteil wird man gar nicht gerade nicht viel zu geben haben. Im Übrigen aber möchte ich doch solchen Herren einen Rat geben, nämlich: Man solle doch intensivst bestreiten, dass von mir irgendwelche Urteile über die Sprachwissenschaft abgegeben werden könnten. Denn nachdem man schon so weit zurückgegangen ist in den Jahrzehnten, soll man nur jetzt etwas weiter noch zurückgehen, und meine Schulhefte in Wiener-Neustadt kontrollieren. Ich kann dafür garantieren, dass in diesen Schulheften bis zu meinem 14. Jahre immer eine große Anzahl von grammatikalischen Fehlern verzeichnet war, und dass es insbesondere mit der Interpunktion außerordentlich gehapert hat. Ich glaube also, dass man daraus den berechtigten Schluss wird ziehen können, dass es gänzlich unmöglich ist, dass ich heute ein gültiges Urteil über irgendetwas Sprachwissenschaftliches abgeben kann! Mir scheint, dass die Untersuchungen demnächst in dieses Fahrwasser getrieben werden müssen.
Es fiel mir dabei ein, ohne dass ich selbstverständlich einen Vergleich ziehen will, dass ja der Dichter Robert Hamerling sein Gymnasiallehramts-Befähigungszeugnis in seinen Memoiren veröffentlich hat. Dieses Zeugnis, das also von der erleuchteten Gymnasiallehramts-Prüfungskommission ausgestellt worden ist, als Robert Hamerling seine Befähigung zum Gymnasiallehramts-Kandidaten ablegen sollte, enthält den Passus: Der Kandidat ist geradezu hervorragend befähigt, griechischen und lateinischen Unterricht zu geben, jedoch kann man nicht anders sagen, als dass er in Bezug auf die deutsche Sprache und Stilführung kaum den dürftigsten Anforderungen eines Gymnasiallehrers der untersten Klassen genügen kann. Derlei Proben könnte man ja mancherlei sammeln. Wer Erfahrung hat auf diesem Gebiete, der weiß ja, wie eigentlich diese Dinge zustande kommen, das heißt, wie sie den Köpfen entspringen, denn das ist das Wichtigere.
Das, meine lieben Freunde, wollte ich Ihnen vorbringen über den Fortgang unserer Bewegung. Ich muss immer wieder darauf aufmerksam machen, dass Sie sich durchaus bewusst sein müssen, dass die Gegnerschaften immer größer und größer werden.
Nun möchte ich heute einiges sagen, was eine Art Fortsetzung der Darlegungen sein könnte, die ich Ihnen vor meiner Reise gegeben habe. Ich möchte nämlich darüber sprechen, wie in einer gewissen Weise zusammengefasst werden kann, was ich bei verschiedenen Gelegenheiten über das Christus-Problem vorgebracht habe. Ich möchte dies aus dem Grunde tun, weil in der letzten Zeit eine Schrift erschienen ist, die «Neuere religiöse Bewegungen», wie sie es nennt, charakterisiert, und unter diesen auch die Anthroposophie bespricht. In dieser Schrift wird eigentlich, man kann sagen, in ganz wohlwollender Absicht gesprochen. Sehen Sie, ich habe ja unseren Freunden in Kristiania einen Trost gegeben für die schrecklichen Dinge, die sie ja auch über sich in den Zeitungen ergehen lassen mussten. Ich habe gesagt: Wenn die Zeitungskritiken so ausgefallen wären, dass sie außerordentliches Lob gebracht hätten, dann hätte ich mich bedenken müssen, was an der Anthroposophie verfehlt ist, was da zu verbessern ist. Aber nun kann man wiederum für einige Zeit Mut haben; denn es wäre ja sehr schlimm gewesen, wenn die Sache anders verlaufen wäre.
Also, es ist eine Schrift erschienen, die sich in einer eigentlich wohlwollenden Absicht über den religiösen Gehalt der Anthroposophie ergeht. Da wird gesagt, dass es ja ganz schön wäre, wenn das religiöse Empfinden der Gegenwart vonseiten der Anthroposophie eine Stütze erhalten würde. Aber das könne doch wiederum nicht sein, denn dann müsse die religiöse Bewegung zuschauen, wie die Anthroposophie die Leute in die höheren Welten hineinweist. Es würde da von einer anderen Seite als von den berufenen Vertretern der Religion auf die höheren Welten aufmerksam gemacht, und wenn das Anhänger bekäme, so würden das ja nicht Anhänger der Religion sein, sondern Anhänger der Anthroposophie, woraus man also schließen müsse, dass das Leben der Anthroposophie den Tod der Religion bedeute.
Dieser Satz ist im ersten Teil dieser Auseinandersetzungen als etwas Besonderes enthalten. Und da ist es ja abgesehen, wie bei vielem, auf den kosmischen Christus. Da wird selbstverständlich wieder alles aufgewärmt, was über Gnosis und dergleichen gesagt werden kann, und dann heißt es: Den Christus als ein außerirdisches, kosmisches Wesen hinzustellen, das sei für einen religiös empfindenden Menschen überhaupt eine Beleidigung.
Nun, da das ja eigentlich von wohlwollender Seite gesagt wird, wohlwollend in Bezug auf Anthroposophie, wie auch in Bezug auf ReligionsErneuerung, muss ich gestehen, dass ich fand, die Sache müsse einmal überlegt werden: Woher kommt es denn, dass Leute, die ja allerdings ihren Kopf nicht ändern können, aber immerhin doch wohlwollend sind, zu der Ansicht kommen, dass die Christologie der Anthroposophie sogar beleidigend sei für einen Christen, wie er nach der Ansicht solcher öffentlicher Vertreter sein sollte - denn der Betreffende, der das Buch geschrieben hat, ist Theologie-Professor. Es handelt sich also darum, sich doch zu überlegen, was da eigentlich zugrunde liegt.
Meine lieben Freunde, man muss zunächst dabei einmal bedenken, was wir immer vorgebracht haben über das zweifache Erlebnis, das Vater-Erlebnis, also das Erlebnis des die Welt durchsetzenden Gottes, und über das Christus-Erlebnis als solches, das ja zum Beispiel von Leuten wie Harnack nicht von dem allgemeinen Gottes-Erlebnis, von dem Vater-Erlebnis getrennt wird. Ich habe Ihnen das ja dargestellt. Da kann man also zeigen, und das muss eigentlich in der Gegenwart angestrebt werden, wie es zwei Erlebnisse im Menschen geben müsse, das eine, das aus einer wirklich richtigen Betrachtung der Natur und des physischen Menschendaseins zum Vatererlebnis kommt, und das andere, das zum Sohneserlebnis kommt aus dem Seelischen heraus. Die beiden Erlebnisse müssen im Menschen durchaus getrennt auftreten, sodass das Christus-Erlebnis eben ein besonderes Erlebnis ist. Das ist [aber] bei den meisten gegenwärtigen offiziellen Vertretern der christlichen Bekenntnisse gar nicht der Fall. Harnack sagt zum Beispiel in seinem Buch über «Das Wesen des Christentums», der Christus gehöre nicht in die Evangelien hinein, sondern allein der Vater; es dürfe sich also in den Evangelien nicht darum handeln, den Christus, ein Bild des Christus zu haben. Die Evangelien sollen von Rechts wegen nicht über den Christus reden, sondern allein über das, was der Christus über den Vater sagt.
Das ist außerordentlich charakteristisch, weil damit für den, der unbefangen denken kann, der Harnack’schen Christus-Auffassung überhaupt die Fähigkeit abgesprochen ist, ein Christentum zu sein. Denn es ist kein Unterschied zwischen der alten Jahve-Lehre und der Christologie, wenn gesagt wird: Der Christus gehört nicht in die Evangelien hinein, sondern lediglich der Vater. Denn dann ist der Christus bloß der Lehrer vom Vater, und wir haben dann wirklich keinen Unterschied zwischen dem Christus-Jesus dieser Theologen und dem Jesus, den zum Beispiel ein ganz gewöhnlicher weltlicher Historiker, Ranke, beschreibt. Das ist eben «der schlichte Mann aus Nazareth», gewiss eine Spitze der historischen Menschheitsentwicklung, aber eben nur der schlichte Mann aus Nazareth. Es ist eigentlich von dem Mysterium von Golgatha in einer
solchen angeblich christlichen Auseinandersetzung nichts enthalten. Der einzelne Mensch kann aber in der Gegenwart, namentlich wenn er in der richtigen Weise das heutige Ich-Bewusstsein fühlt, das gesonderte Christus-Erlebnis haben. Dann hat man aber - möchte ich sagen — den gegenwärtig vorhandenen, unter uns geistig wandelnden Christus, und man hat noch nicht den historischen Christus-Jesus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.
Nun handelt es sich darum, diesen Christus-Jesus auch geschichtlich zu begreifen. Das kann auf die folgende Weise geschehen. Man verfolgt die geschichtliche Entwicklung der Menschheit bis in die Zeit herein, in der das Mysterium von Golgatha stattfand. Sie wissen, das ist der vierte nachatlantische Zeitraum.
Nehmen wir nun einmal an, ich müsste Ihnen heute über die geschichtliche Entwicklung der Menschheit reden, ohne dass das Mysterium von Golgatha im paulinischen Sinne stattgefunden hätte; dann würde ich Ihnen nicht von etwas anderem sprechen können als von der bleichen Schädelstätte von Golgatha. Denn was auf dieser bleichen Schädelstätte von Golgatha geschehen ist, würde ja eine übersinnliche Bedeutung nicht haben. Der Christus würde nicht als ein überirdisches, als ein kosmisches Wesen aufzufassen sein.
Nun trat in diesem Zeitraume zuerst das Vorerlebnis des Ich auf. Das lässt sich ja auch philologisch nachweisen, indem man die Sprachen untersucht. Das eigentliche Ich-Erlebnis trat allerdings für die abendländische Menschheit in den verschiedenen Zweigen des Bewusstseinslebens erst im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts ein, aber es breitete sich vor vom vierten nachatlantischen Zeitraum an.
Die Völker, die vor dem Mysterium von Golgatha gelebt haben, haben, wie Sie wissen, in den ältesten Zeiten eine Urweisheit gehabt. Diese Urweisheit hat allerdings bei den verschiedenen Völkern die verschiedensten Gestalten angenommen. Aber sie war, wenn in der verschiedensten Weise differenziert, in religiöser Beziehung eine Weisheit von dem Vatergotte, und wer heute in völliger Unbefangenheit aufnimmt, was über die Urweisheit der verschiedenen Völker zu konstatieren ist, was da in den Aufzeichnungen und Dokumenten der Völker, selbst in die Veden nur hineinleuchtet — ich habe das ja oft besprochen —, der wird finden, dass er die tiefste Ehrfurcht haben muss vor dem, was in ältesten Zeiten als Urweisheit in der Menschheitsentwicklung aufgetreten
ist und durch die Mysterien immer zu entsprechenden Höhen hingelenkt worden ist. Nun aber verglimmt nach und nach diese Urweisheit, und zwar in demselben Maße nimmt sie ab, indem die instinktive alte Bewusstseinsart abnimmt. In demselben Maße ersteht aber auch in der Menschheit das Ich-Bewusstsein und damit die Anwartschaft auf die menschliche Freiheit.
Warum konnte denn die alte vorchristliche Menschheit eine Gottesweisheit haben, die uns heute noch die tiefste Ehrfurcht einflößt, wenn wir sie unbefangen betrachten? Eben weil das Bewusstsein noch nicht bis zur Egoität, bis zum Ich vorgedrungen war, weil das, was der Mensch aus seinem Wesen hervorholte, wenn er sich in Zusammenhange mit der Umwelt betrachtete, ihm in den verschiedensten Formen das Vater-Bewusstsein gab. Ich habe es ja einmal ausgesprochen: Man kann nicht, wenn man vollständig gesund ist, zum Atheisten werden. Atheismus ist zurückzuführen auf eine Art physischen Mangel. Aber weil diese alten Völker eben eine gewisse göttliche Erbschaft hatten, deshalb ergab sich ihnen dieses Vaterbewusstsein aus ihrem Gesamterfühlen als Mensch, aus ihrer Totalempfindung und aus der aus ihr erfließenden instnktiven Weisheit. Das verglomm, wie gesagt, gegen den vierten nachatlantischen Zeitraum hin.
Es ist ja alles Einzelne, wenn es wirklich unbefangen betrachtet wird, nicht im Sinne der heutigen ungenügenden wissenschaftlichen Methode, es weist ja im tiefsten Sinne auf das hin, was gerade als ein Bruch in der Menschheits-Entwicklung in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum eingetreten ist, zum Beispiel zwischen der griechischen und der lateinisch-römischen Entwicklung. Vieles habe ich schon genannt, vieles könnte ich noch charakterisieren. Ich will jetzt nur auf eines aufmerksam machen: Sie haben, wenn Sie heute noch Griechisch lernen, den Buchstaben Namen zu geben: Alpha, Beta und so weiter, während im Römischen die Namen für die Buchstaben bereits abgeflutet sind, es ist nurmehr ein «Alphabet», A, B, C und so weiter.
Das ist beim Übergang in die Abstraktheit des römischen Wesens, des romanischen Wesens geschehen, und damit ist ja eigentlich das Verständnis verloren gegangen, dass ursprünglich mit der Sprache etwas gegeben war, was einen inneren Zusammenhang hatte, und das mit der Sprache dem Menschen zu gleicher Zeit ein Geschenk des Genius der Sprache gegeben war. Diese Dinge müssen erforscht werden, weil wir, wie ich Ihnen heute nur andeuten will, zu einer durchgreifenden Didaktik des Sprachunterrichtes, wie er in einer wirklich ernsthaftigen Schule sein muss, wie zum Beispiel in der Waldorfschule, gar nicht kommen können, wenn wir nicht ernsthaftige Sprachstudien treiben; die heutigen sind nicht ernsthaft, wenn wir nicht verstehen, was es bedeutet, dass wir heute selbstverständlich die griechischen Buchstaben Alpha, Beta, Gamma und so weiter benennen, und die lateinischen bloß als Buchstaben bezeichnen: A, B, C und so weiter. Es wurde eben der Menschheit etwas gegeben von dem Genius der Sprache, den ich Ihnen — wie Sie wissen - als ein wirkliches reales Wesen zu schildern habe. In allerlei Orden redet man zwar von dem «verlorenen Wort», aber man weiß ja nirgendwo, um was es sich handelt. Es war eben mit dem, was man das Alphabet nennt, wenn man also einfach die Buchstaben hintereinander aussprach, eine Weltverkündigung gegeben. Nehmen Sie zum Beispiel das griechische Alpha. Das ist für den, der heute Sprachstudien anstellen soll, von außerordentlicher Bedeutung — und ich hoffe, dass gerade diese Sprachstudien auch im Einzelnen von den Waldorf-Lehrern, denen ich die Anregung dazu gegeben habe, nun auch weiterverfolgt werden können, denn wir brauchen diese Dinge, um sie im Unterrichte praktisch verwenden zu können. Wenn man nämlich das Wort Alpha formt - man muss es aber vollinhaltlich nehmen —, so hat man etwas, was da heißt: «der Mensch»; und in dem «Beta» hat man «das Haus». Sodass das Wort ausgesprochen in den ersten zwei Buchstaben bedeutet: Der Mensch in seinem Haus. Und dann geht es weiter durch Gamma und die anderen Buchstaben. Und vollendet man das Alphabet, so bekommt man einen tiefen Sinn heraus durch die einfache Hintereinander-Aufzählung der betreffenden Worte, die die Buchstaben bedeuten.
Das ist später, als das Wort, das aus den sämtlichen Buchstaben des Alphabets besteht, verloren worden ist, vollständig verschwunden in der Menschheit. Und heute redet man in «Freimaurer-Orden» vom «verlorenen Worte», redet aber eigentlich nicht von etwas, was wirklich ist, weil kaum etwas von dieser Wirklichkeit ahnt.
Aber analysieren Sie das griechische Alphabet, führen Sie es zurück auf das Hebräische: Aleph, Beth und so weiter, immer beginnt das Alphabet damit: Der Mensch in seinem Haus. Und dann geht es weiter. Es wird also eine Weltweisheit mit dem Alphabete geoffenbart. Nun kam also im vierten nachatlantischen Zeitraum dasjenige herauf, was immer mehr und mehr zum Ich-Bewusstsein führt. Es ging ja etappenweise, und ich habe Ihnen ja auch jene wichtigen Dinge angedeutet, die sich zum Beispiel im vierten christlichen Jahrhundert abspielten. In demselben Maße, wie das Ich-Bewusstsein heraufkam, kam aber auch etwas anderes herauf. Das Ich, das Ich-Bewusstsein, dasjenige, was der Mensch erlebt, indem er zum vollen Ich-Bewusstsein kommt, das kommt nur aus dem physischen Leibe. Studieren Sie heute alles Übrige, so bekommen Sie Einflüsse eines übersinnlichen Daseins, eines Daseins von außerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod. Das Ich-Bewusstsein, wie es der Mensch hat, ist eine Schöpfung dessen, was in dem physischen Leib zwischen Geburt und Tod erlebt wird. Ich werde Ihnen in der nächsten Betrachtung die ganze Gewichtigkeit des Ich-Bewusstseins darlegen, jetzt zunächst möchte ich es nur erwähnen. Dadurch aber, dass das Ich-Bewusstsein beim Erdenmenschen zunächst nur aus dem physischen Leib kommt, fühlten sich diejenigen, die durch die Mysterien im vierten nachatlantischen Zeitraum eingeweiht waren, krank. Sie fühlten die Kultur seelisch krank. Und das war eine Mysterien-Anschauung des vierten nachatlantischen Zeitraums: Die Kultur ist seelisch krank, und sie braucht einen Heiler. Das war tief eingewurzelt, und es ist interessant zu verfolgen, wie das durch und durch nach Gesundheit strebende griechische Volk dieses Kultur-Kranksein auffasste.
Sehen Sie, man hat lange, gelehrte Abhandlungen - es gibt ganze Bibliotheken davon — über das mit den Mysterien zusammenhängende Wort «Katharsis» geschrieben. Damit bezeichnete man für die griechische Tragödie etwas, was in der Entwicklung eines Trauerspiels von Aischylos, von Sophokles lebt. Man hat, wie gesagt, große gelehrte Abhandlungen darüber geschrieben. Sie wissen, von Lessing bis auf die neueste Zeit sind darüber Spekulationen angestellt worden; halbe, ViertelsWahrheiten sind gefunden worden, aber das Richtige ist nicht gefunden worden. Lessing sagte: Es sollen Furcht und Mitleid angeregt werden, die wiederum überwunden werden sollen. Die Seele soll gewissermaßen geheilt werden von diesen Leidenschaften, indem man sie so hervorruft.
Das Wichtigste ist aber dabei, dass «Katharsis» eigentlich ein medizinischer Ausdruck ist, und dass damit darauf hingedeutet wird, dass in Griechenland noch ein wesentlicher Zusammenhang war, sagen wir zum Beispiel zwischen Hippokrates und Aischylos. Das gesunde griechische Empfinden fühlte die Kulturerkrankung, und im Aischylos-Drama fühlte man so etwas wie eine Heilung, Daher sprach man für den Verlauf, für den Bau des Dramas von der Katharsis, von der Krisis, die überwunden wird. Man sprach wirklich in medizinischer Beziehung von dieser Katharsis. Und wenn Sie von diesem Gesichtspunkte aus die geschichtliche Entwicklung ansehen, dann werden Sie mit einem besonderen Blick auf die Essäer, besonders auf die Therapeuten hinsehen. Warum nannten sie sich denn «Therapeuten»? Weil sie arbeiten wollten an der Gesundung der krank gewordenen Kultur.
Und das alles war Vorbereitung für den großen Heiler, für den Christus-Jesus, für den eigentlichen Heiland. Und es ist nicht irgendeine Äußerlichkeit, sondern tief innerlich begründet in dem Mysterienwissen über die Menschheitsentwicklung, dass der Eintritt des Mysteriums von Golgatha eine Therapie bedeutet für die geschichtliche Entwicklung der Menschheit, und dass, wenn man heute von der Menschheitsentwicklung reden sollte, ohne dass das Mysterium von Golgatha da gewesen wäre, man sagen müsste: Die Menschheitsentwicklung geht abwärts. Man könnte nur auf die bleichende Schädelstätte von Golgatha hinweisen.
Mit dem vollen Bewusstsein muss man drauf hinweisen, dass im rechten Zeitpunkt das Mysterium von Golgatha eingetreten ist, und dass es nicht von der Erde aus kommen konnte, sondern von außerhalb der Erde. Denn alles, was auf der Erde an Menschheitsentwicklung geschehen war, das war eben in dem Stadium, in dem es die Griechen und die Vorderasiaten sahen, die Therapeuten, bis der «große Therapeut» kam.
Das führt tatsächlich zu einer richtigen und innerlichen Geschichtsbetrachtung. Und da wird man aus einer solchen Geschichtsbetrachtung zu dem historischen Ereignisse des Mysteriums von Golgatha, zu dem historischen Christus-Jesus eben einfach hingeführt. Das ist der Weg. Das soll das nächste Mal noch weiter ausgeführt werden.
Aber warum wendet sich nun gerade die Theologie gegen diesen außerirdischen, gegen diesen kosmischen Christus? Warum sagt die Theologie: Das ist beleidigend, dass der Christus ein Sonnenwesen sein soll? Nun, meine lieben Freunde, der Grund dafür ist der, dass die Theologie selbst materialistisch geworden ist. Wenn wir zurückgehen in die alte Urweisheit, die noch instinktiv war, da sehen wir, man hat nicht den Blick hinausgewendet in die Weltenordnung und gesagt: Da oben ist die Sonne, die ist ein glühender Gasball, sondern man hat den Blick hingerichtet zu den geistigen Wesenheiten, die in den Sternenwelten waren. Wer von dem Sonnenwesen als dem Christus spricht, spricht auch nicht von der materiellen Sonne, sondern von dem geistigen Wesen des Kosmos. Wir wissen, wie man heute davon in der Theologie spricht; da sieht man auch nichts anderes als etwas, was man wie eine Maschinerie berechnet. Und deshalb, weil ja das außerirdische Weltall bloß materiell ist — nach der Ansicht solcher, materialistischer Theologen —, macht natürlich die Anthroposophie den Christus, indem sie ihn für ein Sonnenwesen erklärt, auch zu einem bloß materiellen Wesen.
Also, weil die gegenwärtige Theologie so tief angesteckt ist von dem Materialismus der Gegenwart, dass es ihr selbstverständlich ist, dass man nur von etwas Materiellem redet, wenn man von dem Sonnenwesen spricht, deshalb sagt sie: Es ist beleidigend. Denn, nicht wahr, wer heute angesteckt von der gewöhnlichen Wissenschaft sich ein Sonnenwesen denkt, das auf die Erde kommt, der stellt sich vor - es soll das kein Lapsus sein in diesem Falle, sondern ich sage es aus der Sehnsucht heraus, verständlich zu werden -, es fliegt etwas aus der Sonne auf die Erde, der denkt höchstens an eine Sternschnuppe. Und es hat also der Theologe nun aus seinem Materialismus im Grunde genommen die Meinung: Ja, wenn die Anthroposophie von dem Christus als einem Sonnenwesen spricht, das aus der Sonne zu der Erde kommt, so spricht sie von dem Christus wie von einer Sternschnuppe, einem Meteor. Das kommt eben nur aus dem Materialismus her, die Leute können gar nicht mehr anders, als materiell denken.
Sie schen, man muss schon auf die Elemente gehen, wenn man überhaupt verstehen will, warum von theologischer Seite gesagt werden kann, es sei beleidigend, wenn die Anthroposophie an den Christus etwas heranbringt von außerirdischer Wesenheit. Hier sehen Sie, wie sozusagen die gegenwärtige Theologie bei dem Materialismus zu ertappen ist.
Nun, ich habe versucht, Ihnen klarzulegen, dass Christus als der Heiland in wirklichem, höherem, medizinischem Sinne aufgefasst werden muss. Das wird ja allerdings auch beleidigend für manchen AuchTheologen sein, denn dass ich dieses Wort Heiland mit dem Heliand der deutschen Dichtung «Heliand» in Zusammenhang gebracht habe, das hat, wie es scheint, den Pfarrer Kully tief geschmerzt, der das ja außerordentlich anstößig finder und glaubt, es sei aus einer ebensolchen Hohlheit hervorgeholt wie seine eigenen Darlegungen. Aber - das möchte ich
noch betonen: Die wohlwollende theologische Schrift, von der ich Ihnen gesprochen habe, ist nicht von Pfarrer Kully - nicht, dass Sie etwa in diesen Irrtum verfallen -, die ist von etwas anderer Seite. Sie sehen daraus, meine lieben Freunde, dass die Christologie der Anthroposophie eben immer weiter vertieft werden kann und auch vertieft werden muss, denn die Gegenwart fordert, dass der Christus wiederum verstanden werde, dass man sich wiederum hinaufschwingen könne zu einem wirklichen Erfassen des Christus in dem Jesus.