Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 31 December 1921, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

277c-20
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Meine sehr verehrten Anwesenden!

Über Eurythmie, als beruhend auf einer wirklich sichtbaren Sprache, habe ich mir erlaubt, bei einer der letzten Vorstellungen einige einleitende Worte vorauszuschicken. Heute gestatten Sie, dass ich nun einiges hinzufüge.

Insofern die Eurythmie sein will eine wirklich sichtbare Sprache, beruht sie ja auf einer inneren Gesetzmäßigkeit des menschlichen Organismus, die durch sinnlich-übersinnliches Schauen studiert ist - wie die Lautsprache oder wenigstens der Gesang selbst. Daher geht in der Eurythmie jede einzelne Bewegung eines einzelnen Menschen oder von Menschengruppen ebenso aus dem Wesen des menschlichen Organismus hervor, wie die den Lauten zugrunde liegenden Bewegungen des Kehlkopfes oder der anderen Sprachorgane eben aus dem Wesen des Organismus hervorgehen. Und wie man die Sprache nicht anders empfinden kann als etwas, das eine unsichtbare Offenbarung des in dem Menschen liegenden Seelischen ist, so kann man das auch dem Eurythmischen gegenüber.

Die menschliche Organisation ist ja so veranlagt, dass in ihr die Form, die uns entgegentritt, eigentlich, wenn man sie unbefangen betrachtet, immer zu gleicher Zeit dasjenige zeigt, was als Bewegung aus dieser Form werden kann. Wenn man eine menschliche Hand, einen menschlichen Arm fasst - man kann die Form des Armes, die Form der Hand nicht verstehen, wenn man sie bloß als ruhende [Formen] ansieht. Das, was in ruhiger Form ist, das versteht man erst, wenn der Arm eine Bewegung durchmacht. Es ist wie selbstverständlich die ruhende Form die eben zur Ruhe gekommene Bewegung. Und die Bewegung ist etwas, das unmittelbar wie aus der ruhenden Form hervorkommen muss. Gerade dadurch ist es aber möglich, aus der ruhenden menschlichen Form durch Bewegung, die in ihrer ganzen Wesenheit schon in der Form selbst begründet ist, etwas wie eine Sprache hervorgehen zu lassen. Und von diesem Gesichtspunkte aus wird die Eurythmie etwas wie eine bewegte Plastik.

Die Plastik, die den Menschen in seiner Ruhe festhält, was ist sie eigentlich? Sie ist im Grunde genommen der äußere Ausdruck des menschlichen Schweigens, des menschlichen Still-Nachsinnens, desjenigen, wo der Mensch am meisten in sich selbst, bei sich selbst ist, wo er am meisten sein Wesen aus der Welt herausnimmt. Daher kann die Plastik eben eigentlich nur so dargestellt werden, dass man sie auch von dem unmittelbar lebenden Menschen abhebt und in einem anderen Material vor die Welt hinstellt. Die Ruhe, die am meisten das darstellt, wodurch der Mensch sich aus der Welt heraushebt, sie kann verwirklicht werden in einem anderen Material als dem Menschen selbst.

In demjenigen, wodurch der Mensch spricht, ist er durchaus überall mit der Welt in Verbindung. Er ist an die Welt hingegeben, und er kann sich als Sprechender nicht von der Welt absondern. Ebenso wenig [ist das der Fall] in der sichtbaren Sprache, in der bewegten Plastik, in der Eurythmie. Dasjenige, was da der Mensch darstellt, sind eigentlich die Gesetzmäßigkeiten, in die sich der Mensch versetzen kann bei der Hingabe an das Weltenall. Da muss er, indem er sich nicht abheben kann, sondern mit seinem ganzen Wesen sich hineinstellen muss in das Weltenall, da muss er sich darstellen. Und in der Eurythmie ist noch mehr als bei mimischer oder dramatischer Kunst der Mensch ein unmittelbares Werkzeug seines künstlerischen Schaffens selbst. Daher kann Eurythmie - ich habe schon neulich betont, dass sie noch im Anfange sei, sie wird sich aber weiter entwickeln können - sich dadurch weiterentwickeln, dass sie immer mehr und mehr wird zu der eigentlichen Stilkunst für dasjenige, was der Mensch gerade in seiner Offenbarung dann zeigt, wenn er an das Weltenall hingegeben ist. Und das zeigt sich ja am meisten dann, wenn der Menschenorganismus frei an die höhere, an die geistige Welt hingegeben ist.

Daher macht man die Erfahrung, dass das naturalistische Darstellen irgendwelcher dramatischer Szenen verhältnismäßig leicht geschehen kann, auch durch die gewöhnliche mimische Kunst, durch dasjenige, was sich dem Menschen unmittelbar ergibt als eine Gebärde, die sich hinzugesellt als eine Geste, die sich hinzugesellt zu demjenigen, was, seelisch erlebt, nun sprachlich ausgedrückt wird. Will man aber die höheren Erlebnisse, die Zusammenhänge des Menschen mit der geistig-übersinnlichen Welt darstellen, anschaulich zum Ausdruck bringen, dann braucht man eine höhere Sulisierung. Und dafür will ich [beziehungsweise] werden wir heute ein Beispiel geben, das eine der Szenen aus meinem Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen» darstellen wird.

Diese «Mysteriendramen» dürfen ja durchaus nicht als irgendwelche symbolisierten Seelen- oder Geistesvorgänge genommen werden in einer abstrakten Weise: Bei ihnen ist wirklich alles unmittelbar so angeschaut, wie cs dasteht. Und es ist, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - trotzdem es überall hinaufführt in die übersinnliche Welt - bildhaft, bühnenmäßig gedacht. Daher ist eigentlich in diesen «Mysteriendramen» an denjenigen Stellen, wo der Mensch sich hinauferhebt ins Übersinnliche, schon durchaus bei der Konzeption das Eurythmisch-Künstlerische mitempfunden - und der eurythmische Ausdruck kann sich da wie etwas Selbstverständliches offenbaren.

Die Szene, die zur Darstellung kommen wird heute im ersten Teil unserer eurythmischen Aufführung, sie zeigt eine der Hauptgestalten — den Johannes Thomasius aus meinen «Mysteriendramen» -, wie er in einem besonderen Momente menschlicher Selbsterkenntnis sozusagen vor seinem eigenen Inneren steht. Da tritt nun Verschiedenes auf, nicht in Form von Allegorien oder Symbolen, sondern in Form von wirklich geistigen Gestalten, geistigen Charakteren, Verschiedenes auch, was innig mit dem Menschen verbunden ist.

Da sieht man zunächst den Geist von Johannes Jugend. [Für denjenigen,] der im realen, im wahren Sinne zur Selbstschau, zur Selbsterkenntnis kommt, wenn er ein gewisses Alter erreicht hat, [für den] steht seine Jugend vor ihm wie ein objektiv Abgesondertes. Und er muss dasjenige, was er allerdings im Erdenleben einmal selber war, er muss es so wahrnehmen, wie wenn es eine andere Person wäre, allerdings jugendlich geblieben, wie wenn es eine Person mit eigenen Schicksalen wäre. Wirkliche, tief schicksalsmäßige Selbsterkenntnis kommt da durch solche Objektivierungen des eigenen Inneren zustande.

Dass das zustande kommt, indem eine Selbsterkenntnis eintritt, das wird insbesondere dadurch dargestellt, dass Johannes Thomasius sich auch selbst gegenübertritt, sein eigenes Wesen als seinen Doppelgänger vor sich hat, dasjenige, was sich abspielt zwischen dem, was in uns- man möchte sagen, wenn man sich nach außen versetzt: um sein eigenes Leben wie ein fremdes kennen zu lernen -, was sich da real abspielt, das spielt sich zwischen Johannes Thomasius und seinem Doppelgänger ab. Solche Erlebnisse kann man allerdings nur haben, wenn die Kluft überschritten ist, die den Menschen in dem gewöhnlichen Leben trennt von dem eigentlichen übersinnlichen Gebiet. Der Mensch würde, wenn er nicht genügend vorbereitet wäre, diese übersinnlichen Gebiete nicht ohne eine gewisse Schockiertheit, die in seiner Seele eintritt, erleben können. Daher sagt man mit Recht, dass der Mensch über eine Schwelle gehe, wenn er die geistige Welt betreten will.

Wenn man empfindet dasjenige, was uns zum Beispiel von den Erlebnissen, die der Mensch haben könnte, wenn er die übersinnliche Welt betritt im tiefen, traumlosen Schlafe, was uns dadurch trennt, was uns trennt als ein Geistiges in unserer Organisation, das aber ebenso außer uns ist, wie irgendetwas anderes - denn wir haben es ja gewöhnlich nicht im Bewusstsein —, das nennt man den Hüter der Schwelle. Dieser Hüter der Schwelle «ist» es, dem man begegnen muss auf demselben Pfade, auf dem man zu wahrer Selbsterkenntnis und zu so etwas wie zum Anschauen seiner eigenen Jugend kommt. Da wird man nun auch gewahr dasjenige, was in jedem Menschen ist, nämlich die Kräfte des Luzifer und Ahriman.

Der Mensch ist ja eigentlich in einem Gleichgewichtszustand zwischen zwei entgegengesetzten geistigen Mächten: Die eine will ihn immerfort, man möchte sagen in Himmelshöhen entführen, will ihn immer fort dahin bringen, in unbestimmte geistige Welten, unbelastet von der Schwere des Daseins, unbelastet von dem Erdenschicksal, hinein zu dringen, gewissermaßen nur seinen Kopf hineinzuführen. Die andere Macht ist diejenige, die ihn immerfort an den Tod, an die Erde kettet, die ihn unter sich selbst, unter sein eigenes menschliches Wesen hinunterbringt. Es ist dieselbe Macht, die uns physisch dem Tode entgegenführt, die uns zum Beispiel seelisch zu Spott und Hohn über das Menschliche führt, die uns gewissermaßen ins Mephistophelische hineintreibt. Etwas von diesem Mephistophelischen - was dasselbe ist wie das Ahrimanische - steckt ja in uns allen, wodurch wir eigentlich immer schlechter werden, als wir sind.

Auch das ist eine objektive Macht. Und derjenige, der die geistige Welt kennenlernt, lernt das als eine objektive Macht kennen. Johannes Thomasius hat mancherlei Schicksale durchgemacht. Er ist auf einer gewissen Etappe seines Lebensweges angekommen. Er war tief verbunden mit zwei andern Gestalten: Mit einem Weisen, der als Benedictus auftritt in den «Mysteriendramen», und mit Maria, die in inniger Beziehung zur geistigen Welt steht, an die sich Johannes Thomasius angeschlossen hat. Aber für denjenigen, der in diesen Entwicklungszuständen der Menschheitsentwicklung sich an andere Wesen anschließt, für den treten immer Momente ein, wo er wieder in sich selbst zurückkehren muss. Und ein tief bedeutsamer Schicksalsmoment ist derjenige, wo Johannes Thomasius in sich selbst zurückgekehrt ist, ist dieser Moment, der hier dargestellt wird in der Selbstschau. Nachdem er diese Selbstschau gehabt hat, treten ihm diejenigen, mit denen er eng verbunden war, Benedictus und Maria, neuerdings entgegen. Er lernt sie in neuer Weise kennen, wie wir uns immer weiterentwickeln, wir immer neue Geheimnisse in jeder menschlichen Natur entdecken können.

Und solches Erleben bis zu den äußersten Geheimnissen der menschlichen Seelen- und Geistesentwicklung, es kann, wenn es äuRerlich dargestellt werden soll, eigentlich nur in dieser Stilisierung, die da möglich ist durch die Eurythmie, dargestellt werden.

Zu diesem und zu manchem andern verhilft einem gerade das, was als ein Stilprinzip möglich ist durch diese Sprache, diese sichtbare Sprache, die durch die Eurythmie zur Offenbarung kommt und die nicht bloß einseitig aus dem Kopf- und Brustorgan des Menschen, sondern aus dem ganzen Menschen und seinem vollen Verhältnis zur Welt kommt. Gerade das ist es, was einem die Überzeugung beibringt, dass die Eurythmie, so unvollkommen sie heute noch sein mag, durchaus der Vervollkommnung fähig sein wird und dass sie, wie ich schon das vorige Mal sagte, einstmals, wenn sie weitergebracht worden sein wird, sich als eine vollberechtigte, jüngere Kunst sich neben die vollberechtigten älteren Schwesterkünste wird hinstellen können.

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →