Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 28 December 1921, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Die Kinderaufführung vom 28. Dezember 1921 war der Eurythmie in der Pädagogik gewidmet; im Tagungsprogramm hieß es: «Eurhythmie als Erziehungsmiuel».

Stabübungen
Ich und Du
«Im Baum, du liebes Vögelein dort» von Christian Morgenstern
Übungen in Anapästen
«Das Vöglein» von Friedrich Hebbel
Ballen und Spreizen
«Ein Gleiches» von J. W. von Goethe
Tonübungen in Moll
«Mollmelodie»
«Schwebender Genius» von J. W. von Goethe
Tonübungen in Dur
Alliterationen
«An der Krippe»
«Zur Weihnacht»
«Zum neuen Jahr» von J. W. v. Goethe
«Wächterlied»
«Was treibst du, Wind» von C. F. Meyer
Tonleiterübung
«Schneiderlied»
«Waldkonzerte» von Christian Morgenstern
«Häslein» von Christian Morgenstern
«Der Schneider in der Höll»
«Gigue»

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie, dass wir heute zu der Eurythmie-Vorstellung von neulich hinzufügen eine solche, welche Eurythmie in ihrer pädagogischdidaktischen Bedeutung zeigen soll. Dasjenige, was heute dargestellt werden soll, wird durch Kinder dargestellt: In der von Emil Molt begründeten, von mir geleiteten Waldorfschule in Stuttgart haben wir durch alle Schulklassen hindurch die Eurythmie neben dem Turnen als einen obligatorischen Lehrgegenstand eingeführt. Und man kann jetzt, nach einigen Jahren der Praxis, bereits sehen, dass damit allerdings für die Entwicklung des Kindes etwas Bedeutsames geschehen kann.

Das gewöhnliche Turnen ist ja so gestaltet, dass dabei nur die Gesetze der menschlichen Leiblichkeit, Körperlichkeit berücksichtigt werden. Es soll von mir gar nichts gegen das Turnen eingewendet werden - wir schaffen es ja auch nicht ab, sondern wir wollen es nur ergänzen durch dasjenige, was als Eurythmie neben diesem gewöhnlichen Turnen gewissermaßen ein beseeltes, durchgeistigtes Turnen ist. Ich werde ja gewiss nicht so weit gehen, wie ein deutscher Physiologe, ein sehr berühmter Mann, der einmal auch hier im Saal anwesend war bei einer eurythmie-Vorstellung und auch die Worte gehört hat, die ich über die Beziehung von Eurythmie und Turnen gesprochen habe, und der dann nachträglich zu mir sagte: Ich bin sehr ungehalten. Sie bezeichnen das Turnen als etwas, was aus der Körperlichkeit des Menschen heraus sich rechtfertigen lässt als ein Erziehungsmittel ...? Für mich als Physiologe, meinte er, ist Turnen gar kein Erzichungsmittel, sondern eine Barbarei. Wie gesagt, soweit werde ich nie gehen; ich sage das also nicht, habe es auch nicht weiter zu rechtfertigen. Dasjenige aber, was die Eurythmie auch in pädagogisch-didaktischer Beziehung ist gegenüber dem Turnen, das ist, dass sie im Fühlen und in den Willensimpulsen jederzeit für jede Bewegung, für jede Bewegungsform beim Kinde das Erleben eines Seelischen, eines Geistigen ist. Die Bewegungen werden so ausgeführt, dass das Kind in die Bewegungen seine Seele, seinen Geist hineinfließen lässt, und so hineinfließen lässt, dass nicht nur das allgemeine Erlebnis einer Gebärde sich des Kindes bemächtigt, sondern das sinnvolle Erlebnis einer wirklich belebten Sprache, einer sichtbaren Sprache ist.

Dadurch kommt auch das zustande, was man bei dem Gebrauche von Eurythmie als pädagogisch-didaktisches Prinzip klar bemerken kann: Die Kinder in einem späteren Lebensalter finden sich in einer ebenso elementaren, naturgemäßen Weise wohlbestimmt in diese Sprache hinein, wie sie sich in den früheren kindlichen Lebensjahren in die Lautsprache hineinfanden und in den Gesang. Denn Eurythmie ist ebenso sehr als Gesang zu gebrauchen wie als Sprache.

Wenn man außerdem aus einer wirklichen Erkenntnis des menschlichen Körpers oder der ganzen menschlichen Natur heraus weiß, dass die Konfiguration des Denkens, die künstlerische Gestaltung des Denkens nicht bloß etwas ist, was vom menschlichen Kopf, von den menschlichen Gliedern abhängt, sondern was aus dem ganzen Menschen heraus kommt - der Mensch lernt nicht nur so denken wie sein Gehirn ist, der Mensch lernt so denken, wie er seine Beine und seine Arme bewegen kann -, wenn man das weiß, dann wird man auch verstehen, dass - [wie] die Inanspruchnahme nicht bloß der Sprachorgane, des Kopfes, der Brust, beim Laut-Sprechen und beim Singen es zeigt und [wie es] einen durchaus wohlgefälligen Eindruck macht -, [man wird verstehen] dieses Herausholen einer sichtbaren bewegten Sprache aus dem ganzen, aus dem vollen Menschen.

Man kann auch anderes bemerken: Man kann bemerken, wie durch dieses bescelte, durch dieses durchgeistigte Turnen etwas im Menschen ausgebildet wird, was aus der Not unserer Zeit heraus die jetzige und die folgende Generation brauchen werden: Initiative des Seelischen, und namentlich Initiative des Willens. Und in Bezug auf den Willen, die Entwicklung des Willens hat man in der Schule ein bedeutendes Unterstützungsmittel in der Eurythmie. Das Turnen macht den Körper geschmeidiger, geschickter; aber es holt nicht heraus dasjenige, was körperlich ist, aus dem Seelischen. Und dadurch kann es auch weniger eine Willenskultur vermitteln, als das gerade durch die Eurythmie der Fall ist.

Und so kann man, wenn man den Menschen eben wiederum beginnt zu betrachten nach seinem ganzen Wesen, nach Leib, Seele und Geist, durchaus Verständnis entwickeln für die Anwendung der Eurythmie als eines Erziehungsmittels. Das ist dasjenige, was wir Ihnen heute in einigen Beispielen vorführen wollen: Dass in der Tat die Eurythmie, angewendet auf den Kinderkörper, sich als etwas Selbstverständliches darstellt. Und auch in der Anschauung wird, wie ich glaube, hervorgerufen dasjenige, was man sehen kann, die Empfindung: Es ist etwas, was sich in die Menschenwesenheit hineinlebt als etwas, was mit Freude, mit innerer Befriedigung erlebt werden kann. Und Freude, innere Befriedigung im ernsten Sinne in der Erziehung angewendet, liefert immer sehr gute, bedeutsame Resultate. Das werden Sie, meine sehr verehrten Damen und Herrn, vielleicht aus dieser unserer heutigen Darstellung ersehen können.

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →