Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 24 September 1922, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Die Aufführung fand im Kuppelraum des Goetheanum statt.

«Rêve» von Victor Hugo mit Musik von Jan Stuten
«An eine Rose» von Albert Steffen
«Einsamer Wanderer» von Edward Grieg
«Weiße Glöckchen I» von Wladimir Solowjow
Auftakt «Wir wollen suchen» mit Musik von Max Schuurman
«Weiße Glöckchen II» von Wladimir Solowjow
Sonate von W. A. Mozart
«Mignonne» von Pierre de Ronsard
Szene mit luziferischen und ahrimanischen Wesen aus dem 6. Bild aus «Der Hüter der Schwelle» von R. Steiner
«Der Salm» von Christian Morgenstern mit Musik von Jan Stuten
«Das Scholastikerproblem» von Christian Morgenstern
Andante grazioso von W. A. Mozart
«Das Weiblein mit der Kunkel» von Christian Morgenstern
«Das Reich der Interpunktionen» von Christian Morgenstern Tschechisches Volkslied
«Ex-libris» von Christian Morgenstern
«Fée dragée» von Peter Tschaikowsky
«Die Mitternachtsmaus» von Christian Morgenstern mit Musik von Jan Stuten

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Es ist ja zu hoffen, dass die elektrische Beleuchtung bald wiederum angeht, und dass wir also die Vorstellung haben können. Vorläufig ist es ja noch nicht soweit. Ich werde mir erlauben, die kurze Einleitung, die ich stets vor diesen Aufführungen zu sprechen habe, auch heute wiederum zu sprechen. Nicht um etwa die Vorstellungen des eurythmischen Versuches, den wir hier unternehmen, zu erklären. Erklärungen von Künstlerischem sind ja selber unkünstlerisch, denn Kunst muss durch sich selbst in ihrem unmittelbaren Eindruck sprechen. Das ist ja insbesondere bei der Eurythmie der Fall. Aber dasjenige, was wir hier als Eurythmie versuchen, schöpft aus heute noch nicht gewohnten künstlerischen Quellen und bedient sich einer künstlerischen Formsprache, künstlerischer Mittel, die ebenso heute noch ungewohnt sind. Und über diese künstlerischen Mittel und Quellen gestatten Sie mir, eben ein paar Worte zu sprechen.

Sie werden sehen, meine sehr verehrten Anwesenden, auf der Bühne bewegte Menschen, einzelne bewegte Menschen, bewegte Menschengruppen. Dasjenige, was da durch eine Art Geste zum Vorschein kommt, soll aber nicht so aufgefasst werden, wie verstanden werden die Nachbarkünste - die mimischen, pantomimischen oder tanzartigen Künste. Das alles will Eurythmie nicht sein, sondern Eurythmie will wirken durch eine wirkliche sichtbare Sprache.

Alles dasjenige, was Sie sehen werden an bewegten Menschen und bewegten Menschengruppen, soll ebenso Ausdruck des menschlichen Seelischen und Geistigen sein wie die Lautsprache oder der Gesang. Wie dasjenige, was im Menschen musikalisch zum Leben kommt, durch den Gesang sich ausdrückt, wie sich auch das seelische Leben durch die dichterische Sprache zum Ausdruck bringen kann, so kann auch dasjenige, was der Mensch erlebt in seiner Seele, durch Gesten, durch Bewegungen zum Ausdrucke gebracht werden, die ebenso notwendig folgen aus der menschlichen Organisation wie der Gesang oder wie die Lautsprache.

Dasjenige nun, was zugrunde liegt, ist nicht ein willkürliches Hervorquellen dieser oder jener mimischen Geste, wenn das oder jenes dichterisch oder musikalisch in Betracht kommt. Sondern es handelt sich darum, dass man jeden Laut, jeden Ton herausholen kann geradeso wie durch den menschlichen Kehlkopf und seine Nachbarorgane, so auch durch dasjenige, was der Mensch mit seinen Gliedern oder in Verbindung mit anderen Menschen für das Auge zur Darstellung bringt. Jeder einzelne Laut, jeder einzelne Ton, aber auch jede Aufeinanderfolge der Töne, die im melodiösen Sinne, jede Zusammenstellung von Tönen im harmonischen Sinne, jede Gestaltung der Sprache im Satze und in den Satzformen, kann so wie durch die Sprach- und Gesangsorgane so auch durch den ganzen Menschen, aber jetzt eben sichtbar zum Ausdrucke gebracht werden. Sodass gewissermaßen der ganze Mensch oder die ganze Menschengruppe zum Kehlkopf wird, der hier nur eben seine Bewegung sichtbar ausführt, während in der Wirklichkeit der Kehlkopf seine Bewegungen umformt, metamorphosiert in kleine vibrierende Bewegungen, die sich dann auf die Luft übertragen und durch die Luft dem Gehör vermittelt werden.

Sodass ich sagen kann: Eurythmie ist das Sichtbarmachen derjenigen Bewegungen, die beim Sprechen und Singen zwar im ganzen Menschen erlebt werden, aber sogleich auch im Entstehen umgewandelt werden in die Kehlkopfbewegungen. Ich muss also sagen: Eurythmie studiert durch sinnlich-übersinnliches Schauen - um diesen Goethe’schen Ausdruck zu gebrauchen - die Bewegungen der Gesangsorgane, die Bewegungen der Sprache, dasjenige, was man nur sinnlich-übersinnlich schauen kann, weil es im Kehlkopf gar nicht zur äußeren Offenbarung kommt, sondern zu ganz kleinen Vibrationen wird, in nicht hörbaren, in nicht sichtbaren Bewegungen, sondern [in] kleinen Vibrationen der Luft mitgeteilt wird. Das wird namentlich durch die ausdrucksvollsten menschlichen Gliedmaßen, durch Arme und Hände, in der Eurythmie wie eine sichtbare Sprache zur Offenbarung gebracht. Und diese sichtbare Sprache kann eben auch durchaus künstlerisch dann gestaltet werden - wie die Lautsprache vom Dichter künstlerisch gestaltet werden kann.

Man kann also, wenn man die Eurythmie als Kunst einreihen wollte in die anderen Künste, man kann sagen: Eurythmie ist bewegte Bildhauerei. Derjenige, der für so etwas eine künstlerische Empfindung hat, der wird die Sprache so empfinden, wie wenn in der, ich möchte sagen starren, festgehaltenen Geste des Bildhauerwerkes die schweigende, aber tief innerlich erlebende Seele zur Offenbarung kommt. Aber die lebende Seele, nicht die scheinende, sie kommt zur Offenbarung durch diese sichtbare Sprache der Eurythmie, die sich als ihres künstlerischen Werkzeuges des lebendigen Menschen und seines Leibes bedient.

Dadurch ist ja noch nicht die Eurythmie selbst geschaffen; aber dasjenige, was für jene Laute oder Lautfolge abgesehen werden kann als eine Notwendigkeit der inneren Gesetzmäßigkeit der Menschennatur, was als eine sichtbare Sprache gestaltet werden kann, das kann man auch in rein künstlerischem Sinne umgestalten. Und als solches Umgestaltetes tritt es einem hier so entgegen, dass entweder das Musikalische begleitet wird durch solche Bewegungen - das kann dann ebenso durch sinnlich-sichtbare Töne ebenfalls singen, wie man durch den Kehlkopf singen kann - oder man kann die Dichtung begleiten, wenn rezitiert wird, deklamiert wird.

Nur ist zu betonen, dass Rezitation und Deklamation, indem sie parallel verlaufen zu dieser sichtbaren Sprache der Eurythmie, wiederum zurückgeführt werden müssen zu dem, was sie waren in Zeitaltern, die mehr künstlerisch gesprochen haben als heute. Goethe hat ja noch mit dem Taktstock in der Hand selbst seine Jambendramen mit seinen Schauspielern so einstudiert wie ein Kapellmeister die Opern, weil es ihm mehr ankam auf die künstlerische Gestaltung des Sprachlichen denn auf das Pointieren des Prosainhaltes. Das ist dasjenige, wozu wir wiederum kommen müssen, dass rezitiert und deklamiert wird in künstlerischer Gestaltung. Sodass entweder das Musikalische der Sprache oder das Bildhaft-Imaginative der Sprache gerade durch Rezitation oder Deklamation zur Offenbarung kommt. Und das ist die Art, wie wir hier Rezitation und Deklamation ausbilden, indem wir immer wieder zurückkehren zu künstlerischeren Zeitaltern, als das heutige ist, durch das Goethe’sche Schauen.

Das ist dasjenige, was ich zunächst unmittelbar über das Wesen der Eurythmie sagen möchte. Für heute möchte ich nur das noch hinzufügen, dass ja am Ende des ersten Teiles, nach der Pause, ein Stück meiner «Mysteriendramen» gesehen werden kann. Wir haben uns überzeugt, dass das Eurythmische dann ganz besonders bühnenmäßig zu verwenden ist, wenn nicht gewöhnliche, naturalistische Bühnendarstellung zu erfolgen hat, für die das gewöhnliche bühnenmäßige Darstellen auch hier in Betracht kommt. Sondern wenn zur Darstellung kommt dasjenige, was ins Sinnlich-Übersinnliche hinaufspielt von der menschlichen Seele aus, da werden Sie sehen, wie das Weben von Gedanken in einem Menschen, das wie träumend sich verliert, dargestellt wird durch Bewegungen, die gewissermaßen eine Art Band darstellen zwischen denjenigen Welten, denjenigen, die schwärmerisch-mystisch irgendwo hinaufführen wollen und einen entfremden wollen der Erde, und denjenigen, die einen hinunterziehen wollen zum Gedanklichen, zum Philiströsen, zum mehr Materialistischen, zum Intellektualistischen. Das darzustellen ist nur möglich in einer solchen Stilisierung, wie sie nicht der gewöhnlichen Mimik möglich ist, aber wie sie möglich ist demjenigen, was eben als Eurythmie auftreten kann. Das ist die eigentlich künstlerische Seite der Eurythmie.

Sie hat dann noch zwei andere Seiten. Die eine ist die medizinischtherapeutische. Weil die Bewegungen, die hier vorgeführt werden, aus der gesunden menschlichen Natur herausgeholt sind, können sie - nicht so, wie sie hier gesehen werden, aber etwas umgestaltet, hier soll alles nur künstlerisch in Betracht kommen -, aber etwas umgestaltet wirken diese Bewegungen als Heileurythmie. Und eine solche Heileurythmie ist ja in unseren therapeutischen Kliniken hier und in Stuttgart eingeführt.

Die dritte Seite ist die pädagogisch-didaktische. In der von Emil Molt in Stuttgart gegründeten und von mir selbst geleiteten Waldorfschule ist diese sichtbare Sprache der Eurythmie als ein geistig-seelisches Turnen für alle Volksschulklassen und höheren Klassen eingerichtet. Und es zeigt sich, dass die Kinder sich wie von selbst hineinfinden in diese Eurythmie, dieses seelische Turnen. Das gewöhnliche Turnen geht ja mehr auf den physischen Leib, während die Eurythmie den Leib ganz und gar zu gleicher Zeit für jede Bewegung, die er als Eurythmie ausführt, eine geistig-seelische Bewegung [machen lässt]. Sodass diese sichtbare Sprache, dieses geistig-seelische Turnen für die Schulerziehung und den Schulunterricht eine außerordentliche Hilfe bedeutet. Die Kinder leben sich mit derselben Selbstverständlichkeit hinein, wie sie sich früher als kleine Kinder in die Lautsprache so innig hineingelebt haben wie etwas Selbstverständliches.

Das alles, meine sehr verehrten Anwesenden, gibt Zeugnis davon, dass diese Eurythmie auch ein bedeutsames Erziehungs- und Unterrichtsmittel ist. Besonders auch auf die Willensinitiative wirkend, wird in dieser Weise erzogen und herangebildet ein gesundes seelenkräftiges Kind. Und manches andere kann durchaus für das menschliche Seelenwesen sonst noch hervorgeholt werden.

Aber dennoch möchte ich auch heute die verehrten Zuschauer um Nachsicht bitten. Wir selbst wissen am besten, was heute noch nicht vollkommen ist an dieser Eurythmie, wir wissen, dass sie erst im Anfange ist. Aber auf der anderen Seite sagen wir uns auch: Diese Eurythmie, trotzdem sie heute noch unvollkommen und erst im Anfange ist, hat unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten. Der Mensch selber ist ihr Instrument - nicht ein äußerliches Instrument, das aus irgendwelchen Mitteln zusammengestellt ist, sondern der Mensch selber ist Instrument.

Und wenn Goethe sagt: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, bringt er in sich selbst wiederum einen Gipfel hervor, sieht sich selbst als eine ganze Natur an, indem er Maß, Harmonie, Ordnung und Bedeutung zusammennimmt und erhebt sich zur Produktion des Kunstwerks - so muss man doch wohl sagen: Wenn der Mensch Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung aus seiner eigenen Natur nimmt, seine eigene Natur zum Instrument der Kunst macht, so muss eine solche Kunst einer unendlichen Vervollkommnung fähig sein. Denn der Mensch enthält als eine kleine Welt, als ein Mikrokosmos alle Geheimnisse des Makrokosmos. Sodass wirklich dasjenige, was in der Welt ausgebreitet ist als die Geheimnisse dieser Welt, in den bewegten Formen, die der Mensch eurythmisch darstellen kann, zum Ausdrucke kommen.

Und [wenn] Goethe sagt: Die Kunst ist eine Manifestation, eine geheime Offenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne sie nicht zur Erscheinung kommen könnten -, so können wir wiederum sagen: Die geheimen Naturgesetze, die im ganzen Universum ausgebreitet sind, sie können schließlich anschaulich gemacht werden dadurch, dass sie in diesem menschlichen Organismus, in dem sie in einer gewissen Weise verwoben sind, in künstlerischer Darstellung hervorgeholt werden. Und so kann man wohl hoffen, dass, so unvollkommen diese Eurythmie heute noch ist, sie immer vollkommener und vollkommener werden wird, dass sie sich einstmals als eine gleichberechtigte Kunst den anderen Künsten wird gegenüberstellen können.

[Vor] der Pause wird also die Darstellung sein, dieses Gedankenspiel eines in der Seele nach den höchsten geistigen Offenbarungen strebenden Menschen. Nach diesem wird dann eine Pause eintreten, und im zweiten Teil werden wir dann Ernstes, und namentlich heute auch Humoristisches zur Darstellung bringen.

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