Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922
GA 277c — 17 September 1922, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Erklärung Rudolf Steiners zur Aufführung
Der dritte Sonntag im September — 1922 der 17. September - ist in der Schweiz ein Feiertag, der eidgenössische Dank-, Buß- und Bettag, an dem Veranstaltungen, die dem Vergnügen dienen, verboten waren. Rudolf Steiner gab eine Erklärung ab, warum eine Eurythmie-Veranstaltung an diesem Tag gerechtfertigt sei. In welchem Kontext er diese Erklärung abgab- ob es sich z. B. um einen Briefentwurfan die Gemeinde handelt -, ist unbekannt. - Die Aufführung fand im Kuppelraum des Goetheanumbaues statt.
Bezüglich der eurythmischen Aufführung am 17. Sept. 1922 ist folgendes zu bemerken: Die Veranstalter können unmöglich die Aufführung als eine solche ansehen, die unter die verbotenen gehört, denn es handelt sich bei der Eurythmie nicht um Belustigung oder um etwas Tanzartiges, sondern um ernste Kunst; und die Zuschauer sind in demselben Falle, wie jemand, der ein künstlerisches Museum besucht.
Außerdem wurde am 17. dem Ernst des Tages dadurch Rechnung getragen, dass nur ernste Gedichte und die Sorge-Szene aus dem zweiten Teil des «Faust» dargestellt wurden, was nicht heiter ist, sondern gerade den Menschen tief auf den Ernst des Lebens hinweist. — Plakat für die Aufführung
Plakat für die Aufführung

Meine sehr verehrten Anwesenden!
Gestatten Sie, dass ich auch heute wie sonst vor diesen eurythmischen Versuchen ein paar Worte als Einleitung voraussende. Nicht zur Erklärung desjenigen, was künstlerisch geboten wird, das wäre selbst ein unkünstlerisches Beginnen, denn Kunst muss durch unmittelbares Anschauen, durch sich selbst wirken - und das soll ja in ganz besonderem Maße bei der Eurythmie der Fall sein. Aber da dasjenige, was hier als eine neue Kunst auftritt, die Eurythmie, was aus neuen Kunstquellen geschöpft wird, die heute noch ungewohnt sind, da sie in einer künstlerischen Formensprache arbeitet, die auch heute noch ungewohnt ist, gestatten Sie mir, in einigen Worten auf diese künstlerische Formensprache hinzuweisen.
Dasjenige, was Sie hier auf der Bühne sehen werden, das ist durchaus nicht so aufzufassen wie der Tanz, wie [mimische] oder pantomimische Kunst, sondern es ist eine wirklich sichtbare Sprache. Man kann nämlich, wenn ich mich des Goethe’schen Ausdruckes bedienen darf, durch sinnlich-übersinnliches Schauen studieren, wie der ganze menschliche Organismus sich einen speziellen Ausdruck sucht durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane, wenn gesungen oder gesprochen wird. Der Gesang - also das Musikalische, das aus dem Menschen selbst kommt - und die Lautsprache, sie sind eigentlich durchaus so, dass sie den ganzen Menschen mitengagieren. Und im Grunde ist dasjenige, was im sonstigen Menschen geschieht, nur im gewöhnlichen Sprechen angekündigt und metamorphosiert sich in einer besonderen Weise in den Spezialorganen des Singens und Sprechens.
Wenn man dasjenige, was da zugrunde liegt an Bewegungstendenzen, an Gestaltungstendenzen, wirklich studiert, dann kann man es auf den ganzen Menschen übertragen. Nur wird das in entsprechender Weise verändert werden, weil es dann gesehen werden muss, während man die Bewegungen der Sprachorgane nicht sieht, sondern ihre Umsetzung in die Luftbewegung hört. Dasjenige, was sonst gehört wird, an dem Gesang oder an der Sprache, das wird eben in der eurythmischen Bewegung gesehen. Daher unterscheidet sich eine eurythmische Geste durchaus von einer mimischen oder pantomimischen oder Tanzkunst. Geradeso wenig, wie man durch augenblickliche Willkür irgendeinen menschlichen Laut in Verbindung bringen kann mit einem Seelenerlebnis, ebenso wenig kann man eine beliebige Gebärde in Verbindung bringen mit einem Seelenerlebnis. Wenn der Mensch sich durch Eurythmie offenbaren will in ganz bestimmter, gesetzmäßiger Weise, stehen hier Bewegungen mit Laut, mit Wort, Wortbetonung, Wortgestaltung, [Satzgestaltung] und so weiter in Beziehung - so, wie in der Sprache und im Gesang. Daher sollte man auch die Empfindung nicht lenken auf dasjenige, was die Einzelgebärde ist: Wie man in der Melodie die Empfindung lenken muss auf die Aufeinanderfolge der Töne, so handelt es sich hier um die Empfindung, die herausgeholt werden muss aus den Bewegungen - sowohl wenn der einzelne Mensch in künstlerischer Umgestaltung sich eurythmisch bewegt, wie auch, wenn sich Menschengruppen, wie Sie es hier auch auf der Bühne sehen können, in eurythmischen Normen sich gegenüberstehen oder sich bewegen. Man kann die Eurythmie durchaus auffassen als eine bewegte Plastik.
Wer für solche Dinge eine Empfindung hat, der sagt sich: Wenn ich eine Bildsäule, ein plastisches Werk in ihrem ruhigen Dastehen vor mir habe, so ist eigentlich das der Ausdruck für das menschliche Schweigen, für das Schweigen der Seele in einer bestimmten Form. Dasjenige, was hier durch den bewegten Menschen selbst zum Ausdrucke kommt, ist aber der Ausdruck für die Regung der Seele, die sich nun in derselben Weise der Geste bedient, aber der regelmäßigen Gesten, die in gesetzmäßiger Weise dazugehören, wie der Laut in gesetzmäßiger Weise zum Seelenerlebnis dazukommt. So kann man also die Eurythmie, wenn sie sich als Kunst entfaltet, als eine bewegte Plastik ausbilden.
Wir haben nach und nach das Bestreben, im Eurythmischen alles in das Bühnenbild einzubeziehen, sodass das ganze Bühnenbild als eurythmische Offenbarung erscheint. Diejenigen der verehrten Zuschauer, die öfter hier waren, werden sehen, wie wir uns in den letzten Monaten bemüht haben, auch die Beleuchtungen, die aufeinanderfolgenden Lichteffekte nicht in naturalistischer Weise zu dem Einzelnen hinzuzufügen, sondern in ihrer Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenstimmen zu dem begleitenden Eurythmischen, es aus dem farbig Geformten eurythmisch zu gestalten. Sodass man hier wiederum nicht auf das Einzelne zu sehen habe, sondern auf das Hervorgehen einer vorhergehenden Bewegung oder auch auf das Retardierende, auf das Rückwirkende, welches die Bühnenbeleuchtung hat auf die Begleitung der einzelnen Darstellungen.
Gerade Eurythmie kann in dieser Beziehung auch wieder zurückführen zu einer künstlerische[re]n Auffassung des Rezitierens und Deklamierens, als sie heute vorhanden ist in einer gewissermaßen unkünstlerischen Zeit. Heute wird doch vielfach noch - obwohl einige schon einsehen, dass wiederum nach etwas anderem gestrebt werden muss —, heute wird doch vielfach noch so rezitiert oder deklamiert, dass eigentlich nur der Prosagehalt einer Dichtung zum Ausdrucke kommt. Man pointiert, wie man sagt aus der Empfindungstiefe heraus den Prosainhalt. Der wirkliche Dichter arbeitet ja zunächst in seiner Seele gar nicht mit dem Prosagehalt, sondern er arbeitet mit einem ungewissen melodiösen, harmonischen, musikalischen Elemente - oder er arbeitet mit der Bildgestaltung der Sprache. Bei dem wirklichen Dichter, insofern er Künstler ist, geht dem Prosagehalt seiner Dichtung voran eine innere Notwendigkeit, ein Webendes, Lebendes oder ein Sich-Rundendes oder ein Tiefer-oder-höher-Heraufsteigendes oder ein In-diesem-oder-jenem-Gedanken-Formendes in der Sprache zu gestalten. Die wirklich künstlerische Form hat es ja zunächst zu tun nicht mit der Prosaform des Gedankens, die sich in zwei vierzeiligen Strophen ausspricht [und] in zwei dreizeiligen Strophen ausspricht, sondern er hat es zu tun gewissermaßen mit einem Hingang, der zunächst angeschlagen wird, mit einem Rückgang [in] den zwei ersten Strophen, mit einem Hinschauen auf den Hingang, mit einem Zurückschauen auf den Rückgang in den zwei letzten Strophen - oder in ähnlichen Bildgestaltungen lebt derjenige, der aus dem wirklichen Kunstgefühl, aus der künstlerischen Phantasie heraus ein Sonett schafft.
Und so ist es, dass überall wirklich so etwas zugrunde liegt, wie zum Beispiel bei Schiller, bei dem es nie zunächst ankam bei seinen hauptsächlichsten lyrischen Dichtungen auf den Prosagehalt - den hat [er] nur aufgereiht dann, nachdem er zuerst eine unbestimmte Melodie in seinem Sinne hatte, so wie Goethe ein unbestimmtes Fühlen. Goethe, der mehr im unbestimmten Fühlen lebt als Schiller: Das muss in der Rezitation und in der Deklamation, welche jeweils die Eurythmie begleiten ebenso wie das Musikalische, durchaus zum Ausdrucke kommen. Man kann nicht in prosaischer Weise deklamieren, wenn man die Eurythmie deklamatorisch und rezitatorisch zu begleiten hat.
Es kann ebenso sichtbar gesungen werden. Dann ist die Eurythmie Begleiterin des Musikalischen, des Instrumentes, des Instrumentalen. Aber es kann ebenso die Eurythmie parallellaufen der Rezitation und der Deklamation. Beides werden wir uns erlauben, Ihnen vorzuführen. Dann aber muss, wenn zur Eurythmie rezitiert und deklamiert wird, gesehen werden auf die besondere Gestaltung, auf das Verbildlichen der Sprache, auf das Musikalische der Sprache. Und in diesem Sinne muss die Rezitationskunst und Deklamationskunst, wie wir das hier versuchen, wiederum zurückkehren zu dem, was sie in künstlerischeren Zeitaltern war, als es das unsrige ist. Daher wird manchmal die besondere Form des Deklamierens und Rezitierens, die wir hier als eine rein künstlerische ausbilden, heute noch als etwas Ungewöhnliches empfunden werden können. Bei einer Rückkehr aber überhaupt unseres Zeitalters in ein wirklich Künstlerisches, wird das schon wirklich verstanden werden.
Dennoch, trotz alledem, muss ich auch heute - wie immer am Beginn unserer Vorführungen - sagen, dass wir selbst unsere strengsten Kritiker sind, genau wissen, was auszusetzen ist und dass die verehrten Zuschauer um Nachsicht gebeten werden, weil Eurythmie erst im Anfange ihres Werdens ist. Wir wissen das ganz genau. Aber wir wissen auch, wieviel Entwicklungsmöglichkeiten, unermessliche Entwicklungsmöglichkeiten in dieser Eurythmie darinnen liegen.
Für die heutige Vorstellung im Besonderen möchte ich noch das hinzufügen, dass wir im zweiten Teil nach der Pause Ihnen ja vorführen werden eine Szene aus dem zweiten Teil von Goethes «Faust», aus dem fünften Akt da, wo die vier grauen Weiber - hauptsächlich die «Sorge» - auftreten. Und in dieser Bezichung muss gesagt werden, dass die gewöhnliche Art des Stilisierens, die zustande kommt durch die eurythmische Kunst - wo jede einzelne Geste, jede einzelne Gebärde und Bewegung eben in eine höhere Stilform hinaufgehoben werden muss, weil sie aus der ganzen menschlichen Organisation entspringt -, dass dadurch diese Eurythmie sich ja ganz besonders eignet, im Dramatischen - nicht im Lyrischen - [für] solche Darstellungen, die ins Übersinnliche hinaufgehen, da, wo der Mensch mit dem Übersinnlichen der Welt zusammenhängt in seiner Seele. Solche Szenen gibt es in Goethes «Faust» viele. Eine solche Szene ist die Szene, wo die vier grauen Weiber erscheinen. Nur muss man berücksichtigen, dass da, wo Faust steht als ein Erdenmensch, dasjenige, was er spricht, mit der gewöhnlichen naturalistischen Bühnenkunst dargestellt werden muss. Dasjenige aber, was in seiner Seele vorgeht und [was] er schaut aus seiner Beziehung zu den übersinnlichen Welten und was dramatisch, wahrhaftig nicht bloß allegorisch durch Goethe zur Darstellung kommt in den vier grauen Frauen - das kann insbesondere gut in die eurythmische Sprache übersetzt werden.
Sodass sich hier durcheinander mischen werden eurythmischer Stil mit gewöhnlichem Bühnenstil. Aber gerade mit dem eurythmischen Stil kann man die Wahrnehmung machen, dass gewisse Teile des «Faust» - gewisse Szenen insbesondere im zweiten Teil des «Faust» — auch in ihrer besonderen Sprachgestaltung auf der Bühne zur Geltung kommen, wenn man sie nicht naturalistisch darstellt, sondern in einer höheren Stilisierung durch eurythmische Kunst.
Es gibt dann zwei andere Seiten der Eurythmie noch: Die eine ist die Heileurythmie, wo die Bewegungen, die Sie hier künstlerisch verkörpert sehen, umgestaltet werden, sodass Sie, weil ja alle Eurythmie aus dem gesunden menschlichen Organismus herausfließt und ihn in Bewegung bringt, wie er es als gesunder Organismus selbst verlangt, sodass diese Bewegungen auch als gesunder Organismus schon therapeutisch verwendet werden können, wie sich in unseren Instituten in Arlesheim und anderswo bereits gezeigt hat.
Ein drittes Element ist die pädagogisch-didaktische Seite der Eurythmie. Da wird die Eurythmie im Schulunterricht verwendet neben dem Turnen, als ein gewissermaßen beseeltes Turnen. Und wir haben uns ja in der Waldorfschule in Stuttgart schon überzeugt, wie eine solche Anwendung der Eurythmie vom jüngsten Kinde an bis zu den ältesten Kindern, die wir vorerst in der Waldorfschule haben, durchaus so wirkt - insbesondere auf die Willensinitiative -, dass das Kind sich so in die eurythmische Sprache hineinfindet, wie es sich sonst in die Lautsprache hineinfindet. Gerade in dem beseelten Turnen kann man sehen, welch wichtiges Erziehungs- und Unterrichtsmittel gerade die Eurythmie ist. Man sieht Seele, Geist und Leib des Kindes gesunden durch die Verwendung des eurythmischen Turnens - wenn ich mich so ausdrücken darf - im Unterricht und in der Erziehung.
Der Mensch selber wird durch die Eurythmie in seiner Lebendigkeit als ein Werkzeug verwendet. Wenn Goethe sagt: Wenn der Mensch sich der Natur gegenübergestellt findet, nimmt er Maß, Harmonie, Ordnung und Bedeutung zusammen aus derselben und erhebt sich, indem er sie verwendet, zu der Gestaltung des Kunstwerkes. So darf wohl gesagt werden: Weil der Mensch als ein Mikrokosmos alle Geheimnisse der Welt in sich verborgen hält, so kann, wenn diese Geheimnisse herausgeholt werden - und das geschieht besonders durch die eurythmische Kunst, wo nicht ein äußeres Instrument zur Kunst verwendet wird, sondern der Mensch selber das Instrument ist -, so kann durch ihn das Geheimnis der Menschengestalt aus ihm herausgeholt werden. So kann der Mensch ein Abglanz sein der Geheimnisse der großen Welt, des ganzen Makrokosmos.
Gerade aus diesem Grunde, weil durch die Eurythmie Harmonie, Ordnung, Maß und Bedeutung aus dem Menschen selber herausgeholt und auch durch den Menschen dargestellt werden, deshalb kann man trotzdem sagen: Wenn auch die Eurythmie heute noch in ihrem Anfange ist, sie wird eine weitere Vervollkommnung ganz gewiss durchmachen und als eine vollberechtigte, würdige Kunst auch neben der vollberechtigten älteren Kunst dastehen können.