Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922
GA 277c — 14 September 1922, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Plakat für die Aufführung

Meine sehr verehrten Anwesenden!
Über die Eurythmie und ihre Wesenheit selbst habe ich mir erlaubt, am ersten Abend zu sprechen, als wir hier zur eurythmischen Vorstellung unsere verehrten französischen Gäste hatten. Ich will daher heute nach dieser Richtung nichts mehr hinzufügen. Ich möchte nur mit Rücksicht darauf, dass die letzte Nummer des ersten Teiles unseres heutigen Programms vor der Pause eine Szene bringen wird aus meinem Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen», ein paar Worte sprechen.
Wir haben uns nach und nach ganz besonders davon überzeugt, dass jene höhere Art der Stilisierung — denn eine solche tritt ja ein für die Eurythmie -, jene höhere Art der Stilisierung, die das bühnenmäßige Geschehen heraushebt aus allem Naturalistischen, ganz besonders geeignet ist zur Darstellung solcher dramatischen Szenen, welche hinausführen dasjenige, was sich um Menschen herum abspielt, zu solchen Verhältnissen, welche die Menschenseele zu der übersinnlichen Welt hat. Überall da, wo irgendetwas in das Drama hineinspielt, das eine höhere Wirkung übersinnlicher Mächte in die Menschenseele hinein ist, da tritt die Eurythmie als eine besonders geeignete Darstellungskunst auch für das Dramatische auf. Wir haben zum Beispiel diejenigen Szenen im Goethe’schen «Faust», welche aus dem Naturalistischen ins Übersinnliche hinüberführen, durch Eurythmie so dargestellt, dass dadurch eigentlich erst bühnenmäRig dasjenige sich offenbaren konnte, was in diesem Goethe’schen Drama liegt.
Und so kann man ganz besonders sagen: Wenn etwas von vornherein ganz darauf ausgeht, das Verhältnis des Menschen zu der übersinnlichen Welt zur bühnenmäßigen Anschauung zu bringen, dann tritt die Eurythmie wie etwas Selbstverständliches ein. Und meine «Mysteriendramen» sind durchaus eigentlich schon eurythmisch konzipiert, sodass da die Eurythmie als eine ganz naturgemäße Ausdrucksform zutage tritt. Bei all denjenigen Szenen aber im Dramatischen, die, wenn ich so sagen darf, das gewöhnliche irdische Geschehen darstellen, rein naturalistisch sind, bei denen muss die gewöhnliche mimische Darstellung eintreten.
Daher werden Sie bei der Darstellung dieser Szene sehen, wie diejenige Persönlichkeit, die im Drama ganz naturalistisch dasteht, auch hier im Verlauf der heutigen Darstellung eben in naturalistischer, mimischer Darstellung vor Sie hintreten wird, während alles andere, was ein Hereinspielen der geistigen Welt in die Menschenseele bedeutet, durch die Eurythmie so zur Anschauung kommt, dass auf der Bühne in der sichtbaren Sprache der Eurythmie gesprochen wird und dann diese sichtbare eurythmische Darstellung durch die entsprechende Rezitation beziehungsweise Deklamation begleitet wird.
Für die Szene möchte ich nur dieses sagen: Es wird in meinem «Mysteriendrama» eine Persönlichkeit dargestellt, die innere Entwicklungen durchmacht. Wir stehen ja in der Mitte einer dramatischen Entwicklung, hier in dieser Szene wird eine gewisse Etappe der Entwicklung des Johannes Thomasius dargestellt. Er hat an seinen Freunden Capesius, Strader, Dinge erlebt, die ihn aber in Beziehung gesetzt haben zu übersinnlichen Mächten, ebenso an einer anderen Persönlichkeit, an Maria, und an seinem Lehrer in spirituellen Dingen, an Benediktus. Was sich als Folge dieser Erlebnisse und durch andere Lebenszusammenhänge in seiner Seele als Entwicklungsimpulse ergeben hat, das hat Johannes Thomasius endlich dahin geführt, sein eigenes Inneres so zu überschauen, dass er den Zusammenhang mit einer geistigen Welt wirklich vor sich hat.
In dem, was hier in geistiger Bezichung zur Darstellung kommt, sind nicht Symbole gemeint, am wenigsten stroherne Allegorien - denn Symbole und Allegorien sind eigentlich nicht künstlerisch -, sondern es sind wirkliche geistige Anschauungen gemeint. Diese geistigen Anschauungen wird derjenige verstehen, der eben überhaupt irgendetwas von jener spirituellen Erkenntnis in sich aufzunehmen vermag, die hier am Goetheanum gepflegt wird.
Da sehen wir, wie zunächst das ganze innere Selbst der Menschen wie eine Art von Doppelgänger - also er selbst - vor Johannes Thomasius hintritt, wie sich eine Szene abspielt zwischen dem in der äußeren physischen Welt lebenden Johannes Thomasius und demjenigen, was er als das Bild seiner selbst in der geistigen Welt erlebt, indem man ja durchaus ganz real anzunehmen hat, dass von jedem Menschen, der auf der Erde lebt, ein übersinnliches Bild vorhanden ist.
Dann aber tritt vor diesem Johannes Thomasius noch ganz dasjenige auf, was ich als den Geist seiner Jugend charakterisiert habe. Dieser Geist seiner Jugend, er ist wiederum nicht symbolisch, sondern als eine Realität zu denken, als diejenige Realität, die in einem bestimmten Punkte der menschlichen Entwicklung so auftritt, dass wir real zurückblicken, wenn wir älter geworden sind, auf unsere Jugend und diese uns durch eine fremde Persönlichkeit entgegenrritt. Dann machen wir alles dasjenige innerlich tragisch durch, was sich als Beziehung desjenigen ergibt, was auf der einen Seite uns ganz äußerlich geworden ist - die Wesenheit unserer Jugend -, auf der anderen Seite aber doch mächtig real in die Gegenwart hineinspielt. Die Disharmonie, die sich dadurch ergibt, ist ein tragisches Erlebnis. Das ist das Zweite, dass der Mensch überhaupt in dieser Weise in die geistige Welt sich hineinlebt.
Dann aber ergeben sich beim Übergange von der physischen in die geistige Welt gewisse Schwierigkeiten. Deshalb spricht man davon, dass eigentlich die geistige Welt vor dem gewöhnlichen Bewusstsein des Menschen behütet werde durch den Hüter der Schwelle. An diesem Hüter der Schwelle muss der Mensch vorbei, Furcht und Wunschnatur ablegen. Dann tritt er gut vorbereitet in die geistige Welt ein. - Und dann wird uns als weitere geistige Wesenheit Ahriman vorgeführt. Das ist der geistige Repräsentant alles dessen, was im Menschen als selbstständige Wesenheit wirkt und ihn hinunterzicht in das Pedantische, Materialistische, Intellektualistische, was ihn mit anderen Worten zur Erde hinunterzieht, wie ihn das Luziferische in Schwärmerei über sich selbst hinauszichen will.
Diese Beziehung, die also durchaus übersinnliche Verhältnisse und Erlebnisse auf die Bühne hinstellt, sie ist eine von denjenigen, die sich ganz besonders für die eurythmische Darstellung eignen. So wird also Johannes Thomasius selbst naturalistisch-mimisch dargestellt werden, und alle anderen Gestalten werden eine eurythmische Darstellung finden. Die Darstellung dieser Szene ist, wie gesagt, die letzte Nummer des ersten Teiles des Programms; dann wird eine Pause stattfinden und dann der zweite Teil kommen.