Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 7 January 1923, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Szene der grauen Weiber aus «Faust II», 5. Akt (Mitternacht), mit Musik von Jan Stuten
Geisterchor aus «Faust I», Studierzimmer, von J. W. v. Goethe
«Trauermarsch» von Felix Mendelssohn Bartholdy
«Zum neuen Jahr» von Wladimir Solowjow
«Träumerei» von Max Reger
«Fairie’s song: You spotted snakes» aus «Midsummer Night’s Dream» von William Shakespeare
«Elfentanz» von Edward Grieg
«Epiphanie» von Jose Maria de Hérédia
«Repos en Egypte» von Albert Samain
Allegro Es-Dur op. 7 von L. v. Beethoven
Humoresken von Christian Morgenstern: «Notturno in Weiß»; «Probe»; «Die Priesterins; «Die beiden Flaschen»; «Die Fingur»

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie, dass ich unserer Eurythmie-Aufführung einige Worte voranschicke, nicht um die Eurythmie zu erklären - Künstlerisches muss durch sich selbst sprechen -, sondern weil diese Kunst aus bisher unbekannten Quellen schöpft. Sie beruht auf einer wirklichen, sichtbaren Sprache. Man kann nämlich, wenn man sich eines Goethe’schen Ausdruckes bedient, durch sinnlich-übersinnliches Schauen darauf kommen, wie die Sprache im Menschen und wie Gesang im Menschen zustande kommen. So kann man, wenn man die Sprachorgane, den Kehlkopf und seine Nachbarorgane, die [natürlich in gewissem Sinne auch Gesangsorgane sind, studiert,] finden, dass durch die besondere Anordnung dieser Organe zustande kommt - im gesungenen Ton, mit dem gesprochenen Laut - das Willensmäßige im Menschen und das Gedankenmäßige im Menschen; das Gedankenmäßige im Menschen durch die Kehlkopforganisation, das Willensmäßige aber durch den ganzen Menschen.

Nun ist es beim gewöhnlichen Sprechen und beim Singen so, [dass] gewissermaßen die innere Gebärde, welche der Mensch unbewusst immer in sich hat, wenn er spricht oder singt, dass diese unterdrückt wird, gewissermaßen durch die ganze menschliche Haltung beim Sprechen oder Singen eine Art Ausschaltung des ganzen übrigen Organismus bewirkt - außer demjenigen Teil, der in den Sprach- oder Gesangsorganen konzentriert ist. Dieser übrige Organismus ist aber eigentlich immer dabei, wenn wir sprechen oder singen. Und derjenige Mensch, der sich dafür ein gewisses feineres Empfinden angeeignet hat, der weiß eigentlich, dass, wenn er nicht nur spricht, sondern wenn er nur zuhört, dass er eigentlich immer im Inneren gewisse Bewegungen ausführen möchte, Bewegungen, welche ebenso Ausdruck sein können für das Seelisch-Geistige wie die Lautsprache und wie der Gesang. Diese Bewegungen werden eigentlich im gewöhnlichen Leben immer - und zwar gerade die wichtigsten dieser Bewegungen werden unterdrückt.

Derjenige, der etwas lebendiger spricht, der begleitet ja seine Sprache durch allerlei Gebärden. Aber diese Gebärden, die man anwendet im gewöhnlichen Leben, die verhalten sich zu unserer ausgebildeten Eurythmie wie das Lallen eines Kindes zur wirklichen Sprache. Denn geradeso, wie die Sprache selbst herausgeholt ist aus der ganzen Organisation des Menschen, wie eben nur der übrige Organismus ausgeschaltet wird und gewissermaßen die Sprachorgane eingeschaltet sind, so kann man auch wiederum die Sprachorgane ausschalten und dasjenige, was sonst unterdrückt wird - die ausgebildete Gebärde -, die kann man in der Bewegung des menschlichen Organismus hervorrufen.

Und dann entsteht statt der gesprochenen Sprache oder des gesungenen Tones die sichtbare Sprache, das sichtbare Singen, das Sie hier auf der Bühne sehen werden. Da ist keine einzige willkürliche Bewegung dadrinnen. Es ist ebenso wenig eine willkürliche Bewegung dadrinnen in der Eurythmic, wie es willkürlich von irgendjemanden ausgeführt werden könnte, dass er zum Beispiel statt eines a in einem Worte ein o oder ein i sagt. Man muss «Dach» sagen, und nicht «Dich» oder «Doch», wenn man eben «Dach» meint. Also der Laut steht an seiner Stelle richtig oder unrichtig. So steht jede einzelne Gebärde für einen Laut, für eine Satzwendung in der sichtbaren Sprache der Eurythmie da.

Es ist nun selbstverständlich, dass dasjenige, was in dieser Weise durch eine ausgebildete Gebärdensprache zustande kommt, innerlich zur Kunst erhoben werden kann wie in der dichterischen Behandlung oder im Gesang der menschliche Laut oder der menschliche Ton. Sie werden daher dasjenige, was Ihnen auf der Bühne durch diejenigen Bewegungen entgegentritt, die entweder von den einzelnen Menschen ausgeführt werden oder von Menschengruppen, Sie werden dies begleitet finden von der Deklamation und Rezitation auf der einen Seite oder von dem musikalischen Elemente auf der anderen Seite.

Dasjenige, was instrumental gespielt wird, kann von dem gewöhnlichen Gesang begleitet werden. Aber man kann ebenso sichtbar singen. Sie hören also auf der einen Seite das Musikinstrument, und Sie sehen dazu auf der Bühne Bewegungen von einzelnen Menschen oder von Menschengruppen ausgeführt, die ein sichtbarer Gesang sind, nicht ein Tanz, sondern ein wirklicher sichtbarer Gesang. Ebenso hören Sie Rezitieren oder Deklamieren zu dem, was auf der Bühne ausgeführt wird. Was auf unserer Bühne ausgeführt wird, ist in der sichtbaren Sprache der Eurythmie derselbe Inhalt, welcher rezitiert oder deklamiert wird.

Dass diejenigen Organe des Menschen, die am allerintensivsten mit dem Seelenleben zusammenhängen, die Arme und die Hände, in der Eurythmie am allermeisten verwendet werden, das muss begreiflich erscheinen. Denn es gibt keine anderen so ausdrucksvollen Organe des Menschen wie die Arme und Hände. Aber es kommen auch die anderen Glieder zur Geltung. Und es kommen zur Geltung die Bewegungen oder Formungen von Menschengruppen.

Dass dabei das Eurythmische ganz durchgearbeitet werden muss, das werden Sie gerade daran sehen, dass wir nicht nur den einzelnen Menschen zeigen werden auf der Bühne, sondern Menschen in einem bestimmten Farben- und Lichtbilde. Sie werden das sehen an den Beleuchtungseffekten zum Beispiel, die entsprechend zusammenstimmen müssen mit den Farbeneffekten der Kleider der Auftretenden, die gewissermaßen dasjenige, was gehört wird, sichtbar wiedergeben durch die Aufeinanderfolge der Beleuchtungen, durch das Zusammenstimmen der einzelnen Beleuchtungen zu gleicher Zeit und so weiter.

Begreiflich muss es auch sein, dass zu der Eurythmie etwas anders rezitiert und deklamiert werden muss, als das sonst in dieser Zeit, in der Gegenwart gewöhnlich geschieht. Unsere Zeit liebt ja in gewissem Sinne außerordentlich Unkünstlerisches, und man findet es heute nicht mehr begreiflich, warum zum Beispiel Goethe selbst seine Jamben mit seinen Schauspielern mit dem Taktstock in der Hand eingeübt hat wie ein Kapellmeister, indem er auf die Behandlung der Sprache viel mehr gesehen hat, als auf die Pointierung des Inhaltes. Goethe war eben durch und durch Künstler, während heute eine unkünstlerische Zeit gewöhnlich Rezitations- und Deklamationskunst darinnen sicht, dass der Prosagehalt einer Dichtung ausgedrückt wird. Wie man ja sogar in einem unkünstlerischen Empfinden so weit geht, dass man die Rezitation und Deklamation eines Gedichtes umso schöner empfindet, je unkünstlerischer und prosaischer sie ist.

Davon muss wieder abgegangen werden. Und diese Art der Rezitation könnte man überhaupt bei der Eurythmie nicht ausführen. Die [Eurythmie] könnte nur von der [Rezitation] in einer richtigen Art begleitet werden, wenn darauf eingegangen wird, dass in jeder Sprachbegleitung schon ein Keim Eurythmie drinnen liegt unbewusst, denn der ganze Mensch ist immer dabei. Wenn er sich ausspricht, unterdrückt er dasjenige, was an Bewegungen aus ihm herauswill. Es ist das Willenselement, das in der Sprache ist.

Das Gedankenelement ist ja immer ein Unkünstlerisches. Nur weil die Sprache auch benutzt wird zum Erkenntnisgedanken oder zu gewöhnlichen Gedanken, die der konventionellen Mitteilung dienen, deshalb muss in der Sprache sich dieses unkünstlerische Element des Denkens hineinmischen. In der Eurythmie ist man imstande, dieses unkünstlerische Element des Denkens ganz auszutilgen und in der Bewegung des einzelnen Menschen oder der Menschengruppen das reine künstlerische Element, [das] Willenselement zur Offenbarung zu bringen. Es ist wohl auch ganz natürlich, dass, wenn der Mensch sich zum Beispiel ausdrückt durch diese sichtbare Sprache der Eurythmie, er nicht gleichzeitig sprechen kann oder singen kann. Das Sprechen oder Singen verlangt eben - weil die ganze Tätigkeit des Menschen auf eine Organgruppe gerichtet ist, weil eben die übrigen Bewegungen mehr oder weniger ausgeschaltet werden, dass der Organismus überhaupt so behandelt wird durch die innere Willkür des Menschen - Unbewausstheit. In diesen Bewegungen, die Sie hier gleich sehen werden, die hier auf der Bühne entfaltet werden, ist cs anders.

Daher wirkt es auch unschön, wenn jemand zugleich eurythmisiert und deklamiert oder singt. Daher haben wir, wie Sie sehen werden, es so eingerichtet, dass auf der Bühne nur Eurythmie auftritt. Wenn Gesang oder Rezitation auftritt, so ist sie von einem anderen Menschen nebenbei ausgeführt. Aber dennoch wirkt das Ganze als Kunstwerk zusammen. Man kann das ja ebenso, wie man es im Musikalischen mit dem Orchester zu tun hat: So hat man es hier zu tun mit einer Art von Orchester: auf der einen Seite das Musikalische oder Rezitatorische, Deklamatorische, und auf der anderen Seite die Bewegungskunst der Eurythmie, die sichtbare Sprache. Gerade auch auf dieses Zusammenstimmen, dieses orchestrale Gestalten eines ganzen Kunstwerkes kommt außerordentlich viel an bei dieser Eurythmie.

Es ist ja ganz begreiflich, dass heute noch von vielen Leuten die Eurythmie als etwas Ungewohntes empfunden wird. Manche fällen ganz unkünstlerische Urteile.

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