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GA 277d — 15 March 1923
An Marie Steiner in Berlin
Donnertag, 15. März 1923, aus Dornach
Meine liebe Maus!
Hoffentlich hat Dich das Geburtstagstelegramm erreicht. Ich sende ihm auch hiemit noch die herzlichsten Geburtstagsgedanken nach. Ich füge diesen Gedanken bei die spruchartige Zusammenfassung des Inhaltes meines Vortrages vom Sonntag1 hier:
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Es ist mir lieb zu hören, dass es in Berlin gut geht. Dein Brief ist erst heute früh angekommen. Ich habe mich nun gleich daran gemacht, die vier Gedichte zu eurythmisieren. Ich denke, dass sie gelungen sind. Ich übersende sie mit diesem Briefe. Ich behalte also die Originalien da und schicke die von Bauer gemachten Kopien.
Es war die Zeit hier sehr besetzt. Der Bücherexperte war noch einmal einen halben Tag hier. Und man wird schon mit dem andern allen schwer fertig. Unzufriedene, die allerlei kritisieren, gibt es viele. Knauer2 bohrt weiter am Klinischen Institut. Das ist gerade jetzt recht unangenehm, wo doch die Dinge in Ordnung kommen sollen.
Der Goetheanum-Brand war neulich wegen der Versicherung im Solothurner Kantonsrat Gegenstand einer langen Verhandlung. Die Anthroposophie wurde von klerikaler Seite scharf angegriffen; doch gab es auf der andern Seite auch Verteidiger, die sogar recht wacker für das Goetheanum eintraten. — Ein Stück Bericht aber möchte ich Dir doch wörtlich mitteilen: Regierungsrat Affolter: «Ein anderer Bau hätte nur durch ein Baureglement von Dornach erzwungen werden können. Kürzlich ging das Gerücht, die Anthroposophen wollen wieder bauen und man hörte schon wieder Gerüchte, sie vergeben alle Arbeiten ins Ausland. Von alledem ist nichts wahr. Aber es werden alle möglichen Gerüchte über die Leute ausgestreut. Im Johannesbau3 waren keine Kulissen, keine Vorhänge und kein Bühnenbau. Sie brauchen das alles nicht für ihre eurythmischen Bewegungen (Heiterkeit, weil Affolter diese Bewegungen mit den Armen vorzudemonstrieren versucht).» Also, was will man mehr: Eurythmie im Solothurner Kantonsrat! Und Walliser hat gesagt: «Dreiviertel der Bevölkerung Dornachs und des Schwarzbubenlandes4 steht auf Seite der Anthroposophen.» Und Eckinger hat gesagt: «Steiner und die übrigen Anthroposophen haben sich nobel und korrekt benommen. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Hexenverbrennung und haben Geistesfreiheit.» Da verzeichnet der Bericht: (Bravos). — Im Ganzen ging es bei der Debatte scharf her.
Nun noch die allerherzlichsten Grüße von Rudolf Steiner
Dornach, 15. März 1923
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Dornach am 11. März 1923; enthalten in dem Band «Die Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens durch geistige Mächte», GA 222. ↩
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Dr. med. Sigfried Knauer (1894-1984), zeitweilig Mitarbeiter am Klinisch-Therapeutischen Institut in Stuttgart. 1924 Arzt in Berlin, 1939 Übersiedlung nach Amerika. ↩
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Ursprüngliche Bezeichnung des Goetheanumbaues. ↩
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Bezeichnung für das hinter Dornach liegende Jura-Bergland des solothurnischen Bezirkes Dorneck-Thierstein, dessen Hauptort Dornach ist. ↩