Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 2 April 1923, Dornach
Eurythmie-Aufführung
Ansprache zur Eurythmie, Dornach, 2. April
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Was wir hier als Eurythmie versuchen, ist aus der Organisation des menschlichen Organismus und aus dem Verhältnisse des Menschen zu der ganzen Umwelt genau ebenso herausgeholt wie die menschliche Sprache oder der menschliche Gesang. Sodass Eurythmie genannt werden kann: Sichtbares Sprechen oder sichtbares Singen. Es ist ja so in der menschlichen Sprache, wenn sie sich herausringt aus dem kindlichen Organismus, dass das Kind damit beginnt, unartikulierte Laute zu sprechen, zu lallen, und dass dann der Organismus allmählich, ich möchte sagen «geschmeidiger wird, um das Lallen des Sprechens überzuführen in die artikulierte Sprache, die dann dienen kann nicht nur dem gegenseitigen menschlichen Verständnisse und als Ausdrucksmittel für das menschliche Denken, sondern die auch dienen kann derjenigen Offenbarung der menschlichen Seele, welche durch die dichterische Kunst zustande kommt. Aber alles dasjenige, was Sprache ist - und in einem ähnlichen Sinne gilt das, was ich für die Sprache zu sagen habe, auch für den Gesang -, alles dasjenige, was menschliche Sprache ist, das lässt sich auch umformen in Bewegungen der einzelnen Glieder des einzelnen Menschen oder in Bewegungen oder gegenseitige Stellungen ganzer Menschengruppen. Dann entsteht eben Eurythmie, dann entsteht sichtbares Sprechen.
Dieses sichtbare Sprechen, wenn Sie es auf der Bühne sehen, macht zunächst auf Sie den Eindruck einer Gebärdensprache - einer Gebärdensprache, die in der Form der Bewegungen, in den Formungen und Gestaltungen der Glieder dasjenige zum Ausdruck bringt, was in der Seele lebt als Inhalt. Aber wenn wir die Eurythmie in der richtigen Weise verstehen wollen, so müssen wir doch das Folgende berücksichtigen. Der etwas lebhaftere, nicht temperamentlose Mensch begleitet ja auch sein gewöhnliches Sprechen mit irgendwelchen Gesten. Aber diese Gesten, die bei den gleichen Lauten, bei der gleichen Art, wie man irgendetwas aussprechen will, wie man eine Überzeugung oder einen Zweifel oder dergleichen aussprechen will, diese Gesten, die sich in der gleichen Art wiederholen - sie bleiben gewissermaßen während des ganzen menschlichen Lebens für das gewöhnliche Seelenoffenbaren abwechselnde «Gestenlallen» gewissermaßen.
Die eurythmische Kunst gestaltet dieses Gestenlallen ebenso aus, wie unbewusst der menschliche Organismus ausgestaltet das Sprachlallen zur wirklichen Sprache. Man darf also in der Eurythmie nicht schen etwas, das man, ich möchte sagen sich erklärt als ein wenig umgebildete Gesten, wie sie im gewöhnlichen Leben vorkommen. So ist es nicht. Sondern Eurythmie wird aus der ganzen Organisation so hervorgeholt, dass in der Tat der ganze menschliche Organismus von der gewöhnlichen mimischen oder tanzartigen Betätigung bis zu der Eurythmie hin diejenige innere Gestaltung, innere Entwicklung durchmacht wie der Sprachorganismus vom Lallen zur artikulierten Sprache.
Wir müssen uns ja klar darüber sein, dass in Wirklichkeit eigentlich auch das gewöhnliche Sprechen eine Art Mimik ist, ein Mimisches, ein Gestenhaftes. Nur kommen die Gesten nicht, sagen wir durch die Bewegungen der Arme und Hände oder anderer Glieder des Organismus zustande, sondern die Geste bildet sich aus dem Atmungsluftstrom. Und man kann nun genau unterscheiden in dem Atmungsluftstrome dasjenige, was von der einen Seite des menschlichen Organismus herkommt, gewissermaßen aus dem ganzen Menschen heraus als Willensäußerung. Das wird geformt durch den Kehlkopf und die anderen Sprachorgane, strahlt gewissermaßen als Geformtes in Gesten aus in den Raum. Und man kann dann genau unterscheiden, ob eine solche, durch den Willen bewirkte Luftgeste gewissermaßen, sagen wir sich spitz hineinbohrt in den umgebenden Luftraum, ob sie sich verbreitert und so weiter. In dasjenige aber, was da gewissermaßen durch den Willen in die menschliche Umgebung getrieben wird als Ausdruck des Seelischen, in das strömt dann ein dasjenige, das von dem anderen Pol der menschlichen Organisation kommt, von dem Nervenpol, von dem Gehirn-Sinnespol, was von der Seite des Gedankens herkommt.
Wenn wir sprechen, wird ja, ich möchte sagen der «ausstrahlende> Teil unserer Luftgeste gebildet von der Willensbetätigung. Es wird dasjenige, was dann immer auf der radialen Richtung, auf der Ausstrahlungsrichtung senkrecht sich wölbt und was bewirkt, dass die Luft in Schwingungen kommt und das Gesprochene dann gehört werden kann durch die Vermittlung der Luftschwingungen, dieses, was die Wellung der Luft bewirkt - dies wird von dem Gedankenpol bewirkt. Und so haben wir zusammenströmend in demjenigen, was als Luftgeste zustande kommt, ein Willensartiges und ein Gedankenartiges. Nun ist das Gedankenartiges immer unkünstlerisch. Je mehr in irgendeiner Äußerung der menschlichen Seele der Gedanke, der ja dem Logischen unterworfen ist, vorkommt, desto unkünstlerischer ist dasjenige, was durch die Sprache zur Offenbarung gelangt. Der Dichter ringt daher, den prosaischen Gedanken zu überwinden. Er gestaltet in der Sprache so, dass er entweder in der einzelnen Behandlung des Lautes, den er stärker oder schwächer, länger oder kürzer oder dergleichen werden lässt, [den er] in einer gewissen Weise färbt oder in der Zusammenstellung der Laute oder der ganzen Worte den Gedanken mit Hilfe eines Bildlichen oder eines Musikalischen überwindet.
Eigentlich ist dasjenige, was der Dichter sprachlich zustande bringt und worinnen seine eigentliche Kunst besteht, immer dem Gedanken erst abgerungen. Für den Dichter ist es nicht die Hauptsache, einen Prosainhalt in seinem Gedichte zu geben, sondern für den Dichter ist es die Hauptsache, wie er diesen Prosainhalt bildhaft und musikalisch zu gestalten weiß durch imaginative Mittel, durch Taktmäßiges, Rhythmisches, durch Melodiöses, Dramatisches, durch die Reimbildung, durch die Alliteration und so weiter.
Das aber ist schon eine innere Eurythmie, eine Eurythmie, die gewissermaßen auf folgende Weise zustande kommt: Eigentlich ist der Dichter bei seinem künstlerischen Schaffen immer mit seinem ganzen Menschen auch in physischer Beziehung betätigt. Es ist ja ein Vorurteil, dass unser Seelisch-Geistiges an einem bestimmten Platze unseres Organismus sitzt. Das ist gar nicht der Fall. In Wahrheit füllt unser Seclisch-Geistiges unser gesamtes Physisch-Leibliches bis in die Fingerspitzen, bis in die äußersten peripherischen Teile unseres Organismus aus. Und der Dichter, der mit seinem ganzen Menschen bei seinem Geschöpfe, bei seinem künstlerischen Geschöpfe ist, der muss dasjenige, was da als Wille sich hineinergießt in den ganzen Organismus, zurückhalten. Er muss gewissermaßen dasjenige, was in den ganzen Leib ausstrahlen will und in Bewegungen der Glieder des Leibes zur Offenbarung kommen will, das muss er nach der anderen Seite lenken. Er lenkt es hinein in dasjenige, was dann bei ihm in der Imagination zur Sprachgeste sich formt. Man kann aber auch den umgekehrten Weg einschlagen. Man kann zum Beispiel bei einem Gedichte dasjenige, was der Dichter selber [als] innere Bewegungen seines Organismus [in] die Sprachgeste hineinverlegt [hat], wiederum zurück in die Körpergeste verleg[en]; dann kommt etwas zustande, dann kommt eben dasjenige zustande, was Eurythmie ist. Und man kann auf diese Weise zu jedem einzelnen Laute, zu jeder Lautfolge, zu jedem Worte und jedem Wortzusammenhange in genau derselben Weise eine äußerlich sichtbare Ausdrucksform durch den ganzen menschlichen Organismus schaffen, wie man schaffen kann in der Sprache durch die besondere Gestaltung des, ich möchte sagen «Luftkörper®, der durch die Sprache und durch die Gesangsorgane sich bewegt, wie man da schaffen kann dasjenige, was dann wahrgenommen wird eben als das Gesprochene. Es kann also durchaus diese sichtbare Sprache geben und ebenso einen sichtbaren Gesang, wie es eine hörbare Sprache, hörbaren Gesang geben kann.
Sie werden auf der Bühne diesen sichtbaren Gesang sehen, wenn begleitet wird dasjenige, was musikalisch auftritt, von den entsprechenden Bewegungen, die genau ebenso wie das Tonliche eben dasjenige, was seelisch im Musikalischen enthalten ist, sichtbar wiedergeben. Sie werden sehen, indem Sie begleitet sehen dasjenige, was rezitiert oder deklamiert wird, von der eurythmischen Kunst, wie jedem Laute, jeder Lautfolge und so weiter sichtbarlich ebenso eine äußerliche Offenbarung entspricht, wie ihr hörbar eine Offenbarung entspricht, indem eben rezitiert oder deklamiert wird. Nur muss man in der richtigen Weise zusammenstimmend haben Rezitation und Deklamation mit Eurythmie, [deshalb muss] wiederum zurückgeführt werden zu der Art des Rezitierens, wie man sie hatte in Zeitaltern, die künstlerischer geartet waren als das unsere.
In unserer Zeit wird ja manchmal rezitiert und deklamiert, indem bloß mit einem rechten Eifer der Prosainhalt des Gedichtes pointiert wird. Schiller hat ja immer, bevor er den Prosainhalt eines Gedichtes hatte, eine unbestimmt verlaufende Melodie, und erst, ich möchte sagen in die Bewegung dieser unbestimmt verlaufenden Melodie setzte er hinein die Worte. Man könnte sich sogar vorstellen, dass bei Schiller auf dasselbe melodiöse Thema, das er so in seiner Seele tönend hatte, zwei ganz verschiedene, ihrem Prosainhalt nach zwei ganz verschiedenen Dichtungen hätten sich aufreihen können.
Frau Doktor Steiner hat nun jahrelang versucht, die Rezitationsund Deklamationskunst wiederum so zu gestalten, wie sie ja allein in Begleitung der Eurythmie auftreten kann, nämlich indem die schon in der Sprachgestaltung des Dichters lebende, geheime Eurythmie auch im Deklamieren und Rezitieren zum Ausdrucke kommt, indem der Hauptwert nicht gelegt wird auf das prosaische Pointieren, sondern auf das Herausarbeiten des Imaginativen und des Musikalischen in der künstlerisch gestalteten Sprache. Dadurch kann man wirklich — vom Rezitationstisch aus und von der Bühne aus — zusammenstimmende Kunstoffenbarungen haben, die wie orchestral zusammenwirken, Das ist dasjenige, was macht, dass eine Gesamtwirkung entsteht - durch das Deklamieren, Rezitieren oder auch durch das Artungsgemäße des Musikalischen und durch dasjenige, was von der Bühne aus wirkt als sichtbarer Gesang, sichtbare Sprache.
Es ist so, dass man diese Eurythmie durchaus unterscheiden muss von den Nachbarkünsten. Wenn man zum Beispiel den Tanz betrachtet: Er geht ja ganz aus dem willensartigen Elemente des Menschen hervor, er überführt dasjenige, was seelisch zunächst im Menschen erlebt wird, durch das willensartige Element in Bewegungen des Menschen in seinen Gliedern oder im Raume. Allein der Tanz fließt nach außen. Dasjenige, was mimische Kunst ist, fließt allerdings mehr nach innen. Aber zwischen beiden drinnen liegt, ganz an den menschlichen Organismus selbst gebunden, die Eurythmie.
Die Eurythmie kann - sagen wir bei gewissen Äußerungen des Dichterischen, wenn besonders Leidenschaftliches zum Ausdruck kommt, wenn zum Beispiel in der Dichtung die Schilderung des Schlagens, des Schimpfens, des Wütens und dergleichen zum Ausdrucke kommt -, da kann die Eurythmie übergehen in Tanzartiges. Wenn auf der anderen Seite das sprachliche Element übergeht in das Höhnische, übergeht in das Unartikulierte, da kann dasjenige, was Eurythmie ist, übergehen in ein bloß Mimisches. Aber das wirkliche Eurythmische liegt zwischen drinnen. Und derjenige, der dieses Eurythmische in der richtigen Weise fühlen kann, der wird zwar sehen, wie auf der einen Seite die eurythmischen Bewegungen in die Tanzbewegungen, auf der andern Seite in das Mimische übergehen können, wie aber, wenn das nicht [am] richtigen Orte geschieht, das Tanzartige bei dem Eurythmischen brutal und das Mimische unkeusch wird.
Hat man einmal diese Empfindungen, dann kommt man auch darauf, wie im Eurythmischen tatsächlich eine besondere künstlerische Äußerung durch dieses vollkommenste Instrument, das man haben kann — des menschlichen Organismus selbst -, gegeben ist. Und weil sich Eurythmie dieses vollkommensten Instrumentes - der Mensch ist ja ein Mikrokosmos, eine kleine Welt, und enthält auch in seiner Leibesgestaltung alle Geheimnisse und alle Gesetzmäßigkeiten der großen Welt, des Makrokosmos in sich —, weil sich die Eurythmie dieses vollkommensten Instrumentes bedient, so darf man wohl, wie ich es auch diesmal tue, vorausschicken, [dass man,] wenn Eurythmie aufgeführt wird, um die Nachsicht der Zuschauer bittet; aber man kann dennoch heute wissen, dass sich die Eurythmie einmal weiter und weiter vervollkommnen kann.
Haben wir ja doch in der letzten Zeit, sagen wir das Licht- und Farbenelement eingeführt in das Eurythmische. Ich möchte sagen: Dasjenige, was an Bewegungen des Menschen und der Menschengruppen auf der Bühne erscheint, das geht von der menschlichen Seele, von dem menschlichen Geiste aus. Aber das Menschlich-Seelische ist immer in Verbindung mit dem Elementarischen der Außenwelt. Und dasjenige, was auf der Bühne in dem Bilden der Menschenbewegungen vor sich geht, es kann zusammengestimmt werden, indem es harmonisch sich fortsetzt und fortbildet in demjenigen, was nun die Bühne durchflutet als Farben- und Lichteffekte, die auf der einen Seite abgestimmt sind mit der Gewandung des Eurythmisierenden, die auf der andern Seite in ihrer Aufeinanderfolge selbst ein aus dem Laute herausgebornes, ich möchte sagen musikalisches Element geben. Sodass auch das Beleuchtungselement der Bühne eurythmisch behandelt werden kann.
Das Bühnenbild des Eurythmischen ist allerdings heute erst unvollkommen vorhanden; es wird sich aber immer weiter und weiter vervollkommnen. Und man wird dann eben sehen, dass sich wirklich Eurythmie als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die vollberechtigten älteren Künste wird einstmals hinstellen können.