Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 16 June 1923, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Aus dem Mitgliedervortrag Dornach, 16. Juni 1923

Intermezzo in A-Dur, op. 118,2 von Johannes Brahms
«Um Mitternacht» von Eduard Mörike
Intermezzo in As-Dur op. 76,3 von Johannes Brahms
«Die Geister am Mummelsee» von Eduard Mörike
Intermezzo in e-moll op. 116,5 von Johannes Brahms
«Zwei Liebchen» von Eduard Mörike
Andantino von Franz Schubert
«Nixe Binsefuß» von Eduard Mörike
Adagio cantabile von Giuseppe Tartini
«Das Buch» von Christian Morgenstern
Musette G-Dur aus der «3. Englischen Suite» von J. S. Bach
Humoresken von Christian Morgenstern: «Die Kronprätendenten»; «Etikettenfrage»
Septett op. 20 von L.. v. Beethoven
Humoresken von Christian Morgenstern: «Das Grammophon»; «Der eingebundene Korf»; «Das Polizeipferd»; «Die wirklich praktischen Leute»; «Das Nilpferd»;
«Humoristisches Rondo» von Max Schuurman

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Im Laufe meiner Vorträge habe ich in diesem oder jenem Zusammenhange über den Sprachgenius gesprochen. Ich wollte, indem ich über den Sprachgenius dieses oder jenes sagte, andeuten, dass der Mensch, wenn er versucht, jene Zusammenhänge, die sich als durchaus seelische Zusammenhänge ergeben, jene Zusammenhänge, die in der Sprache selbst liegen, wenn er versucht, diese zu erforschen, [dass er] eigentlich sozusagen eine eigene Seele in der Sprache findet, eine Seele, die den Menschen überkommt, aus der er sich bildet. Indem er in die Sprache hineinwächst, bildet er sich. Wie ein objektiv Geistiges ist es, was ich als Sprachgenius andeuten wollte.

Nun möchte ich kurz hinweisen auf etwas, was als einzelnes Beispiel ein solches Hinwenden zum Sprachgenius sein kann. Wir reden davon, wenn wir so ganz klug und gescheit über etwas denken und es mit dem, was wir sonst denken, vereinigen können, dass wir es «begreifen». Wir sprechen davon, soferne wir uns der deutschen Sprache bedienen: «Ich begreife dies oder jenes.» - Nun wende man sich an das Wort «begreifen». Was bedeutet denn das? Das bedeutet, etwas begreifen, es angreifen. Ich begreife die Uhr, indem ich sie nehme. Also wir bezeichnen das Verhältnis, das wir mit unseren Gedanken zu den Dingen haben, durch einen Ausdruck, der eigentlich eine äußere Handlung bedeutet, durch die wir uns ganz handgreiflich zu den äußeren Dingen in eine Beziehung setzen.

Warum bringt uns denn die Sprache so etwas höchst Eigentümliches? Sie redet - man möchte sagen, wenn man vom Standpunkt der heutigen klugen Aufklärung aus spricht, die Sprache redet töricht. Sie redet gerade so, als wenn man mit den Händen etwas anfassen würde, wenn man es allein «begreift». Und dennoch redet die Sprache nicht töricht. Und das gehört zu den schönsten Erlebnissen, wenn man darauf kommt, dass die Sprache gerade in einem solchen Falle gar nicht töricht redet. Wenn man nämlich das tut, wovon man sagt: «Ich begreife etwas» - dann greift man nur nicht mit der physischen Hand eine Sache an, aber man greift sie an mit einer Hand, die man sich erst aus dem sogenannten ätherischen oder Bildekräfte-Leib heraus formt. Und die Sprache hat ja Recht: Der ätherische Leib führt, wenn er etwas begreift, eine Bewegung aus, die ein Hindeuten und ein Runden seines zu diesem besonderen Ziele gebildeten Gliedes bedeutet, wenn etwas begriffen wird. Der Ausdruck «begreifen» ist in ganz eigentlichem Sinne gemeint. Nur handelt es sich da nicht um ein Angreifen von Seiten des physischen Leibes, sondern um ein Angreifen von Seiten des ätherischen Leibes.

Man muss schon sich fragen: Woher kommt denn so etwas so Weises, wie es in der Sprache liegt? - Das kommt aus jenen Zeiten her, in denen man noch lebendiger gefühlt hat, was man eigentlich tut, indem man denkt. Wenn das Wort nicht so paradox klänge es ist aber richtig, klingt nur so paradox, so möchte ich es nicht entschuldigen, so aber möchte ich fast um Entschuldigung bitten, dass ich das ausdrücke: Es kommt eine solche Erscheinung aus den Zeiten, in denen man noch gefühlt hat, wie man aktiv ist innerlich, wenn man denkt.

Heute denkt man eigentlich am allerwenigsten, wenn man denkt. Man fühlt am wenigsten heute, wenn man denkt. Man weiß eigentlich heute gar nicht, was man tut, wenn man denkt. Wenn man irgendetwas angreift, fühlt man, man bewegt den Arm, die Hand. Wenn man denkt, fühlt man nichts mehr. Aber als die Leute ihr Begreifen aus dem Innersten ihrer Seele herausgebildet haben, da war es so, dass die Leute noch fühlten, sie tun da etwas: Sie greifen an mit einem feineren Leibe als mit dem physischen. Und als man die Sache so gefühlt hat noch, als man gefühlt hat noch: Wenn du denkst, da streckst du etwas aus, da befühlst du etwas mit dem ätherischen Leibe, da wusste man, wie eng zusammenhängt das Sprechen mit diesem Begreifen, das im Denken enthalten ist, und was die enge Beziehung zwischen dem Atmen und dem Begreifen besorgte.

Man wusste, dass das Gehirn des Menschen - natürlich nicht so, wie wir heute wissen, aber das ist ja ohnedies nicht sehr viel wert -, man wusste, dass das Gehirn des Menschen heraussaugt das, was es dann als feine - wenn ich so sagen darf -, feine Substanz zum Begreifen verwendet, aus dem Atmungsprozesse. Man fühlte, wenn man zum Beispiel sagte: der Tag ist klar, die Nacht ist dumpf, da fühlte man in dem «klar», dass man mit dem Herumgreifen keinen Widerstand findet. Der ätherische oder Bildekräfte-Leib findet da, wo es klar ist, keinen Widerstand, kann herumgreifen. Da, wo es dumpf ist, findet er überall Widerstand; da kann er nicht herumgreifen, da stößt er überall an; da kann er nicht herumgreifen.

Nun, da fühlte man, sehen Sie, wie im Sprechen der Atem wirkt, wie aber in dem, was das Denken ist, aus dem Atem gewissermaRen herausgezogen wird dasjenige, womit man begreift, wie also das Sprechen ein dichteres «Begreifen» ist, ein in der Luft vor sich gehendes «Begreifen». Und wenn Sie jetzt beim «Begreifen» merken: Das ist ja eine Geste, das ist eine Handlung, ein Angreifen, ein Hindeuten auf die Dinge mit dem Bildekräfte-Leib, dann werden Sie auch begreifen, wie das dichtere Atmen im Sprechen eigentlich Gebärde ist, nur die verdichtete Gebärde des Denkens. Warum wird die Gebärde verdichtet? Weil durch diese Verdichtung das Denken hinuntergebracht wird zum Fühlen, weil das eingetaucht wird in das Fühlen.

Nun, in unserem Denken ziehen wir gewissermaßen den Bildekräfte-Leib heraus aus unserem Körperlichen, aus unseren leiblichen Bewegungen und machen mit die unsichtbare Bewegung. Die Eurythmie geht den umgekehrten Weg. Sie frägt jetzt nicht nach abstrakten Gedanken, aber nach dem Gefühl: Wie begreift man die Dinge? Wie begreift man namentlich dasjenige, was richtig künstlerisch erfasst wird? Und sie schiebt wiederum zurück die Gebärde des ätherischen Leibes in den physischen Leib, lässt ausführen das, was im feinen gefühls- und willensmäßigen künstlerischen Begreifen [ist] - wie es der Dichter auch hat, wenn er sein Gedicht formt, wie es im Musikalischen ist. Sie lässt dasjenige, was im «Begreifen» liegt, im seelischen Tun liegt, wiederum hinunterfallen in leibliche Bewegungen, sodass dann der physische Leib sich so bewegt, wie eigentlich das dem Ätherleib naturgemäß ist, sich zu bewegen.

Dadurch bekommen wir den Gang, der gemacht wird vom seelischen Erleben, vom Begreifen zum Sprechen — den machen wir um ein Stück weiter. Wir gehen noch tiefer in unsere Leiblichkeit hinein als beim Sprechen; wir gehen von den luftförmigen Dingen zu den halbfesten, kurz, zu demjenigen im Leibe über, was dann die organische Grundlage ist für die äußeren Bewegungen. Dadurch aber, dass nicht ein Zweck dieser äußeren Bewegungen da ist, kommen gerade die Gebärden, die also aus dem Ätherleib herausgeholt werden, in der Eurythmie zutage. Dadurch wird in einem hohen Grade der Mensch frei im inneren Sinne. Sein Seelisches wird in die äußere Sichtbarkeit herausgetragen.

Sehen Sie, da kann man wiederum unterscheiden den äußeren Menschen und den inneren Menschen. Man kann sich manches daran erklären. Denken Sie sich einmal - es braucht ja nicht gleich so zu sein wie beim Demosthenes, man braucht ja nicht gleich Steine in den Mund zu nehmen -, aber denken Sie sich, Sie hätten eben irgendeinen Bissen im Munde, da wollten Sie sprechen - da sind Sie am Sprechen verhindert. Es muss der Sprachapparat frei liegen, wenn man nicht verhindert sein will am freien Sprechen. Im Denken ist so mancher Mensch manches mal mit so einem Bissen drin versehen; dann kann er eben nicht begreifen, dann sind Hemmnisse da. Diese Hemmnisse, die könnte man im Einzelnen beschreiben. Also da hat man herausgerissen mit Bezug auf das Denken das innere Seelenleben; man hat dann Hemmnisse durch einen Bissen oder durch einen Pfropfen, den man in den Mund steckt, in Bezug auf das Sprechen, also auf das schon in die Luft herabgedrückte Gebärdenmachen.

Als ich ein kleiner Junge war - ungefähr so alt als Herman Markus jetzt ist - wurde ich einmal zum Kirchweihfest geführt. Da war eine besondere Belustigung. Sie bestand darinnen, dass junge Knaben Mädchen glaube ich nicht -, junge Knaben in Säcke eingeschnürt wurden und sich auf diese Weise vorwärtsbewegen sollten. Alle Augenblicke fiel einer um. Es waren Wachen von fünf zu fünf Schritt da; die hoben sie wieder auf, und dann machten sie weiter ihren Weg in dem Sack drinnen. Nun, das ist ein äußerliches Hemmnis gewesen. Der Mensch führt eben nur das aus, was er begrenzt ausführen kann, so wie man im Sprechen, wenn man ein Bein im Munde hat, auch nur dasjenige ausführt, was trotz der Hemmung auszuführen ist.

So ist aber der ganze physische Leib des Menschen eine Art Hemmnis im Ganzen für dasjenige, was eigentlich an fortwährenden Bewegungen beim Verstehen der äußeren Welt der ätherische Leib ausführen will. Macht man nun den ätherischen Leib ganz frei und frägt ihn, was er bei diesem oder jenem in der Welt empfindet, und lässt man dann das in dem physischen Leib frei ausfließen, so kommt das Gegenteil von dem zustande, [wie] die durch diese bewirkten Hemmungen des inneren Menschen.

So wie man den äußeren Menschen in einen Sack einschnüren kann und ihn noch äußerlich hemmen kann, so ist wiederum der physische Leib des Menschen eine Art von Sack, der die freien Bewegungen des ätherischen Leibes hemmt. Und man kann jetzt, indem man die Bewegungsmöglichkeiten des ätherischen Leibes studiert, den physischen Leib so weit trainieren, dass er kein hemmender Sack mehr ist, sondern dass er folgt diesen Bewegungen des ätherischen Leibes. Dann bringt man es dahin, dass tatsächlich das seelische Leben, insofern es sich im ätherischen Leibe abspielt, durch den physischen Leib zum Ausdruck kommt - nicht bloß wie bei der Luft, wie bei der Lautsprache -, sondern dass zum Ausdruck kommt in einer wirklichen Sprache aus dem physischen Leib, die ja sonst auch aus dem Ätherleib kommt: Die Sprache ist der Reflex des Ätherleibes aus der astralischen Empfindung heraus.

Und so wird tatsächlich die Möglichkeit geschaffen, eine wirkliche sichtbare Sprache in der Eurythmie hervorzubringen. Eurythmie ist eben wirklich nicht etwas Ausgedachtes, sondern sie ist aus dem Inneren der Natur Herausgeholtes, auf den äußeren physischen Leib so Übertragenes, wie im zarten Kindesalter dasjenige, was im Innern des Menschen noch beschlossen ist in feineren Organen, übertragen wird auf den Kehlkopf und seine Nachbarorgane dann - und dann Luftgebärde wird. Geradeso, wie das gewöhnliche Singen in Luftgebärden verläuft, so verläuft dasjenige, was eurythmisches Sprechen und Singen ist, in Gebärden, die nun durch den physischen Leib ausgeführt werden. - Ich möchte sagen: Wo man auch angreift in der Betrachtung des Menschen, man kann die Möglichkeit finden, einen Weg finden, die Eurythmie zu erklären.

Sehen Sie, das ist eben der Unterschied zwischen dem, was heute so gerne programmmäßig ausgeführt wird, wo man Definitionen hat, und dann richtet man die Wirklichkeit nach den Definitionen ein. Wenn man dann redet über eine solche Sache, raspelt man sein Programm ab. Aber über die Eurythmie kann man von den verschiedensten Gesichtspunkten sprechen, weil sie nicht ein Programm ist, sondern etwas Lebendiges ist, das von den verschiedensten Seiten her beleuchtet werden kann.

So oft ich jetzt schon versucht habe, die Eurythmie aus allen möglichen Ecken her zu beleuchten, wie man einen Gegenstand von den verschiedensten Seiten fotografieren kann, es ist immer derselbe Gegenstand. Immer wieder muss aber gesagt werden, dass, wenn wir es mit der Eurythmie zu tun haben, die Eurythmie eben eine Art von menschlicher Offenbarung ist, die in ihrer Art durch die artikulierte Geste, nicht durch Mimisches und nicht durch Tanzartiges, sondern durch die artikulierte Geste das zum Ausdrucke bringt, was auf der einen Seite in musikalische Motive ausklingt oder auf der anderen Seite deklamiert oder rezitiert wird. Wobei die Deklamation eben jenen Charakter annehmen muss, der auf das wirklich Künstlerische in der Dichtung sieht, das heißt auf die Sprachgestaltung, auf die Lautgestaltung, auf dasjenige, wie ein Laut den anderen koloriert, also auf das Malerische in der Sprache, oder auf das Musikalische in der Sprache, Takt, Rhythmus, melodiöses Thema und so weiter. Sodass eigentlich dieses bloße pointierte Rezitieren und Deklamieren, das so gern gepflegt wird in unserer etwas unkünstlerischen Zeit, gerade an der Eurythmie wiederum zurückgeführt werden muss zu der wirklichen Deklamations- und Rezitationskunst.

Frau Doktor Steiner hat sich ja jahrelang bemüht, diese Rezitationskunst, die man ja in mehr künstlerischen Zeitaltern als das heutige ist, schon gefühlt hat, mehr und mehr auszubilden. Mit der heute beliebten Deklamations- und Rezitationskunst könnte man ja das Eurythmische nicht begleiten, gar nicht begleiten, weil dieses Eurythmische zurückgehen muss auf das eigentlich Künstlerische in der Dichtung. Und betreibt man das Musikalisch-Eurythmische, so tanzt man nicht, sondern man singt eigentlich sichtbar. Es ist ein sichtbarer Gesang. Man muss sich ein Gefühl, eine Empfindung erwerben für den Unterschied des sichtbaren Gesanges und des eigentlichen Tanzes.

Jedenfalls soll man aber nicht glauben, dass es bei der Eurythmie ankommt auf irgendeine Deutung, Interpretation, sondern es handelt sich darum, dass man im unmittelbaren Anschauen empfindet, wie dasjenige, was aus der inneren harmonischen Natur des Menschen herauskommt als ein Schönes, als ein Künstlerisches, im Anschauen, nicht in der Erklärung, in der Interpretation wirkt.

Auch heute möchte ich um Nachsicht bitten, wie ich es immer tue vor diesen Veranstaltungen. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker, aber Eurythmie steht erst im Anfange; sie bedient sich aber einmal des Menschen selbst als ihres Instrumentes in umfänglicherem Sinne als die mimische Kunst, die Tanzkunst. Und deshalb darf man hoffen, weil der Mensch als Mikrokosmos alle Geheimnisse und Gesetzmäßigkeiten des Makrokosmos - der großen Welt - in sich enthält und alles Wesenhafte, deshalb darf man hoffen, so wenig vollkommen sie heute auch noch ist, dass die Eurythmie einmal immer vollkommener und vollkommener werden wird. Sie hat unermessliche Vervollkommnungsmöglichkeiten in sich und wird dann einmal als jüngere, vollberechtigte Kunst neben die ja älteren, vollberechtigten Schwesterkünste sich hinstellen können. Das kann man ihr, wie ich meine, heute schon ansehen.

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