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GA 277d — 23 August 1923, Ilkley
Rudolf Steiner an Edith Maryon
Penmaenmawr, North Wales
23. August 1923
Meine liebe Edith Maryon!
Es geht hier gut. Meine Vorträge sind täglich um 10½ Uhr vormittags. Ich kann in diesen Vorträgen rein anthroposophisch sprechen; in Ilkley war doch mehr das System, durch die Pädagogik den Leuten etwas zu sagen, was sie vom Anfang an nicht zu stark irritiert, um ihnen auf diesem Umwege die Anthroposophie beizubringen. Dies wird ja von einer Gruppe unserer Freunde für das Richtige gehalten. Ich selbst bin andrer Ansicht. Ich weiß, daß unsere Pädagogik auch nur verstanden wird, wenn die Menschen erst anthroposophische Begriffe bekommen. Deshalb bin ich eigentlich froh, wenn die Veranstaltungen einen solchen Charakter tragen wie hier in Penmaenmawr. Um diesen Charakter herbeizuführen, hat sich Dunlop alle Mühe gegeben. Ich verstand nun gar nicht, warum er gestern von Miss Groves an einem Diskussionsabend eigentlich wenig taktvoll attakkiert worden ist. Er wurde von ihr, die Chairman war, vor der ganzen Versammlung, die sich dabei vor Lachen krümmte, das heißt Einzelne, gefragt: warum er Penmaenmawr gewählt habe, warum er die Eurythmie nicht hier haben wollte, warum er zwei Tage vor Beginn hieher gekommen sei und so weiter. Nun war er gerade der, der die Eurythmie von Dornach wollte, während die andern die ungemein naive Vorstellung der Kings-Langley-Kinder für genügend hielten. Dabei geht in Wirklichkeit alles gut. Die Vorträge, die auf ganz Esoterisches eingehen können, werden aufmerksam verfolgt. Die erste Eurythmie-Vorstellung, die Mittwoch abends war, hat großen Erfolg gehabt. Der Verlauf war nun dieser. Vormittags mein Vortrag. Nachmittags Proben, abends 8 Uhr Diskussion. Bei dieser Diskussion beantwortete an den vorangehenden Tagen ich Fragen; heute (Donnerstag) sprachen — außer den wenig taktvollen Dingen der Miss Groves — Dr. v. Baravalle und Dr. v. Heydebrand über Pädagogisches, das da im Rahmen des Anthroposophischen sehr gut vertreten war.
Ich verstehe ganz gut, daß man dann, wenn unsere Leute so arbeiten wie sie es tun, noch lange leider wird in die Peripherie gehen müssen. Denn daß Dunlop nicht viel von Dornach aus dem erfährt, was Miss Groves, Collison und so weiter hier in England davon sagen, ist mir doch klar
Ein gedrucktes Programm gibt es nicht. Es wird alles auf 3 Tage hinaus bestimmt. Nur meine Vorträge sind fester Zeitpunkt im Programm. Dunlop redet seinerseits elegant und tritt in der Art für die Anthroposophie ein, daß, wenn er andere Absichten hätte, er diese vorläufig schlecht und die Anthroposophie gut verträte. Daß das Hötel nicht gerade bequem (aber es ist das «beste» hier) ist, hat seinen Gegenpol daran, daß überall einen anblickt die geistige Denkmalschaft des alten Druidentums; das gibt eine ganz esoterische Atmosphäre. Und so fehlt mir hier gar nichts, außer dem lieben Dornach. Dort wäre ich ja immer gerne. (Nur zu irgendeiner Ängstlichkeit ist kein Grund.)
Ich hoffe nun, daß es mit der Gesundheit dort gut nach vorwärts geht und sende die allerherzlichsten Gedanken
Rudolf Steiner
Für Briefe, die angekommen sind, danke ich herzlichst.