Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 28 December 1923, Dornach
Eurythmie-Aufführung
Sarabande von J. 5. Bach
«Als am dritten Tage» von Albert Steffen
«Ich sah ein bleiches Licht» von Albert Steffen
Sarabande von J. S. Bach
«Du starrst den Himmel» von Albert Steffen
Präludium in f-moll von J. S. Bach
«Ich und Du» von Albert Steffen
«Es saugt die leere Finsternis» von Albert Steffen
Andante teneramente in c-moll aus der Cello-Sonate von Johann Ernst Galliard
«Les Elfes» von Charles Leconte de Lisle, mit Musik von Jan Stuten
«Bächlein im März» von Jan Stuten
«The Bandruidh» von Fiona Macleod
«Papillons» von Jean Rameau mit Musik von Jan Stuten
Gavotte in G-Dur von J. S. Bach
«Dichters Berufung» von Friedrich Nietzsche
«Le Corbeau et le Renard» von Jean de La Fontaine
«La Cigale et la Fourmie» von Jean de La Fontaine
Scherzo von L. v. Beethoven
Meine lieben Freunde!
Als wir das letzte Mal Ihnen hier Eurythmie vorführen durften — vorgestern —, erlaubte ich mir einige Bemerkungen vorauszuschicken über das Verhältnis dieser gewissermaßen bewegten Plastik zur altgewohnten ruhenden Plastik. Nun ist aber Eurythmie eine Kunst, die mit dem bewegten Menschen so rechnet, dass sie in der Organisation des Menschen veranlagte Bewegungen sinngemäß als Sprache hervorholt. Es ist mit der Eurythmie ein künstlerisches Element gegeben, das sich in der mannigfaltigsten Weise erweitern, ergänzen — aber auch inneres Wesen offenbarend - an die anderen Künste anschließen oder mit ihnen in diesen oder jenen bedeutungsvollen Gegensatz treten könnte.
Man ist also darauf hingewiesen, wie in der Eurythmie eine bewegte Plastik vorliegt. So aber kann man auch auf die Eurythmie hinweisen in der folgenden Art. Man kann sagen: Wenn man diejenigen Künste, welche dem sprachlichen Ausdruck des Menschen naheliegen können, aufsuchen will, so kann man dazu kommen, sich zu sagen: Musik, das Gesanglich-Musikalische, das ist dasjenige, was von der Sprache mehr nach dem Inneren des Menschen zu gelegen sein muss. Und in der Tat, wenn man [die] Seele hingibt an Melodien, Harmonien, an all dasjenige, was musikalisches Element ist, dann wird man finden, dass dieses Musikalische gerade dadurch seine große menschliche Bedeutung hat, dass es noch nicht in solcher bestimmten Weise auf irgendetwas hindeutet wie das sprachliche Element. Man kann schon sagen: In einem gewissen Sinne ist jener bewusste Weg, den man durchmacht von dem Musikalischen zu dem Sprachlichen, ein solcher des Bis-zu-einem-gewissen-Grade-Aufwachens. Im Sprechen kann man sich aufgewacht fühlen gegenüber dem musikalischen Elemente.
Allein, auf der anderen Seite kann gar nicht geleugnet werden, dass Wachen und Schlafen relative Begriffe sind. Derjenige, der gar kein Erlebnis von der geistigen Welt zunächst hat und allmählich an ein solches Erlebnis herankommt, der empfindet ja zunächst das geistige Erleben gegenüber dem, was Tagesleben ist, wie ein Schlafen. Herr Stuten hat heute morgen etwas Ähnliches erwähnt. Während derjenige, der einfach hinübergeht in die andere Welt vom gewöhnlichen Tagesbewusstsein aus — mit voller Besonnenheit -, der erlebt in dem, was für den andern Schlaf ist, eben ein höheres Erwachen. Und so kann man auch sagen: Derjenige, der anfängt, jene, ich darf sagen ausgespannteren Bedeutungen, Weltbedeutungen, die im Musikalischen gegeben sind, zu erleben gegenüber der bloßen Sprache, der kann wiederum dieses Erleben im Musikalischen als Erwachen ansehen. Denn man kann sich so vorstellen: Man denke sich, dass eine Melodie immer mehr und mehr zusammengeschoben wird, der Zeit nach zusammengeschoben, dann kann bei einer gewissen Intensität des Zusammenschiebens eben ein Vokal oder Konsonant herauskommen. Da nimmt man nicht mehr das Musikalische wahr, was im Laute liegt; aber der Laut ist zuletzt zusammengedrängtes Melodisches oder Harmonisches.
Und so, wie man das objektiv an dem Musikalischen und Sprachlichen empfinden kann, so kann man auch wiederum sagen: Das Musikalische liegt dem menschlichen Gefühle nahe, das Dichterische liegt dem menschlichen Vorstellen nahe. Und der Ausdruck des Vorstellens ist für die Dichtung dasjenige, was im sprachlichen Elemente gelegen ist. Aber man kann auch dasjenige, was Wahrnehmung, Sinnesorganisation selber ist, was also noch mehr als die Vorstellungen am Menschen nach außen liegt, man kann das auch ins künstlerische Element eben erheben. Im Musikalischen lebt man ja wie in einem lebenden Geistmeer; im Sprachlichen ist es schon so, wie wenn man in diesem webenden Geistmeere ans Ufer käme, überall ans Ufer. Und die Vorstellungen sind da dasjenige, was am Ufer von dem lebt, was zwischen Wasser und Erde ist, am Ufer. Aber wenn man nun aus dem Wasser herauskommt, sich wirklich ganz der Sinneswelt hingibt und dennoch das Geistige der äußeren Welt wahrnimmt, dann kommt man an dasjenige, was nun nicht zur Sprache mehr, sondern eben nur noch durch das Zeichen, das am Menschen selber lebt, vergegenwärtigt werden kann - Eurythmie.
Wie ich also vorgestern sagen konnte: Die Eurythmie ist eine bewegte Plastik, so kann ich heute sagen: Ganz im Inneren des Menschen webt das Musikalische. Das Musikalische ist die künstlerische Ausgestaltung der Gefühlswelt. Etwas weiter nach der Peripherie des Menschen lebt das Dichterische. Es ist die sprachlich-künstlerische Ausgestaltung der Vorstellungswelt. Außerhalb der Vorstellungswelt, wenn der Mensch schon aus sich herausgeht, lebt er im Wahrnehmen. Dasjenige aber, was im Wahrnehmen nun nicht sinnlich, sondern geistig erlebt wird, ist in der Eurythmie gegeben.
Daher müsste man eigentlich, indem man die Bewegungen des Eurythmikers wahrnimmt, wirklich eigentlich überall Natur wittern. Und derjenige, der Natur wittert - aber Geist in der Natur -, der nimmt eigentlich Eurythmie in der richtigen Weise wahr. Denken Sie einmal, wenn jemand zum Beispiel sagen kann: Da sehe ich eine eurythmische Bewegung; das gemahnt mich an dasjenige, wie einmal bei einem Waldesspaziergang eine Tanne als Eindruck auf mich gewirkt hat. Eine Tanne, die etwas im Winde bewegt war oder auch nicht im Winde bewegt war. Wenn aber dann es nicht bei dieser Empfindung stehenbleibt, sondern wenn der Betreffende dazu kommt, sich zu sagen: Ja, jetzt klärt mich die Eurythmie eigentlich erst über die Tanne auf, denn die Tanne steht nicht da, um bloß das zu sein, was sie ist, die Tanne ist ein Buchstabe in demjenigen, was durch die Welt wallt und webt, in dem urewigen, unendlichen Weltenworte. Und Eurythmie klärt mich auf, wie die Tanne spricht. Eurythmie kann mich auch aufklären, wie die Quelle spricht, Eurythmie kann mich auch aufklären, wie der Blitz spricht und so weiter.
In unserer Zeit nennt man ja Erklärung von einer Sache nur das, was man in Ideen oder in abstrakten Begriffen geben kann. Aber so arm, so greulich schattenhaft wie unsere abstrakten Begriffe, ist die Natur nicht. Und man soll nur der Natur gegenüber nicht glauben, dass man sie irgendwie trifft, wenn man sie in diese Spinnengewebe von Begriffen zwingen will, durch die man sie eben zu beschreiben eben glaubt. Die Natur ist ja unendlich reich. Die Natur an sich ist überall intensiv reich, nicht bloß extensiv reich. Die Natur ist nicht bloß quantitätenreich, die Natur ist qualitätenreich. Und wir müssen uns schon stärker anstrengen als bloß in unserem Kopfe, wenn wir der Natur nahekommen wollen. Dasjenige, was an Ideen allein unser Kopf über die Tanne zu sagen hat, das ist eben wenig, und wir müssen [unseren ganzen Organismus] in Bewegung bringen, alles, was in uns ist, wenn wir das Geheimnis der Geistnatur in jedem einzelnen Ding und jedem einzelnen Vorgange liebend hinstellen wollen aus uns selbst heraus. Nur dann, wenn wir imstande sind, aus der Natur heraus etwas zu schaffen durch uns selber, vor dem wir dann in einer gewissen Weise eine Empfindung haben des Erstaunens über dasjenige, was das Weltall durch uns, mit uns, in uns bildet, dann ranken wir uns zu dem eigentlich Künstlerischen, zu demjenigen Künstlerischen empor, aus dem eigentlich weltgeschichtlich jede Kunst erwachsen ist. Aus einer solchen Stimmung heraus werden wir auch das richtige Aufbauen zu einer neuen Kunst gewinnen wie zu der Eurythmie.
Es muss einem ja gerade auf anthroposophischem Boden so sehr daran liegen, dass das Künstlerische - und insbesondere ein neues Künstlerisches, wie es die Eurythmie ist wirklich verstanden werde, empfindend verstanden werde. Denn das Künstlerische hat ja in der neueren Zeit gar sehr gelitten. Es ist in einer gewissen Weise deshalb, weil der Mensch nur auf die nüchternen Begriffe als Erkenntnis noch Wert legt - und so ist die Kunst immer mehr und mehr zum Lebensluxus geworden. Dann aber, wenn die Kunst zum Lebensluxus wird, dann erzeugt sich das schreckliche Philistertum über die Erde.
Und dann würde dies unbedingt dazu führen, dass die Philisterei Zukunft der Erdenmenschheit bedeuten würde, wenn nicht gerade aus noch unerschlossenen künstlerischen Quellen heraus wirklich neues Künstlerisches geschaffen würde. Das haben wir versucht, meine liebe Freunde, eben gerade mit der Eurythmie auf unserem Gebiete. Und ein richtiges Empfinden dieses Eurythmischen als Künstlerischem, das ist dasjenige, was man so sehr herbeischnen möchte innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft. Dann aber muss man sich klarwerden darüber, dass das Künstlerische in sich selber schöpferisch ist und dass man sofort aus dem Künstlerischen herauskommt, wenn man illustrativ wird.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, Sie können dasjenige, was gesprochen wird, was gesprochen wird rezitativ, deklamatorisch als Wiedergabe der Dichtung, das können Sie in Rezitation geben, begleitet von Eurythmie. Denn beides ist zueinander gehörig: Eurythmisches - der in Bewegung begriffene menschliche Organismus; Sprachlich-Rezitatorisches oder Deklamatorisches - dasjenige, was der Mensch zu sagen hat, konzentriert auf eine bestimmte Organreihe. Und jede der beiden Künste hat die Möglichkeit, für sich wesenhaft zu leben. Und dann wirkt eine mit der anderen zusammen, so wie im menschlichen Organismus Herz und Kopf zusammenwirken, weil sie richtig voneinander verschieden, aber füreinander organisiert sind. Sie können weiter das Instrumental-Musikalische, das da geoffenbart wird durch das objektive, vom Menschen abgesonderte Musikinstrument, begleiten mit dem Eurythmischen. Wir haben diese Toneurythmie wiederum selbst gefunden [als] abgeschlossene eigene Gebiete: das Musikalisch-Instrumentale [und] die Eurythmie, die Bewegung des menschlichen Organismus.
Sie können aber nicht eurythmisieren, wenn gesungen wird. Denn denken Sie doch nur, wenn Sie das Gesungene noch eurythmisieren, so illustrieren Sie ja bloß den Gesang in seinem musikalischen Inhalte. Das aber ist etwas eminent Unkünstlerisches - eine bloße Illustration ist eminent unkünstlerisch. Sodass es sich also handeln wird einmal später - wenn man schon will neben dem Gesang oder meinetwillen den vom Instrumente begleiteten Gesang eine eurythmische Vorstellung, so muss das etwas ganz anderes sein als irgendwie unsere heutige Toneurythmie oder Lauteurythmie. Gewiss, die Künste können zusammenwirken. Aber man muss sich ganz klar sein - ich sage das, weil diese Dinge da oder dort aufgetaucht sind nun, die Sehnsucht, auch zu Musikalisch-Gesanglichem zu eurythmisieren, meine ich, ich sage das ausdrücklich, denn gerade derjenige, der versteht, wie in unserer Toneurythmie eben in Bewegungen gesungen wird, also das schon ein Singen ist, sagen wir, zu dem oder jenem Instrumente oder auch zum Orchester, derjenige wird nicht verlangen können, dass man zweimal singt. Das ist es, um was es sich handelt.
Nun habe ich wieder versucht, einiges von dem zu sagen, was vielleicht geeignet sein kann, auf das Wesen der Eurythmie etwas hinzudeuten. Ich möchte eben anstreben gelegentlich solcher Aufführungen, wenn unsere lieben Freunde zu solch festlicheren Gelegenheiten versammelt sind wie diesmal, auch in diese Richtung einiges zu pflegen, zur Bewertung und zur Förderung desjenigen, was aus unseren Quellen erwächst, einiges beizutragen.