Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 30 December 1923, Dornach

Eurythmie-Aufführung

Largo aus der Oper «Clearco in Negroponte» von Domenico Gabrielli
«Herrscherin Erde» von Wladimir Solowjow
«Immanuel» von Wladimir Solowjow
Präludium in f-moll von J. S. Bach
Geisterchor aus «Faust I», Studierzimmer, von J. W. v. Goethe
«Trauermarsch» von Felix Mendelssohn Bartholdy
«Die Sonne schaue» von Rudolf Steiner
Pastorale in G-Dur aus dem Weihnachtsoratorium von J. S. Bach
«Zum neuen Jahr» von Wladimir Solowjow
«Das Traumlied des Olaf Åsteson»

Meine lieben Freunde!

Wir haben ja schon eine Reihe von Eurythmie-Vorstellungen hier während Ihrer Anwesenheit gehabt, und ich konnte gelegentlich derselben in ein paar einleitenden Worten sprechen von der Stellung der Eurythmie innerhalb des Systems der Künste. Und namentlich konnte ich hinweisen darauf, dass Eurythmie eigentlich doch mit einer gewissen Notwendigkeit hervorgehen musste aus einer den Zeichen der Zeit streng folgenden spirituellen Bewegung. Denn jede neue künstlerische Impulsivität, jeder neue Anstoß im Künstlerischen im Laufe der Menschheitsentwickelung ist immer dann gekommen, wenn irgendwie ein neues Gebiet spirituell den Menschen erschlossen worden ist, oder wenn etwas schon Erschlossenes auf eine neue Art an die Menschheit herangetreten ist.

Man wird ja natürlich sehr leicht gegen die Eurythmie den Einwand erheben können: Sie will eine Sprache sein, eine Sprache, die durch aus der menschlichen Organisation herausgeholte Gebärden sich offenbart. Diese Gebärden verstehen ja zunächst die Menschen nicht, aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt darauf an, dass dasjenige, was als solche Gebärde auftritt, den ästhetischen Sinn befriedigt und dass aus der Befriedigung des ästhetischen Sinnes dann hervorgeht ein ebensolches Empfindungsverständnis für die Dichtung, wie aus der richtig orientierten Deklamation und Rezitation ein Verständnis der Dichtung hervorgeht.

Von dem, was eigentlich der ganzen Eurythmie zugrunde liegt, hat ja die gegenwärtige Wissenschaft ein kleines Fünkchen: Man weiß, dass diejenige Partie des zentralen Nervensystems, des Gehirnsystems, die vorzugsweise mit der Sprache zusammenhängt, auf der linken Seite des Gehirnes ist, und man weiß, dass die rechte Gehirnhälfte, die rechte Seite, die symmetrische Partie des Gehirnes, eigentlich nicht so konfiguriert ist, dass man in gleichem Sinne davon sprechen kann, dass auch dort auf der rechten Seite ein Sprachzentrum wäre. Aber die Sache ist sofort anders bei sogenannten Linkshändern, Menschen, welche geboren werden als Linkshänder - bei denen also die rechte Hand verhältnismäßig untätig bleibt gerade bei den intelligenten Verrichtungen, bei denen die linke Hand schreiben will, nähen will, häkeln will -, bei denen liegt das Sprachzentrum auf der rechten Seite.

Daraus hat mit Recht die Wissenschaft geschlossen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen demjenigen, was als Bewegungsmöglichkeit, Bewegungsfähigkeit liegt im menschlichen Arm, in der menschlichen Hand, und der Sprache, dass die Sprache gewissermaßen das in einem gewissen Organsystem festgelegte Bewegen der Glieder der Menschen ist, das sinnvolle Bewegen der Glieder der Menschen. Das Verspüren desjenigen, was draußen in der Welt vorgeht, und das Ausdrücken dieses Verspürens durch die Sprachorgane, das ist etwas, was zeigt, dass eigentlich das Gliedmaßensystem des Menschen es ist, aus dem die Sprache herausgeboren wird.

Aber das ist in einem ganz umfänglichen Sinne der Fall. Nur weiß man heute nicht viel von diesen geheimnisvollen Zusammenhängen. Man weiß zum Beispiel nicht, wie gewisse, in den Konsonanten liegende, namentlich in den Gaumenlauten zum Ausdrucke kommende Rundungen, Härtungen im Sprachlichen zusammenhängen mit der Art und Weise, wie der Mensch mit dem Fußballen oder mit der Ferse auftritt. In der Sprache kann man deutlich einen Ausdruck der ganzen Gestenfähigkeit des Menschen durch seine Gliedmaßen hindurch finden. Und wer einen Sinn hat dafür, der wird sehen können, wie eigentlich aus der Art und Weise, wie ein Mensch geht, wie ein Mensch greift, wie ein Mensch springt, ganz erklärlich ist, wie er spricht. Es ist also nur ein ganz kleines Stück, das die heutige Wissenschaft hat in dem Zusammenhange der rechten Hand und des linksseitigen Sprachzentrums. Die Sprache kommt durchaus aus dem ganzen Menschen heraus. Daher, wenn man den physischen Leib des Menschen verfolgt, so sieht man, wenn er dies oder jenes durch die Sprache offenbart, gewisse Teile, gewisse Partien in Bewegung.

Wenn aber der Mensch beobachtet wird seinem ätherischen Leibe nach, dann ist der ganze ätherische Leib bei irgendeinem Laut, bei irgendeiner sprachlichen Äußerung in einer bestimmt konfigurierten Bewegung. Dasjenige, was sprachlich sich äußert, kommt immer aus dem ganzen Menschen. Und daher kann man eben auch den Weg wiederum zurückmachen von der Sprache in die Bewegung hinein. Das Kind macht die Bewegungsmöglichkeit durch, projiziert gewissermaßen dasjenige, was die Gliedmaßen erfühlen, in der Bewegung draußen erleben, das projiziert das Kind auf seine Sprachorgane und schafft im Sprechen einen Abglanz dieser Bewegungsfähigkeiten. Dann kann man aber umgekehrt wiederum aus der Sprache zurückgehen in die Bewegungsmöglichkeiten, die sowohl dem einzelnen Laute, [wie auch] den Lautverbindungen, den Lautbetonungen und so weiter entsprechen. Man kann übersetzen die ganze Sprache wiederum in den bewegten Menschen und dadurch jene bewegte Plastik herausbringen, von der ich schon gesprochen habe.

Ich wollte, wie gesagt, immer ein paar Gesichtspunkte hinstellen beim Ausgangspunkte unserer Vorführungen, damit — was ja eigentlich schr gut geschehen kann - diese Eurythmie, die auf eine so naturgemäße Weise aus der Anthroposophie hervorgeht, von den verschiedensten Seiten aus beleuchtet wird.

Sie werden gerade bei so etwas, wie bei dem heute im zweiten Teile nach der Pause vorgeführten „Olaf Åsteson» sehen, meine lieben Freunde, wie sich Eurythmie gerade wie selbstverständlich dann ergibt, wenn die Dichtung den Menschen hinaufhebt in eine höhere, in eine geistige Sphäre. Man kann wirklich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit so etwas wie den „Olaf Åsteson» eurythmisieren, weil die Geistigkeit, die in den eurythmischen Bewegungen liegt, sich wirklich am besten Vorgängen in der geistigen Welt anschließt. „Olaf Åsteson» ist ja gerade ein wunderbares, im Norden gefundenes Gedicht aus älterer norwegischer Literatur, in dem ursprüngliche, volkstümliche Kunst, die eigentlich immer verbunden ist mit volkstümlichem Schauen, volkstümlichen Imaginationen, zur Offenbarung kommt. Wie gesagt, dieser „Olaf Åsteson» wird - eurythmisiert nach der Pause - heute gerade eine Darbietung sein, die in der weihnachtlichen Zeit und unserer weihnachtlichen Tagung besonders angemessen sein kann.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →