Philosophenhände

GA 277d — Dornach

Als Beigabe zu den Vortragsreihen über Anthroposophie und Pädagogik, die ich gegenwärtig hierin England zu halten habe, wurden von den Veranstaltern auch einige Ausführungen über die eurythmische Kunst gewünscht.

Ich wollte den Zuhörern zeigen, wie diese Kunst geradeso wie jede andere in dem Sinne aus dem Leben heraus gestaltet ist, daß dabei der schöne Gedanke Goethes zur Wahrheit wird, die Kunst sei eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals zu einer Offenbarung kämen. Etwas scheinbar ferne und doch so nahe Liegendes drängte sich mir auf, da ich darauf hinweisen wollte, wie Eurythmie als die Kunst der Bewegung des einzelnen Menschen oder von Menschengruppen die Offenbarung der menschlichen Seele durch den Menschenleib wird. Die Erinnerung an den von mir in dieser Wochenschrift öfter besprochenen Philosophen Franz Brentano tauchte in meinen Gedanken auf. An dem, was einem besonders wertvoll ist, wird man oft in charakteristischer Weise gewahr, was man eigentlich im Leben überall beobachten kann. Man würdigt aber das Allgemein-Gegenwärtige erst recht, wenn man es im Lichte eines besonders Charakteristischen sieht.

Es verursachte mir immer einen tiefen Eindruck, wenn ich vor vielen Jahren in Wien als Zuhörer Franz Brentano, den hervorragenden Seelenforscher, dem Rednerpult sich nahen, dann seine Konzeptblätter entfalten und seine Gesten während des Vortrags machen sah. All dies sagte ebensoviel wie die Worte, die der Philosoph sprach; ja ich möchte fast das Paradoxon aussprechen: es sagte mehr.

Die rechte Hand nahm das Blatt, hielt es aber so, daß man fast hätte meinen können, es müßte den gerade gestreckten Fingern, die es nur leise umfaßten, entfallen. Es war mehr in den Raum hineingestreckt als gehalten. Dabei war die Hand zumeist so gehalten, daß sie an dem vorgestreckten Arm etwas nach abwärts hing. Sie war in einer Geste, in der ein Betrachtender sein kann, der einen Gegenstand ins Auge faßt, welcher tief seine Seele beschäftigt. Die linke Hand unterstützte öfter die rechte im Halten des Blattes; öfter bewegte sie sich zwischen Blatt und Tischoberfläche in vielsagender Weise. Die Fingerbewegung war dabei äußerst ausdrucksvoll. Man konnte die Vorstellung bekommen, daß alle diese Gesten darnach strebten, ein unmittelbarer Ausdruck dessen zu sein, was in der Seele vorging, und daß das Blatt, das gehalten werden mußte, eigentlich nur störend in die Gestenentfaltung eingriff. - Die Art, wie der Blick auf das Blatt fiel, war diesem Eindruck ganz angemessen. Er streifte gewissermaßen leise über die Blattfläche hin. Man konnte nicht meinen, daß gelesen wurde; eher, daß zu dem auf dem Blatte Stehenden etwas hinzugesehen wurde.

In all dem lag die ganze Seelenbetrachtung Franz Brentanos. Dieser hat die von ihm gegebene Gliederung der menschlichen Seelenfähigkeiten immer für etwas besonders Wichtiges gehalten. Er unterschied im Umfange des seelischen Lebens das Vorstellen, die Urteilsfällung und die Gefühle der Liebe und der Abweisung. Der Wille kam dabei etwas zu kurz. Er wurde gewissermaßen nur so weit berücksichtigt, als er im Gefühle lebt. Die ganze Philosophie Franz Brentanos macht den Eindruck, als ob sie sich subtil, geistvoll in dem Umfang des innerlich Seelischen bewegte, aber davor zurückschreckte, die dem Menschen äußere Wirklichkeit zu ergreifen. Als ob sie sich in diesem Ergreifen sofort unsicher fühlte. Es ist etwas da, was die Seele hindert, den Punkt zu erfassen, wo das Gefühl sich im Willen verwirklicht und die Außenwelt ergreift.

Die ganze Weltanschauung Brentanos trägt diesen Charakter an sich. Sie ist Betrachtung, die in sich selbst unsicher darüber sich fühlt, wie sie zudem kommt, was betrachtet wird. Sie findet in sich etwas vor wie ein «Ding an sich»; aber findet innerhalb ihrer selbst keine Berechtigung, robust von einem solchen zu reden. Sie weiß aber zugleich auch, daß alles Reden über die Welt stumpf bleibt, wenn die Brücke zum in sich ruhenden Dasein nicht gefunden werden kann.

Brentano hat viele Ausgangspunkte gewählt, um diese Brücke zu finden. Ich habe im dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln » davon gesprochen, wie er deshalb seine schon in den siebziger Jahren als ersten Band veröffentlichte Psychologie nicht weiter brachte, weil er die von ihm erstrebte Brücke nicht finden konnte.

Brentano hielt in seinen Gedanken die Dinge der Welt so, wie er das Konzeptblatt in der Hand hielt. Diese Hand brachte nur genau so viele Kraft auf, als nötig war, damit ihr das Blatt nicht entfiel. Sie ließ das Blatt zwischen den Fingern ruhen; hielt es aber nicht. Und der Blick fiel nicht auf das Blatt, er fiel über dasselbe; er las nicht, sondern schien bloß die Formen des Geschriebenen zu betrachten.

So auch waren die Gedanken dieses Mannes, Sie wollten in das Innere der Dinge, hielten sich aber scheu an den Formen derselben zurück, sobald sie an sie stießen. Sie sahen über die Dinge hinweg. Sie streiften sie.

Es waren wirklich die Seelenerlebnisse in einer deutlichen Art in der ganzen Haltung des Körpers, besonders in Arm- und Händehaltung geoffenbart. Man möchte sagen: in seinen Gedanken hat Brentano immer wieder den Ansatz dazu gemacht, diese Haltung zu ändern; in dem Streben nach der ihm eigenen Geste war seine Philosophie durch das Wesen seiner Persönlichkeit fest geworden. Diese Gesten sagten in präziser Form, was die Gedanken, weil sie immer wieder in Zweifel verfielen, aus dieser präzisen Form herausbrachten.

Wer derartiges erlebt hat, der lernt hinblicken auf die Sprache des menschlichen Körpers. In seinen Bewegungen wird die Welt zur bewundernswerten Künstlerin. Sie läßt das Seelische, in dem der Geist lebt, für das Auge sichtbar werden. Und im Sinnlich-Wahrnehmbaren Geistiges ganz unmittelbar schauen, so daß man beim Anschaubaren stehen bleiben kann, und die Gedanken als solche verstummen; das ist künstlerisches Betrachten.

Ein Gebiet des Geistes so erobern, daß es restlos sinnlich anschaubar werden konnte, das hat stets zu einem Kunstbereich in der Entwickelung der Menschheit geführt. Nun, die Eurythmie will, was in der Seele leben kann, durch die aus dem menschlichen Organismus naturgemäß folgenden Bewegungen wie in einer sichtbaren Sprache zum Ausdruck bringen. Sie geht über das Mimische hinaus, das die Sprache nur gewissermaßen da und dort ergänzt, aber ihr nicht vollkommen gleich wird; sie wird aber auch nicht zum Tanz, der den Charakter der Sprache verlieren muß, weil er nicht Offenbarung des Seelisch-Geistigen, sondern Überfließen desselben in die äußere Bewegung werden muß. Nichts soll gegen die volle Berechtigung dieser Künste selbstverständlich gesagt werden; sie haben ihre eigene Schönheit. Die Eurythmie stellt sich ihnen selbständig als aus dem Leben gestaltete sichtbare Sprache, die zur Kunst werden kann, gegenüber.

German original of Hands of the Philosopher · Next →