Achtundvierzigste Konferenz

GA 277d — 1 March 1923, Stuttgart

Rudolf Steiner reiste am 23. Februar zur Vorbereitung der Delegiertentagung von Dornach nach Stuttgart. Sie wurde am 25. eröffnet und dauerte bis zum 28. Februar. Im Laufe dieser Tagung schlug Steiner vollkommen unerwartet zwei Gesellschaften vor, die alte und eine lose Vereinigung freier Gemeinschaften. Auf einige junge Anthroposophen wirkte diese Idee zündend und sie nahmen sie begeistert auf, darunter auch der zukünftige \Waldorflehrer Ernst Lehrs. Am 1. März war die Nachbesprechung der Tagung und anschließend Lehrerkonferenz; am nächsten Morgen kehrte Steiner nach Dornach zurück. Schon am 6. März war er wieder für zwei Tage in Stuttgart, hielt zwei Vorträge über das Tonerlebnis im Menschen (GA 283), besprach sich mit Vertretern der zwei Gesellschaften und hielt eine Konferenz mit den Lehrern ab. Am 9. März war die Rückreise nach Dornach.

Themen [48. und 49. Konferenz]: Grundsätzliches zu einem Turnlehrplan, auch im Zusammenhang mit der Eurythmie. Hinweis auf psychologisches-physiologisches Studienmaterial für die Lehrer anhand der von Steiner entwickelten Eurythmiefiguren (Gefühl, Bewegung und Charakter). Vorbereitungen auf das Abitur. Stundenplan-und Personalfragen.

Bemerkungen: Rudolf Steiner bat um die Unterrichtsziele für die oberste Klasse; er wollte daraus den Lehrplan für die 121 Klasse bilden, war aber zugleich kritisch mit Bezug auf die Erfolgschancen im Abitur. Der Unterrichtsstil der Lehrer war doch zu vortragsmäßig, und ,,die Schüler [haben], trotzdem wir mehrmals darüber gesprochen haben, noch nicht genügend mitgearbeitet».

Steiner gab seiner Freude über das Mitwirken von Martin Tittmann und Ernst Lehrs im nächsten Jahr Ausdruck.

Vorsitz: Fritz von Bothmer.

Zu Beginn der Konferenz erwähnt FRITZ VON BOTHMFR eine Erklärung der Schüler der oberen Klassen, die bei Gelegenheit der Delegiertentagung abgegeben worden war. Er bittet Herrn Rudolf Steiner um einen Wink, wie sich die Lehrerschaft dazu steilen solle. Dann gibt er ein Referat über den Turnunterricht.

FRITZ VON BOTHMER: Ich möchte beginnen mit dem, was ich über das Turnen zu sagen habe. Zu einzelnen Beobachtungen habe ich mich nicht durchringen können, die eine Grundlage wären für wirklich gültige Erfahrungen. Es wäre wohl der beste Ausgangspunkt gewesen, hier bei bestimmten Kindern anzufangen, wie sie sich dargestellt haben in dem Zeitpunkt, wo wir das Turnen begonnen haben, und wie sie sich jetzt darstellen.

  1. Freiübungen: Bewusste Durchdringung des Körpers mit den im Kinde sich regenden Lebenskräften. [Er macht Übungen vor:]

Eine nahe Berührung mit der Eurythmie ist vorhanden. [Eurythmic belebt, Turnen trägt durch den Willen diese Kräfte bis in die äußersten Gliedmaßen. Eurythmie wird nicht so bewusst gemacht. Es gibt Bewegungen, die den Eindruck des Toten oder aber des Lebendigen machen. Verhältnis des Turnens zum Erleben des Wachsens, zum Sich-Öffnen des Körpers.] Der Turnlehrer steht dem Kinde gegenüber wie der Plastiker seinem Kunstwerk. Der turnende Mensch fühlt sich in den Raum hinein. Stellung im Raume: Man [soll] mit den Dimensionen des Raumes in einen starken innerlichen Kontakt treten. Auch das Wachsen kann man erleben. Der Turnlehrer in unserer Anschauung setzt sich in Bewusstseinsverbindung mit den den Körper aufbauenden geistigen Kräften. Anleitung zum Sich-Hineinstellen in den Raum. [Zur Erde sich zusammenhocken, oder im Sprung sich von der Erde lösen. Erleben von Aus- und Einatmen.] Ich sage den Kindern: Traget euren Kopf, [traget euren Oberkörper], eure Schultern, weil die Neigung besteht, den Körper hängen zu ]assen. Ich weiß nicht, ob man so etwas sagen kann. Beim Turnen hat man es in besonderem Maße mit dem Willen zu tun.

  1. Geräteübungen: Die Geräte sind heute meist etwas Totes. Manche sind ganz abstrakt, zum Beispiel die Barren. Kletterstangen [haben wir Gott sei Dank nicht; sie] sind völlig tot, etwa gegenüber den Seilen. Das Geräteturnen ist heute sehr stark eine Sache der bloßen Routine. [Die Kinder sind bei diesem Toten nicht mit dem ganzen Wesen dabei.] Man kann aber, um den ganzen Körper zu erfassen, zwei Geräte miteinander kombinieren, zum Beispiel Reck und Bock. [Wenn] zwei verschiedene, Bewegungen des Körpers zu gleicher Zeit oder unmittelbar hintereinander 'sich vereinen], tritt das Affenartige in Erscheinung. [Es wird viel lebendiger], besonders bei der angewandten Art des Turnen im Freien. [Das Schönste wäre Springen über Gräben und Hecken. Es fehlt unseren Schülern die Gelegenheit, sich auszutoben.]
  1. Spielen und Sport: [Rudolf Steiner habe gesagt], zu vieles Spielen verweichliche die Kinder. — [Dazu haben wir keine Zeit.] Solche Sportarten wie [Schwimmen, Kugelstoßen], Diskuswerfen, Speerwerfen müsste man herausheben aus dem völlig veräußerlichten Sportbetrieb. [Schönheit der Bewegung, nicht das bloß Rekordmäßige.]

[4. Jungen und Mädchen:] [Soll man Buben und Mädchen untereinander stellen, oder sollen sie zwar im] gleichen Raum turnen, aber gesondert? [Die Mädchen haken die Buben auf. Soll man die Kinder] nach Temperamenten [gruppieren]? [Das wäre] idealer.

RUDOLF STEINER: Vielleicht können wir im Allgemeinen einiges über das Turnen sprechen und dann später bei der nächsten Gelegenheit vor Beginn des neuen Schuljahres eingehen darauf, wie sich die einzelnen Turnübungen nach dein Lebensalter des Kindes doch auch für einen bestimmten Lehrplan gliedern lassen. Das wollen wir machen. Heute möchte ich anknüpfen an dasjenige, was Sie hingestellt haben, wobei ich Sie bitte, dasjenige, was ich nicht sagen werde, so zu betrachten, dass ich mit dem, was Sie gesagt haben, einverstanden bin. Ich werde das nicht hervorheben, womit ich einverstanden bin.

Über die Beziehungen des Turnens zur Eurythmie. Eine Kollision zwischen Turnen und Eurythmie kann es nicht eigentlich geben. Im Allgemeinen liegt die Sache so, dass die Turnübungen, die Gestaltung der Turnübungen, sich ausnehmen werden, natürlich gilt das nur im Allgemeinen, als eine Fortsetzung der Eurythmieübung. Ich will also sagen: Nehmen wir eine Armbewegung der Eurythmie und eine entsprechende Armbewegung beim Turnen, so wird man bei der Eurythmie zu bemerken haben, dass die hervorgerufene Gestaltung näher dem Körperzentrum liegt als beim Turnen. Aber eine Kollision kann nicht zustande kommen.

Das wird am besten einzusehen sein, wenn ich darauf hinweise, dass man es bei der Eurythmie im Wesentlichen zu tun hat mit demjenigen im menschlichen Organismus, das sich in unmittelbarer Angliederung an den inneren Atmungsprozess abspielt. Also: Dasjenige, was ein Arm oder Bein oder ein Finger oder Zehe bei der Eurythmie ausführt, ist in unmittelbarer Berührung mit dem, was innerlich sich als Atmungsprozess, als innerer Prozess abspielt, der beim Übergang der Luft ins Blut geschieht, während das Turnen im Wesentlichen derjenige Vorgang ist, dem zugrunde liegt im menschlichen Organismus der Übergang des Blutes in den Muskel. Das ist im Wesentlichen das Physiologische; das gibt zu gleicher Zeit ein völliges Licht über dasjenige, was ausgebildet werden soll. Sobald man zum Verständnis kommt — instinktiv, intuitiv muss das gemacht werden wie man es zu tun hat bei jeder Turnbewegung mit dem Starkwerden, Wachsen, dem Elastischwerden des Muskels durch das Hineinschießen des Blutes in den Muskel, desto mehr wird man diese Erfindung der Freiübungen in sich selbst ermöglichen.

Nun, dieselbe Sache kann man auch von einer anderen Seite sagen. Die Eurythmie ist im Wesentlichen eine plastische Gestaltung des Organismus, plastische Gestaltung, oder besser gesagt: Die Eurythmie lebt in plastischer Gestaltung des Organismus; das Turnen lebt in Statik und Dynamik des Organismus_ Sie haben das dadurch gefühlt, indem Sie gesagt haben: Eigentlich wird beim Turnen der Raum gefühlt. Man kommt am besten darauf, wenn man sich die Hilfsvorstellung bildet, wie sich der Arm oder das Bein in die Raumrichtungen oder in die Schwereverhältnisse im Raum hineinlegt.

Dass hier keine Kollision mit der Eurythmie hervorgerufen wird, das wird dann eingesehen werden, wenn auch noch Rücksicht genommen wird bei der [pädagogischen] Eurythmie — was viel zu wenig geschehen ist, weil es bei der künstlerischen Darstellung weniger in Betracht kommt, dagegen beim Pädagogischen ganz besonders in Betracht kommen würde — auf den «Charakter». Wenn Sie die Eurythmiefiguren gesehen haben, so werden Sie bemerkt haben, dass wir unterscheiden zwischen «Bewegung», «Gefühl» und «Charakter». Mit Bewegung und Gefühl, [was bis jetzt fast allein beachtet wird], geht es ganz gut, dagegen was Charakter ist in der eurythrmischen Bewegung, das ist noch nicht durchdrungen. Es ist auch natürlich, dass es noch nicht durchdrungen ist, weil es beim künstlerischen Auswirken der Eurythmie, wo es von anderen geschaut wird, von so großer Bedeutung nicht ist.

Dagegen muss der Charakter einer Bewegung ein wesentliches Element bilden beim Didaktischen. Es muss der Eurythmisierende dabei fühlen das Zurückkommen irgendeiner Bewegung oder Haltung in seine eigene Empfindung. Also es muss zum Beispiel der Eurythmisierende bei den eurythmischen Bewegungen fühlen den Druck des einen Gliedes auf dem anderen und das Zurückströmen des Druckes ins Körperzentrum. Ich habe einen Farbenauftrag gemacht in den Figuren, damit dies deutlich wird. Sie sehen überall drei Farbgebungen in den Eurythmiefiguren, die eine ist für Bewegung, die andere für das Gefühl — das geht dann in [den] Schleier über — und die dritte für den Charakter, das heißt für dasjenige, wo der Eurythmisierende an einer bestimmten Stelle seines Körpers den Muskel besonders anspannen muss, und das Gefühl dieser Anspannung des Muskels haben muss, der Richtung nach. Das gehört zum Leben des Eurythmischen in der inneren Körperplastik.

Es ist ohnedies von den Studenten gebeten worden, dass bei der pädagogischen Woche zu Ostern die Figuren da sein sollen. Ich werde eine Serie herüberschaffen. Es muss eine solche Serie da sein. Weil es auch wichtig ist für eine mehr psychologische Physiologie, müssten sich mit diesen Figuren die Waldorflehrer überhaupt befassen; für die Erkenntnis des menschlichen Organismus müssten sich die Waldorflehrer damit befassen. Es ist [zugleich] eine Grundlage für allgemeines künstlerisches Empfinden, für eine Erkenntnis des inneren menschlichen Organismus, was man daran lernen kann, an diesen Figuren.

Sodass man sagen muss, der Turnlehrer hat im Wesentlichen zu sein derjenige, dem vorschwebt in geistiger Beziehung Statik und Dynamik des menschlichen Organismus, der ein scharfes Bild davon hat, was es heißt, [das] Bein hochheben, [den] Arm senken, heben, alles im Verhältnis zur Schwerkraft, während der Eurythmist ein starkes Gefühl haben muss: So will der Körper seine Glieder plastisch ausformen. Das ist nicht richtig, wenn man sagt, dass der Turnlehrer wie der Plastiker gegenüber dem Bildwerk steht. Das würde für den Eurythmielehrer gelten. Der Turnlehrer hat die Aufgabe, einen Idealmenschen vor sich zu haben, der aus Linien, Formen und Bewegungsgestaltungen besteht, in den er diesen wirklich verschlamperten, verzerrten, verrenkten Menschen, den er vor sich hat, hineingestalten muss. Sie haben das richtig ausgesprochen, wenn Sie hingewiesen haben, dass die Kinder ihren Körper tragen sollen. Während der Eurythmist danach streben muss, dass der Muskel sich fühlt, dass er sein In-sich-Verdichten als den Charakter der Bewegung fühlt, muss der Turnlehrer fühlen, ob der Mensch das Schwere oder Leichte eines Gliedes richtig empfindet. Das Kind muss, nicht verstandesmäßig, sondern instinktiv, jedes Heben des Armes, jedes Heben des Beines auch schwerkraftmäßig empfinden, muss zum Beispiel eine Empfindung dafür bekommen, wie der Fuß schwer wird, wenn man mit einem Beine steht und ein anderes aufhebt.

Also der Turnlehrer hat den in dynamischer Beziehung idealischen Menschen in seiner Seele und will in diesen Idealmenschen den Menschen, den er vor sich hat, hineinstellen. Natürlich muss dabei das Künstlerische insoferne mitspielen, als man eine menschliche [Statik und] Dynamik nur herausbekommt mit künstlerischem Empfinden. Während das künstlerische Empfinden eine große Rolle spielt bei der eurythmischen Plastik, muss das künstlerische Empfinden beim Turnlehrer vorausgehen den Gestaltungen, die er in Statik und Dynamik hervorruft.

Was die Frage des Atems betrifft, so handelt es sich darum, dass Eurythmie näher dem Atem liegt, während Turnen näher dem Blutprozess liegt. Das für das Turnen Wesentliche ist, dass mit Ausnahme der Beschleunigung des Atems im Verlauf des Turnens, was ein physiologischer Prozess ist, das Turnen im Wesentlichen eigentlich methodisch so gestaltet werden muss, dass der Atmungsprozess nicht davon tangiert wird. Eine Turnübung kann man als unrichtig bezeichnen, wenn sie den Atmungsprozess bei richtiger Körperhaltung beeinträchtigt. Es müssten Turnübungen ausgeschlossen werden, wenn man sehen würde, dass der Atmungsprozess gestört würde bei richtiger Körperhaltung. Aber im Wesentlichen scheint mir, wenn ich alles gesehen habe, was vorhanden ist, dass alle die Atemübungen, die registriert werden in den neuen Turnmethoden, dass die alle im Wesentlichen darauf beruhen, dass man die richtige Körperhaltung hervorrufen will, dass man das Atmen wie eine Reaktion behandelt. Ich habe bemerkt, dass dasjenige, was angegeben ist, im Wesentlichen Herstellung der richtigen Körperhaltung ist, insoferne es sich durch den Atmungsprozess ausdrückt. Das ist das, worauf beim schwedischen Turnen eine große Rücksicht genommen worden ist. Das wären die Bemerkungen, die ich berühren möchte.

Es ist richtig, dass im Turnen der Wille in Betracht kommt, und unmittelbar daher ein instinktives, intuitives Sich-Einleben in den Zusammenhang zwischen Körperbewegung und einer Willensäußerung heim Turnlehrer da sein muss. Er muss das Gefühl haben, so und so hängt eine Bewegung mit dem Willen zusammen. Bei der Eurythmie ist auch eine Willenskultur da, aber auf dem Umwege des inneren Gefühles, auf einem anderen Niveau, wie sich ein Wille durch das Gefühl äußert. Das gerade, was ich als Charakter bezeichnet habe, das ist das Erleben des Gefühles [bei] einem Willensakte. Der Turnlehrer hat es unmittelbar mit dem Willensakt zu tun, der Eurythmielehrer mit dem Erleben des Gefühles beim Willensakte. Überall kann man eine strenge Trennung haben. Darauf wird man sehen müssen, wenn wir den Lehrplan ausarbeiten. Vielleicht wird es sich nicht gleich so machen lassen, dass man gleich höchste Ideale verwirklichen kann. Dann wird man doch auch auf diese beiden Dinge sehen, dass freilich leichter bei Mädchen das Eurythmische ins Turnen hineingeht als bei Knaben. Bei Knaben sind die Dinge [mehr] differenziert. Daher wird es dazu kommen müssen, dass man tatsächlich Knaben und Mädchen im selben Raume turnen lässt, aber doch in verschiedenen Riegen, sodass die Mädchen für sich eine [Riege] bilden, und die Freiübungen eine gegenseitige Beziehung herstellen. Dass man solche Übungen macht, die modifiziert bei den Knaben und Mädchen auftreten, dadurch wird die Freude erhöht.

Nun, ich meine, das wird sich erst ergeben, wenn der Lehrplan im Speziellen [für das Turnen] besprochen werden kann. Das ist auch mit den Lebensaltern verschieden.

Was das Geräteturnen betrifft, so möchte ich die Bemerkung machen, dass die Form der Geräte modifiziert und vervollkommnet werden könnte, dass aber im Allgemeinen, annähernd wenigstens, die gebräuchlichen Geräte nicht so fürchterlich schlecht sind, dass man doch mit ihnen etwas anfangen kann. Ich möchte auch nicht, obwohl ich nicht fanatisch dafür eintreten wollte, dass wir Kletterstangen haben, ich möchte doch die Kletterstangen nicht so schimpfieren.

Derjenige wird auch die Kletterstangen zu schätzen wissen, der beobachtet hat, was die Jungen in den Dörfern davon haben, wenn bei einem Kirchtag ein Waldbaum geholt wird aus dem Wald und aufgestellt wird. Oben ist ein bisschen geblieben von dem Reisig, da ist ein Tüchlein oben und eine Schleckware und ein Flascherl Wein, und nun müssen die Buben sich bemühen, an dem von der Rinde geschälten Baum sich hinaufzuarbeiten. Derjenige ist der Sieger, der dies herunterbringt. Das ist etwas, was mit dem Wirken des Willens auf die Körpernatur sehr stark zusammenwirkt. Das ist etwas, was auf Kletterstangen künstlerisch geübt werden kann. Gewiss, es hat etwas voraus, wenn die Kinder am Strick klettern müssen. Die Stange ist, ich möchte sagen, ein Turngerät von eingeschränkter Bedeutung. Aber so ganz möchte ich nicht die Kletterstangen ausschalten. Barren und Reck, Bock und so weiter, wenn man sie richtig verwendet, so kann man immerhin aus ihnen etwas machen.

Ich bin einverstanden damit, dass man die Übungen gewissermaßen durch Kombinierungen [der Geräte] verrnannigfaltigt, weil dadurch tatsächlich dasjenige mehr in Betracht kommt, was beim Geräteturnen ausgeführt werden muss: die Geistesgegenwart. Was auch zurückwirkt; das macht die Muskeln stark. Sie bekommen so die richtige Stärke und Elastizität. Also ich bin einverstanden, glaube aber doch, dass auch das Reck eine größere Bedeutung noch gewinnt, wenn man auf dieses schnelle und zweckmäßige Beobachten — nicht Beobachten mit den Augen, sondern mit dem Körpergefühle —‚ wenn man auf dieses einen größeren Wert legt. Schon dies eine ist nützlich: Man lässt das Kind sich schwingen, sodass es das Reck erfangen muss. Es muss sich in der Luft halten. Diese Übung nur, um die Richtung anzugeben. Es kann mit den Händen gemacht werden, aber auch mit dem ganzen Arm. Die Bewegung bekommt erst Bedeutung, wenn es mit dem Arm geschieht. Man kann es mit den Händen beginnen lassen.

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Also diese Dinge, die eigentlich dazu führen, dass das Kind das Gerät empfinden muss mit seinem ganzen Körper, die sind etwas, was dazu führt, dass die Geräte sympathischer werden, als sie von Anfang sind. Dann kommt beim Reck in erster Linie in Betracht, dass das Kind lernt, mit den Beinen am Reck zu arbeiten. Dann kann man auch die Übung dadurch kombinieren, dass man es am Reck etwas gehen lässt mit den Beinen, mit den hängenden Beinen.

Das soll nur den Geist und die Richtung angeben. Ich glaube, dass man nicht gerade unbedingt nötig hat, von toten Geräten zu sprechen und von einer bloßen Routine. Das ist so geworden. Es braucht nicht Routine zu sein, wenn man dieses Erleben des Gerätes hervorruft. Am Barren können die Beine in einer ganz wunderbaren Weise verwendet werden.

Nun, was Sie in Bezug auf Spiel und Spart gesagt haben, damit bin ich einverstanden. Da muss unser Turnen zu dem führen, was Sie angedeutet haben.

Bei der nächsten Gelegenheit wollen wir auf den Lehrplan eingehen. Die Temperamente kommen dann bei den Lebensaltern zur Geltung.

EUGEN KOLISKO: Es ergibt sich öfter bei [blutarmen] älteren Schülerinnen, dass sie leicht müde werden.

RUDOLF STEINER: Hier beginnt die Pathologie [und Therapie] des Turnens. Was Sie Turnschmerzen nennen, beruht darauf, dass jener Prozess zwischen Blut und Muskeln bei solchen Kindern dazu führt, dass sich Harnsäurekristalle ablagern, und da handelt es sich darum, dass man diesen ins Anorganische hineingehenden Stoffwechsel be-kämpft, medizinisch oder durch Diät. An sich kann das nur da die Aufgabe sein, wo man sieht, dass das Turnen nicht [bloß] bis zu einem gewissen Grade ermüdet, sondern über den Grad hinaus. Da muss man versuchen, ins Therapeutische hinüberzugehen. Das Turnen zeigt am meisten im Leben, ob ein Kind gesund ist oder nicht. Wenn man prüfen will, ob einer in drei Jahren die Gicht kriegt, so könnte man das so machen, dass man ihn sich anstrengen lässt, und wenn er da zunächst funktionell gichtische Empfindungen zeigt, dann bekommt er in drei Jahren die Gicht. In unserer jetzigen Zeit, wo die Kinder unterernährt sind, weil dieser Prozess zwischen Blut und Muskeln nicht mehr funktioniert, in unserer Zeit werden die Kinder im höchsten Maße sich so zeigen.

Bei dieser Gelegenheit darf ich bitten, dies zu übernehmen. Frau Rieger hat mir eine Spende gegeben. ich habe [mit ihr] besprochen, dass diese Million als der Anfangsfonds verwendet werden möge, dass irgendwie etwas für die Ernährung getan werden kann. Für die Aufbesserung der Gesundheitsverfassung der Kinder möchte ich diese Million gestiftet haben. Es soll ein solcher Fonds gemacht werden, und das soll die Grundlage sein.

HERMANN VON BARAVILLE fragt wegen der Beschäftigung der Kinder beim Rasten auf Ausflügen.

RUDOLF STEINER: Das Spiel ist bei dieser Gelegenheit wohl am Platze. Das Spiel soll man nicht übertreiben, weil es sonst verweichlicht. Das kann man einwenden, wenn man sagt, zum Spielen haben wir keine Zeit. Aber bei dieser Gelegenheit kann es angewendet werden. Dennoch möchte ich sagen, dass es nicht genügt, wenn man bloß vom Spielen spricht. Es handelt sich darum, wenn man eine Rast zu machen hat, dass es darauf ankommt, dass man die Kinder sitzen lässt. Zuerst müssen sie sitzen und essen. Sie müssen sich damit beschäftigen können, jetzt ganz bewusst und mit vollem Appetit sich mit dem Essen beschäftigen. Wenn sie gründlich gegessen haben — man muss dabei versuchen, wenn man so etwas zu führen hat, dass man die Kinder veranlasst, möglichst langsam zu essen, sodass sie lange Zeit damit zubringen, es muss jeder Bissen ausgekostet werden —, dann kann man Spiele machen, wie Sie sie gemacht haben.

Solche Spiele sind nicht deshalb gut, weil man dabei herumkriecht, sondern sie sind dann gut, wenn sie möglichst so gestaltet werden, dass sie die Aufmerksamkeit fördern und Unterhaltung geben. Es muss viel Unterhaltung gegeben werden. Das, was Sie geschildert haben, dabei wird die Unterhaltung herbeigerufen durch die Spannung. Dieses unterhaltende Element, das ist dasjenige, was bei diesen Spielen gemacht werden muss. Dann muss man darauf sehen, dass die Kinder trinken, sodass sie Flüssigkeit in den Körper hineinkriegen, bevor die weitere Tour angetreten wird. Also es schadet nichts, wenn man sie einen Schluck trinken lässt beim Niedersetzen der Rast. Das Essen am Anfang der Rast, das Trinken am Ende, in der Mitte soll es amüsant sein, sodass die Seele beschäftigt wird in Spannung, Lösung, Aufregung, Enttäuschung; da muss das unterhaltliche Element hineinkommen. Dasjenige, was jetzt auftritt, ist langweilig. Sportmäßige Spiele sind nicht anregend. Sie sind eigentlich langweilig. Da muss man sich hüten vor dem Engländertum beim Spielen. Da darf gar nichts hinein. Es müssen gesunde, unterhaltliche Spiele sein.

Nicht wahr, ich will [nicht?] sagen, dass heute noch immer die alten Spiele gut sind, nicht weil sie aus der Tantenzeit herrühren, die müssen ersetzt werden, aber «Blinde-Kuh»-Spiel, oder solche Dinge, die sind das Richtige. Oder: «Schaut euch nicht um, der Plumpsack geht nm!» Wo also nicht wiederum eine Anstrengung da ist, sondern wo Unterhaltung da ist- Wo [das Kind] sich unterhaltend ausruht; zuerst muss es sich gründlich [essend] ausgeruht haben. Ich würde sie systematisch sich hinstrecken lassen. Singen würde ich sie auch lassen. Singen würde ich sie lassen; wenn sie unterhaltend gespielt haben, nachher noch singen lassen, dann trinken [und dann aufbrechen].

HERMANN VON BARAVALLE fragt wegen Marschieren und Singen

RUDOLF STEINER: Diese militärischen, strategischen Dinge, [Kampfspiele], die können dann gesund gestaltet werden, wenn sie artistisch gemacht werden. Es ist ein Unfug, was insbesondere in der Gegend sehr häufig gemacht worden ist, wo ich meine Jugend zugebracht habe. Man hat Sätze erdichtet, die zwei Ersten hat man einen bestimmten Satz heulen lassen. Dann haben diejenigen, die sich weiter weg gestellt haben, nicht mehr die Laute unterscheiden können. Das muss wegbleiben, diese Dinge müssen wegbleiben. Aber wirklich Künstlerisch-Rhythmisches verbinden mit dem Gehen in der Gemeinschaft, mit dem Marschieren, das ist etwas, was richtig ist. Wenn das Künstlerische mit eine Rolle spielen kann, dann kann man auch die Menschen in Gemeinschaft etwas machen lassen, etwas zusammen denken oder dergleichen. Es kommt darauf an, dass die Lausbübereien wegbleiben. Das Indianerspiel [mit Überfällen und so weiter] ist etwas Gesundes, wenn es geistreich gemacht wird. Bei alldem kann man unterscheiden: gesundes Spielen am rechten Ort und Sport. Gesundes Spielen ist: sich [so] beschäftigen, dass man Freude hat in der Bewegung am gesunden Denken und Fühlen. Sport ist das, wo man sich so bewegt, dass man dabei empfindungsfaul werden kann. Die Leute wollen sich [so] beschäftigen, dass sie sich ersparen, ihr Denken in Bewegung zu bringen oder ihr Empfinden. Da wird das Gute, das im Körperlichen noch ist in der englischen Nation, durch den Sportglauben ausgetrieben.

HERMANN VON BARAVALLE fragt wegen Abkochen im Freien.

RUDOLF STEINER: Das ist schon deshalb gut, weil dadurch die Essenszeit verlängert wird, die Zeit, die auf das Essen verwendet wird, Es ist nichts besser; sobald man die Kinder hinausbringt, muss man bei der Rast die Essenszeit [so sehr wie möglich] verlängern. Wenn man ihnen dies so unbequem wie möglich macht, dass sie sich mühen müssen dabei, sieh anstrengen, das ist das Allerbeste.

JOHANNES GEYER: Sollten wir das Baden und Schwimmen von der Schule aus pflegen?

RUDOLF STEINER: Das kann nicht schaden, das kann ganz gut sein. Ich glaube, es wird vor allen Dingen aus zeitlich-technischen Gründen nicht gehen. Man muss alles so arrangieren, wie es möglich ist unter den sozialen Verhältnissen.

FRITZ VON BOTHMER: Könnte man Duschen einrichten?

RUDOLF STEINER: Gut wäre es. Nur kommt da in Betracht, dass solch ein Kind, von dem das bekannt wird, eigentlich etwas Makelhaftes bekommt. Es entsteht das Urteil: Der muss erst gebadet werden. —Das muss berücksichtigt werden, dass dies Odium vermieden werden könnte. Da ist es natürlich immer sehr schwierig, etwas zu machen. Wenn man ein Internat hat, kann man alles Mögliche machen. Es wäre schon wünschenswert. Ich habe noch nicht das Mittel herausgefunden, dieses Odium zu vermeiden. Es sollte darauf gesehen werden, dass die Kinder ordentlich gewaschen in die Schule kommen. Dadurch wird das Odium nicht hervorgerufen, wenn den Kindern gesagt wird, sie müssen gewaschen in die Schule kommen. In einem solchen Falle, da liegt manchmal etwas Pathologisches vor. Es gibt Menschen, die können sich auch durch das Waschen nicht davor behüten, dass sie schmierig aussehen und übel riechen. Ich wäre ganz einverstanden damit, aber es muss herausgefunden werden, wie man es mit der moralischen Seite verbinden kann.

MARIA RÖSCHL: Ich kann nicht fertig werden mit dem Stoff in Religion.

RUDOLF STEINER: Den kann man weiterführen.

MARIA RÖSCHL: Cicero, Vergil, Tacitus. Soll ich [im Lateinischen] Vergil nehmen, den 4. Gesang der Aeneide?

RUDOLF STEINER: Es wäre, wenn [da] eine Anknüpfung gemacht werden kann, sehr gut!

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