Eurythmie als sichtbare Sprache

GA 277d — Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Meine lieben Freunde!

Das Wesen der Eurythmie ist ja vor den verschiedensten Gruppen unserer Freunde wiederholt besprochen worden, zuletzt auch in verschiedenster Art im «Goetheanum» dargestellt worden, und ich habe wohl bei diesen Vorstellungen, die ausschließlich vor unseren Freunden stattfinden, nicht notwendig, über dieses Grundwesen, über die Grundprinzipien, die alle kennen, zu sprechen. Doch möchte ich von einem gewissen Gesichtspunkte aus immer wieder und wiederum die Art charakterisieren, wie sich Eurythmie auf der einen Seite in die künstlerische Entwicklung der Gegenwart hineinstellt und wie ihre Stellung in der Reihe der Künste überhaupt ist. Heute will ich ein paar Worte darüber sprechen, wie ja Eurythmie in der Tat gewissermaßen naturgemäß aus der menschlichen Wesenheit herausgeholt werden muss von einer spirituellen Weltanschauung, die gerade aus den Zeichen der Welt heraus in unserer Gegenwart sich geltend macht.

Wir sehen auf eine andere Kunst, die den Menschen darstellt, auf die Kunst der Plastik, die ihn darstellt in seiner ruhenden Form. Derjenige, der mit einer gewissen Empfindung für Formen und für Bildhaftigkeit an die Plastik herantritt und dann dasjenige, was er empfindet gegenüber Mensch und Menschlichem, sich vorhält durch ein plastisches Kunstwerk, der wird die Empfindung bekommen: Der Mensch wird im plastischen Kunstwerke gerade dann in der besten Weise dargestellt, wenn man das Gefühl hat, dies ist der schweigende Mensch, der durch seine ruhende Form spricht.

Und wir wissen ja, wie im achtzehnten Jahrhundert Lessing eine Schrift geschrieben hat über die Grenze der bildenden Kunst und der redenden Kunst - sie heißt nicht so, aber sie handelt davon -, in der er darstellt, wie auch das Plastische durchaus die Ruhe im Menschen offenbaren soll, das Schweigen des Menschen als eines in den Kosmos hineingestellten Wesens, sodass man eigentlich nur dasjenige plastisch ausdrücken kann, was schweigend sich offenbart am Menschen. Und jedes Mal, wenn man versucht, durch die Plastik den bewegten Menschen auszudrücken, so kommt man eigentlich in eine künstlerische Verirrung hinein.

Nun ist es dem verflossenen Zeitalter — das aber eigentlich schon endete mit der Renaissance — naturgemäß gewesen, bloß diesen ruhenden Menschen plastisch darzustellen. Denn man kann sagen: Dieses Zeitalter, das im alten Griechentum beginnt und in der Renaissance endet, das wendet sich ja vorzugsweise an die Gemütsseele des Menschen. Ich habe das oftmals ausgesprochen: Von den inneren Gliedern der menschlichen Wesenheit - der Empfindungsseele, der Gemütsseele und der Bewusstseinsseele — ist die Gemütsseele, also der ganze Umfang des Menschengemütes, der mittlere Teil, und das Gemüt ist eigentlich erfüllt von dem ruhenden Gefühl, das sich in der ruhenden menschlichen Form auch ausspricht.

[Wir stehen nun in dem Zeitalter], in dem wir vorrücken müssen von dem Gefühlsmomente im Menschen zu den Willenselemente - denn im Grunde genommen ist es das Hinuntersteigen in das Willenselement, das uns heute, wenn wir dieses Hinuntersteigen erkenntnismäßig machen können, dazu bringt, spirituelle Einsichten zu bekommen. Damit aber kommen wir gerade mit unserer spirituellen Anschauung an den bewegten Menschen heran, an den Menschen, der als Ausdruck des Weltenwortes sozusagen nicht gesprochen hat und dann schweigt, um in der Form zu ruhen, sondern wir kommen an den Menschen, der im lebendigen Weben des Weltenwortes drinnen steht und seinen Organismus im Sinne dieses Drinnen-Stehens betätigt. Damit aber kommen wir eben an dasjenige, was sich als Eurythmisches ausleben will. Und man hat, wenn man erfassen will gerade von dem geisteswissenschaftlichen Standpunkte, der der heutigen Zeit angemessen ist, den Menschen, man hat immer das Gefühl, man muss die Form ins Flüssige bringen.

Man sehe sich eine menschliche Hand an: Ihr Schweigen kommt in ihrer ruhenden Form zur Offenbarung. Was hat denn diese ruhende Form für einen Sinn, wenn man den ganzen Menschen betrachtet? Sie hat einen Sinn, wenn man das ruhende Element des Gefühls walten lässt, wie es gewaltet hat von der alten Griechenzeit bis zur Renaissancezeit, Da, muss man sagen, liegt etwas Bedeutsames darinnen, wenn ich die Hand forme zum Hinweisen auf irgendetwas und sie dann ruhend lasse. Aber dann erfassen wir doch nicht dasjenige, was heute notwendig ist, am Menschen zu sehen, den ganzen Menschen in seiner Totalität. Und man kann einfach die menschliche Form, wenn man den ganzen Menschen ansieht, nicht ins Seelenauge fassen, wenn man sich nicht bewusst wird, wie jede einzelne ruhende Form am Menschen nur einen Sinn hat dadurch, dass sie in eine bestimmte Bewegung übergehen kann. Was wäre denn die menschliche Hand, wenn sie nur ruhen müsste? Sie hat schon auch als ruhende die Form, die die Bewegung fordert.

Studiert man also mit innerer Beweglichkeit, wie man es heute in der Geisteswissenschaft tun muss, den Menschen, dann offenbart sich einem überall aus der ruhenden Form die bewegte heraus. Und man möchte sagen: Derjenige, der heute durch ein Museum geht, wo die Plastiken sind, die aus den guten Zeiten des plastischen Schaffens heraus sind, und der diese Plastiken ansieht mit dem Seelenauge der

heutigen spirituellen Erkenntnis, für den steigen diese Plastiken herunter von ihren Podien; sie gehen in den Sälen herum, sie begegnen sich, sie werden überall hin beweglich.

Und Eurythmie - nun, Eurythmie entsteht ja selbstverständlich aus der Plastik. Diese Aufgabe haben wir auch. Es stört heute den in sich beweglichen spirituellen Menschen, wenn er die ruhende griechische Statue längere Zeit ansehen muss. Er muss sich zwingen. Man kann ja das, und man muss es auch, um die griechische Statue natürlich nicht in der eigenen Phantasie zu verderben. Aber daneben besteht überall der Drang, diese ruhende Form in Bewegung zu bringen. Dadurch entsteht jene bewegte Plastik, die die Eurythmie ist. Da ist das Weltenwort das Bewegende. Da schweigt der Mensch nicht mehr, sondern erzählt durch seine Bewegung unendliche Weltengeheimnisse.

Und das ist ja überhaupt so, dass der Mensch durch seine eigene Wesenheit unendliche Weltengeheimnisse erzählt. Man kann noch ein anderes kosmisches Gefühl haben. Für denjenigen, der lebendig auffasst das, was sich zum Beispiel für die kosmische Entwicklung in meiner «Geheimwissenschaft» findet, für den ist es ja von vorherein klar, dass es eigentlich mit der heutigen menschlichen Gestalt so ist, als ob man ein An-sich-Bewegliches hätte vertrocknen lassen, erstarren lassen. Man denke nur zurück an die alte Mondenzeit. Da war der Mensch ganz in Metamorphose begriffen. So eine fest bestimmte Nase, so fest bestimmte Ohren, wie sie der Mensch heute hat, das hat’s ja damals noch nicht gegeben. Dazumal hatten die damals beweglichen Formen erst gefrieren müssen. Derjenige, der sich mit seiner Anschauung in der alten Mondenzeit bewegen kann, dem erscheinen manchmal die gegenwärtigen Menschen wie gefrorene, nicht bewegliche, sich metamorphosierende Wesenheiten. Und dasjenige, was wir mit Eurythmie leisten, indem wir sie zu einer sichtbaren Sprache machen, das ist einfach das, dass wir die eingefrorene Menschengestalt wiederum in Flüssigkeit bringen.

Dazu gehört ein Studium, das wirklich nur künstlerisch sein kann. Alles Nachdenken, das ist auf diesem Gebiete eigentlich von großem Schaden. Künstlerisch muss es sein. Bedenken Sie nur einmal, dass man so eine eurythmische Form, wie sie Sie manchmal hier bei Gedichten, die zum Beispiel wirklich von solcher Tiefe sind der Empfindung und der Gestaltung wie die Steffen’schen, dass eine solche Form eigentlich am besten gefunden wird, wenn man sich, sagen wir zehn oder zwölf Menschen der Gegenwart vorstellt. Sie sind ja alle individuell verschieden in Bezug auf ihre äußere Gestalt. Aber man kann von jedem Menschen, gleichgültig ob er einen runden oder langen Kopf hat, eine spitze oder eine stumpfe Nase hat, man kann von jedem Menschen sagen, wie er sich bei einem Gedichte seinem Ätherleib nach bewegen will.

Und es wäre ja zum Beispiel einmal interessant, so eine Sitzreihe zu nehmen und darzustellen das, wie ein jeder hier Sitzende sich bei einer Gedichtreihe aus seiner Gestalt heraus bewegen würde, wenn das ganz nach der individuellen Eigenart des Menschen gehen würde. Da sitzen zum Beispiel acht Menschen in dieser Reihe - ganz verschiedene Formen würden aus der menschlichen Gestalt dabei herauskommen! Sehr interessant wäre es. Man muss viele Menschen sich anschauen, um sich zu sagen: Wie würde sich der Mensch bewegen bei «Und es wallet und woget und brauset und zischt»? Und dann kommt man darauf, wie die Formen notwendig sind.

Also, Eurythmie ist ganz herausgeboren aus der bewegten Menschengestalt, aber man muss auf den Gesichtspunkt stehen können, dass man, wenn man gefragt wird, warum eine Form für ein Gedicht so und so ist, dass man sagen muss: Ja, es ist halt so. Wenn einem jemand abfordert nach dem Verstande, man solle ihm eine solche Form rechtfertigen, dann wird man unwillig, weil das eigentlich unkünstlerisch ist. Eurythmie ist eben ganz aus dem Gefühl heraus geschaffen und kann auch nur durch das Gefühl verstanden werden.

Gewiss, man muss einiges lernen — Buchstaben muss man lernen und so weiter. Aber schließlich, wenn Sie einen Brief anfangen zu schreiben, so denken Sie ja auch nicht daran, wie ein i oder ein b ist, sondern Sie schreiben, weil Sie das schon können. Und so ist auch dasjenige nicht zu genießen, was der einzelne Eurythmist als ABC lernen muss, sondern dasjenige, was zuletzt daraus wird. Und das ist - so unvollkommen es heute noch ist - eine neu geschaffene, bewegte Plastik. Nur natürlich muss man zur bewegten Plastik ja den Menschen selbst verwenden, da kann man nicht Plastilin oder Marmor verwenden, da muss man den Menschen selbst verwenden.

Damit aber gelangt man in ein Kunstgebiet, das sich zu gleicher Zeit im tiefsten Sinne ebenso berührt mit der Wirklichkeit, wie sich die Plastik entfernt von der Wirklichkeit. Die Plastik gibt dasjenige vom Menschen, was tot ist, was wenigstens im Tode erstarrt ist. Die Eurythmie gibt dasjenige im Menschen, was aus allen Elementen heraus Leben ist. Daher kann man durch Eurythmie fühlen, wie das allgemeine kosmische Leben den Menschen erfasst hat und hineingestellt hat in seine irdische Aufgabe. Vielleicht bei keiner Kunst kann man in einer so intensiven Art das Hineingestelltsein des Menschen in den Kosmos verspüren, empfinden, als bei der eurythmischen Kunst. Deshalb musste diese eurythmische Kunst, weil sie auf das Ätherische im Menschen geht, in einer Zeit auftreten, in der gerade die heutige Geisteswissenschaft gesucht wird. Und sie musste aus dieser heutigen Geisteswissenschaft heraus eigentlich geboren werden.

Einiges andere werde ich mir dann erlauben anzufügen bei der nächsten Eurythmie-Vorstellung.

German original of A1. How Does Eurythmy Stand with Regard to the Artistic Development of the Present Day? · ← Previous