Eurythmy as Visible Speech

GA 279 — 26 June 1924, Dornach

Dritter Vortrag

Eurythmie als sichtbare Sprache

DRITTER VORTRAG

Dornach, 26. Juni 1924

Die erlebte und die geformte Gebärde

Ich möchte zu dem Gestrigen nur noch diejenigen Laute nachtragen, die wir vielleicht noch nicht besprochen haben. Das ist der s-Laut und der z-Laut, die doch eine gewisse selbständige Wesenheit darstellen. Sollte sich das oder jenes noch ergeben im rein Lautlichen, so kann das gelegentlich bei den späteren Besprechungen nachgeholt werden.

Der s-Laut, s - er ist dasjenige, was immer empfunden wurde, als eben ein Empfinden für diese Dinge noch vorhanden war, als etwas ganz besonders tief in das Sprachliche Eingreifendes. Man kann sagen, das Erlebnis des s-Lautes hängt zusammen mit denjenigen Empfindungen, welche man in Urzeiten der Menschheitsentwickelung für das Schlangensymbol oder auch in gewissem Sinne für das Symbol des Merkurstabes gehabt hat - aber nicht für das eigentliche Merkur-symbol, sondern eben für das Symbol des Merkurstabes. Das eigentliche Merkursymbol müssen wir mehr im e-Laute suchen. Dagegen das Symbol des Merkurstabes, das eine so große Rolle spielt in gewissen orientalischen Schriften, wo die s-Bildung, die wir heute noch haben, die ja deutlich an das Schlangensymbol erinnert, wo die s-Bildung sozusagen als Buchstabe zugrunde liegt, diese Empfindung gegenüber dem s, der s-Schwingung, der s-Windung, sie ist eigentlich außerordentlich kompliziert, und sie wird, wenn man sie elementar empfindet, eigentlich darin bestehen, daß man eine gewaltige Beruhigung desjenigen fühlt, was in Unruhe ist, wobei man die Sicherheit empfindet, in das verborgene Wesen von irgend etwas beruhigend einzugreifen.

Das s-Symbolum war eigentlich in den Mysterien immer etwas, worauf, wie auf das ähnliche andere, das z, mit einer Dignität hingewiesen worden ist. Aber wies man hin auf solche Dinge, wie wir sie gestern besprochen haben, zum Beispiel auf das t, Tao, so tat man das mit einer gewissen feierlichen Andacht. Dagegen der Hinweis auf das s war immer verbunden mit etwas - wenn ich mich trivial aus-drücken darf -, mit etwas Furchterregen bei denjenigen, die man auf dieses Symbolum hinwies; etwas Furchterregendes, etwas, wovor man sich hüten soll und das man doch wiederum im Leben nicht entbehren kann. Daher kann ich Ihnen eigentlich nicht gut einfach erzählen, wie in den Mysterien über das s-Symbolum gesprochen wurde, aber ich kann das vielleicht in eine andere Form kleiden.

Sie würden heute manchmal erstaunt sein, wenn Sie sehen könnten unmittelbar, wie wenig sentimental die echten Schüler der alten Mysterien waren. Die echten Schüler der alten Mysterien waren nämlich nicht Menschen, die immer, wie eine unserer Freundinnen - sie war keine Deutsche - einmal über gewisse Anthroposophen sagte: Sie machen ein Gesicht so lang bis ans Bauch. - Diese Stimmung ist nicht eigentlich diejenige, welche die Stimmung der echten Mysterienschüler war. Die hatten Humor und kleideten schon dasjenige, was sie nun trotzdem gut heilig zu halten wußten, auch zuweilen in humoristische Formen. Und so möchte ich sagen: Wenn ein echter Mysterienschüler von einem Nichtmitgliede der Mysterien einmal gefragt wurde, was über das s zu halten ist - man hat natürlich solche Fragen gestellt, denn Neugier war eine Eigenschaft, welche die Menschen schon auch in alten Zeiten hatten -, dann hat der Mysterienschüler wohl etwas humoristisch geantwortet: Ja, weißt du, wenn man das s-Geheimnis kennt, da kann man die verborgenen Eigenschaften der Männerherzen sehen und das Frauenherz erforschen; man kann beruhigen alles dasjenige, was sich in den Herzen verbirgt und kommt in die verborgenen Tiefen hinein. - Das war eine, wie gesagt, sehr exoterische Erklärung, aber sie wies dennoch schon hin auf dasjenige, was in dem s-Laute liegt: ein Beruhigen des Bewegten, wobei man sicher ist, daß durch das angewendete Mittel die Beruhigung eintritt.

Wenn Sie das, was Sie so definieren, in die Gebärde umsetzen, dann bekommen Sie eben den eurythmischen s-Laut Nun haben wir noch den z-Laut, der das z, das z-Gefühl zum Erleben bringen muß. Das z ist eine Gebärde, welche natürlich der c-Gebärde ähnlich ist, nur mit einem Ansatz ist, und ähnlich empfunden werden kann. Sie werden schon finden, daß diese Empfindung in ihm liegt, wenn Sie sich nur ernsthaftig dafür erwärmen. Das z kann empfunden werden als dasjenige, was heiter stimmt dadurch, daß es nicht schwer, sondern leicht genommen werden kann; aber absichtlich eigentlich heiter stimmen will. Das kann natürlich auch ein lebloses Ding sein.

Damit hätten wir den Sinn der einzelnen Laute nun absolviert und wir kämen dazu, diese einzelnen Laute vor unsere Seele hinzustellen. Ich sagte Ihnen ja, das erste wird eine Art Rekapitulation sein, eine solche, die dann als Tradition stehenbleiben kann. Wir kommen nun dazu, die einzelnen Laute eurythmisch noch einmal vor unsere Seele treten zu lassen.

Da handelt es sich darum, daß wir vor allen Dingen eben einsehen, daß dasjenige, was ich als das Wesen der Laute vorgebracht habe, in künstlerischer Weise als Gebärde empfunden wird.

Nun muß man durchaus sich darüber klar sein, der Mensch ist aus denjenigen Elementen des Kosmos heraus gebildet, die ich an den Lauten angeführt habe. Wenn Sie alles das, was wir an den Lauten angeführt haben, nehmen, so bekommen Sie ungefähr - ich möchte sagen wie in naturgesetzlicher Art - jene Triebkräfte, die den Menschen herunterführen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein herein und ihn noch weiterleiten, bis er ein reifer Mensch von etwa fünfunddreißig Jahren ist.

Dieser ganze Weg mit den Kräften, die den Menschen trennen, stoßen, die ihn dahin bringen, daß er das eben ist, was ein tatsächlich ausgewachsener Mensch ist, diese Kräfte liegen in den Gebärden der Laute. Deshalb wurde das Wort, der Laut, als etwas so ganz Besonderes empfunden.

Nun beginnen wir einmal bei demjenigen, was sozusagen am intimsten dem Menschen angehört, wovon man sagte in Griechenland, daß der Mensch es erlebt, wenn er vor den Rätseln des Daseins steht; so daß die Philosophie, die Liebe zur Weisheit allein ausgehen kann von der Verwunderung, von dem Erstaunen. Nehmen wir das und erinnern wir uns daran, meine lieben Freunde, daß die menschliche Art des Verwunderns rein menschlich ist, wirklich schon zu dem ge-hört, was den Menschen über das Tier heraufhebt. Und wenn wir uns wieder fragen: Was ist es am Menschen, was den Menschen über das Tier heraufhebt? - dann müssen wir uns sagen: Es ist die Möglichkeit, gewisse Maße, eigentlich Maßrichtungen, die das Tier in eine strenge Form bringen, in der menschlichen Wesenheit beweglich zu halten, so daß der Mensch als ein Zusammenfluß von Kräften angeschaut werden kann, die sich in ihm eben zusammenfinden. - Der Mensch würde das einförmig empfinden müssen, wenn er seinen Ursprung, über den er selbst erstaunen soll, über den er selbst verwundert sein soll, wenn er seinen Ursprung, so wie wir ihn für die Pflanzen, für das Tier suchen müssen, an einem Punkte des Himmels suchen müßte. Der Mensch kann gerade dasjenige, was ihn an sich selbst in Verwunderung versetzt, nur von verschiedenen Richtungen des Himmels her empfinden. Und das drückt sich dadurch aus, daß wir empfinden, wenn wir uns selbst als Mensch in unserer eigentlichen Wesenheit und Würde erfassen wollen, daß wir uns dann erfassen sollen, als ob die Götter aus dem Umkreise des Weltenalls ihre Kräfte in uns zusammenfiießen lassen.

Stellen wir uns den Umkreis des Weltenalls schematisch vor, so dringen aus dem Umkreise des Weltenalls die Kräfte, sagen wir, nach der Mitte, nach der Erde hin (siehe Zeichnung, Pfeile). Wenn wir uns als «Menschen» nun fühlen auf Erden, dann müssen wir unsere Würde dadurch fühlen, daß wir sie von den verschiedenen Punkten des Weltenalls zusammenfließend erfassen.

Stellen Sie ein a dar. Das a besteht im wesentlichen darinnen, daß Sie eben diese zwei Richtungen mit den Händen und durch die Hände mit den Armen erfassen. Das a besteht also nicht darinnen, daß Sie einen Schwung machen, sondern Sie stellen sich vor, Sie selbst als Mensch sind von zwei verschiedenen Richtungen im Weltenall herein, sagen wir, geschaffen, bestimmt, determiniert, und Sie greifen nach diesen zwei Richtungen hin. In diesem Greifen nach diesen beiden Richtungen llegt das a für sich. Zum a selbst gehört nur dieses. Gleichgültig, wie Sie die Arme halten, aber das a besteht darinnen, daß Sie in diese beiden Richtungen hineingreifen und nun aussteifen Ihr Muskelgefühl so, als ob Sie in diese zwei Richtungen hineinfahren würden. Sie müssen das in den Muskeln fühlen und möglichst sogleich von dem vorhergehenden Laut aus hinein in die Streckbewegung der Arme gehen. Das ist das a für sich.

Also das a lür sich besteht im wesentlichen darinnen, daß man sich gewissermaßen sagt: Du Mensch, du bist aus zwei verschiedenen Punkten des Weltenalls. Du streckst die Arme dahin, um diese zwei Richtungen zu erfassen. Jetzt erfaßt du das, woraus du stammst. Du fühlst, wie diese Kräfte durch deine Arme strömen, wie sie in deiner Brust zusammenströmen. Dann hast du das a.

Das ist dann das eurythmische a. Und in dem Zusammenhang wird das schon von selber so, daß man auch spürt, in dieser Gebärde ist menschlich der Laut a enthalten.

Wir haben vom e gesagt, es bedeute so ungefähr: Mir hat etwas was getan, aber ich halte mich dagegen aufrecht. - Was liegt in diesem Erlebnisse? In diesem Erlebnisse liegt eigentlich das Entgegengesetzte des a-Erlebnisses. Das a-Erlebnis erlebt eben den Menschen aus dem Kosmos heraus. Das e-Erlebnis hat schon etwas hinter sich. Es ist etwas geschehen, und das Nachstadium des Geschehens erlebt man in der Gebärde. Man kann es nur erleben, wenn etwas geschehen ist, wenn man etwas spürt. Man spürt etwas in der Gebärde, wenn ein Teil des menschlichen Organismus mit dem andern in Zusammenhang gebracht wird.

Nun kann das nicht auf viele Arten gemacht werden, weil zum Beispiel der Mensch kein Elefant ist, er also seine Nase nicht so beweglich machen kann, daß er die Backe mit der Nasenspitze berührt. Könnte er es, so wäre zunächst damit die e-Gebärde in ganz ausgezeichneter Art gegeben. Aber das kann man eben nicht. Und so kann die e-Gebärde nur so gemacht werden, wie sie in unserer Eurythmie auftritt, und bedeutet dann zugleich, indem ein Glied des Menschen das andere berührt, die Berührung ausdrückt, das Sich-Aufrechterhalten gegen das Geschehen. Das Berühren ist die Nachahmung, daß einem etwas geschehen ist; das Halten in der Kreuzes-form ist dann das Sich-Aufrechterhalten. Es liegt der eine Arm auf dem andern; es kann auch der eine Finger auf dem andern liegen; es kann auch, wenn jemand in der Lage ist, dies zu tun, die eine Augen-richtung die andere kreuzen. Jede Gebärde, die also ganz wirklich diese Empfindung des Berührtwerdens des einen Teiles des Organismus von dem andern spürt, die drückt diese e-Empfindung aus, wobei, wenn die Gebärde stehenbleibt, eben die Gebärde im Sich-Halten gegenüber dem, was einem getan worden ist, das volle Erlebnis zur Anschauung bringt. Bedenken Sie nur, was da für ein großer Unterschied ist zwischen dem a-Erlebnis in der Gebärde und dem e-Erlebnis in der Gebärde.

Das a-Erlebnis in der Gebärde setzt voraus, daß Sie in Ihrem Bewußtsein die Muskelstreckung erfassen; Sie müssen also den gestreckten Muskel erfassen. Das e-Erlebnis setzt voraus, daß Sie das Ruhen des einen Armes auf dem andern erfassen, daß Sie also hier an dieser Stelle (Kreuzung) das hauptsächliche Erlebnis haben.

Also nicht das Strecken der Muskeln ist beim e-Erlebnis die Hauptsache, sondern das Ruhen des einen Armes auf dem andern, oder das Andrücken. Man kann das e auch so machen, daß nian das rechte Bein über das linke stellt und andrückt, dann spüren Sie die e-Bewegung, das e-Erlebnis.

Es ist ja nun so, daß man innerhalb unserer heutigen Zivilisation den Eindruck haben kann, daß die Welt immer den Menschen etwas getan hat, denn sie sitzen meistens mit gekreuzten Beinen und machen auf diese Weise fortwährend die e-Bewegung! Also darinnen liegt eigentlich der Ausdruck dessen, daß die weitaus meisten Menschen glauben, die Welt hat ihnen etwas getan und sie müssen sich dagegen aufrechterhalten. So ist gebärdenhaft-künstlerisch aufgefaßt die Sache.

Wenn wir nun zur o-Bewegung übergehen, zur o-Gebärde übergehen, fühlen Sie nur, welche Welt des Erlebens in dem o-Laute liegt! Das a ist reine Verwunderung, reines Erstaunen. Das 0 ist ein verständnisvolles Sich-Stellen gegen dasjenige, was schon auch zunächst Erstaunen hervorruft, denn Erstaunen ruft alles hervor, was wir auffassen, wenn wir rechte Menschen sind; aber das o bringt uns schon in ein intimeres Verhältnis zu demjenigen, was wir auffassen. So daß das 0 im wesentlichen gebärdenhaft wird, wenn nicht nur der Mensch sich empfindet, sondern von sich ausgehend ein anderes Ding empfindet, oder ein anderes Wesen empfindet, das er umfassen will.

Nun können Sie am reinsten sich das vorstellen, wenn Sie, sagen wir, Liebe zu einem Wesen haben und dieses Wesen mit den Armen umfassen; dann bekommen Sie die naturgemäße Gebärde der o-Bewegung heraus, die halbkreisförmig gebogenen Arme, die das andere umfassen und welche die o-Bewegung, die o-Gebärde darstellen.

Und so haben wir in der Darstellung des a etwas Empfangendes. Man greift hinein in dasjenige, was den Menschen aus dem Weltenall heraus zeugt. In dem e haben wir die Andeutung des Erlebnisses selbst. Der Mensch erlebt an der Welt etwas. In dem o haben wir diejenige Gebärde, wo die Welt etwas durch den Menschen erlebt, indem der Mensch etwas anderes von der Welt erfaßt. Sie müssen versuchen, die o-Gebärde so zu machen, daß Sie sich schon vom Anfange an gegen das Ende in die Rundung hineinlegen, ganz schmiegsam, vom Anfange an die Arme runden. Das ist die o-Bewegung in Wirklichkeit! Ganz vom Anfange an gleich in die Rundung hineingehend.

Nun haben wir denjenigen Laut, der noch mehr an den Menschen herankommt als das e, der sozusagen ganz und gar Selbstbehauptung des Menschen darstellt, das ist das i. Es ist die reinste Selbstbehauptung. Und ich habe öfter aufmerksam darauf gemacht, daß in der gebildeten Umgangssprache wir das «Ich» haben. Da haben wir die Selbstbehauptung in dem i zunächst und fügen hinzu einen Hauch, wodurch wir andeuten, wir sind ein in Atem Bestehendes. Aber so weit sind gewisse Dialektmenschen nicht. Die fußen auf der reinen

Selbstbehauptung. Daher sagt man zum Beispiel in meiner Heimat nicht ich, sondern i. Da würde es niemandem einfallen, zu sagen: Ich haue dich durch - ja, weil man das so sehr häufig mit dem Ich-Begriff verbindet, so fallt mir das ein; in meiner Heimat ist das so, daß das zu den alltäglichen Dingen gehört -, da sagt man nicht: Ich haue dich durch-, sondern: l hau di durch! - Die reine Selbstbehauptung. Diese reine Selbstbehauptung, die empfindet man nun. Nicht wahr, beim a gehen wir zentripetal aus zwei verschiedenen Seiten herein, beim i gehen wir vom Zentrum nach auswärts und fühlen nun nicht, wie wenn wir etwas ergreifen würden, sondern wir fühlen das Strecken, wir fühlen den Zug von uns ausgehend, vom Herzen hinaus durch den Arm und durch die beiden Arme, oder durch die Beine, oder auch durch die Sehrichtung, mit der kann man es auch machen, das 1, durch die Augenrichtung, indem man mit Bewußtsein hinschaut mit einem Auge und das andere passiv sein läßt; dadurch entsteht deutlich das i.

Es muß im i nichts a-haftes darinnen sein, sondern die beiden Arme müssen sich so ausnehmen, daß sie die Verlängerung voneinander werden. Aber es genügt ein Arm auch. Im wesentlichen aber ist festzuhalten, daß man das Strecken beim i empfindet, wähtenddem man beim a das Greifen zu fühlen hat, damit die richtige innere Betonung in dem Laute liegt, den man macht.

Wenn diese Dinge hineinkommen in die Laute, so wie in dem Ton-lichen das hineinkommen soll, was ich im Kursus über die Toneurythmie vor kurzem hier gesagt habe, dann wird die Sache erst wirklich künstlerisch. Sie müssen also nicht so sehr darauf sehen, daß nur die Form nachgeahmt wird, sondern daß die Form innerlich erlebt wird, also daß Sie an dem a das Erfassen von etwas, was einem entgegenkommt, für die zwei Arme fühlen, beim i das Ausstrecken von ihnen empfinden.

Dann haben wir das u> von dem wir schon gesprochen haben. Das ist nicht Selbstbehauptung, das ist im Gegenteil: sich klein fühlen, sich erkältet, versteift fühlen, ein Sich-Zurückziehen, ein Sich-an-sich-Halten. Während also beim e punktuell die Berührung des einen Gliedes an dem andern gefühlt wird, soll beim u das Zurückhaltende gefühlt werden.

Am besten ist das u gemacht, wenn man die Arme möglichst aneinanderlegt, aber es kann auch in der Andeutung bestehen, daß man nur das Zusammenfügen eben andeutet. Ein u ist es zum Beispiel auch, wenn man sich hinstellt und die Beine aneinanderdrückt. Und wir haben ja schon gesehen, daß man solche Sachen auch nach rückwärts machen kann.

Den ei-Laut kann man am besten empfinden - es wird Ihnen ganz klar sein, was ich schon gestern gesagt habe -, wenn man die Liebkosungsempfindung für ein ganz kleines Kind nimmt: ei-ei> also streichelnd ei-ei macht. Es ist durchaus eine Art von Intimwerden mit einer Sache durch das Gefühl. Machen Sie uns ein schönes e-i. Halten Sie den Körper ganz; bewegen Sie den Körper gar nicht dabei, sondern halten Sie ihn ganz. Nicht wahr, darinnen spüren Sie zugleich, daß in dieser Gebärde durchaus das Intimwerden mit einer Sache liegt, aber Sie spüren zu gleicher Zeit, daß unsere Schreibweise, wie wir das ei zusammensetzen aus dem e-i, natürlich nicht etwa in dem e-iLaut drinnen liegt, sondern der ei-Laut muß als etwas durchaus Einheitliches empfunden werden. Wir kommen dem ei nahe, wenn wir e und i nebeneinanderfügen, aber eigentlich liegt das ei zwischen dem e und i mitten drinnen, und es ist eigentlich ein unorganischer Zusammenhang. Über feinere Nuancen wird dann noch gesprochen werden.

Nun aber gehen wir über zu dem Konsonantischen. Versuchen wir das Konsonantische nun auch in der Gebärde zu empfinden. Da sagte ich Ihnen, das b ist alles dasjenige, was umhüllt, was um eine Sache ist, Schutzgebärde. Natürlich ist das so ohne weiteres in der Gebärde nicht ausgedrückt, das muß eben erlebt werden als Nachahmung, als Imitation. (b wird vorgemacht.) Jetzt stehen wir mit diesem in der eigentlichen b-Gebärde. Halten wir sie fest (siehe Zeichnung).

So stehen wir in der eigentlichen b-Gebärde und empfinden in der eigentlichen b-Gebärde dasjenige, was gerade in dieser Haltung des einen und des andern Armes liegt. Wenn Sie erleben, was da drinnen liegt, so werden Sie sich sagen: Stelle ich mir vor, ich habe irgend etwas, was ich erfassen will, sagen wir, ein kleines Kind, das ich vor mir habe irgendwie, das sitzt irgendwo, ich will es erfassen. Ich werde es am besten erfassen können, wenn ich es so erfasse, schützend es in diese Gebärde hereinnehme (b-Gebärde). Daher, was werden Sie denn hier fühlen müssen, wenn Sie in der richtigen Weise das Erlebnis haben? Sie werden wirklich fühlen müssen, daß Sie - hier - etwas halten (im Hohlraum). Es wäre also am besten - wenn ich diese pädagogische Notiz hier einfügen dürfte -, es wäre am besten, wenn man das b in der Kleinklnder-Eurythmie den Kindern beibringen will, daß man irgend etwas formt und das Kind etwas umfassen läßt und dem kleinen Kinde begreiflich macht, du solist deine Arme als schützende Umfassung an diesem Wesen oder Gegenstande empfinden, also ausgefüllt denken dasjenige, worinnen zuletzt die b-Gebärde endet.

Das alles gehört dazu; nicht bloß abstrakt diese Formen nachzumachen, sondern diese entsprechenden Empfindungen zu haben; das gehört zu der Sache dazu.

Nun sagte ich Ihnen gestern, ein interessanter Laut ist der c-Laut. Er nimmt gewissermaßen ins Geistige herein das Materielle und hebt es auf, das Leichtsein andeutend - so sagte ich Ihnen gestern -, an-deutend, daß etwas leicht ist, daß ein Materielles durch das Geistige überwunden werden kann, in die Höhe gehoben werden kann. Im Grunde genommen wird das c am meisten dann erlebt, wenn das Kind vom Kriechen aus das Stehen lernt, die aufrechte Haltung lernt. Da möchte man eigentlich immer dieses wunderbare Erlebnis - denn es ist ja ein wunderbares Erlebnis - mit dem Laute c-c-c verfolgen. Man kommt so nahe diesem Aufstehen des Kindes von der kriechenden in die aufrechte Stellung! c-c-c: dieses Leichtwerden, das Heben des Materiellen durch das Geistige drückt sich darinnen so schön aus! Fühlen Sie, daß das darinnenliegt: es ist etwas leicht, es wird Materie durch das Geistige gehoben! Sie empfinden am besten das c, wenn Sie sich vorstellen, daß auf irgendeine unerklärliche Weise da etwas liegt an der entsprechenden Fläche Ihrer Arme, und während Sie die cGebärde machen, bringen Sie das zum Flug hinauf. Wenn Sie spüren, wie da etwas, was auf der einen Fläche Ihrer Arme liegt, hinaufifiegt durch Ihre c-Bewegung, dann haben Sie ungetähr dasjenige, was die c-Bewegung erleben läßt.

Ich gehe deshalb anfangs langsamer vor mit diesen Dingen, damit Sie hineinkommen in dieses Erleben. Denn das Erleben, das ist es, was ich eben auch vermißt habe an unserem Eurythmisieren.

Das d, sagte ich Ihnen, ist ein Nach-unten-Weisen oder überhaupt Irgendwohin-Weisen: d. Setzt man noch das a dazu - daß man über dasjenige erstaunt, verwundert sein kann, auf das man eben weist -, so hat man: da. - Denken Sie einmal, wir wollten das Wesen des orientalischen Erziehers ausdrücken. Der orientalische Erzieher ist etwas ganz anderes als der europäische Erzieher, namentlich der ältere orientalische Erzieher. Beim europäischen Erzieher hat man eigentlich heute immer das Gefühl, der legt alles darauf an, einem die Würmer aus der Nase zu ziehen, oder meinetwillen auch einen mit dem Nudeiwalker durchzuwalken oder so irgend etwas. Er tut so viel an einem selber. Man redet ja auch heute davon, obwohl das meistens Wischiwaschi ist, was man redet, daß man da «entwickelt» werden soll. Wenn viel über Erziehung geredet wird nämlich von den heutigen Pädagogen, dann hat man schon das Gefühl, man sei ein Zwirnslmäuerl - so sagt man in Österreich - und man wird auseinander-gerollt. Man fühlt sich überhaupt ganz zerfetzt, wenn von Erziehung heute die Rede ist. Man wird durchgewalkt, angefüllt, kurz, alles mögliche geschieht mit einem, wenn man erzogen wird. Der europäische Erzieher fühlt, daß er den Menschen zu etwas ganz anderem machen muß, als er eigentlich ist. Wenn man das alles könnte und alles ausführen würde, wovon die Erziehungskunst heute vielfach redet, so wäre der Mensch, der da herauskäme, ein sonderbares Wesen! Der orientalische Mensch fühlt nicht so gegenüber dem Erzieher, sondern der orientalische Mensch fühlt, daß der Erzieher de4enige ist, der einen auf alle Dinge hinweist, der einen immer aufmerksam macht:

Das ist das, das ist das, das ist das. - Der läßt einen ungeschoren, weil der Orientale annimmt, daß man sich aus sich entwickelt, daß man ungeschoren bleiben kann; nur hingewiesen wird man auf alles. Daher ist der orientalische Erzieher derjenige, der eigentlich in alledem, was er tut, immer «da» sagt, da, da: der Dada. So heißt er auch. Der Dada ist der orientalische Erzieher. Er ist derjenige, der einem alle Dinge zeigt: Da, da!

Nun, in einer gewissen Art der modernen Zivilisation, die sich -ja, wie soll man sagen - invers zum Darwinismus entwickelt, da will die Menschheit, nachdem sie glücklich beim Menschen vom Affen her angekommen ist, wieder zurück zum Affen, invers zum Darwinismus, da will man wiederum zurück zum Ursprünglichen. Daher gibt es auch einen Dadaismus. Ich bekam in Berlin vor Jahren einmal einen Brief, worinnen sich irgend jemand unterschrieb als «Der Oberdada»! Es ist das ein Wiederzurückgehen, ein Prinzip der Imitation, wie es eben gefunden wird durch den inversen Darwinismus, durch das Zurückgehen zum Affen. Nicht wahr, man ahmt nach. Und so ahmt man den Orientalismus in seiner Primitivitat nach, indem man den Dadaismus in Europa begründet.

Aber nun liegt in dem Wort «Dada» tatsächlich diese Deutegebärde ausgedrückt, dieses Aufmerksammachen auf etwas, dieses Hinweisende. Machen Sie uns ein d vor: Münden Sie ganz in das Wesentliche des d-Lautes ein! - Worinnen liegt das Wesentliche des d-Lautes? In der Deutebewegung. Sie müssen also das Gefühl haben: da ist etwas, da ist auch etwas, d, in dem Sie zuletzt landen. Daher müssen Sie schon die d-Bewegung so ausführen, daß man gewissermaßen ein Zusammenstimmen einer um einen kleinen Moment früheren und einer um einen kleinen Moment späteren Landung des Armes an einer bestimmten Lage hat, aber rasch hintereinander, daß der eine nur nachgezogen wird. Es kann von links und rechts geschehen.

Es ist schon notwendig, daß wir diese Dinge für sich herausheben, und fühlen sollen Sie tatsächlich das Hindeuten; aber vorher gewöhnen Sie sich an, um den d-Laut rein herauszukriegen, die Deute-bewegung hineinzukriegen; also so die Hände zu halten dabei (mit dem Finger deutend).

Ich habe Ihnen gestern gesagt, daß das f eigentlich die Isis ist. f: das Bewußtsein von dem Durchdrungensein mit der Weisheit. Wenn man das eigene Wesen zuerst in sich empfindet, und dann es in dem Aushauchen, in dem Ausatmen erlebt: f, dann hat man das f Man erlebt die Weisheit seiner selbst, gewissermaßen den eigenen Ätherleib im Aushauchen. Das muß nun auch in der Gebärde drinnen-sitzen, die das f darstellt. Machen Sie uns das f vor! Es ist genau die Gebärde, die auch liegt in der ausgeatmeten Luft beim f-sagen. Machen Sie nur in Absätzen dasf dann spüren Sie das, was hier beim f angedeutet wird. Deuten Sie an, daß eine Art zweimaliger Ansatz da ist, aber nur nicht so schnell, sondern sanfter. Das ist das f In dem f haben wir sehr genau drinnen die Nachahmung dieses so vielsagenden bewußten Aushauchens.

Nun sagte ich Ihnen, daß wir in dem l etwas haben, was eigentlich formt und wo man das Formen auf der Zunge fühlt: l-l-l. Ich habe Ihnen, um das klarzumachen, dieses Wort «Leim» angegeben: das Anschmiegsame des Leimes, das Formende des Leimes, das nachahmend Formende oder formende Nachahmen also des l; das, was als ein besonderer Zauberlaut angesehen wurde in den Mysterien, denn wenn man etwas formt, so bringt man es in seine Gewalt. Und gerade dieses In-seine-Gewalt-Bringen war der Aspekt, in dem die Mysterien die dämonische Kraft des l gesehen haben. Das muß nun in die Gebärde des l hineingelegt werden. Wenn damit noch das verbunden wird, daß Sie fühlen, wie wenn Ihre Arme biegsam würden dabei, die Arme in sich biegsam würden; wenn Sie also fühlen, es geht mit den Armen so etwas Ähnliches vor sich wie mit der Zunge, wenn Sie das l machen, l-l - dann haben Sie das richtige Erlebnis des 4 und Sie werden finden, das l hat schon in dieser Gebärde etwas durchaus Faszinierendes.

Dann haben wir das m. Ich habe schon gestern gesagt, das m ist das Verstehen, das verständige Eingehen auf eine Sache. Ich sagte Ihnen, in meiner Heimat hat man, wenn man jemandem zuhört und bekräftigen will, daß man ihn verstanden hat, gesagt: «mhn»; hn -das werden wir noch besprechen -, das ist die Freude oder die Befriedigung darüber, daß man verstanden hat, und man fühlt schon ganz, als ob der andere einen überhaupt ganz aufgefressen hätte im Verstehen, wenn er «mhn» sagt. Dabei das Verstehen der Welt, das so grandios angedeutet wird in der heiligen Silbe der Inder: «aum», m. Also so, daß Sie ergreifen: zuerst kommt das Ergreifen, dann kommen Sie hinein in das andere, und dann verstehen Sie es. Sie bleiben stehen, so daß Sie die selbstverständliche Erfassung der Gebärde dann ausdrücken, in dem Ende der Gebärde eben das Verstehen ausdrücken (ein bißchen nach vorne die Arme).

Sehr schön wäre das, wenn das auch Elefanten beigebracht würde; die könnten das so schön machen, im Strecken dann den Rüssel vorne drehen, dann wäre das das vollkommenste m. Wenn man das machen könnte auf diese Weise, dann würde man das schönste m haben. Ich sage das alles, damit die Sache erlebt wird.

Sie können es auch noch dadurch erleben, daß man immer ein unangenehmes Gefühl hat, wenn einem jemand mit einer Adlernase entgegentritt. Sie werden bemerken, daß die Adlernase dadurch entsteht, daß diese m-Gebärden auf eine unbewußte Weise ausgeführt werden. Die Nase wird in ein m gebracht. Menschen mit einer Adlernase gegen-über fühlt man sich immer geniert, weil man das Gefühl hat, die verstehen einen so durch und durch - und das ist etwas unangenehm, das Gefühl, wie einen die Menschen durch und durch verstehen -, weil die Adlernase eben die festgehaltene, die gefrorene m-Gebärde ist. Derjenige aber, der die m-Gebärde erlebt im Verstehen, der ist doch wenigstens dann, selbst wenn es in der Form einem entgegentritt, daß er eine Adlernase hat und einem also schon die Eurythmie des m in seiner Nase entgegenbringt, so, daß er uns nicht gleich bestürzt. Eher fühlen wir uns geniert.

Aber es gibt ein anderes Verstehen, ein Verstehen, das ein abweisendes Verstehen ist, ein Verstehen, wobei man sich leise ironisch gleich verhält, wobei man auffaßt das andere, aber zugleich bemerklich macht: Was ist denn das alles! Das ist ja selbstverständlich! n l Kommt man nach Berlin, dann wird man gleich darauf aufmerksam gemacht. Man fühlt unangenehm, daß einem da was geschehen ist, aber man versteht die Geschichte! Man weist es auch gleich zurück:

Ne! - Nun, was sagt schließlich der Berliner viel anderes als «ne», wenn er einen genau kennt! Viel anderes sagt er nicht. Dieses weltverachtende Verhalten des Menschen gegenüber etwas, von dem er als selbstverständlich empfindet, daß er es versteht, ist anzudeuten.

Man empfindet, wenn man diese Gebärde hat, sogleich: Da ist nicht viel dahinter, das habe ich inne. - Aber das müssen Sie auch empfinden. Stellen Sie sich immer zunächst vor, um zu einer richtigen n-Gebärde zu kommen, Sie haben einen Dummen vor sich, der Ihnen alles mögliche mit großer Emphase sagt, und Sie wollen ihm begreiflich machen, daß er Ihnen zu dumm ist, daß Sie die Sache bald verstehen und schnell darüber hinweggehen wollen. Das ist das Erlebnis.

Nun sagte ich Ihnen, das r ist dasjenige, was sich dreht, was Rad schlägt, wobei man alles dasjenige, was nicht rund ist, aber zur Rundung kommt, zum Ausdruck bringt, wobei man immer auch das Gefühl hat: das ist schwer nachzuahmen - denn eigentlich wäre ja die naturalistische Gebärde für das r> wenn man Rad schlägt. Aber so kann es doch nicht gemacht werden. Machen Sie uns ein r vor! Das ist schon ein sehr angestrengtes r. Das war die eine Art. (Das r wird von einem andern Eurythmisten ausgeführt.) Das ist die andere Art. Das sind also die verschiedenen Arten, es sehr schön zu machen: das Sich-Drehende, das Radschlagende, das in dem Atem auch liegt, der ja auch in der Tat rollt, wenn das r gesprochen wird.

Das sind also die Dinge, von denen ich meine, daß sie Ihnen zunächst eine vorläufige Darstellung einmal gegeben haben, wie die erlebte Gebärde durch die Eurythmie in die wirklich geformte Gebärde übergehen kann.

German original of The Gestures: How They are Formed and Experienced · ← Previous · Next →