Eurythmy as Visible Speech
GA 279 — 27 June 1924, Dornach
Vierter Vortrag
Eurythmie als sichtbare Sprache
VIERTER VORTRAG
Dornach, 27.Juni 1924
Die einzelnen Laute und ihre Zusammenhänge
Nun, meine lieben Freunde, ich denke, wir sind gestern bis zur Darstellung des r gekommen, und ich habe bereits flir den Rest der Laute, die wir darzustellen haben, das innere Wesen vor Ihnen entwickelt.
Es handelt sich vor allen Dingen zunächst darum, daß wir den s-Laut begreifen. Der s-Laut - das wurde gestern schon ausgefihrt -war immer eine außerordentlich wichtige Sache auch für das Mysterien-wesen. Und zwar wurde in ihm tatsächlich etwas Zauberhaftes gesehen. Denn er kann empfunden werden als dasjenige, was in einer sicheren Weise - so daß man überzeugt sein kann davon - etwas beruhigt, beruhigt dadurch, daß man mit dem Impuls des s-Lautes in das Innerste eines Wesens eindringt.
Daher sagte ich Ihnen, daß, wenn in alten Mysterien irgendein Schüler war, der von einem Außenstehenden gefragt worden ist, was er durch den s-Laut gelernt habe, so antwortete er, wie das so üblich war, in humoristischer Weise und sagte: Wer den s-Laut beherrschen kann, der kann hineinsehen in die Seele der Männer und in das Herz der Frauen. - Bei beiden muß man, wenn man hineinsehen will, bekanntlich etwas beruhigen. Und diese Verrichtung des Beruhigens, die führte natürlich gerade zu dem humoristischen Gebrauch eines solchen Satzes.
Wenn nun im f-Laute empfunden wird: Weisheit in mir, ich aus Weisheit gebildet, Weisheit in mir lebend, ich atme sie aus, sie ist da -dann wird im s-Laut etwas empfunden, wohinter eine leise Furcht steckt, etwas, wovor man sich hüten soll. Daher wird in denjenigen Schriften, wo, wie ich Jhnen gesagt habe, das s> die Schiangerlinie, zugrunde liegt verschiedenen Buchstaben, auch schon die Schrift als etwas Unheimliches empfunden, als etwas, mit dem man in verborgene Tiefen hineinleuchtet. Und heute - wenigstens wenn ich das Heute als den historischen Zeitpunkt nehme - ist es noch immer denjenigen
Völkern, die nicht an den Schriftgebrauch gewöhnt sind - es gibt ja nur noch wenige -, etwas Unheimliches, Schriftzeichen zu sehen. Als die Europäer, diese «besseren Menschen» der Zivilisation, zu den nordamerikanischen Indianern kamen, und die nordamerikanischen Indianer manches als unangenehm empfunden haben bei diesen «besseren Menschen», war das unangenehme Empfinden auch gegenüber den Schriftzeichen da, und sie haben schon begreiflich gemacht, daß diese Blaßgesichter oder Bleichgesichter, wie sie sie nannten, diese unheimlichen Bleichgesichter, auch noch so «kleine Dämonen» auf das Papier hinzaubern. Und das wurde bei gewissen noch vorhandenen Indianerstämmen auch noch im 19. Jahrhundert durchaus so gehalten.
Nun denken Sie aber an diese beiden Buchstaben, an diese beiden Laute, an dasf und an das s. Die müssen in der Eurythmie so gestaltet werden, daß man einen gewaltigen Unterschied zwischen ihnen sehen kann. Wenn das f gemacht wird, muß es ausdrücken das ruhige Beherrschen desjenigen, was da in die Welt hineingezaubert wird. Mit Ruhe wird das hineingezaubert. Sie müssen nur bei der Ausgestaltung dann die Hände etwas gegen den Arm beugen, aber aktiv beugen, nicht hängen lassen, sondern so, wie wenn Sie etwas schützend bedecken würden.
Jetzt s; sehen Sie sich an, wie eigentlich hier etwas mit Beherrschung abgelenkt wird im s-Laute. (Es wird ausgeführt.) Empfinden Sie dieses als mit Beherrschung abgelenkt. Namentlich liegt es in der Beziehung, die entsteht im Bewegen; in der Beziehung zwischen den beiden Armen.
Jetzt gehen wir zu dem sch über. Kaum wird es jemand verkennen können: sch, dieses Wegblasende, Vorüberblasende. Ich habe es Ihnen ganz begreiflich gemacht, indem ich Ihnen die Empfindung von husch-husch hervorgerufen habe. Das Windlüftchen weht vorüber und geht weg: husch-husch.
Aber überali, wo Sie Worte haben, in denen noch das Inte4ektiv steckt, die Interjektion steckt, werden Sie wahrnehmen, wie das sch dieses Hinwegbiasende ist. Da gibt es Worte, die in dieser Beziehung außerordentlich charakteristisch sind.
Nun wollen Sie bitte berücksichtigen, daß das eine tiefe Bedeutung hat, wovon ich Ihnen in diesen Tagen gesprochen habe, daß die Verschiedenheit der Wortbenennungen, der Dingbenennungen durch Worte in den verschiedenen Sprachen davon herrührt, daß die verschiedenen Sprachen Verschiedenartiges bezeichnen. Also, wenn wir, sagte ich, im Deutschen sagen « Kopf», so deutet das eben auf die Form hin, auf die Plastik des Kopfes; wenn im Italienischen « testa» gesagt wird, so deuten wir hin auf das, was mit dem Kopfe geschieht, das Bekräftigende. Also das ist in beiden Sprachen etwas Verschiedenes. Dasselbe, was im Deutschen Kopf heißt, würde auch im Italienischen Kopf heißen, sagte ich, wenn man im Italienischen dasselbe bezeichnen wollte.
Die Sprachen sind in dieser Beziehung voneinander sehr verschieden. Wenn wir die deutsche Sprache nehmen, so ist die deutsche Sprache eigentlich eine plastische Sprache. Der Genius der deutschen Sprache ist eigentlich ein Bildhauer. Das darf man nicht übersehen. Das ist das ungemein Charakteristische: der deutsche Sprachgenius ist ein Bildhauer. Der Sprachgenius der romanischen Sprachen hat etwas von einem Advokaten, von einem Juristen, der behauptet, bekräftigt, testiert.
Das ist gar nicht eine Kritik, sondern es soll nur eine Charakteristik sein. Und so hat jede Sprache das Temperament und den Charakter ihres Sprachgenius. Das geht so weit, daß man zum Beispiel, wenn man Ungarisch oder Magyarisch oder auch Finnisch hört, unbedingt das Gefühl hat, daß eigentlich etwas fehlt. Man kann nicht Magyarisch hören, ohne daß man das Gefühl hat, daß etwas fehit nach jedem dritten Worte. Nach jedem dritten Worte sollte eigentlich ein Hirsch totgeschossen werden, wenn Ungarisch oder Magyarisch gesprochen wird, weil der Sprachgenius der ungarischen Sprache ein Jäger ist. Alle Worte, die nicht aus der Betätigung der Jagd entnommen sind in dem Magyarischen, sind eigentlich Lehnworte. Das Magyarische hat ja ungeheuer viel aufgenommen, und wenn man nach Budapest kommt, findet man gleich an den Namen in den Straßen zum Beispiel solche merkwürdigen Worte: « Kavehäz» - aus dem deutschen « Kaffeehaus». Das sind natürlich magyarische Worte, die nicht so sind, wie ich es charakterisiert habe; die magyarische Sprache als solche hat ungeheuer viele Lehnworte. Aber wenn Sie die magyarische Sprache hören, dann hat sie etwas Jägerhaftes, etwas Jagdhaftes. Das ist nichts Schlimmes, nicht wahr; Ackerbauwesen, Jagdwesen und Hirtenwesen sind ja überhaupt die Elemente, von denen das ganze Menschenwesen ausgegangen ist. Es lebt eben noch etwas Urkräftiges in so etwas wie der magyarischen Sprache. Und der Genius der magyarischen Sprache ist schon ein Jäger, meinetwillen können Sie auch sagen eine Jägerin, die Diana, wenn Sie wollen -nur kommt eben dabei in Betracht, daß Götter nicht in einer so ausgedehnten Weise geschlechtsbegabt sind.
So können wir sagen: Wir haben gerade in der deutschen Sprache die Plastik, das Gestalten. Das ist da ganz besonders drin ausgesprochen. - Daher finden wir da noch viele Interjektivworte, die ungemein charakteristisch sind, denn es braucht nicht einmal eine Schlange zu sein; wenn unter dem Laub eine Maus sich befindet und nicht ruhig ist, so ist etwas Hinrollendes gewissermaßen da, und es ist unheimlich, man verwundert sich: r-a - nun bläst es weg - sch. Es bleibt nicht bei der Verwunderung: es tut einem etwas, aber man hält das aus: e. Nun schmiegt es sich an, was in dieser Weise geht, schmiegt sich an, geht so durch und durcb, schmiegt sich an; wo ein Hohlraum ist, kriecht es durch, tiefer, höher: l. Und wenn es aus ist, da hat man es begriffen: n> «rascheln». Da haben Sie die ganze Plastik von « rascheln».
Und so können Sie gerade - das ist merkwürdig in der deutschen Sprache - ungemein viel finden von demjenigen, was nun wirklich der Plastik der Sprache entspricht, also einer plastischen Sprache entspricht. Daher wird es vielleicht schon nicht ohne Bedeutung sein, daß gerade am leichtesten Eurythmie innerhalb der deutschen Sprache entstehen konnte, weil Eurythmie eben die bewegte Plastik ist, und aus der deutschen Sprache heraus am leichtesten die bewegte Plastik heute noch gebildet werden kann. Ursprünglich hatten alle Sprachen eine bewegte Plastik. Gewiß, viele haben etwas stark Musikalisches, wie es zum Beispiel im Magyarischen der Fall ist. Musikalisches hat die deutsche Sprache nicht viel, dafür aber um so mehr Plastik. Und gerade darin, in diesem «rascheln», können Sie, ebenso wie in dem «husch-husch», das Wegblasende, das Verblasende, Verwehende des sch haben.
Der hebräische Mensch des Altertums hat das Wehen Jahves im Winde in dem sch empfunden: sch. Das liegt natürlich auch in dem, was nun entsteht als Plastik des sch-Lautes. Das Tempo dabei muß sehr schnell gemacht werden, dann ist es ein ordentliches Rascheln, und Sie fühlen darin durchaus dasjenige, was Sie in dem Worte haben. Man hört förmlich rascheln; das ist wirklich so.
Nun sprach ich Ihnen auch gestern davon, wie der Laut z aufzufassen ist. Ich sagte, es ist in dem Erlebnis des z etwas, wo etwas Leichtes herankommt. Und in diesem Hinweisen, in diesem Her-stammen aus der Leichtigkeit, aus etwas, was leicht ist: z, liegt die Plastik, das Erlebnis des z. Wir werden daher das z, wenn wir es uns anschauen, so sehen, als ob jemand vor sich ein Kind hat, das eben einen neuen Gegenstand, den man ihm gekauft hat, verloren hat, das ungeheuer unglücklich ist darüber und weint und das man, statt daß man es bestraft, beruhigen will. Sagen wir also, es steht vor dem Kind nicht etwa die Mutter oder der Vater, sondern die Tante oder die Großmutter und versucht also, sich in tantiger oder großmütterlicher Weise zu dem Kinde, das eben «etwas ausgefressen» hat, zu verhalten. Die Gebärde, besonders mit der rechten Hand: Kindchen, laß gehen. - Es ist ganz gut, wenn Sie diese, ich möchte sagen, kleinen Geschlchten dabei ins Auge fassen. Sie müssen das z besonders im Arm fühlen, nicht im Handgelenk, sondern beim Heruntergehen des Armes.
Nun, mit diesem haben wir im wesentlichen die einzelnen Laute als solche betrachtet. Nun handelt es sich darum, daß wir uns aber in der richtigen Weise hineinfinden in die Darstellung von Zusammenhängen. Und da möchte ich, um allmählich auch hineinzukommen in die andern Gebiete, von Zeit zu Zeit entsprechende Bemerkungen machen; ich werde immer an entsprechenden Orten vom Künstlerischen heraus ins Pädagogisch-Eurythmische und ins HeilmäßigEurythmische verweisen. Wenn ich also da übergehe zum PädagogischEurythmischen, so sehen Sie gewissermaßen aus dem Wesen der
Laute, die wir eben jetzt durchgenommen haben, hervorspringen das Pädagogische, indem Sie ganz offenkundig es haben, daß zunächst benützt werden müssen möglichst noch Empfindung-haltende Worte, um es zuerst darzustellen. So daß man wirklich in ein Empfindung-halten bei der Sache hineinkommt, und dadurch können Sie dasjenige hervorrufen, was doch empfunden werden sollte, daß Eurythmie eine Sprache ist, eine Sprache, die man durchaus verstehen kann, wenn man sich nur einer unbefangenen Empfindung hingibt. Wenn Sie es möglichst deutlich, ganz dezidiert machen, haben Sie zum Beispiel gerade,in dem Wort «rascheln» alles drinnen; nur müssen Sie sich immer wiederum vorstellen, daß nicht bloß der objektive Vorgang, sondern auch die Empfindung drinnen ist. Ich werde an einer Stelle sagen, was da drinnen ist, wenn es daran kommt beim Eurythmisieren, dann werden Sie schon empfinden, wie alles drinnen ist (das Wort wird eurythmisiert): die Nase zum Beispiel zwischen sch und e, die an das Rascheln sich wendet!
Also Sie sehen, wenn man das Subjektive der Empfindungen dazu-nimmt, so haben Sie in dem Eurythmischen alles drinnen.
Nehmen wir einmal ein anderes Wort, das charakteristisch wirken kann. Nicht wahr, ich habe Ihnen gesagt, daß wir in dem c etwas haben - und stärker ist das noch beim k der Fall -, in dem k haben wir drinnen ein Die-Materie-Beherrschen vom Geiste aus. Nehmen Sie an, Sie haben einen Schreihals vor sich, also denken Sie sich, Sie haben eine richtige Range vor sich, die Ihnen sehr als Materie vorkommt und Ihnen etwas bange macht. Sie können nicht gut aufkommen gegen ihn, aber möchten dennoch, trotzdem Sie sich versteifen gegen sein Verhalten, ihn wegblasen, und jetzt sagen Sie zu ihm, aber eurythmisch: Kusch. - Sie haben überall die Möglichkeit, diese Dinge zu empfinden: die Abwendung, das Sich-in-sich-Verkrampfen gegenüber dem, dem man «kusch» sagt, aber auch das ihn Beherrschen. Machen Sie es so, daß man das sch am Ende deutlich sieht. Sie sehen, die Beruhigung im «kusch» liegt schon darin, daß man es wegblasen will.
Nun, wenn Sie pädagogisch vorgehen wollen, so müssen Sie schon versuchen, diejenigen Worte zu wählen, in denen man eben durchaus noch empfinden kann die Plastik der Gestaltung auf der einen Seite und das innere Leben, das man dabei entwickelt, auf der andern Seite.
Nun sind ja diese Laute die einzelnen Elementarbestandteile des Eurythmischen. Daraus sind dann die Worte zusammenzusetzen. Wenn Sie hintereinander in irgendeinem Wort, sagen wir in dem Wort «rascheln» oder in irgendeinem andern Worte, wenn Sie hintereinander einfach verstandesmäßig diese Elementarbestandteile, diese Laute zusammensetzen, so wird daraus kein Wort. Es ist schon so, daß das Wort viel mehr ein Ganzes ist, als man denkt. Und wäre das Wort nicht ein Ganzes, so hätte es gar nicht so kommen können, daß wir solche verschrumpelten Sprachwesen geworden sind, wie wir eben sind. Wenn wir lesen, so lesen wir gar nicht ganz deutlich die einzelnen Laute, sondern wir gleiten über das Wort hinweg und lassen die Laute nur leise antönen, so daß also immer der eine Laut in den andern sich hineinlebt, der eine Laut in den andern auch schon in der gewöhnlichen Sprache übergeht. Und man muß daher ein besonderes Augenmerk nicht nur richten auf die Darstellung des einzelnen Lautes, sondern vor allen Dingen auf die Darstellung des Überganges von dem einen Laute zu dem andern. Erst dadurch kann die Darstellung eines Wortes schön werden, daß von einem Laute zu dem andern ein naturgemäßer Übergang geschaffen wird.
Und so wird es notwendig sein, daß man die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise wendet, wie ein Laut aus dem andern wirklich hervorgeht. Man sollte das Hervorgehen des einen Lautes aus dem andern probieren. Man sollte zum Beispiel charakteristische Worte nehmen, die ofrmals vorkommen, die man nötig hätte, eigentlich als Ganzes zu empfinden, weil man sie nicht mehr in ihre Elementar-bestandteile zerlegt. Nehmen wir zum Beispiel ein solches Wort wie «und», einfach das «und», und versuchen Sie einmal jetzt recht mit einem fortlaufenden, kontinuierlichen Schwung das darzustellen und versuchen Sie nun, bevor Sie eigentlich das u fertigmachen, schon das n zu beginnen. Das kann man nämlich in der Eurythmie außerordentlich gut machen. Ehe man mit dem u fertig ist, läßt man es ins n übergehen: u-n und jetzt gleich übergehen ins d: «und».
Nun können Sie an der Eurythmie studieren, wie das Innere der Intentionen des Sprachgenius beschaffen ist. Ich habe Ihnen gesagt, das d ist die Deutebewegung. Das kommt in der Eurythmie zustande. Wie ist dann also das Ende von «und»? Es ist das d> die Deute-bewegung. Was will denn überhaupt das «und» da, wo es steht? Sagen wir zum Beispiel: Sonne und Mond. Die Sonne hat man; von der Sonne aus deutet man auf den Mond. So daß Sie gerade diese ursprünglichen Gesten, die in der Sprache liegen, wiederum herausbekommen durch die Eurythmie. Das muß Empfindung werden
Nehmen Sie von diesem Gesichtspunkte aus ein Wort, das auch im Deutschen seine Plastik längst verloren hat, das sie aber einstmals im höchsten Maße hatte. Wenn ich sage einstmals, so bedeutet das nicht vor Jahrhunderten, sondern es bedeutet vor gar nicht zu langer Zeit. Es hatte eine Plastik. Gewiß, das Wort in der Form, wie es heute vorhanden ist, ist verhälmismaßig neu; aber wie es heraufgekommen ist aus dem Dialekt, da hatte es diese Plastik. Und es hat diese Plastik als Dialektwort noch heute. Wie gesagt, wir dürfrn uns da nicht durch eine allerdings selbstverständlich ganz berechtigte Philologie stören lassen in der Empfindung dieser Dinge. Nehmen wir im Deutschen dieses Wort «Mensch». Jetzt stellen wir es eurythmisch dar und verkürzen ein bißchen das sch> so daß es als kurzes auftritt: Mensch. Nun, da haben wir deutlich das Wegblasende am Ende.
Wie kann einen denn diese Darstellung des Menschen eigentlich berühren? Sie berührt einen so, daß das Vorüberziehende, Vorübergehende des Menschenlebens drinnen liegt: der Mensch, ein vergängliches Wesen; der Mensch in weiter übertragener Bedeutung: ein unbedeutendes Wesen. Das sagt uns diese eurythmische Gebärde, die im Ganzen «Mensch» gibt.
Nun gibt es aber ein Dialektwort «Mensch», das bedeutet eine recht unbedeutende Dirne - nicht im schlimmen Sinne Dirne, sondern eine recht unbedeutende Frauensperson: «Das Mensch.» Da haben Sie das Unbedeutende sehr stark drinnerliegen, und es gleitet dann gleich die tragische Empfindung, die man gegenüber «der Mensch» hat, in die verächtliche Bedeutung ein wenig herüber, wenn man «das Mensch» sagt. Daher der Witz, nicht wahr, wie schändlich übertragen worden ist ein schönes Klassikerwort: «Nehmt alles nur in aliem» - das von einer Frau gesagt wird -, «sie ist ein Mensch gewesen.»
So haben wir die Möglichkeit, gerade in der eurythmisch-plastisch gestenhaften, gebärdenhaften Darstellung tief den Sinn zu empfinden, das Wesen zu empfinden, das in den Worten liegt.
Wir müssen nur uns aber klar sein darüber, wie das Eurythmische notwendig macht im aus Lauten bestehenden Worte zu dem inneren Wesen dessen, worauf sich das Wort bezieht, wiederum überzugehen. Sie können, wenn Sie die Darstellung scheinbar desselben nebeneinander sehen, doch den Charakter in der Eurythmie, den Charakter des Unterschiedenen in der Eurythmie wahrnehmen. (,)urch eine Eurythmistin wird «Kopf», durch eine andere «testa» eurythmisch dargestellt.) Nun sehen Sie, bei Kopf, da haben Sie das Gefühl, sie will etwas Rundes machen, sie will bildhauern. Bei testa, die will doch unbedingt recht haben! Sie nehmen es also in seinem tiefsten Charakter wahr, was irgendein Wortwesen zum Ausdruck bringen will.
Das muß aber auch eingehalten werden. Dann werden Sie sehen, in welch intim grandioser Weise, eurythmisch ausgedrückt, der Charakter der verschiedenen Sprachen unmittelbar vor das Auge hintritt. Sie können überall den Charakter der verschledenen Sprachen vor das Auge hintretend fühlen.
Nehmen wir, um das zu veranschaulichen, einige Zeilen eines deutschen Gedichts:
Es stand in alten Zeiten ein Schloß, so hoch und hehr.
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.
Wir machen es möglichst langsam, mit allen Lauten, so daß der Charakter dabei zum Vorschein kommt. (Folgt die Ausführung sowie anschließend ein französisches und ein englisches Gedicht.) Diejenigen, die in Ilkley gewesen sind, werden sich erinnern, daß ich davon gesprochen habe, daß man der englischen Sprache ansieht, daß sie mit dem wogenden Meere zu tun hat. Dieses die Wogen Beherrschen, was so stark im Charakter der englischen Sprache liegt, Sie sehen es in der Eurythmie am allerdeutlichsten zum Vorschein kommen. (Folgte die Eurythmisierung eines ungarischen Gedichts.)
Im Magyarischen liegt das, was dadurch zum Ausdruck kommt, daß man sich als Magyare nicht denken kann anders als fest in die Welt hineingestellt; und eben das durch Wald und Forst Streifende, das können Sie in dieser Darstellung (des Magyarischen) wahrnehmen.
Das Russische nun ist eine Sprache, die bloß andeutend ist, die nur anklingen läßt eigentlich das innere Wesen des Wortes. Es ist eine Sprache, die noch nicht erreicht hat das Wesen der Sache, sondern noch verfolgt die Spuren nach dem Wesen, überall nach Zukunft weist.
Und jetzt möchte ich noch, daß Sie zwei Dinge vergleichen, woran Sie sehen werden, wie stark der Charakter zum Vorschein kommt. Man muß es empfinden. Man lernt sich sonst nicht in die Eurythmie hineinfinden. Es kann nicht dasjenige, was in die Eurythmie hineinführen soll, nur ein theoretisches, intellektuelles Hineinführen sein, sondern es muß ein Hineinführen in die Empfindung der Sache sein. Also vergleichen Sie jetzt einmal das Eurythmisieren eines russischen Gedichtes mit dem eines französischen Gedichtes. Versuchen Sie zu empfinden, wie verschleden das ist. (Es folgte hier zuerst die Darstellung des russischen Gedichtes.) Nicht wahr, Sie sehen, wie beim Russischen die Spur des Wortwesens verfolgt wird, und versuchen Sie einmal wahrzunehmen, wie nun bei dem andern, bei dem französischen Gedicht, vorne vor dem Wortwesen hinweggetänzelt wird (Dar-stellung des französischen Gedichtes). Das ist also durchaus vor dem Wortwesen. Sie sehen, die beiden Charaktere verhalten sich wirklich wie Tag und Nacht, wie die zwei entgegengesetzten Pole.
Wenn Sie das alles bedenken, was da so klar zutage tritt, so werden Sie sich sagen müssen: Eurythmie ist ganz darauf hln veranlagt, das Wesen, das verkörpert ist in der Sprache und überhaupt im Charakter der Sprache, ganz klar zum Ausdruck zu bringen. Sie kann daher dasjenige besonders ausdrücken, was hinter der Sprache liegt. Und das muß auch zum Ausdrucke kommen, was hinter der Sprache liegt.
Gehen wir dabei von etwas ganz Bestimmtem aus. Wir unterscheiden, wenn wir so sprechen, abstrakte Worte, Worte, die auf Abstraktes deuten, und Worte, die auf Konkretes deuten. Es handelt sich darum, daß bei Worten, die auf etwas Abstraktes deuten, die
Empfindung ganz anders läuft als bei den konkreten Worten. Wenn man eine unbefangene, lebhafte Empfindung hat, wenn man kein Frosch oder kein Fisch ist und ohne Frosch oder Fisch zu sein dem Sprechen zuhört, dann hat man bei dem Hören einer Abstraktion das Gefühl eines Ausgehöhltseins, eines Leerwerdens. Man wird so gletscherig im Inneren, wenn man Abstraktionen hört. Nicht wahr, dafür muß man sich Empfindungen anerziehen. Man sollte zum Beispiel schon die Empfindungen entwickeln für solche Dinge, die allerdings, wenn man sie ausspricht, paradox klingen. Aber derjenige, der künstlerisch sich hineihleben will in die Sprache und damit in die Eurythmie, der muß eben solche Empfindungen bilden können.
Man liest Kant - Sie sind ja alle gebildete Leute und Sie wissen, nicht wahr, wenn Sie auch nicht selber Kant gelesen haben, wie sich das ausnehmen muß, wenn man Kant liest (Heiterkeit). Ja, warum mutet Sie das so humoristisch an? Sie denken, das kann man nicht? Ich werde es Ihnen gleich beweisen, daß man das ganz adäquat tun kann. Es ist nur so unangenehm, den Kant zu lesen in der Stadt oder im Lesesaal oder Auditorium. Da paßt er nicht recht herein. Aber versuchen Sie nur einmal, wenn es recht kalt ist, auf dem Mont Blanc den Kant zu lesen. Da werden Sie gleich sehen, wie adäquat das ist. Nicht wahr, wenn Sie Kant anfangen, ist es abstrakt, wenn Sie Kant enden, ist es abstrakt. Wenn Sie ihn tatsächlich in der eisigen Atmosphäre lesen, da paßt er so vorzüglich dazu, da paßt er, wenn Sie so etwas denken können, da paßt das Gefühl durchaus zu dem Abstrakten.
Das Konkrete muß man nicht auf dem Mont Blanc lesen, sondern das muß man lesen oder sprechen beim warmen Ofen. Das höhlt einen nicht aus, sondern das füllt einen an.
Und nun versuchen Sie einmal in einem Zusammenhang, in dem etwas abstrakt aufgefaßt werden muß, die Abstraktion auch wirklich anzudeuten. Stellen wir zunächst einmal ein abstraktes Wort hin. Es ist das natürlich zunächst alles relativ, denn was für den einen abstrakt ist, kann für den andern sehr konkret sein. Aber stellen wir einmal etwas sehr Abstraktes hin, und deuten Sie uns die Gebärde an, das heißt die Bewegung der Abstraktion überhaupt. Nehmen wir an, es käme zum Beispiel irgendwo in einem Zusammenhange das Wort
«Dreieck» vor, und Sie wollten seine Abstraktion andeuten. Sie müßten das so machen, daß, wenn hier hinten, hler vorne ist (siehe Schema), diese Bewegung herauskäme (die Bewegung wird im Raum abgeschritten). Sie unterziehen sich der unangenehmen Aufgabe des Aushöhlens; Sie bilden gewissermaßen das Vordere eines Fasses -wenn ich mich drastisch ausdrücken will -, wobei Sie den Wein nicht vor sich, sondern hinter sich haben, wobei Sie ihn zudecken. Das Vordere eines Fasses macht die Abstraktion.
Machen Sie nun das Konkrete, sagen wir zum Beispiel «Frosch» oder «Fisch», irgend etwas, alles ist ja konkret, was gesehen werden kann. Nun, das Wesentliche des Konkreten ist diese Bewegung (siehe Schema). Wenn Sie diese Bewegung machen, so können Sie sich vorstellen, daß Sie den Wein vor sich haben. Sie nehmen ihn in Ihren Schutz auf. Sie fühlen sich als dasjenige, was das Anfüllende durch Sie darstellt.
Und nun sagen wir, Sie wollen eine Bejahung und eine Verneinung ausdrücken, Sie wollen eurythmisieren und zunächst das Bejahende stark ausdrücken.
Ein Sohn verläßt das Elternhaus. Sie beteuern, indem er es verläßt, daß er wiederkommen werde. Du wirst mir wiederkommen! -, sagt der Vater. Machen Sie einmal: Du wirst mir wiederkommen. - Und drücken Sie die Bejahung darinnen deutlich aus. In was haben wir die
Bejahung ausgedrückt? In dem Schreiten. Dieses Schreiten nach vorne (in der Richtung nach rechts) drückt die Bejahung aus, gewissermaßen in der Bewegung ein i - Behauptung - hinstellen. Also die Bejahung: das Schreiten von rückwärts nach vorn.
Verneinen - nehmen wir an, jemand will einem Kinde etwas verbieten, was es getan hat: Das wirst du mir nicht wieder tun. - Wollen Sie, daß die Verneinung stark ausgedrückt wird, so haben Sie das ausgedrückt in dem Rückwärtsschreiten (in der Richtung nach links). Das sind solche einfachsten Dinge.
So kann man übergehen von einem Offenbaren des Wesens, das in dem einzelnen Worte liegt, ich möchte sagen zu der inneren Logik, die in der Sprache liegt. Und dann kommt in der Tat noch mehr der Charakter heraus. Wenn man auf die einzelnen Laute hinschaut, dann kommt mehr, wenn man ein Gedicht in irgendeiner Sprache eurythmisiert, der Charakter der Sprache heraus; wenn man auf der andern Seite auf Dinge, die wir jetzt hintereinander kennenlernen werden, übergeht, auf diese Logik, die sich ausdrückt durch die Sprache, dann kommt mehr der Charakter des Volkes zum Ausdruck.
Und nehmen wir den Übergang zur Sprachlogik, sagen wir der Verwunderung. Wenn irgendwo ein Zusammenhang vorkommt, der eine Verwunderung ausdrückt, da machen Sie die Gebärde der Verwunderung (a-Gebärde) und müssen diese verschmelzen mit den andern Lauten, so daß also beides darinnen sein wird. Das gibt nun schon das große Studium, das Studium, wie bekommt man den Lautzusammenhang mit diesem Charakterisieren des sprachlogischen Geflihisinhaltes: Ach, wie schön! - Also setzen Sie die beiden Dinge zusammen, dasjenige, was Sie als Gebärde der Verwunderung gemacht haben und den Lautzusammenhang: Ach, wie schön! -, so daß beides darinnenliegt. Es ließe sich denken, daß je nach dem Gefühisinhalt auch die andern Vokale bestimmend und färbend in ganze Laut-zusammenhänge hineinverschmolzen werden können.
Es muß durchaus die Gebärde für die Verwunderung verbunden werden mit dem einzelnen Laute; das Verwundern muß in der Bildung der Laute mit drinnen liegen.
Nun, wir werden ähnliche Bewegungen morgen dann analysieren.