Eurythmy as Visible Speech
GA 279 — 30 June 1924, Dornach
Fünfter Vortrag
Eurythmie als sichtbare Sprache
FÜNFTER VORTRAG
Dornach, 30.Juni 1924
Der Stimmungsgehalt der Seele bei einer Dichtung
Wir wollen zunächst einmal in der Betrachtung fortfahren, die wir begonnen haben. Wir sind ausgegangen von der Betrachtung des Stimmungsinhaltes der Laute zu der Betrachtung von allgemeineren Charakteren des Gesprochenen. Damit geht man dann über von dem bloß Lautlichen zu dem Logischen oder Gefühlsmäßigen des Gesprochenen.
Nun wollen wir heute einmal einiges von dem, was über das Lautliche hinaus den Stimmungsgehalt der Seele bei einer Dichtung gibt, besprechen. Da haben wir zunächst einmal - wir werden das mehr Allgemeine dann zusammenfassend sagen -, da haben wir aber zunächst einmal etwas, das gewissermaßen zur Nuancierung, zur Schattierung desjenigen dienen kann, was durch das Wort, also durch die Organisation des Lautlichen, zustande kommt. Wir können nämlich etwas aussprechen und durch die Betonung beim Aussprechen dann zur Darstellung bringen, was unser Gemütszustand bei dem Ausgesprochenen ist. Nicht wahr, es kommt sehr auf die Betonung an, und in der Schrift bezeichnet man dasjenige, was in der Betonung liegt, durch solche Dinge, wie Fragezeichen, Ausrufezeichen und dergleichen.
Daß in der Betonung viel liegt, das können Sie an folgendem einfachem Beispiele ersehen. Ich glaube, es war in Szegedin in Ungarn, da war einmal eine Schauspieltruppe, welche Schillers «Räuber» aufführte, und zwar in einer Scheune, die angrenzte an einen Ochsenstall. Und der Schauspieler kannte den Text nicht gut, konnte auch den Souffleur nicht verstehen, vielleicht war auch das Souffleurbuch falsch geschrieben, jedenfalls war die Geschichte etwas primitiv. Und die Primitivität steigerte sich noch, als vor dem Publikum ein wirklicher Disput entstand. Der Disput entstand dadurch, daß in einem bestimmten Momente durch die Wand ein Ochse durchbrach und in den Bühnenraum hineinschaute, so daß also die Hörner des Ochsen und die Schnauze in den Bühnenraum hineinschauten. Nun sagte der Schauspieler, der etwas erschrocken war, indem er hinguckte: «Seid Ihr auch wohl mein Vater?» Das korrigierte der Souffleur und sagte:
« Soll er vielleicht sagen: Seid Ihr auch woh4 mein Vater?» Das war wiederum dem Regisseur nicht recht, und er korrigierte: «Da muß man sagen: Seid Ihr auch wohl mein Vater?»
Also Sie sehen, es kommt einfach auf die Betonung an. Und da wir alles ausdrücken müssen in der Eurythmie, was der Sprache zugrunde liegt, so müssen wir auch die Möglichkeit haben, so etwas, was man sonst in der Betonung bringt, und in der Schrift etwa durch ein Fragezeichen oder durch ein Rufzeichen zum Ausdrucke bringt, so müssen wir auch die Möglichkeit haben, das zum Ausdrucke zu bringen. Und zu diesem Zwecke haben wir eine Gebärde, der man anfühlen kann, sie hat etwas von dem, was in dem Verlauf des Lautlichen das Ausrufs- oder das Fragezeichen bedeutet. Und dies würde dann in der folgenden Weise darzustellen sein.
Der Eurythmisierende legt den rechten Arm in diese Lage (siehe Zeichnung Seite 106), den linken Arm in diese Lage, und bringt dabei die Hand in diese Gestaltung (etwas nach innen gedreht, Finger locker gehalten). Das wäre also dann an geeigneter Stelle anzubringen. Über die Farben werde ich später sprechen. Nun wird es sich natürlich darum handeln, daß der Eurythmisierende immer in der entsprechenden Weise herausfindet, wo er eine solche Gebärde im Zusammen-hange anzubringen hat. Selbstverständlich muß die Sache zunächst einstudiert sein, das heißt, es muß genau stipuliert sein, wo der Rezitierende einen Einschnitt, eine kleine Pause in seiner Rede macht, und dann muß man deutlich sehen, es geht der Eurythmisierende über aus der Bewegung, die sonst im Satze liegt, zum relativ und dann vollkommen Ruhigen, sodaß er wirklich an der Stelle, wo er diese Gebärde macht, einen Einschnitt absolviert. Wenn ich also zum Beispiel sage:
Wie schön scheint doch heute die Sonne!
Freuen wir uns ihrer.
Da handelt es sich darum, diesen Ausruf in der entsprechenden Weise eurythmisch zur Darstellung zu bringen. Wir werden also an der
Stelle, wo das Ausrufungszeichen steht, mit der Bewegung, die sonst im Gange ist, innehalten, diese Gebärde in aller Ruhe hinstellen und dann weitergehen zur Darstellung. Da haben wir die Möglichkeit, stark zu artikulieren innerhalb des Textes.
Besonders fein würde die Sache sein, wenn Sie hineinbringen könnten zum Beispiel in solch ein Gedicht wie den «Zauberlehrling», wo tatsächlich Ausrufe da sind, diese Bewegung, denn die würde sich drinnen ausnehmen als das, was man im echt künstlerischen Sinne Humor nennen kann. Zum Beispiel die Stelle: «In die Ecke, Besen, Besen, seid's gewesen!» Also nach diesem «seid's gewesen» das Rufzeichen machen. Dann die nächste Zeile: « Denn als Geister...!» Beim Hexenmeister selber wäre es nicht schön, denn der ist eine würdige Wesenheit, aber wenn Sie - also der Lehrling - seine Sache begleiten würden mit der entsprechenden Gebärde, so wäre das sehr gut. Ebenso nach « brav getroffen», und « und ich atme frei!».
Nun, eine weitere Gemütsbewegung, die wir zum Ausdrucke bringen können, das ist die der Heiterkeit. Diese Gemütsbewegung der Heiterkeit, sie besteht darinnen, daß Sie versuchen, bei einem Stehen, das auf den Fußspitzen ist, die entsprechende Gebärde zu machen. Also Sie müssen sich, wenn die Heiterkeit herankommt, in die Stellung auf die Fußspitzen begeben; dann können Sie, wenn das Ihr Kopf ist (siehe Zeichnung), den Armen diese Stellung geben und die Finger möglichst spreizen. Das würde dann die Bewegung der Heiterkeit sein.
Wenn Sie dann noch das Spreizen dadurch verstärken, daß Sie es beweglich machen (die Finger bewegen), dann wird die Heiterkeit ganz besonders gut zum Ausdrucke kommen. Das wirkt dann wie Lachen und gerade diese Heiterkeits-Lachgebärde ist außerordentlich anmutig.
Nehmen wir den Satz: Er stieg aufs Podium und bevor er den Vortrag begann, setzte sich eine Fliege auf seine Nase! - Alle waren bestürzt. - (Nach «Nase» die Gebärde machen.) Sie sehen, selbst Sie, die Sie schon innerhalb der Sache sind, sind in die naturgemäße Heiterkeit verfallen. Und diese Heiterkeit drückt sich durch die entsprechende Gebärde, wie mir scheint, ganz gut aus.
An sehr vielen Stellen, wo Menschen reden, namentlich im Dramatischen, wenn Sie etwas dramatisch eurythmisieren, werden Sie zu einer Gebärde kommen, die außerordentlich vielsprechend sein kann. Denken Sie sich den Oberarm nach unten gestreckt, hinaufweisend (mit dem Zeigefinger), und den linken Arm ganz in die Seite gestemmt, denken Sie sich diese Gebärde. Und jetzt denken Sie sich, daß einer sagt: Das hätte ich viel klüger gemacht als du. - Dann wird man das eurythmisieren: Das hätte ich viel klüger gemacht als du -mit dieser Gebärde, die also so ist: hier stark einhaken (links) und hier hinaufweisen (rechts). Das ist die Gebärde von Verflucht gescheit.
Also Rufzeichen oder Ausrufungszeichen, Heiterkeit und die Gebärde von «Verflucht gescheit» haben wir hier in diesen Eurythmiefiguren.
Nun haben Sie hier (bei der nächsten Figur) etwas, was Sie zu gleicher Zeit so ansehen müssen, daß Sie gerade diese Gebärde fein studieren, die darinnen besteht, daß man die obere Hand in diese Haltung bringt (siehe Zeichnung) und den Zeigefinger nach oben bewegt, denn diese Gebärde hat immer das Eigentümliche, daß sie auf die Einsicht eigentlich hinweist. Wo diese Gebärde irgendwie auftritt, weist sie eigentlich auf Einsicht, dann, wenn man nicht zeigt, sondern wenn man den gestreckten Finger hält. So daß die Gebärde des Gescheiten auch in die ernste Gebärde der Erkenntnis übergeht.
Wenn Sie also den rechten Unterarm aufwärtsbewegen und den linken Arm so halten, daß Sie dasjenige, was vorzugsweise bei der Erkenntnis in Anspruch genommen werden muß, rhythmischer Mensch und Kopf, daß Sie das von dem unteren Menschen abschneiden, die Hand tragend hier unter dem Ellenbogen, diese andere Gebärde hinauf machen (siehe Zeichnung), so haben Sie die Gebärde der Erkenntnis. Diese Gebärde der Erkenntnis, sie kann im Grunde genommen viel angebracht werden. Denn jeder Wortlaut, der darauf hindeutet, daß man irgend etwas wahrnimmt, daß man irgend etwas in sich aufnimmt, kann ja im Leben als Erkenntnis gelten. Und man kann der Stimmung einer Dichtung außerordentlich zu Hilfe kommen, wenn man, sagen wir, am Ende einer Zeile dieses anbringt, daß man das Betreffende aufgenommen hat. So wird gerade manche Dichtung gewinnen, wenn man so etwas einfügt. Aber sie kann auch dann gewinnen, wenn man die Dichtung damit beginnt, zum Beispiel bei einer solchen wie der von Uhland «Des Sängers Fluch»:
Es stand in alten Zeiten ein Schloß, so hoch und behr -, einfach das Gedicht, bevor es beginnt, so hinstellt, daß man die Erkenntnisgebärde vorausgehen läßt. Dann werden Sie sehen, wie das
Gedicht hinterher gewinnt durch etwas, was man aufgenommen hat. Machen Sie es dann so, daß in Ihrem ganzen Körper die Gebärde der Erkenntnis ist. Gehen Sie zum Beispiel aus einer gleichgültigen Gebärde heraus in die Gebärde der Erkenntnis. Da entwickeln Sie dann das ganze Gedicht aus etwas heraus, was darauf hinweist, daß das Gedicht eigentlich in seiner ganzen Stimmung als sinnig aufgefaßt werden soll. Sie geben dem Gedichte sogleich einen bestimmten Grundton.
Eine andere Gemütsstimmung wäre die, die einen allgemeinen Erkenntniswert hat, die Stimmung der i-Gebärde, die der Selbstbehauptung. i ist immer Selbstbehauptung. Aber wenn die Selbstbehauptung nicht im Laut liegt, sondern wenn die Selbstbehauptung über das Lautende hinausgeht und deutlicher Gemütsausdruck wird, dann kann diese Selbstbehauptung dadurch zum Ausdrucke gebracht werden, daß sie übergeht in eine Gebärde, wobei das rechte Knie gehoben wird: Sie stehen hier mit dem linken Knie und mit den beiden Armen, die nach vorne gegeben werden, aber so, daß man sie etwas zurück beziehungsweise die Hände etwas zurück arrangiert. Jetzt haben Sie da die Gebärde der starken Selbstbehauptung. Machen Sie am Ende des Satzes, den ich sagen werde, durch Eurythmisieren, durch Hinauslaufenlassen in diese Haltung, diese Gebärde des Größenwahn-sinns: Bin ich nicht der Kaiser von China? - nun die Gebärde. Auf diese Weise kommt dann Leben in dasjenige hinein, was man darzustellen hat, und gerade das ist das Wesentliche und das Bedeutende, daß Leben in diese Dinge hineinkommt.
Ich möchte heute gerade solche ausdrucksvollen Gebärden vor Sie hinstellen, damit wir dann an diese anschließend manches eben in den nächsten Tagen noch sehen können.
Da ist vor allen Dingen eine Gebärde, die darinnen besteht, daß Sie sich möglichst breit hinstellen, dann diese Bewegung machen, die Bewegung der Unersöttlichkeit (siehe Zeichnung), wenn man immer mehr und mehr will - also die Gebärde des starken Begehrens. Nehmen wir zum Beispiel folgenden Satz und am Ende des Satzes, den ich sprechen werde, gehen Sie gleich wiederum über in diese Gebärde des Mehrhabenwollens; also folgenden ganz ernsthaften Satz, und dann die
Gebärde: «Du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat.» Aber Sie dürfen nicht auswärts gehen mit den Händen, da weisen Sie es ab. Sie wollen mehr; die Gebärde des Mehrhabenwollens muß nach innen gehen, und Sie müssen breit dastehen, mit beiden Füßen auf dem Erdboden.
Daß man diese Gebärde der Unersättlichkeit anbringt, braucht nicht nur dann der Fall zu sein, wenn man selbst unersättlich ist, sondern wenn irgend etwas da ist, was anregen kann die Empfindung des Unersättlichen, des Unbefriedigten, des Mehrverlangens. Lassen Sie den einen Satz, den ich sprechen werde, jetzt auch in diese Gebärde auslaufen, so daß gar keine Pause zu entstehen braucht, sondern Sie lediglich nach Verlauf des Textes diese Gebärde anbringen: «Soll das ganze Haus ersaufen?» (Gebärde des Mehrhabenwollens.) Es soll ja immer weitergehen! Da ist das Unersättliche da.
Nun kommen wir zu denjenigen Dingen, welche mehr in das Innerc des Menschen noch hineinführen. Und da haben wir eine Gebärde, die geradezu die Innigkeit des Fühlens, also jene Gemütsverfassung zum Ausdrucke bringen soll, welche die Innigkeit des Fühlens ausspricht. Diese Innigkeit des Fühlens kommt dadurch zum Ausdrucke, daß man mit dem vorderen Teil des Fußes steht, die Ferse etwas über dem Boden hat, aber nicht sehr hoch, denn, wenn man es zu hoch hat, ist es nicht mehr innig - also leise die Ferse gehoben, sonst mit dem Fuß stehend -, und dann die Gebärde hat, die die beiden Arme sanft nach vorne streckt, so daß der Daumen den Zeigefinger angreift. Darinnen drückt sich das Gefühl der Innigkeit aus, und man hat dann diese Gebärde. Wenn Sie sich denken, hier liege (in den Armen) ein Baby, und Sie wollen gewissermaßen eine innige Stimmung zum Engel des Babys entfalten, so können Sie das Baby so halten, und Sie hätten dann die Gebärde der Innigkeit. Nehmen wir eine besonders feierliche Zeile, und dann werden Sie am Schluß der Zeile die Gebärde machen. Versuchen Sie zu eurythmisieren: Lasset die Mühebeladenen zu mir kommen - und jetzt die Gebärde. Das ist nun zunächst lyrisch. Wollen Sie es jetzt aus der Lyrik herausheben und, ich möchte sagen, monumentaler gestalten, dann können Sie, nachdem Sie diese Gebärde der Jnnigkeit gemacht haben, das Rufzeichen noch an das Ende setzen. Also: Las set die Mühebeladenen zu mir kommen -, jetzt innig, dann Rufzeichen machen. Das würde in entsprechendem Tempo, wie man es dann haben will, die Sache sehr monumental hinstellen können.
Etwas, was in seiner Gemütsverfassung der Innigkeit verwandt, aber doch wieder ganz verschieden ist, ist das Liebsein mit jemand, die Liebenswürdigkeit, die Seelenstimmung der Liebenswürdigkeit. Diese wird auch dadurch ausgedrückt, daß man die Ferse leise hebt, dann aber den linken Arm leicht hinaufhebt, also daß man gewissermaßen die Gebärde, die man früher hat, hier oben macht, und die andere Gebärde herüber nach rechts. Das ist dann die Gebärde der Liebenswürdigkeit. Sie müssen natürlich fühlen, daß das die Gebärde der Liebenswürdigkeit ist. Auf das leichte Halten des Armes kommt es an, und in dem über sich Hinausweisen liegt diese Liebenswürdigkeit. Denken Sie nur einmal, wie liebenswürdig Kinder sind, wenn man ihnen angewöhnt, sie sollen zeigen: Wie groß bist du? - Da werden Kinder ganz besonders liebenswürdig.
Wenn wir also etwa den Satz eurythmisieren wollten: Ich danke deinem Lächeln einen frohen Augenblick . . . -, dann lassen Sie diesen Satz einlaufen in die Gebärde der Liebenswürdigkeit.
Ich kannte einen Wiener Komponisten, der dann weit berühmt geworden ist. Der war sehr gerne eingeladen und die Hausfrau bemühte sich, in der Zusammenstellung der Speisen ganz besondere Kunst zu entfalten. Dafür hatte er auch ein ganz feines Verständnis, und er sagte dann gewöhnlich, wenn er wegging: Welch herrliche Symphonie haben wir heute geschmeckt. - Das war immer das Kompliment, das er der Hausfrau sagte. Es war ständig, stereotyp, aber -er war ein großer Mann. Machen Sie dies einmal, und lassen Sie diesen Satz auslaufen in die Gebärde der Liebenswürdigkeit (wird aus-geführt). Sehen Sie, sie findet sich gleich hinein; daraus können Sie ersehen, daß es eigentlich empfunden werden kann. Aber derjenige, der das gesagt hat, hätte nicht so leicht wie Sie diese eurythmische Gebärde machen können, denn es war der Brahms.
Eine andere Gebärde des In-Beziehungtretens zur Außenwelt, zum andern Menschen ist diese, wo man im Zusammenhange jemandem etwas mitteilt, eine Mitteilung macht. Diese Mitteilung wird so gemacht: mit dem einen Fuß müssen Sie natürlich stehen, den andern aber setzen Sie leicht auf die Ferse auf (den vorderen), rechter Arm emporgehoben mit Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger nach vorne deutend; linker Arm etwas tiefer, auch leicht nach vorne gestreckt, die Handfläche etwas geöffnet, gleichsam als ob Sie eine Gabe hin-hielten. Dann machen Sie diese Gebärde; aber Sie geben nicht eine Gabe, sondern eine Mitteilung in der Sprache. Sie deuten also zu gleicher Zeit das Gegebene und Sie haben hier (im linken Arm) die Gebärde der Mitteilung: Ich teile mit. - Das würde der Wortlaut dessen sein, um was es sich handelt.
Sagen wir zum Beispiel, wir hätten folgenden Wortlaut: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. - Darinnen liegt schon der Wille zur Mitteilung, und es ist das ein Satz, den man in ganz vorzüglicher Weise gerade in diese Gebärde auslaufen lassen kann.
Nun kommt eine Gebärde, die ihren Charakter eigentlich bekommt, wenn man immer, wenn es sich um die betreffende Gemütsstimmung handelt, fest aufsteht, die in sich geballten Hände mit ganz nach unten gestrecktem Arm an den Körper andrückt und den Kopf gerade hält. Und dann muß der Eurythmist die Augen in einer solchen Verfassung haben, daß er das Gefühl hat, er sieht eigentlich nicht mit ihnen, sondern sie werden starr. Dann kommt die Bewegung ganz gut heraus. Das ist die Bewegung, die man im Verlaufe eines Textes mehrmals machen kann:
Blaß lag der Kranke,
Sein Auge erlosch,
Schluchzen umgab ihn.
Nun wird besonders anschaulich ein solcher Satz sein, wenn es dem Eurythmisierenden gelingt, an diesen Stellen, die ich mit Punkten bezeichne: Blaß lag . . . der Kranke,
Sein Auge . . . erlosch,
Schluchzen... umgab ihn - es wird besonders anschaulich sein, wenn es dem Eurythmisierenden gelingt, an diesen Stellen immer diese Gebärde, die ich bezeichnet habe, zu machen. Denken Sie, wie individualisiert das werden kann dadurch, wie nuanciert das werden kann. Also das ist die Gebärde der Traurigkeit.
Dann haben wir eine Gebärde, welche besteht im festen Aufstellen der Füße, in den nach rückwärts gehaltenen Armen, die Hände ganz nach rückwärts. Das ist die Gebärde der Verzweiflung. Sie werden schon spüren, wenn Sie das eigentümliche Gefühl haben, das sich dann namentlich in den inneren Arrumuskeln ausdrückt, Sie werden das Gefühl haben: das drückt die Verzweiflung aus.
Nun werden wir die ersten Zeilen des Faust-Monologes machen, und nach «studiert» machen Sie die Gebärde der Verzweiflung:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert - und jetzt die Gebärde der Verzweiflung machen. Sie sehen, wenn eine Gebärde tatsächlich die Gemütsverfassung zum Ausdrucke bringt, so ist es schon so, daß sie sich dramatisch an das Vorhergehende anschließt.
Nun möchte ich heute nur noch diese Studien, die an diesen Gebärden gemacht werden können, damit etwas kolorieren, daß ich Ihnen sage: Studieren Sie solche Gebärden, dann werden Sie an diesen Gebärden die Gemütsveffassungen zum plastisch-eurythmischen Ausdruck bringen. Da werden Sie geradezu den inneren dramatischen oder lyrischen oder epischen Gang eines Gedichtes studieren können. Und fühlen Sie sich in diese Gebärden hlnein, dann wird es Ihnen möglich sein, Ihr Eurythmisieren zu einem wirklich Dramatischen zu bringen. - Daran wollen wir morgen anknüpfen.