Eurythmy as Visible Speech
GA 279 — 1 July 1924, Dornach
Sechster Vortrag Dornach, 1 . Juli 1924 Gemütsstimmungen und Charakteristik einzelner Seelenzustände Die Farbe als Gemütsinhalt
Eurythmie als sichtbare Sprache
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 1 . Juli 1924
Gemütsstimmungen und Charakteristik einzelner Seelenzustände
Die Farbe als Gemütsinhalt
Wir haben gestern einige Gemütsstimmungen absolviert, Gemütsstimmungen, wie sie eurythmisch durch Gesten zum Ausdrucke kommen können, und wollen heute zunächst einiges ähnliche noch hinzu-fügen. Da haben wir, vorschreitend von dem, was wir gestern gehabt haben, zunächst die Stimmung der Andacht. Die Stimmung der Andacht - wir müssen uns gerade bei einer solchen Gemütsstimmung klarmachen, wie Eurythmie nicht darauf ausgeht, in gewöhnlicher mimischer Geste dasjenige wiederzugeben, was sie wiedergeben will, sondern wie es darauf ankommt, geradeso wie bei dem Vokalisieren oder bei dem Formen von Konsonanten, aus dem ganzen menschlichen Wesen stilgemäß herauszuholen dasjenige, was nachahnit die Seelengeste, die durch die ganze menschliche Organisation einer solchen Gemütsstimmung zugrunde liegt. Wir haben gesehen, daß es sich bei den Lauten doch darum handelt, die Geste so zu gestalten, daß einfach äußerlich sichtbar dasjenige nachgeahmt wird, was ja doch als eine Art Luftgeste wirklich vorhanden ist, wenn man spricht. Wir formen in einer gewissen Weise die Luft, indem wir sprechen. Würden wird durch irgend etwas dasjenige festhalten können, was da geformt wird, so würden wir das Vorbild für die Geste bekommen, die das Lautliche darstellt.
Haben wir es aber mit so etwas wie einer Gemütsstimmung oder ähnlichem zu tun, dann kommt natürlich eine solche Sache schon viel näher demjenigen, was die Willkürgeste ist, die Geste, die eben zustande kommt, wenn wir im gewöhnlichen Leben in dieser Gemüts-Stimmung sind.
Es ist ja richtig, daß heute eine große Anzahl von Menschen Gesten vermeiden, weil sie wahrscheinlich glauben, daß das nicht vornehm ist, Gesten zu bilden. Aber auf der andern Seite wird wiederum das
Bedürfnis, die Geste zu formen, um so größer, je mehr es sich darum hindelt, daß der Mensch in der Gemütsstimmung aus sich herausgeht, herausgeht auch dadurch, daß er nicht gewöhnliche, alltägliche Gemütsstimmungen entwickelt, sondern Gemütsstimmungen, die außerordentlichen Lagen des Lebens entsprechen. Und eine solche Gemütsstimmung ist die der Andacht.
Bei der Andacht hat der Mensch von vornherein das Bedürfnis, eine gewisse Geste zu machen. Und diese Geste gerade, die bei der Andacht gemacht wird, die ist im Grunde genommen durchaus eine solche, welche auch der naturgemäßen Haltung bei dieser Gemüts-stimmung entspricht. Und deshalb können wir gerade bei dieser Andachtsstimmung sehen, wie, ich möchte sagen, diese Geste eine naturalistische wird, während die meisten Gesten keine naturalistischen sein können. Sie haben daher die Andachtsstimmung so, daß die Arme heruntergehalten werden am Leibe, dann nach oben vom Ellenbogen an gehalten werden, und dann findet ein entsprechendes Halten statt in irgendeiner vokalischen Stimmung u oder a. Also in irgendeiner von diesen Formen, je nachdem man die Andacht nuancieren will, können dann die Hände beziehungsweise die Finger gehalten werden.
Es wird sich darum handeln, daß gerade diese Stimmung der Andacht möglichst herausgehoben werde aus dem, was sonst in der Folge der Gestenbildung auftritt. So daß wir stillstisch am besten dadurch der Sache gerecht werden können, daß wir, wenn es sich um
Andacht handelt, mit dieser Geste beginnen und wiederum schließen. Handelt es sich um Fortlaufendes, sagen wir zum Beispiel um ein längeres Gebet, das Andacht ausdrückt, so können wir am Beginne und Ende einer jeden Strophe diese Geste haben, die hier angedeutet ist.
Würden Sie nun diese Geste anwenden, wenn ich sage:
Oh, göttlicher Geist, erhöre meines Herzens Ruf! - dann würden Sie vorher die Geste machen und nachher die Geste machen. Es würde also besonders dann gut sein, wenn man sehen würde, wie die Oberarme heruntergehen, angedrückt werden und dann die Gebärde der Andacht gemacht wird (siehe Zeichnung).
Eine Steigerung der Andacht ist dann die Stimmung der Feierlichkeit. Diese Stimmung der Feierlichkeit, sie wird in einem gewissen Sinne schon ähnlich sein der Stimmung der Erkenntnis, nur daß wir bei der Erkenntnis das Symmetriebild davon haben. Bei der Erkenntnis haben wir also nach rechts hin dieselbe Geste wie bei der Feierlichkeit nach links. Das kann nur empfunden werden, wenn man sich von vornherein empfindungsgemäß klarmacht, wie Erkenntnis sich zur Feierlichkeit verhält.
Sehen Sie, Erkenntnis ist ein Innehaben desjenigen, was außer uns ist und was wir mit unserem eigenen Dasein verbinden wollen.
Da handelt es sich also darum, daß wir der Erkenntnis ihre tief-bedeutsame Wesenheit in der Geste nicht nehmen. Hätte der Mensch nicht Erkenntnis, so wäre er eben kein Mensch. Der Mensch wird durch die Erkenntnisfähigkeit eigentlich erst zum Menschen. So daß Erkenntnis eigentlich immer als etwas aufgenommen werden soll, das feierlich stimmt; aber auf der andern Seite wiederum auch als etwas, was Aktivität der Seele in sich schließt. Aktivität kommt aber immer dadurch zum Ausdrucke, daß wir uns nach der rechten Seite wenden. Dieselbe Stimmung, die wir bei der Erkenntnis entwickeln, ins Passive, ins Andächtige umgewandelt, gibt die Feierlichkeit.
Aber bei alle dem, wo wir hingegeben sind, wo wir also nicht aktiv auftreten, sondern passiv hingegeben sind, da wenden wir uns nach der linken Seite. Und so werden wir die Feierlichkeit dadurch zum
Ausdruck bringen, daß wir uns sozusagen mit der Erkenntnisgeste nach der linken Seite wenden. Nun, nehmen wir irgend etwas, was wir so ausarbeiten können, daß diese Geste der Feierlichkeit drinnen ist, sagen wir zum Beispiel:
Über menschlichen Schlcksalen
Glänzen heil'ge Sterne -
Nun machen Sie die Geste sowohl vor dem Anfang als am Ende, die Geste der Feierlichkeit. Beginnen Sie nur mit der Andeutung der Erkenntnisgeste, jetzt setzen Sie sie fort, gehen über nach links in die Geste der Feierlichkeit.
Nun handelt es sich darum, daß eigentlich alle Seeleninhalte - und mit dem Ausdruck von Seeleninhalten, mit der Offenbarung von Seeleninhalten werden wir es in der Regel zu tun haben bei der Eurythmie - sich in drei Kategorien umfassen lassen: in Denken> Fühlen und Wollen. Nun ist es wichtig, daß wir wirklich zum Ausdrucke bringen, wenn wir ein Gedicht eurythmisch interpretieren wollen, den Grundcharakter des Gedichtes; beziehungsweise wenn dieser Grund-charakter des Gedichtes sich ändert, daß wir das dadurch zum Ausdrucke bringen, daß wir auch, wenn Denken in Fühlen oder Fühlen in Wollen übergeht, dadurch das in der ganzen Haltung des Eurythmisierens zum Ausdrucke bringen können.
Gehen wir zunächst einmal von dem Gegensatze des Denkens und des Wollens aus. Beides sind ja die zwei entgegengesetzten Betätigungen des menschlichen Wesens. Wenn der Mensch denkt - im weitesten Sinne meine ich das hier -, wenn der Mensch denkt, dann ist das ein Vorgang, der seine Stütze im ruhiggehaltenen Haupte hat. Man sieht sozusagen äußerlich-sinnlich das Denken nicht. Es geht im ruhiggehaltenen Haupte vor sich. Das Entgegengesetzte ist die Wil-lensbetätigung. Wenn sie nicht irgendwie in die Außenwelt tritt, die Willensbetätigung, dann ist sie bloße Absicht. Wirkliche Willens-betätigung tritt in die Außenwelt, kann gesehen werden. Und sie ist dasjenige wiederum, was für das innere Erleben des Menschen dunkel bleibt, so wie dasjenige, was mit dem Menschen innerlich während der Nacht vor sich geht. Dasjenige, was mit dem Menschen innerlich während der Nacht vor sich geht, weiß er ja nicht. Ebensowenig weiß er dasjenige, was zwischen seiner Seele und seinen Muskeln, seinen Knochen vor sich geht, wenn die Bewegung als Ausdruck des Wollens entsteht.
Haben Sie eine gerade Linie, so haben Sie von vornherein diese Linie voll bestimmt. Sie brauchen nur ein kleines Stück dieser Linie zu haben, die ganze Linie ist als solche bestimmt. Die gerade Linie ist dasjenige, bei dem man weiß, um was es sich handelt.
Die krumme Linie, sie ist diejenige, die uns mitzieht, bei der man eigentlich niemals weiß, um was es sich handelt, wohin sie einen führt.
Gewiß, es gibt regelmäßig geformte krumme Linien; allein auch da ist das Erleben nicht so, daß man jene Regelmäßigkeit erleben würde, die man bei der geraden Linie erlebt. Gerade aus diesen Untergründen heraus ist die gerade Linie eurythmisch das Charakteristikon des Denkens, die krumme Linie das Charakteristikon des Wollens. Und Sie werden daher den Versuch machen müssen, in das Gedachte, wenn Sie es eurythmisieren, die Geradlinigkeit womöglich hinein-zubringen, in das Gewollte aber die Krummlinlgkeit hineinzubringen.
Nur handelt es sich dabei durchaus um Auffassungssachen. Einer kann sagen: Ich will an irgendeiner Dichtung das Wollen ausdrücken. - Ein anderer sagt: Ich will das Denken, die reine Mitteilung, ausdrücken. - Der eine faßt es so, der andere faßt es so auf. Das ist, wenn die Dinge nicht ganz ausgesprochen nach der einen oder der andern Seite liegen, durchaus in die Möglichkeit der Wahl des einzelnen gegeben. Sie werden daher, wenn Sie ein Gedicht vorbereiten zur Darstellung, sich eben fragen: Wie ist nach Ihrer Auffassung die
Sache gelegen? Ist das mehr ein Gedankengedicht, das heißt ein mitteilendes Gedicht? Sagen wir also zum Beispiel:
Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,
Im altertüniichen Saale,
Saß König Rudolfs heilige Macht
Beim festlichen Krönungsmahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
Und alle die Wähler, die sieben,
Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
Die Würde des Amtes zu üben.
Es ist nichts drinnen als die Reihenfolge von Gedanken, wie es bei der reinen Epik eigentlich immer der Fall sein wird. Aber in dem Augenblicke, wo übergehen würde der Gedanke in ein Wollen, müßten wir das auch in der eurythmischen Haltung zum Ausdruck bringen. Doch wird gerade diese Strophe, die ich eben angeführt habe, am besten dadurch zur Darstellung kommen, daß man möglichst in geraden Linien sich bewegt.
Nun, gerade Linien entstehen auch dann, wenn man geradlinige Figuren macht, so also, daß Sie, indem Sie sich nach irgendwelchen andern Charakteren der Sache richten, im Dreiecke oder im Vierecke oder im Fünfecke dasjenige zum Ausdrucke bringen können, was Denken ist: oder wohl auch in einer solchen Linie, wenn das Denken etwas komplizierter ist:
Dagegen in allen möglichen krummen Linien alles dasjenige, was sich auf das Wollen bezieht:
Fühlen aber wollen wir darstellen, indem wir gerade und krumme Linien zusammensetzen. Sie haben also einen ziemlich weiten Spielraum:
Nun wird es sich darum handeln, daß wir zunächst einmal solche Formen ausbilden. Diese Formen können Sie durchaus immer selber bilden. Und gerade dadurch werden Sie eine innerliche Verwandtschaft des Eurythmisierens und des Gedichtes bilden, daß Sie versuchen, solche Formen auszubilden. Es wird dann natürlich nur die Frage entstehen: Wie verhalten sich dann solche Formen zu denjenigen Formen, die als Standardformen gegeben werden, als Formen, die ausgearbeitet werden, um irgendwie die Individualität eines Gedichtes zum Ausdruck zu bringen? - Dann werden Sie sehen, daß schon im weitesten Sinne dasjenige verarbeitet ist, was in solchen Formen liegt. Sie werden es immer finden.
Dagegen werden Sie auch finden, daß bei der Ausarbeitung solcher Formen, die Sie bekommen, eben an den entsprechenden Stellen auch auf das Intimere des Gedichtes Rücksicht genommen ist. Was heißt das, auf das Intimere des Gedichtes ist Rücksicht genommen? Sehen Sie, die Sache ist so, daß eigentlich der weitaus größte Teil der Dichtungen, die man so Dichtungen nennt, gar keine Dichtung ist. Denn ein Gedicht erfordert, daß alles Wesentliche in der Sprachbehandlung liegt, daß also nicht in grobklotziger Weise auf Prosa-Art dasjenige zum Ausdrucke kommt, was gesagt werden soll, sondern daß zum Ausdrucke kommt dasjenige, was gesagt werden soll gerade durch die Sprachbehandlung. In einem Gedichte dadurch eine Verwunderung ausdrücken, daß man sagt: Oh, wie verwundere ich mich! - das ist nichts Künstlerisches. Eine Verwunderung dadurch zum Ausdrucke bringen, daß man möglichst a-Laute an der Stelle hat, wo die Verwunderung zum Ausdrucke kommen soli, das ist dasjenige, um was es sich in Wirklichkeit künstlerisch handelt. Und so hat man, wenn es sich um ein Zurückschauen handelt, möglichst u-Laute anzuwenden; wenn es sich darum handelt, sich innerlich zu verfestigen, nachdem man von irgendeiner Sache berührt worden ist, e-Laute anzubringen.
Und so kann man schon sagen: Wenn ein wirklicher Dichter Gedankliches zum Ausdrucke bringen will, so wird er besonders viele e-Laute verwenden. - Ich rede jetzt natürlich ganz im idealistischen Sinne, denn es wird nicht immer möglich sein, daß die Dinge eingehalten werden, die vom wirklich Künstlerischen gefordert werden; denn sonst müßten - ich dürfte allerdings sagen: Gott sei Dank -sehr, sehr wenige Gedichte in der Welt entstehen, denn der Dichter würde sehr lange brauchen, bis er die entsprechende Intuition hat.
Ein Dichter, der sehr viele e-Laute verwendet, auch mancherlei i-Laute verwendet, bei dem werden Sie immer schließen können, daß er ein Gedankendichter ist, daß er eigentlich mehr zum Epischen neigt. Ein Dichter, der a-Laute, o-Laute und u-Laute verwendet, bei dem werden Sie finden, daß er mehr nach der Gefühisseite hinneigt. Ein Dichter, der wenig Vokalisches verwendet und Häufungen von Konsonanten hat, das ist ein Dichter, der mehr nach der Willensseite sich entfaltet. Da werden Sie dann dem Dichter nachgehen müssen in der Schöpfung der Form.
Wenn Sie also merken, daß das Gedicht mehr aus dem Intellekt kommt - das kann durchaus im günstigen Sinne sein -, dann werden Sie zum Geradlinigen der Form greifen. Wenn Sie merken, daß die Dinge mehr aus dem Gefühle kommen, zum Gerad-Krummlinigen. Wenn aber viel, wenn auch auf gefühlvolle Weise nur ausgedrückt, von Willensartigem in einem Gedichte liegt, dann greifen Sie zu krummlinigen Formen.
Wenn Sie auf das hin die Formen, die gegeben worden sind im Laufe der Zeit, prüfen werden, so werden Sie eigentlich erst darauf kommen, wie die intimere Struktur dieses oder jenes Gedichtes beschaffen ist, für das eine Form geschaffen werden muß.
Nun ist es interessant, einmal zu probieren, ganz ohne Rücksicht auf den Inhalt, wie ausgedrückt auf Gedankenart irgend etwas sich ausnimmt, ausgedrückt auf Gefühis-, auf Gemütsart, und ausgedrückt auf Willensart. Man kann sich durchaus Inhalte denken, die auf alle drei Arten ausgedrückt werden und in allen drei Arten ihre Schönheit haben. Sagen wir zum Beispiel das bekannte Gedicht:
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Machen wir einmal das Gedicht so, daß wir die reine Mitteilung nehmen, also den Gedankengehalt. Versuchen Sie also in Formen, die Ihnen einfallen, mit geraden Bewegungsformen das Gedicht zu machen, möglichst also auch die Bewegungen nicht stark abrunden, aber namentlich im Schreiten die gradlinigen Bewegungen machen:
Ich ging im Walde
So für mich hln,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt' es brechen,
Da sagt' es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Wir haben unmittelbar, wenn wir das so ausdrücken, den Eindruck, daß uns etwas mitgeteilt wird.
Versuchen Sie es jetzt einmal in reinen runden Formen zu machen:
Ich ging im Walde -
Sie sehen, hier fällt alles durch, was bloße Mitteilung sein soll, und auch dasjenige, was die Gemütsbewegung darstellt; wir haben zum Beispiel eine starke Gemütsbewegung, wenn das Blümchen sagt:
«Soll ich zum Welken gebrochen sein?» Oder wir haben eine starke Gemütsbewegung des Dichters, wenn es heißt: «Wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön». Dieses kommt dann jeweilig zum Ausdrucke, was als Gemütsbewegung darinnenliegt, oder was als Wollen darinnen-liegt, oder was als Fühlen darinnenliegt. Jetzt versuchen Sie einmal abwechselnd gerade und krumme Linien zu machen:
Ich ging im Walde -
Das hat unmittelbar den Charakter, daß es innerlich erlebt wird. Gerade und krumme LInien machen zusammen, daß eigentlich der-jenige, der dieses Gedicht eurythmisiert, immer wieder in sich zurückgeht, bei geraden Linien gewissermaßen unsichtbar, abstrakt wird. Und damit bleibt das Ganze mehr im Inneren. Es kommt viel mehr heraus, wenn man in die krumme Linie übergeht.
Nun möchte ich heute, weil das in der Tat stimmungsgemäß das Eurvthmische vertiefen kann, von der Bedeutung desjenigen sprechen, was hier bei den Eurvthniefiguren durch Farben zum Ausdrucke kommt.
Sie haben Her bei den einzelnen eurythmischen Gesten a angedeutet in der Bekleidungsfarbe.
Selbstverständlich ist es zunächst nicht möglich, das Farbengeben in unserer Eurythmie so zum Ausdrucke zu bringen, wie es Her angedeutet ist, denn da müßte man ja, wenn in einer Zeile a und o vorkommt, während die Zeile rezitiert wird, aus dem einen Kostüm in das andere Kostüm gehen. Das können wir heute noch nicht durchführen. Wir sehen schon immer die Schwierigkeiten, wenn nur zwischen zwei Gedichten eine Umkleidung stattfinden soli. Wenn nun während eines Gedichtes, welches, sagen wir, vier Strophen hat, zweiundzwanzig oder achtundzwanzig Umkleidungen stattfinden müßten, würde das zunächst nicht gehen. Aber dennoch, dasjenige, was Her dargestellt wird, ist durchaus richtig. Denn die Sache ist schon so, daß man in den Laut so recht nur dann hineinkommt, wenn man ihn auch farbig empfindet.
Denken Sie doch nur einmal, der a-Laut: die Verwunderung, das Erstaunen! Es ist ja eine Farbe im Grunde genommen nur dasjenige, was außer uns unseren Gemütsinhalt gibt. Eine Farbe gibt außerhalb unserer unseren Gemütsinhalt. Deshalb ist so viel Streit über das Wesen der Farben, weil man nicht beachtet daß die Farbe eigentlich der an der Außenwelt fixierte Gemütsinhalt ist.
Nun, nehmen Sie das Erstaunen, die Verwunderung. Als Geste werden Sie Erstaunen, Verwunderung fühlen in der a-Geste. Nun müssen Sie sich fragen: Was kann mich denn veranlassen, im rein Farbigen diese Geste zu bilden? Und da werden Sie aus dem Gefühl heraus auf diese Farbenkombination eben kommen, diese Farbenkombination, die aus dem Blau und Violett, also aus den sogenannten dunklen Farben heraus arbeitet.
Nehmen Sie aber die o-Stimmung. Die o-Stimmung ist diejenige des Umfassens, des In-sich-Aufnehmens, des Mit-sich-Vereinigens. Sie brauchen dabei helle Farben. Sie haben sie Her (Eurythmiefigur o).
Nun können Sie diese Farben zunächst nicht so gebrauchen, wie sie Her dargestellt sind, aus dem vorhin angegebenen Grunde. Aber von größter Bedeutung wird es für Sie sein, wenn Sie dann übend die Empfindung davon haben, wie in der Farbe ein a oder ein o oder ein i ist, oder wiederum ein u> die Ängstlichkeit; denn Sie verwachsen dadurch intimer mit der Natur der Geste. So daß es geradezu beim Üben gut ist, die Sache so zu machen, daß man wirklich, wenn auch nur in der Vorstellung, sich in der Art bekleidet, wie das Her ist. Besonders gut ist es, wenn man sich eben in Gedanken bekleidet.
Denken Sie nur einmal die ganze e-Stimmung in diesem blassen Gelb mit etwas Grün in der Mitte, blasses Gelb mit etwas Grün. Man fühlt, wie das Rot und Blau sich im Grün verlieren. Während Sie beim Blau und Violett das Hingegebensein haben, a und u, haben Sie bei alledem, was Selbstbehauptung ist, oder was In-sich-Aufnelimen ist, die helle Farbe. Sie haben bei dem, was e ist, Berührtwerden und Sich-Behaupten nach dem Berührtwerden, eben Grün. Sie bekommen Grün, wenn Sie Gelb und Blau mischen, also Helles und Dunkles in der Farbe mischen. Da haben Sie direkt das e durch das Farbige selbst ausgedrückt. So wachsen Sie zusammen mit der Geste, wenn Sie diese Farbe wählen.
Nun, nehmen Sie aber an, man ist einmal dahintergekommen hinter solche Sachen - man kann nicht mit dem Verstande dahinterkommen, man kann nur mit dem Gemüte dahinterkommen -, nehmen wir an, man ist einmal dahintergekommen, daß irgendeine Stimmung, zum Beispiel die e-Stimmung dieses ist (Eurythmiefigur e). Man kommt dann auch wiederum von selber darauf, daß ganze Gedichte die e-Stimmung atmen. Da können die mannigfaltigsten Vokale drinnen sein, die Gedichte haben eben die e-Stimmung Nehmen Sie zum Beispiel ein Gedicht oder irgend etwas, was zu eurythmisieren ist, wo wir, sagen wir, fortwährend unangenehm berührt werden und doch dieses unangenehme Berührtwerden in einer gewissen Weise nicht fortgehen lassen, das ist die e-Stimmung Wenn das Gedicht diese Stimmung hat, dann werden wir gut tun, diese Bekleidung zu wählen für das ganze Gedicht. Es handelt sich darum, daß wir uns an den Lauten selber die Färbungen aneignen, dann können wir schon auch aufsteigen zu der Bekleidung ganzer Gedichte.
Ich möchte das, was ich jetzt sage, ganz besonders aus einem Grunde anführen. Das ist, daß nicht der Glaube entstehen sollte, wenn einer gelernt hat au ei o> dann kann er es schon. Gewiß, er kann es, aber er sollte es dann für sich können, denn es ist noch gar nicht ein Beweis dafür, daß man ihn auch dabei anschauen kann. Sie müssen nämlich nicht vergessen, sobald es auf die Geste ankommt, wirken im Eindruck ungeheuer bedeutsam unterbewußte Kräfte mit. Und es ist einfach ein Unterschied, ob einer glaubt, jetzt hat er i gemacht -gerade diejenigen, welche die Eurythmie im Fluge erobern wollen, werden glauben, jetzt haben sie i gemacht, wenn sie so machen: einfach den Arm in die Richtung halten. Sie haben aber gar nicht i gemacht, sondern i haben sie erst gemacht, wenn sie wirklich diese Geste machen (mit sichtbarer Streckung). Es ist ein Unterschied, ob ich es so oder so mache; ob ich es bloß mache, oder ob ich es so mache, daß man das Strecken darinnen sieht. Machen Sie einmal den Unterschied zwischen einem philiströsen Strecken des Armes und einem künstlerisch freien i. (Wird ausgeführt.) Das wäre nun fürs gewöhnliche ein i geheißen, ist aber keins. Und jetzt machen Sie es, aber künstlerisch frei.
Bei einer künstlerisch freien Geste handelt es sich darum, daß man während des ganzen Verlaufes fühlt, wie Empfindung und Gefühl im einzelnen Buchstaben drinnen ist. Ja, meine lieben Freunde, das kommt nur zustande, wenn man die einzelnen Buchstaben auch wirklich lernt. Und da ist es schon notwendig, daß man sie lernt, indem man sich denkt in die Bekleidung hinein. Daher solite schon sowohl beim künstlerischen Eurythmielehren wie auch bei dem bloß vom Pädagogischen bedingten Eurythmielehren in der Art und Weise, wie rnan sprechend die Sache handhabt, das Farbige drinnen leben, und der Mensch sollte sich aneignen, farbig zu empfinden.
Farbig zu empfinden war eigentlich eine Eigentümlichkeit der Menschen in den Zeiten des alten Heilsehens und ist verlorengegangen. Nur bei einigen Nervöslingen kam es auf eine etwas schiefe Art gegen das Ende des Kali Yuga heraus. Und dann sah man solche Leute, die davon sprachen, daß Wien die Farbe eines etwas dunklen Flieders, Czernowitz eine gelbe Farbe hat, Prag eine gelb-orange Farbe, Berlin grau-gelb ist, Paris rötlich-bläulich-schillernd ist und so weiter. Es gab Menschen, die so angefangen haben zu reden. Hatte man überhaupt eine Empfindung flir so etwas, daß eine Stadt eine Farbe hat, so kam man schon darauf, was die Leute sagen wollten.
Ebenso hat jeder Mensch seine Farbe. Allerdings ist es zu gleicher Zeit und im wesentlichen die Farbe seines Astralleibes, aber der ändert sich ja nach Emotionen und so weiter; doch eine Grundfarbe trägt jeder Mensch. Und man kann schon fragen: Du warst da oder dort, was hast du da für einen Menschen gesehen? Und jener sagt Ihnen:
Ich habe einen blauen Menschen gesehen. - Ein anderer sagt: Ich habe einen roten Menschen gesehen. - Diese Sache ist durchaus berechtigt, man kann das so empfinden, denn in Wahrheit ist es derselbe Eindruck, der auch bei der gewöhnlichen grobklotzigen physischen Farbe entsteht.
Daher ist es auch gut, wenn man eine bestimmte Bewegung unter dem Charakter der betreffenden Farbe vorstellt, die hier angegeben ist (Eurythmiefiguren), so daß die Sache auch durchaus so geübt werden kann. Man läßt a u e 0 i üben, aber man läßt auch durchüben, so daß die Bewegung herauskommt, blau-violett, gelb-grün, gelblich-grünlich, rötlich-gelblich, rötlich-gelblich-orangelich. Und dabei werden dieselben Bewegungen gemacht, so daß man, ebenso wie man aus den Lauten heraus arbeitet, aus den Farben heraus arbeitet. Dadurch werden die eurythmischen Bewegungen ganz besonders geschmeidig, und Sie werden wahrnehmen können, wenn das gemacht wird, daß dann wirklich die eurythmischen Bewegungen stilvolle werden.
Nun werden wir mit diesem heute schließen und morgen dann in der Charakteristik einzelner Seelenzustände fortfahren.