The Art Of Recitation And Declamation
GA 281 — 16 February 1915, Stuttgart
Friedrich Lienhard-Matinée
Wir werden heute die große, die herzliche Freude haben, in diesen Stunden uns erfüllen zu können mit den Eindrücken der dichterischen Schöpfung von Friedrich Lienhard. Bei einer solchen für uns so lieben Gelegenheit soll immer wiederum darauf hingewiesen werden, wie wir fühlen dankbarst, wenn die Möglichkeit gegeben ist, daß zusammenklingt mit dem Streben, das unsere Herzen durchseelt, dasjenige, was der wahre Dichter heraufholt aus den Heimatgefilden des Geistigen, die auch unsere Heimatgefilde sind. Und betont muß immer werden, wie wir uns glücklich und tief seelisch befriedigt fühlen müssen, wenn der wahre Dichter in unsere Kreise dasjenige trägt, was ihm die geistige Macht, zu der auch wir uns bekennen, als ihrem Liebling in Herz und Seele hinein inspiriert. Und von solchen wahren Inspirationen werden wir uns erfüllt finden, wenn wir hinwenden das geistige Ohr zu Friedrich Lienhards Schöpfungen. Wir dürfen uns innig verwandt fühlen gerade seiner Dichterseele, die aus zwei Quellen her nebeneinander ihre Inspirationen holt, die uns so nahe, so recht naheliegen können. In wievielen doch der Lienhardschen Schöpfungen lebt das, was die verschiedensten, die mannigfaltigsten Geister der elsässischen Naturwelt raunen, rauschen, lispeln, ins Menschenherz hinein vernehmen lassen. Es darf der Glaube ausgesprochen werden, daß im Laufe der geisteswissenschaftlichen Entwickelung gerade innerhalb dieser okkulten Strömung sich immer mehr und mehr diejenigen finden werden, die gerade ein dankbarstes Publikum sind für das, was von solcher Seite herkommt.
Es ist durchaus ein Mißverständnis zu glauben, daß die Inspirationen aus der geistigen Welt, wie man sie nachempfinden kann dem Dichter Lienhard, etwa bloß in den Inhalt des Künstlerischen hinein sich ergießen und ablenken von der eigentlichen künstlerischen Form. Das ist nicht der Fall. In Wahrheit verspürt man vielmehr, wie die Worte getragen werden in die geistigen Höhen und im Tragen selbst Künstlerischstes auch in der Form entfalten, wenn die Träger des Wortes, wenn die Träger der anderen Kunstmittel die wahrhaftigen Meister der seelischen Wirklichkeit sind. Dieses Getragenwerden von dem wahrhaftigen Geiste der seelischen Wirklichkeit, das ist es, was in so wunderbarer Weise uns aus Friedrich Lienhards Dichtungen heraus immer begrüßt.
Die zweite Quelle, die uns auch so naheliegt, ist die, daß der Dichter gefunden hat den Weg zu denjenigen Quellen geistiger Inspiration, die aus den alten Überlieferungen germanischer Vorzeit fließen, in denen noch in so großartiger Weise uralte Weisheiten nachklingen und nachraunen. Ist es doch wirklich so, als ob zuweilen gerade in den größeren Dichtungen Lienhards gegenwärtig werden könnte etwas von jener Stimmung, von jener künstlerischen Stimmung uralter Germanenzeit, die eigentlich im Grunde genommen so verweht ist, daß selbst Wilhelm Jordans Dichtungen sie nicht wieder heraufzaubern konnten. Es war mir oftmals, als wenn ich etwas nachklingen hörte gerade aus den Dichtungen Friedrich Lienhards heraus von dem, was so lebhaft vor meiner Seele steht, wie in alten Zeiten die Alliterationen noch lebendig waren, diese Alliterationen, die in jenen Zeiten die Worte so trugen, daß eben Worte da waren, die in jeder Seele lebten. Der Dichter schlug dann irgendeinen Ton an, und die Gemeinde ließ in Alliteration das nachklingen, was der Dichter angeschlagen hatte und was der Sänger zum Ausklang brachte. Wenn der Sänger einen Ton anschlug, dann fielen die Zuhörer ein. Das bildete das Band der Seelen für die Menschen. Und das ist im Grunde genommen nachklingend in all den Gemeindegesängen, welche einen schwachen Nachhall zeigen von dem, was auch in den Mysterien getrieben wurde. Und so müssen wir dankbar sein, wenn ein Dichter wieder in möglichst echtem Sinne an diesen Quell gehen will. Ein Dichter, der gerade in unserer Zeit den Ernst der Kunst in so wunderbarer Weise zu betonen wußte durch seine Verbindung mit den schicksalsschweren Tagen, die wir durchleben.
Ich möchte, daß viele von uns Friedrich Lienhards Schriften lesen, seine Gedichte, besonders auch «Deutschlands Europäische Sendung», in der so viel Herzlichkeit lebt in bezug auf die Auffassung dessen, was uns in diesen Tagen so nahettitt, in der so viel lebt von den groBen Impulsen, zu denen wir uns hinaufschwingen müssen, wenn wir als Bekenner der Geisteswissenschaft im rechten Sinne leben wollen mit dem, was durch unsere Zeit pulst. Und nicht minder wird die Seele Erhebung finden, wenn sie eines echten Dichters Aussprüche vernimmt, der in seinem Herzen zusammengewachsen ist mit Deutschlands Westmark, in seiner Schrift «Das deutsche Elsaß», in der er über den Zusammenhang der deutschen Westmark mit dem gesamten deutschen Wesen so schöne Worte zu finden gewußt hat.
Wir werden zuerst die Freude haben, gerade aus jener noch zu erscheinenden Sammlung heraus, welche gewidmet ist dem Dienste unserer Zeit, durch Friedrich Lienhard selbst einige Gedichte dankbar zu hören. Wir werden sie wirklich dankbar hören können, denn wir werden einen Vorklang von dem vernehmen, was wohl jetzt schon wie ein Zustand der Zukunft, einer Zukunft voller Lebendigkeit, vor unserer Seele stehen darf. Denn es darf vielleicht auch als ein Gruß gelten für dasjenige, was uns Friedrich Lienhard jetzt geben wird, wenn erwähnt wird, wie wir fühlen, daß in unserer Zeit viel, viel dichterische Stoffe vorhanden sind, die hervorkommen, hervorquellen werden, wenn einmal aus jener tragischen Stimmung, die uns jetzt erfüllen muß angesichts dessen, daß vorläufig hauptsächlich die schweren, oft grausamen Taten sprechen müssen, eine andere Stimmung sich entwickelt haben wird, wo das Fühlen des Schmerzes künstlerisch zum Ausdruck bringen muß vieles, was jetzt noch an den Seelen so vorübergeht, was aber ganz gewiß in ähnlicher Weise, wie den Dichtern der Vergangenheit, unsern Dichtern künstlerisch zu Gestaltendes bieten wird. Ein Bild steht vor mir, von dem ich glaube, daß es manche Inspirationen enthalten muß für die Zukunft, das deutlicher aussprechen wird, was in der Gegenwart lebt, als manches, was jetzt schon deutlich gesehen wird. Viele, viele tiefen Eindrücke konnte man bekommen in unserer Zeit. Für mich überwog ein Eindruck gar viele andere, ein Eindruck, den ich in den ersten Tagen des August hatte. Wenn man den Blick hinrichtete nach dem Deutschen Reichstag und seinen versammelten Parteien mit ihren Parteiführern - es scheint prosaisch zu sein, aber mitten in der Prosa verwandelt sich der Eindruck doch in ein poetisches Bild -, um dann den Blick zurückzuwenden nach Osten, wo eine andere Versammlung stattfand, die Versammlung der Duma, und wenn man nicht das allein nimmt, was da vorging, sondern wenn man die Stimmung nimmt, die sich wie eine Aura darüberbreitete, nun, es wird schwierig sogar heute schon, diese Stimmung in Worte zu bringen. Hinwendend den Blick nach dem Deutschen Reichstag: was herrschte wie ein Herold, der vorausgeht kommenden Taten? Schweigen. Schweigen der Parteien. Die Stimmung, die aus diesem Schweigen sich erhebt, wahrhaftig, in Vergleichung mit der anderen, welche aufsteigt, wenn wir im einzelnen betrachten das, was sich abspielte fast in der gleichen Zeit, in der auch die Einberufung der Duma stattfand, es muß uns erscheinen, weil so viel, so unendlich viel von allen Seiten geredet wurde, neben dem schweigenden Herold - ich sage es wahrhaftig nicht mit Hohn, mit Ironie, ich fühlte in meinem Innern Trauer aufsteigen, als ich mir das Bild dessen vergegenwärtigte, was sich abspielte in der Duma im August — das Bild, das einen wie eine mit allem möglichen Flitterzeug aus Phrasen - die allerdings im Taumel der Begeisterung ausgesprochen wurden - behängte Fastnachtfigur anmutet. Ich weiß mich jeder Objektivität fähig, indem ich diese zwei Bilder hinstellen muß, weil sie sich mir hinstellen vor meine Seele. Und gedeihen wird eine Kunst, die weiß, was sie aus diesen Bildern besprechen muß.
Dankbarlichst werden wir anhören den Anfang der Dichtung, die als Gesang von Friedrich Lienhard gedacht ist, in dem künstlerisch gestaltet ist dasjenige, was durch unsere Zeit webt und karmisch lebt. Und dann, nachdem wir dies empfangen haben werden, werden wir uns weiter vertiefen können in ältere, aber immer jungbleibende Schöpfungen dieses Künstlers, dieses Dichters, der zu uns hat seine Wege lenken wollen.
Dasjenige aber, was wir fühlen, meine lieben Freunde, das möge sein, daß gerade für die Art von Dichtung, wie sie Friedrich Lienhard der Menschheit beschert, ein besonders dankbares Publikum da ist in den Seelen, die Geisteswissenschaft aufgenommen haben.
Von diesen Gedanken aus sei begrüßt Friedrich Lienhard, der Dichter, den wir so gerne, so mit inniger Liebe, so mit menschlicher Verehrung unter uns sehen und immer sehen werden.
Friedrich Lienhard trägt seine Dichtungen vor.