The Art Of Recitation And Declamation

GA 281 — 3 October 1915, Dornach

Lienhard-Feier

Rezitation durch Marie Steiner aus «Gedichte» von Friedrich Lienhard

WOHER? Weiß nicht und finde nicht Worte,
Wo meine Heimat sei.
Wohl stehen und scheinen wie Kerzen
Die Birken herab in den Mai.
Aber ich seh’ wie verirrt hinaus,
Weit wo anders bin ich zu Haus,
Weit!... Du Heimklang, den ich nicht deuten kann,
Du Fragegewisper im fremden Tann
Woher? War ich in alten Zeiten
Ein Ritter am rauhen Meer?
Hört’ ich die große Brandung
Anrauschen wehvoll-schwer?
Bin ich gefallen im Kampfe
Um einen granitnen Besitz?
Zerschlug meine Heldengaleere
Der wilde Blitz? Ich war vielleicht vor Jahren
Ein Bursche frisch und rund;
Es ging ein Bächlein raunend
Durch einen Mühlengrund.
Ich habe daran gesessen
In manchem jungen Harin,
Derweil eine andre lachend lag
In eines andren Arm.
Weiß nicht und finde nicht Worte,
Wo meine Heimat sei... Die Menschen tun mir wehe,
Ich frage den Wind: warum?
Wohin ich horche, wohin ich sehe,
Bleibt ihr Gebaren mir fremd und stumm.
Ihre Stadt voll Unmelodie!
Die Reiche des Weltalls schauen sie nie,
Sehen nicht, daß sie gefangen sind -
Wollt’, ich wär’ wieder ein Kind! So herzig möcht’ ich sprechen,
So seltsam, wie es mich drängt!
Fülle von Bildern brechen,
Die leuchtend an meinen Bäumen hängt!
Mit «Du», mit «Bruder» und «Schwester»
Hinwandern durch gütige Welt,
Lieb haben, Liebes sagen
Jedwedem, der mir gefällt.
Leicht wie ein Geist, nur gebunden in Gott Frei!... Weiß nicht und finde nicht Worte,
Wo meine Heimat sei... MORGENWIND Du lieblich Morgenläuten, wenn Halm an Hälmchen schlägt!
Wenn sich von Schwingeglocken die klingende Au bewegt!
Ich horche in all die Gräser, in all die Glocken hinein
Komm, wildlebendger Morgenwind, kehr ein, kehr ein, kehr ein! Es ist ein zartes Zupfen, ist nur ein Rühren von Saiten:
Fingerchen sind ja die Winde, die zitternd darüber gleiten!
Dann kommt ein stärker Sausen aus überbrauster Au:
Es springt und singt in Tropfen der windgeschüttelte Tau! Und was die zarte Harfe schwingt,
Den Windgesang, den Halmenklang,
Und was in starken Tönen singt
Am ganzen lauten Wiesenhang: Ich pflücke, bis ich von Fetzlein und Fetzen
Mir zum Behagen und euch zum Ergötzen
Klänge gefangen in Fiedel und Sang! So weiß ich auf allen Wiesen der Melodien viel:
Wir warten auf den Morgenwind und werden Glockenspiel! SOMMERWALD Wie scheu der Sommerwind im Tannwald geht!
Es ruft vorüber wie von fernem Kinde,
Das in der irren Waldung suchend steht;
Doch summen nur im Sommersäuselwinde
Die Mücken hin... und ihr Gesang verweht...
Lieber Wald!... Von sieben Zwergen, von Sneewittchen träumt
Der Wandter, der im Sonnengaukelflimmer
An seiner Tanne viele Stunden säumt:
Ein Hans im Glück, der alles Goldes Glimmer
In einen Quell warf, der im Tale schäumt...
Lieber Wald, o lieber Wald! Rotkäppchen wandert zierlich durch das Grün,
Am Arm der Kleinen wippt des Körbchens Schwere;
In Blumen greift sie, die am Pfade blühn;
Um jede Dolde, jede fremde Ähre
Muß staunend sie und plaudernd sich bemühn...
Lieber Wald... o lieber Wald!... WALDGRUSS Waldhornschall
Hör’ ich dahinten im Wasgenwalde!
O sieh, der Fingerhut
Leuchtet von sonniger Halde!
Eidechsen huschen übern Stein,
Üppig duftet der Thymian-Rain,
Hummeln hangen am heißen Klee - O Wald, mein Wald,
Nach deinen Wonnen ist mir weh!... SEELENWANDERUNG Mich hat der Wald schon immer gehegt
Als Falk oder Bach oder Elfe der Nacht;
Als Efeu hing ich an Trümmerpracht,
Ich hab’ mich als Nebel im Grund geregt.
Und wenn des Waldwinds Glockengetön
Herkam durch farbiger Lichtung Glanz:
Ich war’s, der alle die Halden und Höhn
Zusammengeläutet zum Sonntagstanz.
Und wenn ein Käfer mit grünlichem Leuchten
Vorherflog spätem Steckenmann:
Ich war’s, ich brannte der Nacht, der feuchten,
In Gras und Tau ein Lichtlein an. So war ich verzaubert und lebte schon lang!
Nun sing’ ich das alles in Menschenklang... SONNTAGNACHMITTAG In des Dörfleins Sonntagnachmittag
Singt und summt des eignen Herzens Schlag. In des Dörfleins Sonntagnachmittag
Blüht in feinen Tönen Feld und Hag. Auch zur Nachbarin im Schatten dort
Spricht aus stiller Bibel Gottes Wort. Und der Alte, der sein Land beschaut,
Hört melodisch wachsen Klee und Kraut. Denn auf all des Wachstums Melodien
Bebt der Nachhall heil’ger Glocken hin... GLAUBE Wie eine Blume in milder Nacht,
Vom Mond gespeist, vom Tau getränkt,
Wachs’ ich von deiner Erde auf
Zu dit, der mich hier eingesenkt. Deine Stürme fahren daher, dahin,
Deine Lenzluft lockt, deine Mondnacht taut
Tue mit mir nach deinem Sinn:
Du bist mein Gärtner, ich dein Kraut! DAS SCHAFFENDE LICHT 1. Du unergründlich Leuchten!
Du unerforschlich Meer!
O Lenz, wirf Wogen der Wonne
Über den Wandrer her! Des Ostens Licht und das Dampfen
Des Weißdorn am tauigen Hag,
Das Brechen und Brausen der Bäche
Wie sing’ ich so sprühenden Tag?! Horch, in den Himmeln hangen
Lobsingende Lerchen genug!
Schaffend will ich dich trinken,
O Lenztag, Zug um Zug. 2. All die runden Rosablüten,
Die aus Pfirsichbäumen dringen;
All die unsichtbaren Lerchen,
Die auf weißen Wölkchen singen; All die Blumen, die wie Flämmchen
Auf der Aue sich entfachen;
Jene Kinder, die am Waldrand
In den Sonntagmorgen lachen Ach, und des brausenden Herzens Schlag:
Alles reckt sich empor zum Tag!
Alles, was Odem hat, wird ein Gedicht:
Ein Lobgesang auf das schaffende Licht! 3. Habt ihr es auch erfahren?
Oft zittert aus Blüten und Kraut
Ein heimwehsüßes Sagen,
Als wär’s ein Geisterlaut. Und manchmal, nach Gewittern,
Steht groß im Abendbrand
Auf den kristallnen Wolken
Ein unbekanntes Land. Und ist dein Hügel hoch genug,
So trägt der Winde Säuselzug
Ein geisterfeines Singen her,
Als ob das Spätrot tönend wär’. Kennt ihr den Klang so heimwehweich?
Es ist ein Gruß aus sel’gem Reich!
Von dorther hat uns Gott entsandt,
Daß wir dem dunklen Erdenstrand Lichtworte offenbaren! Habt ihr es auch erfahren?

Zu den Dichtern, welche in die Welt der äußeren, physischen Wirklichkeit die Töne des geistigen Lebens, die Töne einer noch anderen Welt hereinzubringen wissen, wird man immer in der Zukunft, wenn man einen Überblick halten wird über die Entwickelung des Geisteslebens, Friedrich Lienhard rechnen müssen.

Friedrich Lienhard ist ein Dichter, von dem wir vor allen Dingen in unserer gegenwärtigen Zeit, wo sich in Kunst und Dichtung so vieles von Unwahrem, von Unechtem und Phantastischem mischt, sagen müssen: Er ist als Künstler, als Dichter, als Mensch echt und wahr bis auf den Grund seiner Seele. Und wenn alle die Neigungen verschwunden sein werden, die in der zweiten Hälfte des 19. und im Beginne des 20. Jahrhunderts, man möchte sagen wie die Begleiterscheinungen der materialistischen Neigungen auf künstlerischem und ästhetischem Gebiete hinneigen zu allen möglichen «Ismen», wird man erst fühlen, daß das geistige Leben in Dichtern, wie wir ihn in Friedrich Lienhard haben, die idealen Ziele in der Welt zeigt. Man wird fühlen, wie seine Dichtungen nicht darin Kunst sehen, daß man darin erblicken wird äußere, sinnlich angeschaute, einfach in irgendwelches dichterische Kleid oder in irgendwelche künstlerisch gebildete Worte oder Formen gebrachte Bilder, sondern daß man das Künstlerische, das Dichterische darinnen sehen wird, daß die unsichtbare, geheimnisvolle Welt, welche in der physischen Welt wirklich allüberall verzaubert liegt, aus ihrer Verzauberung hervorgerufen werde, jene Welt, welche der Mensch für den menschlichen Anblick aus dem Zusammenwirken aller Weltharmonien hauchartig hinwebt und hinwirkt über das Sinnlich-Wirkliche, und daß man versucht, in die Botschaft des dichterischen Schaffens und Dichtens hineinzukommen.

So steht Friedrich Lienhard der Welt, dem Menschen und dem ganzen Universum gegenüber nicht nur als ein Künstler, nicht nur als ein Dichter, sondern, was mehr, viel mehr ist, als ein Suchender, als einer, der in seinem eigenen Gemüte verwoben ist mit den Rätseln des Menschendaseins, des Weltendaseins, und der seine dichterische Kraft zu stimmen vermag aus dem Erfühlen dieser Weltenrätsel, dieser Menschenrätsel heraus.

Wenn wir hinhorchen auf die älteren seiner Dichtungen, so fühlen wir, wie dieses Menschengemüt lebt mit alledem, was in der Natur selber lebt und webt, wie aus den Vorgängen der Natur die Freuden, die elementarischen Freuden dieses Menschenherzens entbunden werden, so wie wenn die Geister der Natur selber diese menschlichen Freuden in diesem Menschengemüte entzünden wollten, und wir hören forttönen in Friedrich Lienhards dichterischem Schaffen das eigenartige Weben der Elementarwesen der Natur, und das wiederum ist es, was in seinen Dichtungen hinausgeht über das oftmals Dumpfe und Enge, das seine Zeitgenossenschaft hatte und aus dem er herauswachsen mußte.

Das innige, aufrichtige, tiefe Naturempfinden und das Verwobensein mit alledem, was im Menschenleben an Verwicklungen besteht und was erzeugt in dem einzelnen Menschengemüte auf der einen Seite sehnendes Verlangen, freudiges Sicherheben, und auf der andern Seite hineinbringt Schmerz und tiefes Leid, alles das bewirkt wiederum Friedrich Lienhards Dichtungen, daß wir sie nicht verstehen können, wenn wir einzelnes als Menschen fassen, sondern fassen als heraus sich entwickelnd aus einem Volke und einem Zeitgeiste unserer neueren Entwickelung.

Sehr eigentümlich ist es, wenn man ein Organ hat, sich so recht hineinzufühlen in Friedrich Lienhards Dichtungen da, wo die Dichtung erst in ihren tieferen Zügen, in ihrer tieferen Charakteristik beginnt, in welche Tiefen aber oftmals die Menschenseelen gar nicht mitgehen wollen. Wenn man ein Organ hat, da noch mitzugehen und mitzufühlen, findet man, wie die eigentümliche Natur Friedrich Lienhards wirklich dichterisch, weltentrückt ihre eigene Sprache lebt und webt, die ihre eigene Antwort, ich möchte sagen, im großen Weltendasein fordert, die sie befriedigt, um in ihrem Eigenen fortleben zu lassen das lebendige Weben und Wesen der Allnatur. Dann finden wir, wie in schwingenden Wellen, wie mit Flügeln des Seins und des höheren Lebens fortlebt, was in der Natur schafft und wirkt, und das fühlen macht, wie elementarische Zaubergeister Sein durch das bekommen, was Friedrich Lienhard sagt, durch das, was im Universum lebt und hineinwill in das dichterische Schaffen, weil es sich nicht voll ausleben kann im Naturschaffen. So sehen wir, wie in der Sprache Lienhards etwas ist wie ein höherer Naturton, und wie sich ganz selbstverständlich hineinlebt in Friedrich Lienhards sprachliches Wirken das Weben der Alliteration. Versuchen wir hinzuhorchen und zu ergründen das, was uns so recht zeigen kann, wie das Herz sich austönt in den Tönen der Worte, so werden wir sehen, wie die Natur noch hineinwebt in das glänzende Licht, in die Schall wirkende Luft, wie sich hinwenden über das Naturdasein Kräfte und Wesen, die nicht gesehen werden können als nur vom Künstlerauge, nicht gefühlt werden können als nur vom Künstlerherzen und vom Künstlergemüte. Seelen wie Friedrich Lienhard erscheinen einem oftmals so, wie wenn die göttliche Allmutter des Daseins das, was an überschüssiger Schöpferkraft in ihr ist und was sie nicht aufbrauchen kann zum Schaffen der Naturreiche, sich aufsparte, um in einzelnen menschlichen Individuen noch auf ganz besondere Weise auszusprechen, was sie aus ihren eigenen Geschöpfen heraus nicht selber sagen kann.

Und dann fühlen wir so recht, was Goethe sagen wollte, wenn er von dem menschlichen Schaffen als von einer Natur über der Natur sprach, als von einer Natur, in der sich zusammenfaßt geistiges Ergeben und geistiges Erheben in das, was sonst ausgebreitet ist in den weiten Reichen des Naturdaseins.

Ein Suchender in diesem Sinne, wie ein Suchender getragen ist von den geheimnisvollen Kräften, die ihn schaffend beleben und entwikkeln, wurde Friedrich Lienhard, und so ergab er sich jenen Naturstimmungen, in denen das fortwirkte, was in der schaffenden Natur wirkt und west, um das zu fühlen, was vom Menschenherzen zum Menschenherzen spielt und was wieder zu dem großen All und zu dem führt, wozu der Dichter berufen ist, es im Bilde darzustellen.

So sehen wir denn, wie Friedrich Lienhard als Suchender ein Wachsender, ein Werdender stets ist, wie er nicht jenem gleicht, der sich einfach hinstellt vor die Welt, um das zu sagen, was gerade sein Herz, seine einzelne menschliche Seele bewegt, sondern wie verwachsen ist mit dem menschlichen Werden und Weben, was nicht bloß als einzelne Egoität sich ausleben will, sondern das sein will wie Exponent, wie Auswirken dessen, was in der Weite der Menschenseele, in der Volksseele, in der Zeitenseele lebt.

Nachdem Friedrich Lienhard eine gewisse Stufe seiner Reife erlangt hatte, vertiefte er sich in das, was die neuere geistige Entwickelung auf so mannigfaltige Weise gebracht hat, und brachte auf seine Weise zum Ausdruck, wie er begonnen hat Goethe, Schiller, Herder, Jean Paul, Novalis zu studieren, um die anderen neueren Geistesgrößen näher zu verstehen, tiefer zu verstehen, inniger mit ihnen mitzuleben. Die Wege, die er selber so gemacht hat, stellte er dar in seiner ganz merkwürdigen Einsiedlerzeitschrift, die dennoch wieder als Einsiedlerzeitschrift zu der Außenwelt sprechen konnte über seine «Wege nach Weimar».

Er war gewandert die Wege nach Weimar, jene Wege nach Weimar, welche die jetzigen Wege der neueren Naturwanderschaft der Menschheit, die Wege der heutigen Menschheit sind, die gefunden werden können in unserem Entwickelungszustande, jene Wege, auf denen Goethe den Zusammenhang mit den Himmels-, mit den Seelenwelten gesucht hat, jene Wege, die Herder ergründet hat, um zu finden, wie menschliches Werden mit kosmischer Entwickelung, mit historischer Entwickelung verbunden ist. Jene Wege nach Weimar, durch welche die Menschheit mitfühlen kann mit jenen, von denen zurückgetreten ist die Freude, jene Wege nach Weimar, von denen Goethe spricht, daß sie sich erweitern zum kosmischen, zum Weltgefühle, jene Wege, durch welche die Menschenseele in ihrer ganzen Innigkeit sich so verbunden fühlen kann mit der Allnatur, wo die Seele es dahin bringt, daß sie fühlt mit die Freude, fühlt mit das Leid, fühlt mit das Göttliche auf der andern Seite, daß diese Menschennatur es dahin bringt, das Göttliche in den Himmelsharmonien zu fühlen, daß sie es bringt zu einem weinenden Auge auf der einen Seite, zu einem heiteren Auge auf der andern Seite. Jene Wege nach Weimar hat Friedrich Lienhard gesucht, welche Noyalis gegangen ist, um zu finden mit zwar tastendem Menschensinn den Weg in die übersinnlichen Welten, den Weg, den man gehen muß, wenn man die Menschenseelen noch finden will, welche die irdischen Leiber verlassen haben, jene Wege nach Weimar, auf denen Friedrich Lienhard Goethe, der ihm vorangegangen, nachgegangen ist in treuer Gefolgschaft, auf denen die Menschenseele geheilt wird von allem Geistesegoismus, von allem geistigen Individualismus, weil sie sich aufsaugen lassen kann von dem Allstreben der Menschheit, jene Wege, auf denen sie geheilt wird von dem Egoismus, dem Eigensinn. So fand er den Weg neben denen, die gestrebt haben für Menschenheil und Menschenwerden, sich einzufühlen in Goethe, Schiller, sich einzufühlen in Novalis und die anderen.

Das hat Friedrich Lienhard auf seinen Wegen nach Weimar erstrebt, und dann hat er hinzugegeben das, was er gefunden hat an geistig Gestaltetem und geistig Erfühltem und brachte selber hinein in seiner Kunst das, was er selber als Höchstes erstrebt hat. So ist Friedrich Lienhard nicht nur für sich, sondern mit anderen geworden, und nun haben wir die große Freude, in der Zeit, in der Friedrich Lienhards reiches Streben in sein einundfünfzigstes Lebensjahr einmündet, auch noch denjenigen zu sehen, der in unserer Mitte nach den geistigen Höhen der Menschheit zu streben sich bemüht, und wir dürfen eine große Freude haben, daß er in unserer Mitte ist, eine Freude, die darum groß sein darf, weil wir nicht nur ein egoistisches Geistesleben für eine jede einzelne Seele entwickeln wollen, sondern weil wit, wenn wir ein gesundes Geistesleben entwickeln wollen, Fäden ziehen müssen zu alledem, was in der Welt an Geistigem lebt und strebt.

Friedrich Lienhard hat — ich möchte sagen, wie er den Weg gefunden hat zu den elementarischen Geistern, die in den Blättern, mit dem Winde dahinrauschen, die mit dem Wasser dahinrieseln, die im Lichte dahinflimmern, wie er den Weg gefunden hat, mit diesen elementarischen Naturgeistern so zu gehen, daß seine Worte zu Booten werden, welche hintragen diese elementarischen Zaubergeistwesen durch das menschliche Wirken und das menschliche Schaffen -, Friedrich Lienhard hat dann auch den Weg gefunden, jene größeren Boote noch zu zimmern, welche fähig sind, aufzunehmen, um sie indiemenschliche Pilgerwanderschaft hineinzugeleiten, die weiteren Geister, durch welche gesucht haben diejenigen, die den Weg nach Weimar gegangen sind, den Weg von der Einzelseele zu der Gesamtseele der Menschheit.

Wie Friedrich Lienhard auf diesen beiden Wegen gewandert ist, so wandert er nun auch den weiten Geistesweg, den wir selber mit unseren schwachen Kräften suchen. Mit starken Sehnsuchten versuchte er einzudringen mit seinem Roman « Oberlin» nicht nur in die einzelne Menschenseele dieses merkwürdigen, einsiedlerischen, geistbegabten Pfarrers aus dem Elsaß, sondern er versuchte mit diesem Romane einzudringen in das ganze kulturhistorische Zeitgefüge, innerhalb dessen Oberlin, der Seher, der einsame Seher vom Elsaß darinnensteht.

So kam Friedrich Lienhard auch dazu, ein Dichter zu werden wie diejenigen, die etwa gleichen Hamerling und anderen ähnlichen Dichtern, welche versuchen, aus dem historischen Leben und Werden der Menschheit heraus, die Geheimnisse der Menschheit selber darzustellen, die Rätsel des Lebens zu finden. Es ist im höchsten Grade reizvoll zu sehen, wie herauswächst das menschliche Leben und Wesen des ganzen Zeitalters aus der Darstellung Friedrich Lienhards in seinem so schönen Romane « Oberlin». Weiter versuchte Friedrich Lienhard dann zu gehen in späteren historischen Werken, darstellend, wie der Mensch heute verbindet Geist und Natur, wie er mit seiner Seele den Lebenspilgergang zu wandern versuchen kann. So recht hineingewachsen in das geisterfüllte Schaffen und Wirken ist Friedrich Lienhard, und wie nahe er unserem Streben steht, das wird Ihnen noch ganz zeigen die Rezitation der Gedichte, die, ich möchte sagen, so recht Seelensubstanz von unserer Seelensubstanz sind und die wir dann noch hören werden.

In Gedichten wie «Christus auf dem Tabor» oder «Tempel der Erfüllung» hat Friedrich Lienhard den innigsten Zusammenhang mit dem Geist-Erfühlen, das wir suchen, gefunden. Wenn man sehen kann, daß immer mehr und mehr die Zeit heranrückt, in welcher ein geistig Schaffender überhaupt zeigen wird, ob er von den Geistesrufen, die in die Zukunft tönen werden, erfaßt ist dadurch, daß er in dem, was er geistig erfassen, erfühlen, erdenken, erdichten, erschaffen kann, sich gewachsen zeigt einem wirklichen Aufblick zu der Welteinzigen, Menschheit-einzigen Gestalt des Christus, wenn man das sehen darf, dann darf man auch sagen: Friedrich Lienhard hat sich zu solchen Formen seines Dichtens, Denkens und Schaffens gefunden, die verständnisvoll gegenüberstehen können der Menschheit-einzigen, der Welt-einzigen Gestalt des Christus Jesus. Damit gehört er nicht nur der Gegenwart, damit gehört er, als einer der Anfänge, der Zukunft an, die wir ersehnen, die der Mensch ersehnen muß, der gegenwärtig seine Zeit versteht.

In dem Gedichte «Tempel der Erfüllung», das wir noch hören werden, zeigt uns Friedrich Lienhard, wie im Symbolum vor ihm steht das, was auch vor unserem geistigen Auge im Symbolum steht, in jenem Symbolum, das uns zum Ausdruck bringen soll, wie Menschheitsherzen, Menschheitsgemüter, Menschheitsgeister hineinwachsen können in jene Zukunft, die den Materialismus überwinden muß aus dem Grunde, weil zum Weltenheil, zur Weltenrettung Ahriman wieder gebunden werden muß. Dessen wollen wir vor allen Dingen gedenken zu der Zeit, da unser lieber Freund Friedrich Lienhard sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet, daß er gewußt hat sich zu verbinden jenen, die den Rufen folgen können nach der Zukunft der Menschheit, die erkannt haben, wie man erkennen muß, daß alles abfallen muß von dem Bau der menschlichen Entwickelung und daß nur bleiben kann das, was den Geistesfrüchten, den Geisteskeimen nachstrebt, die heute schon gesät werden für die Zukunft.

So wollen wir denn zu denjenigen gehören, denen der fünfzigste Geburtstag Friedrich Lienhards ein schönes Fest ist, ein Fest, das sie liebevoll in ihrem Herzen, in ihrem Gemüte begehen wollen, ein Fest, an dem wir uns dem Gedanken hingeben wollen, wie Friedrich Lienhard nicht nur zu unserer Freude zu uns gehört, sondern zu denjenigen gehört, die an dem großen 'Tempelbau der geistigen Menschheitsentwickelung mitwirken wollen. Wir wollen stärken und kräftigen unsere Liebe zu unserem Freunde, wir wollen stärken und kräftigen unser Verständnis für dessen ganz eigenartiges Weben und Wesen. Viele von Ihnen, meine lieben Freunde, kennen ihn, er war hier und auch in anderen Orten unter uns. Sie kennen ihn, den merkwürdigen Mann, der so durch die Reihen der anderen Menschen geht, als ob seine Augen hineinschauten in eine Welt, aus der entschwindet ein Stück von dem, was sonst die Augen mit Interesse und Aufmerksamkeit betrachten, als ob er manches nicht sieht, dafür aber anderes sieht, was die Umwelt nicht sieht. Und so erscheint er, ich möchte sagen, rein in seinem äußeren Herumgehen wie ein Träumer einer Welt, die andere ringsherum nur dadurch gewahrwerden, daß sie sie in seiner Seele, in seinem Gemüte ahnen, wenn sie seinem sinnenden Haupte gegenüberstehen. So erscheint er als eine Persönlichkeit, die vieles fühlt, was andere nicht fühlen können, die in vieler Beziehung weltfremd ist, weil sie nach Verwandtschaft strebt mit einer Welt, mit der man nur vertraut sein kann, wenn man gegenüber manchem fremd wird, was vielen anderen Menschen so vertraut ist.

In der Tat, wenn man so, ich möchte sagen diskret fühlt das eigentümlich Charakteristische dieser Persönlichkeit, dann mischt sich die innigste Liebe zu seinem ganzen Wesen in die Verehrung seines schönen, seines Hohheit-erfüllten Schaffens hinein, und dann lernen wir wohl auch, zu ihm in der richtigen Weise zu stehen. Heute, da wir entgegensehen seinem fünfzigsten Lebensjahre, wollen wir diese Gedanken in uns hegen und pflegen, daß sie werden können zu schönen Wünschen, zu kräftigen Wünschen dafür, daß Friedrich Lienhard es gegönnt sei, vieles, vieles noch zu schaffen in der aufgehenden weiteren Lebensepoche, in der höheren Reifensepoche aus dem tiefen Born, aus der tiefen Quelle seines geisterfüllten, naturvertrauten, menschheitsliebenden, menschheitsfreundlichen Schaffens und Wirkens. Und sagen wir es mit tiefster Befriedigung, ein Wort im Hinblick auf ihn erfüllt uns mit Freude, erfüllt uns mit Genugtuung, erfüllt uns aber auch mit einem gewissen Vertrauen in unsere eigene Sache, ein Wort, mit Bezug auf ihn ausgesprochen: Freuen wir uns, denn er ist unser!

Rezitation durch Marie Steiner aus «Lichtland» von Friedrich Lienhard

TEMPEL DER ERFÜLLUNG Auf rote Wand wölbt sich der Kuppel Blau;
Und in dem Blau sind goldgewirkte Sterne.
Zwölf Meister stehn im runden Säulenbau
Und richten ihrer Blicke Kraft von ferne
Dreizehntem zu, der vor des Altars Grau
Im silbernen Gewand des Führers steht
Und zwölffach Kräfte sammelt im Gebet. So läuft die Sonne durch die Tierkreiszeichen
Und läßt sich zwölf besondre Kräfte spenden,
Um sie dann weiter in die Welt zu senden;
So tauscht sich Kraft mit Kraft an allen Enden
Des Kosmos und des kleinen Menschenlebens;
Und kein Geringster strahlt und wirkt vergebens
Das Sonnenziel kann jeder Stern erreichen. Jeder für alle - und für jeden alle!
Rhythmisch ist diese wunderbare Halle:
Denn jeder dieser leichtgeschwungnen Bogen
Ist über jeden Meisters Haupt gezogen,
Der marmoredel unter ihm verharrt;
Den Raum erfüllt ein atemfeines Wogen
Geklärter Seelenkräfte stark und zart. Wer dieses Sonnentempels Bann betritt,
Dem prägt sich ein die Doppel-Siebenzahl
Der zeichenvollen Säulen, die den Saal
Von rundumher mit Ebenmaß umgeben;
Gleich einer Taube spürt er oben schweben
Des weißen Kuppelfensters runden Schnitt:
Und auf den Altar fällt der heil’ge Strahl. Das nur Geahnte darf sich hier gestalten,
Erfüllung wohnt in dieses Baues Rundung;
Der Fernendrang beruhigt sich in Frieden,
Und es vernarbt die irdische Verwundung.
Entronnen niedren, nächtlichen Gewalten,
Sieht der Geweihte sich den Ort beschieden,
Da ihn erwartet himmlische Gesundung. Und aller Dinge Urform schaut er wahr,
Der Welt verworren Spiel wird Harmonie;
es Kreuzes Blut stellt sich als Rosen dar,
Auf die vom Oberlicht kristallen-klar
Ein Ton fällt, Klang der Sphärenmelodie,
Der diesen hohen Raum mit Schönheit füllt
Und jede harte Kante weich umhüllt... Zu diesem Tempel zog es dich schon lang,
Du sehnst dich, drin zu schauen und zu beten.
Allein du drehst dich noch an Rosenbeeten
Der äußren Welt die Taxuswand entlang
Und wirst nicht frei von dem, was draußen tönt
Und jenes Tempels Dasein niederdröhnt -
Wenn du gereift bist, wirst du ihn betreten. CHRISTUS AUF DEM TABOR Jenseits der Drangsal,
Funkelnd von Kraft der Gnade,
Stehst du, Sonnengestalt,
Und in Goldlicht verwandelt sich dort
Vergängliches Leid. So bist du jenseits Und dennoch erreichbar:
Denn wir,
So oft wir den Wassern der Drangsal
Entsteigen, wie du entstiegest—
Sonnenumflossen stehn wir bei dir,
Goldgepanzert, verwandelt in Licht. Siehe, so standest du einst,
Als du in Hüllen der Erde gingst,
Vorauswerfend Glanz der künftigen Herrlichkeit,
Groß auf dem Tabor.
Zwiesprache hielten mit dir
Erhabene Meister der Urzeit:
Elias und Mose.
Unter dir aber, in Schatten und Schwere,
Schlummerten Gassen und Märkte der Menschen,
Da trat aus dir heraus
Das erdgefangne, das ewige Licht:
Wie zum Bade legtest du ab
Die Hüllen der Erde,
Den Rabbi, den Galiläer Und auf dem Tabor stand
Der funkelnde Gottmensch!
Trat aus den Hüllen und stand,
Stand wie eine Opferflammensäule
Groß auf dem nächtlichen Tabor! Da nahten sich jene, funkelnd wie du,
Die Großen der Vorzeit,
Traten hervor aus verhüllendem Lichtgewölk,
Wurden Gestalt und standen in Glanz
Auf dem Gipfel des Tabor.
Und sie tauschten mit dir die strahlende Rede,
Grüßten dich von den Seligen,
Erfüllten mit Flammenkraft die verzückten Jünger
Und traten wieder zurück
In die geheimnistiefe Mondnacht. Du aber, Meister, und deine Jünger
Schweigend, leuchtend; wissendes Lächeln
Auf hell nachschimmerndem Antlitz,
Wandeltest wieder hinab zu den dunklen Menschen.

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