The Art Of Recitation And Declamation
GA 281 — 26 November 1915, Stuttgart
Lienhard-Jordan-Matinée
Wir werden heute in den Kreis der Betrachtungen, die wir während dieser Zeit jetzt pflegen, einfließen lassen eine Darbietung deutscher Dichtung. Der erste Teil dieser Darbietung wird gewidmet sein demjenigen Dichter, dem gegenüber wir die große, die innige Befriedigung haben, ihn heute in unserer Mitte zu sehen, unseren lieben Professor Friedrich Lienhard. Und es entspricht einem tiefen Fühlen gegenüber dem so einzigartig dastehenden Lebenswerke unseres sehr verehrten Freundes, was ich zum Ausdruck bringen will, spät allerdings, anknüpfend an die Gefühle, die aus den weitesten Kreisen des deutschen Volkes Friedrich Lienhard entgegengebracht worden sind zu seinem vor einigen Wochen stattgefundenen Geburtstag. Es entspricht gewiß unserem tiefsten Fühlen, wenn ich am heutigen Tage ihm darbringe den Ausdruck eines völligen Miteinklingens all unserer Herzlichkeit mit den Festesfreuden, die ihn umtönt haben, die ihm gezeigt haben, wie sehr dasjenige, was er aus dem tiefsten Innern seines begnadeten Wesens heraus seinem Volke hat geben dürfen, nachklingt, nachschwingt in den Herzen vieler.
Gewiß, meine lieben Freunde, es war ein weiterer Kreis, an dem für die geschichtliche Entwickelung heute mehr gelegen ist als an unserem engeren Kreise, der in festlicher Stimmung sich Friedrich Lienhard in den letzten Wochen genaht hat. Aber aus vollem Herzen schließen wir uns mit unseren Gefühlen, mit unseren Empfindungen an das an, was vollberechtigt Friedrich Lienhard hören durfte in diesen Wochen: die tiefste Übereinstimmung ihres innersten Fühlens mit seinem Fühlen. Viele haben ihm davon gesprochen. Dasjenige, was die Wissenschaft von sich aus geben kann an Anerkennung menschlichen Geistesstrebens, ist von seiner, ich möchte sagen Mutteruniversität Friedrich Lienhard zu unserer großen Freude, zur Freude gewiß aller derjenigen, welche empfinden können die tiefe Pflicht, die besteht zur Anerkennung der Welt gegenüber menschlichen Geistesleistungen, entgegengebracht worden. Die tiefste Befriedigung hat alle diejenigen überkommen, die tiefste Freude, die davon gehört haben, wie Lienhards Mutteruniversität das Ehrendoktorat, die Anerkennung der Wissenschaft für menschliche Geistesleistungen, ausgesprochen hat. Und im tiefsten Sinne haben wir mitgefühlt, was alles um ihn herum sich abgespielt hat in den verflossenen Tagen, mitgefühlt aus dem Grunde, weil das, was uns so unendlich heilig ist, woran wir mit aller Liebe, mit allem Streben hängen, auch sein Wirken durchtönend erscheint.
Man kann sagen, daß die neuere Kultur der Menschheit an dichtetischer Kunst vieles Bedeutende heraufgebracht hat. An vielen Stellen blüht das, was die gegenwärtige Kultur den Menschen geben kann, in dichterischen Leistungen. Die Zukunft wird darüber entscheiden und das gegenwärtige Herz kann es schon ahnen, wie sie entscheiden wird -, welche von diesen Blüten so eng verknüpft sind mit dem Zeitlichen der Gegenwartskultur, daß sie auch wiederum versinken werden, wenn das der Gegenwart nur Angehörige dieser Kultur hinuntersinken wird in die Vergangenheit, und dem, was innerhalb unserer Zeitkultur aus solchen Tiefen des Menschenwesens hervorgeholt ist, daß es zu dem Ewigen, was aus unserer Zeitenkultur bleiben wird, hinzublüht, hinzugrünt, hinzuwächst als etwas, was Keime in sich trägt für die Zukunft und tragend sein wird für die fortfließende Geisteskultur der Menschheit. Mit alledem, was also in die Zukunft hineinragt als das Ewige in der Gegenwart, mit alledem wollen wir im tiefsten Innern verbunden sein. Und solches klingt uns von Friedrich Lienhard entgegen. Wenn wir uns verbinden mit den wundervollen Natutstimmungen, die so erhebend, so bezaubernd, so erfreuend, so anmutend aus Friedrich Lienhards Dichtungen tönen, dann fühlen wir, wie hinter seinem Schaffen, in seinem Schaffen die Geister der Natur selber wallen und weben. Wir fühlen uns durch das Wort, durch den Gedanken, durch die Empfindungen hindurch zu der schaffenden Natur hingezogen, mit der wir uns auch erkennend durch Geisteswissenschaft verbinden wollen. Und wir fühlen, daß diese Dichtungen hervorgehen aus dem, was den Menschen aus dem Ewigen ergreift, daß sie ausdrücken dieses Ewige in dem Zeitlichen zur Erhebung, zur Erfreuung, zur Erhöhung des Menschenherzens und der Menschenseele. Das macht uns mit aller Dichtung Lienhards intim. Das macht, daß wir uns in sie hineinlesen, in sie hineinhören; das macht, daß wir uns, ich möchte sagen von jeder ersten Zeile an hineinleben und hineinweben, daß wir mit seinem Lebenselement, mit seiner Schaffen uns verbunden fühlen, daß wir zugleich fühlen, wie Lebenskraft der Seele, Lebensluft des Geistes in uns überquillt, wenn wir die Eindrücke seiner Dichtungen auf uns wirken lassen dürfen. Dann wiederum, wenn er aus des Daseins geheimnisvollem Nebel hervorzaubert die Gestalten der Vorzeit in lebendiger Betätigung, in lebendiger Wirksamkeit, dann fühlen wir jenes Sehnen der Menschheit lebendig werden, welches sich darin ausspricht, daß immerzu die menschliche Seele hinwegsehen muß über alles das, was geschichtlich äußerlich verläuft, was sich vor den Augen und Ohren und vor den übrigen Sinnen der Menschheit abspielt und hinaufspielt in das Mythische, das als ein Ewiges erfaßt das Geschichtlich-Zeitliche. Und in diesem wahrhaft Mythischen, in diesem mit dem Ewigen die Menschenherzen verbindenden Elemente fühlen wir die Gestalten, die Friedrich Lienhard aus dem Dunkel und dem doch so lichtvoll Wirkenden der Vorzeit herauszaubert.
Indem Lienhards Dichtung so einerseits erhebt aus dem Sinnlichen in das Geistig-Schöpferische der Natur, aus dem Gegenwärtigen in das Vorzeitliche, fühlt man andererseits in seinen Schöpfungen, wie sie hineintragen in das, was uns aus dem Alltag heraus als diesen Alltag vertiefend ergreifen kann, womit wir im unmittelbaren Alltag als dem Geistig-Lebendigen leben, wie diese Dichtungen uns mit allem Menschlich-Nahen und Menschlich-Hohen verbinden, wie sie Herz und Sinn entwickeln für alles das, was in der Welt mit dem Menschen lebt und webt. Wir dürfen, in seine Dichtungen uns vertiefend, durch deren Zauber mit so vielem die Menschenherzen Bezwingenden, die Menschenherzen Erhebenden in Natur und Geist leben. Und so ist uns Leben mit seinen Dichtungen innigstes Glück, jenes Glück, das Führer ist zu des Menschen wahrer Heimat.
So bitte ich Sie denn, mein lieber Professor Lienhard, nehmen Sie entgegen den Gruß, der da stammen will aus dem treuen Suchen nach Verständnis des Eindruckes Ihres Lebenswerkes, Ihres Lebenswerkes, das so viel Bedeutungsvoll-Ewiges der Zeitenentwickelung der Menschheit einverleibt hat und uns berechtigt, Sie zu grüßen für all das, was wir nun hoffnungsvoll von Ihnen weiter in dieser Erdeninkarnation erwarten. Nehmen Sie diese Worte wie ein Versprechen, das wir nicht aus vorübergehenden Gefühlen, sondern aus tieferem Verständnis Ihres bisherigen Lebenswerkes Ihnen entgegenbringen möchten. Nehmen Sie sie so, daß wir hängen wollen an alledem, wovon wir hoffen dürfen, daß es ferner uns von Ihnen kommt. Nehmen Sie das, was ich ausspreche, als ein Vorausgesprochenes für jeden Gruß, den wir Ihnen entgegenbringen wollen auf Ihrem ferneren Lebenswege. Ein Band soll das, was wir erstreben, mit dem verbinden, was Sie selber erstreben. Ein Band, das uns heilig sein wird, das wir immer so ansehen wollen, daß wir uns beglückt und befriedigt fühlen, den Dichter Friedrich Lienhard in unserer Mitte zu sehen. Jeder der Augenblicke, wo wir Sie in unserer Mitte schen werden, wird uns zur innigen Freude, zur innigen Befriedigung sein.
Das wollte ich, bevor wir unsere Seele nun für eine kurze Zeit Ihrem Werke auch äußerlich wieder eröffnen, Ihnen als einen Festes gruß entgegengebracht haben.
Rezitation durch Marie Steiner aus «Gedichte» von Friedrich Lienhard: Glaube; Morgenwind; Waldgruß; Das schaffende Licht (Texte siehe S. 216), ferner
EINSAMER FELS Mich lockt ein Fels im Golde der Luft,
Hoch und allein.
Um seinen Gipfel ist Heideduft
Und Abendschein.
Ein treues Bienchen läutet im Kraut
Blumenglöckchen ruhig-rein.
Wer von dort in die Lande schaut
Die Welt ist sein! ELFENTANZ Raschelgewänder und seidene Schuh’,
Krone, Korallen und Bänder dazu
Rundaradei!
Rauschen und schleifen wir, singen dabei,
Rauschen und singen wir,
Raschelrock schwingen wir
Rund um den Eschenbaum, rund in den Mai,
Rundaradei, eia, rundaradei! Willst du uns greifen?
Mußt du mit schleifen!
Hast du auch Füßchen so seiden wie wir?
Bist du so biegsam,
Bist du so schmiegsam,
Bist so geschwind und so schwingend wie wir? Die Blättlein am Strauche,
Die drehen im Hauche
Die grasgrünen Röcklein und fimmern dabei!
Und kam aus dem Blauen
Der Nächte ein Tauen,
So tanzt und so funkelt am Morgen der Mai! Trinke das Licht und so tanze dich munter!
Trinke das Licht und dann hügelhinan!
Spritzt dir ein Perlchen vom Frühgras herunter, Denk dir, ein Elfelein springe dich an!
Finken, o sieh doch, wie fliegende Lichter,
Wölkchen, o sieh doch, wie fliegender Schwan,
Überall, überall Sonnengesichter,
Du nur darin als verdunkelter Mann! Willst du uns greifen?
Mußt du mit schleifen!
Hast du auch Füßchen so seiden wie wir?
Bist du so biegsam,
Bist du so schmiegsam,
Bist so geschwind und so schwingend wie wir? Poltert der und holpert der,
Mit dem Holzschuh stolpert der —
Zottelbär! Flink, umschwirrt ihn,
Flirrt, verwirrt ihn!
Sausewind, Kosewind, Neckewind: drein!
Zaus ihn fein,
Zupf ihn fein,
Zaus und zupf und zerrupf ihn fein!
Hei, und so schweben wir luftig und frei!
Drunten du fange nun, fange mich, fange doch,
Zerre die Schleppe mir, küß mir die Wange doch,
Fange mich - fange doch - fange -
Vorbei! SOMMERNACHT Seltsame Nacht! In Ried und Moor,
Wie rauscht und schlürft das dürre Rohr!
Umarmt sich, als ob es lebendig sei,
Und läßt sich seufzend wieder frei. Wie das so süßes Raunen gibt!
Ich hab’ den Nachtwind immer geliebt:
Dem Schilf, den Birken, dem Mondenschein
Haucht er Stimmen und Seelen ein. Viel Geister tanzen, die Welt ist laut,
Es wacht und kichert das kleinste Kraut.
Vom alten Ritterturme lacht
Ein Käuzlein in die verzauberte Nacht... ABENDROT Mir ist nach einer Heimat weh, die keine Erdengrenzen hat,
Ich sehne mich aus Menschennot nach einer ew’gen Himmelsstadt.
Groß glänzt und klar das Abendrot, sanft rauscht der Quell im Wasgenwald
Wie bald verging mein Erdentag, und all mein Tagewerk wie bald! O komm, du weltallweite Nacht, die keine Erdenmaße kennt,
Aus deren Tiefen Stern an Stern auf unser winzig Sternlein brennt!
Nicht müd’ bin ich vom Tagewerk und doch bin ich des Tages satt
Nach deinen Weiten sehn’ ich mich, du unbegrenzte Himmelsstadt! HERBST AUF ODILIENBERG 1. Herbstglocken Durch roten Wald und Glockensang,
Durch eines Herbsttags sprüh’nden Tau
Such’ ich auf bangem Höhengang
Die Hochburg einer heil’gen Frau,
Such’ über Wolken Sonnenschein!
O Nebelgang,
O schroffer Hang,
Ich will ein stolzes Leben lang
Pilger sein! 2. Die blaue Blume Die Erde lächelt als ein Gartenland
Dem Pilger, der die blaue Blume fand. Blüht eine Lilie aus des Hochwalds Blau:
Das lichte Kloster einer heil’gen Frau. Und ob ich suche immer-, immerzu
Die blaue Blume, stiller Berg, bist du! 3. Herbstgang Wie bist du schön! Ein Goldnetz spinnt dich ein,
Ich geh’ verklärt durch einen Märchenhain.
All meine Seele quillt zu Gott empor,
Ein Rauch, der sich im Höhenblau verlor. Bin ich es, der im Laubfall träumend geht,
Da voller Farben diese Erde steht,
Da aus der Eiche, die von Golde blinkt,
Ein lichter Kranz auf den Beglückten sinkt? Odilienberg ist wie der Himmel schön!
In lauter Licht zerfließen Tal und Höhn,
Und Wonne ward mir, was so leidvoll war
Hab’ Dank für alles, du gesegnet Jahr! SONNTAGMORGEN AUF ODILIENBERG Was für ein Lachen und Leuchten heut’ in Wald und schimmernder Aue?
Odilia wandelt über den Berg und segnet die sonnigen Gauel Frühglocken wecken fern und nah aus Wochentag und Sorgen
Es liegt ein wundersamer Glanz auf diesem Sonntagmorgen! Von Otrott und von Heiligenstein, von Klingental und weiter:
Aus Glockentönen steigt empor eine heilige Himmaelsleiter! Und alle die Edlen, die je gelebt im Lande der Alisassen,
Sie sammeln sich in der «Heidenstadt», in unsichtbaren Gassen! Und all das Kelten- und Kriegervolk, das längst dem Herrn bekehrte,
Es drängt sich wie ein Blütenwald um die Eine, die Hochverehrte. O Geistermeer, o Tönemeer, du Leuchten in Wald und Auel
Odilia wandelt über den Berg und segnet die sonnigen Gaue! ST. ODILIA Schutzpatronin des Elsasses Ihr Herz war eine Sonne,
Ihre Augen tot und grau!
Und von der klaren Stirne
Der wunderschönen Frau
Flossen die goldnen Haare
In einer reichen Flut —
O heil’ge Frau von Odilien,
Mach du mich fromm und gut! In einen Bronnen am Berge
Tat sie die weiße Hand
Und wusch sich die blinden Augen
Da sah sie ihr Alsa-Land
In reiner Maienblüte
Vor ihren Augen stehn
O heil’ge Frau von Odilien,
Lehr du mich also sehn! Im Kloster läuten die Glocken,
Im Nebel ertrank die Welt
Doch sieh, hell lammen die Sterne
Vom Sommernachts-Himmelszelt,
Doch sieh, hell leuchtet Straßburg
Herüber zu unsren Höhn
O heil’ge Frau von Odilien,
Elsaß ist wunderschön!
Wir wollen dann verbinden mit demjenigen, was wir aus Friedrich Lienhards Dichtungen hören, einiges von einem Dichter, der uns wie Friedrich Lienhard zeigt, daß gerade deutschestes Wesen aus seiner Selbsterfassung heraus den Weg findet zum Ewigen eines idealen Weltbildes, der uns ebenso zeigt, wie das ganze intime Mitfühlen mit den Schwingungen deutschen Wesens den Blick erweitert zur Allweltlichkeit, zum allweltlichen Anschauen, wie der deutsche Blick nicht einengt, wie er hinausführt auf den großen weiten Plan, wo alles Menschliche zur Geltung kommt und nichts Menschliches mißverstanden wird.
Wilhelm Jordan sei der andere Dichter, von dem wir hören wollen das Stück seiner Nibelungendichtung, gerade, wo er einführen will in eine Stimmung des menschlichen Herzens, wo sich das Herz öffnet aus dem Zeitlichen heraus, um für das Zeitliche Rat zu hören aus dem Ewigen. Wie der deutsche Held Ratschlag nicht nur in der äußeren Welt sucht, sondern auch bei den geistigen Wesen, die durch die Natur und durch das äußere Seelenwesen sprechen. Wie er sein Herz öffnet, der deutsche Held, diesem Ratschlag, um abzuschlagen die Bedrohung, die vom hunnischen Osten herüber dem Aufkeimen der deutschen Kultur kommt. Diese Szene, die so ergreifend zusammenhängt mit innerstem deutschen Fühlen, aber mit Weltkulturfühlen, sei dann in unsere heutige Darbietung eingefügt.
Aus «Die Nibelunge» von Wilhelm Jordan Sigfrid-Sage, 18. Gesang Eben damals sprach zu den Dienern
Des Heiligtumes im Haine zu Holmgart,
Nun siech schon und uralt die Seherin Oda: «Ich gedachte zu rasten vom Runenamte
Die wenige Zeit, die meine Wallfahrt
Auf Erden noch dauert; doch hochbedeutsam
Ist diese Botschaft des Vogts von Berne;
Des edlen Ditrich, der längst schon für Ditmar,
Den altersmüden, die Macht verwaltet.
Seinen wackersten Mann und Waffenmeister,
Hildebranten, den Sohn des Herbrant,
Sandt’ er, zusammen mit Sigfrids Pfleger,
Zur mächtigen Mutter der Menschen und Götter,
Bericht zu geben, sich Rat zu holen
Und leitendes Licht aus dem Fall der Lose... Doch klein ist das Maß der menschlichen Klugheit;
So laßt uns nun beten um Offenbarung
Vom allwissenden Geiste der mächtigen Göttin,
Die alles Geschehen in ihrem Schoß trägt,
Und den Schattenwurf sieht des noch Unerschaffnen.
Allmächtige Mutter der Menschen und Götter,
Noch einmal stärke in dieser Stunde
Den Mund der Müden. Zum letzten Male,
Bevor ich sterbe, will ich besteigen
Den goldenen Stuhl auf der hohlen Stufe
Und, die Stirn umwirbelt von Weihrauchwolken,
Vom enttäuschenden Hauch aus der ewigen Tiefe,
Kühn durchschauen das kommende Schicksal. —
So rede nun, Bote, Ditrich des Berners:
Was erfragt von der Göttin der Gotenführer ?» Da tat seinen Spruch des Heribrant Sprößling: «Was hilft uns zum Heil
Vor den hunnischen Horden?
Was ziemt in der Zukunft
Dem Deutschen als Ziel?» Da die Frage gestellt war, erstieg sie die Leiter
Matt und mühsam. Mit goldenem Messer
Schnitt sie das Reis, kam langsam herunter,
Ritzte mit Runen die glatte Rinde,
Zerteilte den Stab in kleine Stücke,
Und abgewendet, entwarf sie dieselben
Auf dem weißen Teppich... Drauf band sie das Tuch vor,
Aus ungebotener, schwarzer Böcklein
Wolle gewoben, bückte sich, wählte,
Blindlings greifend, ging in die Grotte
Und hieß die Fürsten und Zeugen ihr folgen. Da bestieg sie den Stuhl. Sie reihte die Stäbchen
Auf dem heiligen Tisch vom Holz einer Tanne,
Die der Wetterstrahl einst bis zur Wurzel gespalten,
Und las dann die Losung nach ihrer Lage. Dann saß sie versunken in tiefes Sinnen,
Während der Dampf in dichten Wolken
Das Haupt umhüllte, dem hundert Winter
Die Haare gebleicht zu blendendem Schnee. Jetzt endlich winkt sie. Der Weihrauch verduftet,
Die Augen rollen in heiligem Rausche
Und funkeln feurig, doch nur in die Ferne
Schaun sie verzückt und gewahren die Zukunft.
Und also begann jetzt die göttlich Begabte: «In wogendem Wirrwarr
Erscheinen mir Schatten
Von Fürsten und Völkern
Und künftigem Kampf.
Doch es rücken im Raume
Der suchenden Seele
Jahrtausende täuschend
Zusammen in Sicht. O Ditrich, bedenke
Den Neid in der Nähe!
Sonst wirft ein Verwandter
Dich treulos vom Thron,
Und Sicherheit suchst du
Und Hilfe zur Heimkehr
In bittrer Verbannung
Beim gefürchteten Feind. Welch drohendes Drängen
Von Aufgang und Abend!
Dort hunnische Horden,
Hier Merowigs Macht.
So fristet die Frage
Nach Rechten und Reiche;
Dem Helden gehorchet,
Das hilft auch zum Heil. Hier bindet gebietend
Der heimische Herrscher
Die neidischen Nachbarn
Zum ruhmvollen Reich;
Dort liegen die Leichen,
Dort steigen die Städte,
Das Lechfeld beleuchtet
Die Sonne des Siegs. Seid wehrhaft im Westen,
Erobert im Osten,
Und nehmet im Norden
Die Mark bis ans Meer,
Nur sucht nicht die Buhle
Im Süden der Berge,
Denn Geister und Körper
Vergiftet ihr Kuß. O König, verkennst du
Die sinnvolle Sage
Vom Heile der Zukunft
Durch heimische Zucht?
Des Frostlandes Fruchtbaum
Wird krank und verkrüppelt,
Weil, ihn zu veredeln,
Der Palmzweig nicht paßt. Weh! scharlachrot schäumen
Die Ströme von Strafblut,
Die schwankende Menge
Wird mutlos und schwört.
Da rastet der Rotbart
Im Berge verborgen,
Bis das Rabenpaar weckend
Nach Walhall ihn ruft. Da beten die Stolzen
Und beugen die Stirnen
Wie Büßer zum Staube
Vor dem steigenden Stern.
Was krönt in der Krippe
Zum Sieger den Säugling?
Drei Könige kommen
Und heißen ihn Herrn. O Meister der Milde,
Die wütende, wilde
Und herzlose Hilde
Verbannt dein Gebot;
Ihr Schwert birgt die schwache, —
Nicht wieder erwache —
Zum Rasen der Rache
Der Neid und die Not. Vergangen, vergessen
Sind Götter und Helden,
Unhörbar verhallen
Ihr Lob und ihr Lied.
Der furchtlosen Väter
Bewunderte Weisheit
Wird listig verleumdet
Und schamlos beschimpft. Unfaßliche Fehde
Entleeret die Lande,
Schickt Kinder und Greise
Zum Kampf um ein Grab.
Der Träger der Krone,
Vom Krummstab getroffen,
Dort beugt er sich barfuß
Zum Bußegebet. Doch der Zauberer zittert;
Ihr, Stäbchen, zerstört ihm
Das Bollwerk der Burgen,
Sein Brief ist verbrannt.
Als Morgenrot melden
Des Kinderbaums Kerzen:
Die Frist der Entfremdung
Sei bald nun vorbei. Noch ein Alter voll Unheil,
Voll Zweifel und Zwietracht?
Zu maßloser Mordlust
Sind Brüder entbrannt.
Wie gierige Geier
Entfremden die Franken
Die beste der Burgen
Am rauschenden Rhein. Doch es lodern nicht lange
Die glänzenden Gluten;
Wir stürzen den Stolzen
Vom trotzigen Thron,
Und es büßt in Verbannung
Auf einsamer Insel
Der Zwingherr verzweifelnd
Die Zerrüttung des Reichs. Drum, ob auch der Erde
Mehr Krieger als Kräuter
Zum Weltkampf entwüchsen,
Sei furchtlos, mein Volk.
Voll stolzer Gedanken
Durchdauert unsterblich
Der Deutsche die Stürme
Mit starker Geduld. Einst naht die Genesung,
Wir finden den Führer,
Der Väter entsinnt sich
Zum Siege mein Volk.
Da schlägt es die Schlachten,
Da schmückt sich’s mit Kränzen
Und schmiedet die Krone
Der einigen Kraft.» Die Seherin sprach es; dann sank sie zusammen
Und rang nach Atem, röchelnd und ächzend,
Mit gebrochenem Blick, den Kopf auf der Brust.
Jetzt erhebt sie das Haupt noch einmal wie horchend,
Mit flammenden Augen und fliegendem Haar. «O Sigfrid», ruft sie, «sieh nach der Sonne!
Sie schwindet, sie schwärzt sich: die schwankenden Lichter,
Die den Schatten der Bäume durchschimmern, sie bilden
Nicht Scheibchen wie sonst, nein, scharfe Sicheln.
Es jammern die Unken, es jauchzt der Uhu,
Daß der Mittag zur Nacht wird; der mordende Marder
Beschleicht und fängt sich die schläfrigen Vögel
So sehr dich dürstet, du darfst nicht trinken:
Denn hinter dir... Hilfe! — warte noch, Hela!
O weh - getroffen - die Welt geht in Trümmer
Entsetzlicher Schrei - schreckliche Nacht.» Die Sprache verging ihr. Sie sprang in die Höhe,
Wie, den Pfeil im Herzen, der Hirsch in die Luft springt
Stürzte zu Boden und war gestorben. Als, aufs tiefste bewegt von der Seherin Worten
Und erschüttert, betäubt von den Schauern des Todes,
Odas Reste die andern umringten,
Da verschwand unbemerkt von der Schwelle der Grotte
Und gewann das Weite Sibich, der Welsche.